Nr. 236 y Zweites
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»Anzeiger" Bttrmal wöchentlich beiqclegt, das „Kerirdlatt für 4« Kitts Sietzen" zweimal wöchentlich. Die ^«idvittschaflllchen 3ett- sra-en" erscheinen monatlich zweimal.
Rlaü J64- Jahrgang
General-Anzeiger für Gberhefsen
Donnerstag, 8. Gttober *9*4
Rotationsdruck und Verlag der Brübl'Icheo
UmversitälS - Buch- und Steindruckerei.
R. Lauge, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul, stratze 7. Expedition und Verlag: Redaktiom^KIlL. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
vor den Dardanellen.
Die Meldung, wonach die Mächte des Dreiverbandes Kn die Türkei ein Ultimatum zwecks Freigabe der Dardanellen gerichtet haben, bestätigt sich nicht, und es hat den Anschein, als ob es sich bei dieser oayS den Krejisen deiv englischen Botschaft in Rom stammenden Nachricht um ein Manöver zwecks Einschüchterung der Türkei handele. Uber es ist ein Versuch mit untauglichen Mitteln ccm untauglichen Objekt. Die Vorre hat die Dardanellen, welche die (Si> druchs.chforte" in das türkische Reich darstellen, den Kriegs- schiften des Dreiverbandes verschlossen und wird sie ihnen weder auf gütliches Zureden noch auf Drohungen öffnen. Gin gewaltsamer Versuch aber würde der englischen und ftanzösischen Flotte eine sehr unliebsame Bekanntschaft nicht nur mit den türkischen Geschützen, welche die Dardanellen sichern, sondern auch mit den neuen, sehr zuverlässigen Seeminen vermitteln, mit denen die Dardanellen gepflastert sind. Ein entsprechender Versuch der russischen Flotte vom Schwarzen Meere aus kommt gar nicht in Frc^e, da die russische Schwarzetneerflotte viel mehr Anlah hat, vor der verstärkten türftschen Flotte ans der Hat zu sein.
Die Entwickelung der Dinge auf dem Balkan, die durch den srauzösisch-englisch-russilchen Vorstoß gegen die Dardanellen gekem^eickptet wird, läßt immer deutlicher erkennen, welches das Endziel der russischen Politik ist. wie es der Panslcrvist Professor v. Mitra- noff unmittelbar vor Ausbruch des Krieges gekennzetcl-net hat: „Es ist den Ruflen jetzt klar geworden, wenn alles so verbleibt, wie es jetzt ist, geht der Weg nach Konst antinopcl durch Berlin." Frankreich und England aber, welche einst den Krimkrieg geführt haben, um zu verhindern, daß der Zar das griechische Kreuz auf der Hagia Sophia auspflanze, leisten jetzt den moskowitisckien Eroberungsträumen willige Dienste. So ändern sich die Zeiten. Lord Chatam konnte einst erklären, daß er mit niemandem diskutiere, der nicht einsehe, daß die Erhaltung der Türkei eilte Lebensfrage für England ist. Ms Napoleon I. mit dem Zaren Alexander I. über die Teilung der Welt verhandelte, ivobci er für Rußland „nur" Bessarabien, die Moldau, die Walachei, Bulgarien und Konstantinopcl als den „Schlüssel seines Hauses" verlangte, ries der französische Herrscher aus: „Koustantinopel russisch — niemals! Das wäre die Herrschaft der Welt!" Und noch der französische Staatsmann! Thiers, der Organisator der jetzigen Republik, erklärte: „Setzt der russische Koloß erst einen Fuß auf den Belt, den anderen auf das Aegäische Meer, dann ist es vorbei mit der Selbständigkeit Europas, und die Freiheit kann nach Amerika auswandcru." Heute steht des großen Thiers kleiner Nachfolger, Herr Poincars, nnd König Georg, der Testamentsvollstrecker Eduards VII., im Dieuste des russischen Welt- hcrrschaftstrmMies.
„Nur ein Traum, flüchtiger Schaum". Denn die Wackt an den Dardanellen hÄt heute, uutersbützt von Deutschland, dte wbedererlvachte Tiirkei, welche sich bewußt ist, daß das Osmanentum vor seiner Entscheidungsstunde steht, daß es den letzten Versuch gflt, die verlorene Großmachtstellung wiederzugewinnen. Jeder Osmane weih aber heute, daß das Schicksal der Türkei sich in dem von den Engländern „vor- übcrgehend besetzten" Aegypten entscheiden wird. Im Januar 1853 bot Zar Nikolaus I. den Engländern Aegypten an, wenn sie Rußland gestatteten, Kvnstansinopel und Umgegend zunächst „in Verwahrung zu nehmen". Die Engländer haben unterdessen Aegypten in Verwahrung genommen, doch sie werden jetzt kaum Gelegenheit haben, den Russen vor Kvnstansinopel den entsprechenden Liebesdienst zu leisten, denn sie müssen in Aegypten, das sich in Hellem Aufruhr befindet, während ein starkes türftsches Heer bei Gaza zum Einmarsch bereitsteht, sich ihrer eigenen Haut wehren. Die ägyptische Frage ist aber für das Britenreich untrennbaü von der indischen, denn der Suezkanal bildet den Vev-
vindungsweg mit Indien, wohin sich die mohammedanische Bewegung bereits sorbgepflanzt hat. Wenn die englische Regierung jetzt die Ghurkas den Franzosen zu Hilfe schickt, so hat das nicht zuletzt die Bedeutung, daß turnt in Indien! den mohanrmedanischen Truppen nicht mehr traut, besonders seit der Emir von Afghanistan, der über das ebenfalls in Aufruhr befindliche Persien hinweg wieder enge Beziehungen zur Türkei a »geknüpft hat, über den Kachcr-Paß nach Peschawar, dem Schlüssel Indiens, eingerückt ist, um den dortigen Mohammedanern die Hand zu reichen.
So sieht man, wie sich vom Balkan aus der Moham- medanismus auch in Afrika und Asien gegen England erhebt. Gleichzeitig sinken die Aftien des Dretverbandes aus dem gesamten Balkan, denn ebenso wie Bulgarien sich mit der Türkei zu einem Schutz- und Trutzbündnis gegen das Moskowitertum verbündet hat, ist man jetzt endlich auch inRumänienzuder Erkennsiris gelangt, daß die russische Herrschaft über Kvnstansinopel, über die Dardanellen das Ende aller unabhängigen Balkanstaaten bedeuten würde. Darin liegt di« weittragende, entscheidende Bedeutung der Ding«, die sich zum Teil noch unter dem Schleier des dtplv- manschen Geheimnisses vor den Dardanellen und hinter den Kulissen abspielen.
Berlin, 6. Oft. (WTB. Nichtamtlich.) Die türkischen Blätter verösienllichen eine halbamtliche Auslassung, in der die Meldung des ägyptisckzen, in englischem Solde stehenden Blattes „M Mokattam", daß der K h c d i v e eine Vergnügungsreise unternehmen werde, entschieden dementiert wird. In der Auslassung heißt cs u. a.: Obwohl die hiesige englische Botschaft dem Khe- divcn erklärte, es wäre an gezeigt, daß er Konstantinopcl verließ« und eirre Vergnügungsreise im Mittelmeer unternehme, habe der Kl>edive dieses mil dem Bemerken verweigert, daß er, solange er nicht nach Acgt,pten abreiic, es vorziche, in Konstante nopel, dem Sitze des Kalifats, zu bleiben. Wie bekannt ist, widersetzt sich England der Rückkehr des Khediven nach Aegvptcn.
Aus dem Tagebnüi eines Heldarztes.
Kämpfe um Antwerpen.
Hetite war Angrifs auf der ganzen Linie. Nun geht es mit Mackst aus Antwerpen, das letzte Bollwerk Belgiens, das uns noch widersteht. Für mich war der Tag ziemlich anstrengend. Um 11 Uhr vormittags ivurde nämlich die Kompagnie vorgczogrn nnd ich durch einen Radfahrer ptr Division geholt, Ivo mir der Chef den Befehl überntütellc: .Leichtverwundeiensamme!Play wird von der Sanitätsbrigadc am Nordcwsgang von A. eingerichtet." Zur Kompagnie znrückgetrabt, nehme ich mir rasch vier Leute mit, die mich aus Rädern begleüen, und mm geht es den einsamen Weg entlang. Ich war gespannt aus A., denn dort >oar wie in Löwen ein hinterlistiger Uebersall auf unsere Truppen erfolgt, und auch da hatte ein strenges Gericht gewaltet. Die Stadt liegt in dem reickten und anmutigen belgischen Gelände sehr hübsch. Aber von dem Aussehen des Innern kamt sich der, der es nicht gesehen hat, unmöglich eine Vorstellung machen. In einem Gemisch von tzaus- rat und Unrat, von «cherben, Fett und Jauche, von Kleidungsstücken, verwesendem Vieh, Konservenbüchsen, von Wagen- und Fahrradtrümmern, kurz in einem ungeheuerlichen Chaos von Sckzutt und Schmutz mußten wir herumwaten, um einen Ott für den Sammelplatz zu finden. A ist rusgestorben. Man sieht jetzt keine Menschcnseele mehr hier, nur leere Sttaßen mit teils verbrannten, teils ausgebrannten nnd ausgeräumten Häusern. Als ich gestern ankam, befand sich außer in dem In validen lstms in der Mitte der Stadt auch kein einziger Soldat in A. Wie grausig ist es, so Äs einziger Mensch — meine Leute waren im Jnvalidenhaus — durch einen einst blühenden Ott, eine reiche Stätte des Lebens, zn gehen, wo das Echo jedes Schrittes laut durch die namenlose Sttlle hallt. Aus den Fenstern knallt cs jetzt nicht mehr, obwohl sie einen ungestraft und unerwischt niederschicßen könnten wie einen Hund. Sie lstibrn augenscheinlich eine entsetzliche Angst bekommen, nachdem ein strenges Gericht über sie ergangen ist.
Das Kloster richttte ich zum Leickstverwnndttensammelvlatz ein. Ader wie sieht es Mts' Ei y großer schöner Bau mil Schulstuben find Lehrmitteln, mit Klosterkirche, Refektorium ustv. Tie Außentorc sind jetzt ein geschlagen, in den Gängen des Unterstockes liegt schmutziges Stroh: Äles ist grauenhaft vcrwüsttt. verwesend^ Schlachtvieh liegt umher, und ein scheußlicher Geruch »erpesttt die Räume. Glücklicherweise kmntes nicht zur Einrichtung des Sammel
platzes, sondern ich erhielt durch einen Radfahrer den Befehl, mit meinen Lewen der Kompagnie, die aut einer Haupt chaussee vorgerückt sei, zu folgen. Ich fand die Kompagnie an der genannten! großen Fahrstraße, wv sie ins Quattirr grng. Das Wasstt loar leider selbst nicht zum Waschen zu benutzen, und während des Schlafes war man in der Gefahr, von Flöhen aufgefressen zu lvcrden.
Am andern Tage fuhr ich vor- und nachmittags aus dem Rode zu unfern neuen Stellungen. Hettgott, wie liegt das alles schön! Die Antwerpener Landschaft hat einen großartigen Zauber, sie ist reis und srnchtbar. Sic ttägt bereits den Charakter der holländischen Gegenden, die ich so sehr liebe. Das Dorf, in dem unsere Artillerie aujgesahrcn ist, bittet sich als ein reizendes Oettchen aus einem Hügej dar, inmitten von Strauchwerk und Bäumen. Ganz oben liegen Kirche und Psatthans. Der geistliche Herr muß hier ein behagliches Wohnen gehabt haben: dü Bibliothek, Speisciaal. Zimmereia- ttchdmg zeugen von WolLhabenheit. Ich stieg zum Boden hinauf, um von hier eine gute Aussicht zu lioben. Das Bild, das sich uun den Blicken darbst, kamt eigentlich nur ein Dichter beschreiben: unter mir die breite, fruchtbare, leicht hügelige Ebene mit ihren anmuttgeii Baumgruppcn, weithin sich dehnend. Doch hinten tun Horizont! Der schwere massive Türm da drüben ist der von Mecheln, und Mecheln brennt. Mäckttig geballte weiße Rauchwolken liegen darüber: etwas näher rrcktts davon ist schon ein Fott von Antwerpen, aus dem ebenfalls düsttte Branh- wolken emvorstcigcn: Wetter rechts ein anderes Fott. Aus einem lloüerartigen, massiven Bau des Torfes, mis dem Fabneu, natürlich belgische, wehen, sieht man mit dem Glas von dort her ein» hohe flackernde rote Fcucrsäulc aussteigrn; scltzvere Rauchschtoaden, schon filr das bloße Auge sichtbar, wälzen sich tote Traucrschleicr über die Gegend! dahinter toeiße Rauchwolken hoch üt der Lust. Unsere langen Geschütze beschießen die Zufahrtsstraßen von Antwerpen zu den Forts, der ganze Horizont raucht.
Und ganz, ganz hinten, ein hoher spitzer Ktrckzturm, mir dem Prismenglas deutlich erkennbar — Antwerpen.
Man kann sich nicht losrttßen von dem sessclnden Bild, dessen Bctrachtimg nicht ganz harmlos und ungefährlich ist, weil di« Belgier Miene machen, sich auf Pfarrhaus und Ktrchturm emzu- schließen. Auf dem Turm neben mir sitzt nämlich ein Attillerie- teutnant mit dein Scherenfernrohr, Das einzig hörbare kberausch ist das metallische Krachen unserer Attillette. Nur der Fesselballon mit seinem nervenstatten Zielbeobachter schwebt an utt- sichtbarem Seil über dem Tal, Die beneideuslvctten Attillcrie- hauptleute des Stabes müssen eine unvergeßliche Aussicht baden.
Ich reiße mich von dem wunderbaren Bilde los und ras« hinunter zur Stellung unserer schweren Artillttie, „Pauk!" ertönt es immer lauter, schlagsettiger, krachender, i» der Nähe vergleichbar einem wuchtigen Schlag in einen hohlen Esieirtopf. „Donner" ist für den Ton unserer großen Geschütze zu wenig bestimmt, zu lang hinhallcnd, kein guter Vergleich „Stirn" ist völlig uncharakteristisch. Das Geschütz „donttett" nicht, ei schmettert eher. In der Ferne mag es dann ja mehr nach Donner lltugcn. Jetzt bin ich heran. Auf einer Letter sitzt ein Leutnant: cs ist die lange, freistehende Feuerwehrleiter au» Brüssel, die aufge- kurbelt hier zur Zielbeobachttmg dient.
i'lbcnd-s katn ich müde nach Hause. Nach einer halben Stunde Ruhe plötzlich ein Rusen, ein Laufen, ein Rennen aus der Straße. Nnd sttzt kam es im Mondschein herangewälzt als Krönung des Tages, Mühselig knaUentde Lastautos, mix Riesenrädern die breite Chaussee durchfurchend, an jeden angckopvcll cin schwerer Eiscnlastwagcn, beladen mit unwahrsäzeinüch riesigen Massen. So wälzt sich ein Doppelwagen nach dein andern mühselig bcran, mts jedem Teile eines riesigen Wesens. Zu beiden Seiten Jnfantettc, und das Feldheer der durchfahrenden Dörfer steht stumm Spalier und blickt — freudestrahlend und stolz am den Sieger von Lüttich, von Namur, aus unfern Wundermörstt. Keiner zweifelt, daß er es auch hier schassen wird!
Aus dem Reiche.
Berlin, 7, Oktober. (W. B. Nichtamtlich.) Staatssekretär Kralle feiert heute sein bOjähriges Dienstjubiläum. Aus seiner Beamtenlausbahn sind eine mehrmonatige Reise nach Amerika, die er im Jahre 1879 zum Studium der dortigen Post- Verhältnisse sp nternahm, seine dreijähttgc Tätigkeit als Landeshauptmann in Ncu-Guinea und seine wiederholte Tätigkeit im Auslande, besonders in Rußland und Aegypten, wo er wichtige postalische Verttäge vorbereitete, hervorzuheben. Während der
Aus neuen Briefen Heinrich von Kleists.
In dieser Zeit, da sich Größe und Glanz des Vaterlandes Wer alles erheben, spricht die Stimme des großen Preußendichters Heinrich von Kleist lebendig zu uns als die eines Wiederauferstandenen, der sich an der Einheit und Kraft der Deutschen fteut, die in den Befreiungskriegen mitzuerleben ein tragisches Schicksal ihm versagte. Seine Dramen „Die Hermannsschlacht", „Der Prinz von Homburg"', werfen zündende Funken der Begeisterung in die Herzen, und sein leidenschaftlicher Aufruf zum Haß gegen den Erbfeind findet statten Widerhall. Da muß uns jede neue Kunde von dem Lebenskampf und heldenhaften Erliagen dieses einzigartigen -Menschen besonders willkommen sein, und deshalb greifen uns die neuen Briese, die der bekannte Kleist-Forscher Prof, GeorgMinde-Pouetin der Deutschen Rundschau veröffentlicht, mit neuer Gewalt an di« Seele,
Fünf dieser Schreiben sind an den Freiherrn von Alten- stein gettchtet und geben uns zum ersten Male sicheren Aufschluß über die amtliche Tätigkeit, die Kleist 1805 in Königsberg antrat. Der Dichter, der sich, wie er sclpreibt, „im Do- mäncnsach ein wenig umgesehen, auch im Fach der Gewerkssachen", empfängt ,chie nötige kamerttlissische Ausbildung^, aber sein von den Msionen seiner Phantasie erfüllter, ja geplagter Geist hält es im Bureau nicht aus, und während er körperliche Beschtzverden immer wieder betont, drängt es ihn zu glühenden Bekenntnissen seines Wesens cm den ihm wohlwollenden hohen Beamten, „Ich habe diesen ganzen Herbst wieder gekränkelt," schreibt er im .Herbst 1805 an Wtenstein. „Ewige Beschwerden im Unterleib«, die mein brownischer Arzt wohl dämpfen, aber nicht überwinden kann. Diese wunderbare Verknüpsung eines Geistes mil einem Konvolut von Gedärmen und Eingeweiden. Es ist, als ob ich von der Uhr abhängig wäre, die ich in meiner Tasche trage. Nutz, die Welt ist groß, man kann sich dattin wohl vergessen. Es gibt eine gute Arznei, sie heißt Versenkung, grundlose, in Beschäfsigung und Wissenschaft, Wer nur erst die ganze Schule, aber nichl ohne etwas getan zu haben, durckgegangen wäre. Denn es ist doch nicht, um etwc^s zu erwßrbef.s. daß wir hier leben: Ruhm und alle Güter der Welt, sie bleiben ja bei unserm Staube." Bereits am 30. Juni 1803 muß er in einem ergreiseuden Bcteje bitten, ihn von seinem Amt zu dispenjiereni
„Es ist mit der innigsten Betrübniß, und nach einem Kampf voll unsäglicher Schmttzen, daß ich die Feder ergreife, um Sic z-u kitten. Verehrungswürdigster! mich von der Verpfllchtung, die mir obliegt, alle Ihre gütigen Schtttte sür mich durch Weihung meiner Kräfte sür den Dienst des Staats zu rechtsettigen — eine Verpflichtung, die nicht heiliger, als in meiner Brust empfunden wttde» kann, — wieder loszusprechcn. Ein Gram, über den ich nicht Meister zu werden vermag, zcrrütttt meine Gesundheit. Ich sitze, wie an einem Abgrund, mein edelmüsiger Freund, das Gemüth immer statt über die Tiefe geneigt, in welcher die Hoffnung meines Lebens uMergegangen ist: jetzt wie be- stügclt von der Begierde, sic bei den Locken noch heraufzuziehen, jetzt niedttgeschlagcn von dem Geiühl unüberwindlichen Unvermögens. — Erlassen Sie mir, mich deutlicher darüber zu er- llären. Stünd' ich vor Ihren Augen, so würd' ich Smache finden. Ihnen deutlicher zu sein. Ihnen! Obschon ich es Niemandem in der Welt bin — Vergebens habe ich mich bemüht, mich aus diesem unglücklichen Zustand, der die gmize Wiederholung eines siühcrcn iii, den ich schon einmal in Frankreich erlebte, cmporzuarbeiken. Es ist, als ob das, was auf mich einwirft, in eben dem Maße wächst Äs mein Widerstand: wie die GewÄt des Windes in dem Maaße, als die Pflanzen, die sich ihm entgegensetzten."
Ms er zunächst einen Urlaub bewilligt erhält, dankt er überschivä»glich, aber seine traurigen Phcrnttrsien überwäl- tigen ihn bald wieder:
„Ach, was ist dies für eine Welt ! Wie kann ein edles Wesen, ein denkendes und empfindendes, wie der Mensch, hier glücklich sein! Wie kann er es nur wollen, hitt, wo Alles unt dem Tode endigt! Wir begegnen uns, drei Frühlinge lieben wir uns, und eine Ewigkeit fliehen wir wieder mtseinauder! Und was ist des Sttcbcns wetth, wenn es die Liebe nicht ist! O es muß noch etwas Anderes geben, als Liebe, Ruhm, Glück u. x, y, z, wovon unsere Seelen nichts ttäumen. Nur darum ist dieses Gewimmel von Erschttnungen angeordntt, damit der Mensch an keiner haiie. Es kann kein böstt Geist sein, der an der Spitze der Welt steht? es ist ein bloß unbegrisscntt! Lächeln wir nicht auch, wenn die Kindtt weinen? Denken Sie nur, diese uncichliche Fottdaum! Millionen von Zeittäumcn, jedweder ein Leben, und für jedweden ein« Erscheinung, wie diese Welt! Wie doch der ganze Stern heißen mag, den man auf dem Syrius, wenn der Himmel llar ist, sieht? Und dieses ganz ungeheure Firmament, das die Phantasie nicht ermessen kann, nur ein Stäubchen gegen den unendlichen Raum! O mein edler Freund, ist dies ein Traum? Zwischen je zwei Lindenblättern, Abends, wenn wir auf dem Rücken liegen, eine Aussicht, an Ahndungen reichtt. Äs Gedanken fassen, und Wotte sagen können!"
Noch bedeutsamer als die Briese an Wtenstein sind di« au Kleists Cousine Marie von Keisy tuet# es feilte ersten
auf uns gekommenen Ottginalbttefe an sie siiib und weil sie das vielbesprochene Gerücht zerstöven, als ob der Dichter diese gütige Freundin leidenschaftlich gesiebt habe. Wie ein Borllang' der großen Zeit, die Kleist nicht mehr erleben durfte, liest sich die Schilderung eines Besuches bei Gneise n a u:
„Bor einigen Tagen war ich noch bei Gneisenau und überreichte ihm, nach Ihrem Rath, ein Paar Aufsätze, die ich aus- gearbeittt hatte. Wirllich, es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit Alles, was ich unternehme, zu Grunde geht: wie sich mir immer, wenn ich mich einmÄ entschließen kann, einen festen Schtttt zu Mn, dtt Boden uuttt meinen Füßen entzieht, Gnet- scnau ist cin hertticher Mann; ich fand ihn Abends, da er sickl eben zu einer Abreise anschickte, und war, in einer ganz freieik Entfaltung des Gesprächs nach Älen Richtungen hin, wohl bis gegen 10 Uhr bei ihm. Ich bin gewiß, daß wenn ex den Platz fände, für den n sich geschaffen und bestimmt fühlt, ich, irgendwo in seiner Umttngung, den meinigen gefunden haben ivürde. Wie glücklich würde mich dies, in dtt Sttmmtmg, in der ich jetzt bin, gemacht haben! Denn es ist eine Lust, bei einem tüchtigen Manu« zu sein; Kräfte, die in dtt Welt nirgends mehr an ihrem Ott« sind, wachen, in solcher Nähe und unttt solchem Schutze, wiedtt zu einem neuen fteudigen Leben auf."
— Bon den Nürnberger Bühnen. Aus Nürnberg wird uns geschtteben: Die Eröffnung des umgcbauten und unttt neutt Direstion stehenden Intimen Theaters in Nürn- bttg zog ein zahlreiches Publikum an. I u l i u s F. I a n s o n, dtt neue Direttor, stellte sich mtt seinem Personal in der „Minna von Barnhelm" vor, dtten fttsche Aufführung zu dtt Hoffnung bttechtigt, es könnte vielleicht diese Bühne dem in Nürnbttg brachliegenden modernen Schauspiel eine Stütze gegeben sein. — Ein merkwürdiger Streit ist am S t a d t t h c a t e r ausgebrochen. An diesem wirft nn sehr tüchngcr, llugtt und becm Publikum sehr beliebter Charakterkomiktt. Er stammt von deutschen Ellern aus Riga, ist seit ssintt Jugend in Deutichland, und seine bayerische Naturalisation in im Gange. Aber Iva» tut s, ex ist doch russischer Staatsangehörigtt und das Volk dtt Komödianten weigett sich zu spielcu, falls A l f r e d L ä u t h n e r nn Auftrtten gestatten wird. Ja sic alle, die bedenftich am Hungcttuch nagen, da die GehÄttt auf cin äußerstes Mnimum liatten reduzittt wtt- den müssen, ttllären sich zu eintt wettern Reduktion bereit, falls sich durch eine Ersatzftast tthöhte Kosten ttgeben würden.
Dr. I.


