Nr. 226
Zweiter Blatt
164- Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „»lehener Lamiliendlätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da; „Xrekblatt für den llreir Sietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeitfragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Samstag. 26. September 1914
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität; - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Drurkerei: Schul» straße 7, Expedition und Verlag: bi.
Redaktion:eE112. Teh-Adr.: AnzeigerGießen.
Die Spannung am Borporur.
Nach den letzten Meldungen ans Konstantinopel bat die Pforte die Minensperre am Bosporus außerordentlich verstärkt, nactcheni das russische Stationärschiff vor der Soimnerresidenz ^>es zarisckzen Botschafters, das letzte der fremdländischen Stationäre, endlich seinen Posten verlassen hatte. Es war iin besten oder vielmehr schlimmsten Sinuc ein BeobachtungSposten forvvhl nach dein S.chtvarzen Ädeere nne nach dem oberen Bosporus hin, und es hat vermittelst seiner Funkentclegraphie alles, was da zu beobachten war, nach Sewchtopol hinüber gefunkt. Den Türken war dies natürlich überaus lästig, und sie bohkottierten das Sta- tionsfclstff, um es fortzuärgern: niemand durfte ihm noch etwas liefern. Und nachts nmrde es derart in das Licht der türkischen .Scheinwerfer gebadet, daß ihm diese Lage allmählich zrnerträglich wurde. Nun ist es hinaus ins Schwarze Meer gefahren, und die Türken haben sich beeilt, ,u beiden Seite» des Bosporus eine Ddinen- und Geschützkette einzurichten, an der jede feindliche Annäherung zerschellen soll. Sie wissen nur zu gut warum.
Wie der Feuerfuuke darauf sinnt, sich zu eirtfesselu, so beschäftigt die russische Strategie und Diplomatie dort nur noch der eine Gedanke und der «ine Wunsch, das Gefängnis Xs Schwarzen Meeres zu sprengen. Nach den, Kleinkrieg »alten die siegreichen Westmächte den Russen die Haltung fiuer KrieLSniarine im Schwarzen Meere verboten und yie Dardauellendnrchfahrt untersagt, wobei der Sultan als Htzbietsherr mit der Kontrolle betraut wurde. Die deutschen Lriegserfolge von 1870 benutzte Rußland schlau, um jenen xiolicheu Schwarzmeervertrag zu durchlöchern. Es setzte n London durch im Schwarzen Meere wieder eine starke Kriegsmarine bilden zu dürfen. Nur die Klausel des alten pariser Vertrages blieb in Kraft, wonach weder russische roch fremde Kriegsschiffe die Dardanellen ohne türkische Lrlaubnis passieren dürfen Vergeblich suchten seitdem die Küssen frei Passage zu gewinnen. Sie scheiterten damit nmrer au Englands Widerspruch. Und heute?
Heute wäre natürlich den Engländern nichts lieber, als «ajj die Russen durch die Dardanellen kamen und sich den nAisch-ifraiizösischen Operationen im Mittelländischen läeere anschlossen. Wie das alles abgekartet und vorbereitet Mt und nur der Krieg zu früh ouÄrach, wird jetzt immer -eutlicher. Roch iin Mai dieses Jahres brachte der russische Karrnenrcnister in der Reichsdtuna eine Geheim vor» age ein» die das nette Sümmchen von 200 Millionen kübeln für die Schwarzmeerflotte verlangte. Schon der letzte ussrsche Marrncvoranschlag sah ordentliche Ausgaben im letrage von 250387 540 Möbeln vor, was gegen das vor- ergehende Jahr eine Mehrausgabe von rund 23 Millionen kübeln bedeutete; die Hälfte jener Mehrausgabe wurde ir die Fortsetzung des tschiffsvaues der Schwarzmecr-- wtte bestimmt. Der russische Plan ist nun folgender: Im ühwarzen Meere fch wiiiuu eii zurzeit fünf russisch« Linien- lstffe. Es sind gerade keine Dreadnoughts, aber doch ziem- ch kriegstüchtige Kästen. Sie sollen um jeden Preis um rei Linienschiffe, richtige Dreadnoughts verstärkt werden, ins der Werft englischer Firmen in Nikolajew am schwarzen Meere liegen .^tzmperatriza-Maria", ,^ftnpe narr Alexander III." und „Jekaterina II ". Die Kiellegung icser drei Schiffe erfolgte am 30. Oktober 1811; sie sind 2500 Tonnen groß und sollen 12 Geschütze niit 30,5 Zenti- reter-Mäliber tragen. Es arbeiten an diesen Schiffen zwei öersten, von denen die eine in die Hände von Iwanow und iunge unter Leitung der e n g l i s ch e n Firma John Brown j egaugen ist, während die andere von der englischen “ irma Vickers geleitet wird, was lange Zeit nicht zugegeben mrde. Den Zweck der genannten Geheimvorlage hat der hef des russischen Marinegeneralstabes Fürst Lieven vor I jnger Zeit unvorsichtigerweise verraten: Erfüllen der Histörchen Aufgabe der Erreichung einer freien Verbindung tuschen dem Schwarzen und dem Mittelländischen Meere, orüber die Mächte an der Nord- und Ostsee entscheiden ürden! Befähigung, in dem Kampf um die Hegemonie forschen England und Deutschland den Ausschlag zu geben! lso es war alles, alles abgekartet. Soll nun der fein en<-
gefädelte Plan jetzt ausgesührt iverden? Will man daran gehen, das Dardancllcnlor auszubrechen? Die Pforte kann mir ihrem jetzigen Schissszustand, wem, es auch für sie zum Kriege kominen sollte, der russischen Schwarzinccrflolle und insbesondere de» verbündeten Mächten vom Aegäischcn Meere her wohl nicht die Spitze bieten, Aber sie hat ja ihre Minen- taklik, ausgeprobt im türkisch italienischen Kriege und in den Balkankriegcn. Auch ohne Kriegserklärungen hat der Sulla» schon heule zweifellos das Reckst, die Meerengen zu sperren und zwar bei der drohenden Gefahr „effektiv" unter Aufbietung der denkbar stärksten Minentechnik, Die Türeki ist dabei nur verpflichtet, sich an das Mincnabkommen der letzten Haager Konferenz zu halten, also keine unverankerten Kontaktminen usw. zu legen. Die kann diese Minentechnik durch außerordentliche Küstenbefestigungen unterstützen, ohne durch diese Mobilmachung jemanden zu bedrohen. Sollte dies aber als „Kriegsgrund" gelten, ift'S der Pforte wohl auch recht.
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Ein Gießencr von der Besatzung der „Goeben"
hat an seine Eltern in Gießen einen Brief aus Konstantrnopel vom 1. 9.14 geschrieben, der treffend Zeugnis gibt von dem Geiste, der unsere „Blauen" beherrscht. Ei» Volk, dessen Wehr aus solchem Holze geschnitzt ist, kann nicht untergehen. Der Briefschreiber ist der Matrose Georg Keil, Sohn des Schornstcinsegernieisters Keil. Er trat 1811 in die Marine ein und befindet sich seit zwei Jahren aus der „Goeben", mit der er zu Beginn des Baltankrieges nach dem Mittelmeer dampfte. Nach der Beschießung einiger befestigter Plätze an der Algerischen Küste dampften „Goeben" und „Breslau" noch Messina, von wo aus die Schiffe durch geschickte Führung die hohe See gewannen und der Verfolgung durch die feindliche Flotte entschlüpften. Der Brief laictet;
Liebe Eltern und Käthe!.....Wie Ihr ja gelesen
habt, ist „Goeben" und „Breslau" an die Türkei verkauft, trotz allem Lamento von den Engländern und Franzosen. Die Franzosen schrieben in der Gazette und im Echo oe Paris: „Für die „Goeben" und „Breslau" gchts nur einen Platz und der ist im Mittelmeer ans dem Grunde des Meeres, eine Besatzung, die wehrlose Häfen beschießt (und dabei sind Böne und Philippeville die stärksten befestigten Häfen Algiers), verdienen irichts besseres." Hier, wo man Zeitungen aller Nationen hat, muß man lachen un5 fühlt Mitleid mit den Leuten, die vollständig im Wahn gehakten werden, die „Grande Aruree" Frankreichs ging siegreich vor und die Russen spielten im Cafe Bauer Billard: Aber, Gott sei Dank, haben sie mit schrecklicher Nüchternheit die Augen geöffnet bekommen durch unsere deutschen Zeitungen und Depeschen der Heeresleitung. Wir liegen zurzeit tatenlos und doch wieder nicht ruhig da, na, darüber kann ich erst später schreiben, da unsere Post cibqefangen werden kann. Vorerst bin ich ein ruhiger Türke, aber unsere Klauen sind noch nicht abgestumpft, und die Maulhelden lernen noch den Schrecken des Mittelmeers kennen; mehr als chnen lieb sein durste. Heute hatten wir einen erbaulichen Gottesdienst an Bord, vom Botschastspre- diger Graf Lüttichau gehalten, und jeder ging gefestigt und gewappnet für die Zukunft vom Mitteweck, innerlich den Tag von Sedan im Herzen und die Greueltaten Belgiens vor Augen, trotzdem der Pfarrer keins von beiden erwähnte; aber er führte uns als Beispiel das israelitische Volk vor Augen, und mit welchen Waffen es seinen Glauben erhalten hat: durch das Gottvertrauen. Für uns fft es schon viel »s lange, wo wir hier warten und Türken ausbilden und Türken werden, aber unsere Offiziere sagen : Wir nützen jetzt politisch dem Vaterlande mehr als im Felde. Die Engländer machten der Türkei den Vorschlag, sie könnten die Schiffe ruhig behalten, nur sollten sie die Besatzung aus einen Dampfer vor die Dardanellen senden (damit sie uns absänfen könnten, wie den Hilfskreuzer „Kaiser Karl der Große" vor Rio d'Oro), sie würden dafür die bei ihnen bestellten Schiffe sofort liefern. Aber auch der Türke hat seine Erfahrungen mit dem Gesindel gemacht, das sich vor nichts scheut. Nun, also, jetzt gehts mir noch gut und Euch auch, und Kopf hoch, keine Gedanken um mich gemacht, jetzt kommt zuerst das Vaterland und dann erst ich; ich. kann auch nicht den ganzen Tag an Euch denken und stelle meinen Mann voll und ganz, und kann nicht rumläufen
und.meinen Dienst versehen, wenn ich von der Heimat! „döse". Also nochmals Ruhe, Kopf hoch, und die Nerven schonen, das nützt für den Frieden mehr als jetzt noch schließlich krank werden. Nach Zeitungen sind wir schon fünfmal in die Lust gegangen und sind noch da. Anbei zwei Gedtckste über den Geist, der unter uns herrscht. Seid herzlich gegrüßt und geküßt von Eurem Sohn Georg. —* Ich schreibe so oft ich kann. _
Bei den deutschen Gefangenen in Aldershot.
In -der hochgelegenen Gegend etwa 5 Kilometer von dem Dorf Friniley liegt ein breites Plateau, bedeckt mit Gestrüpp und eingerahmt von einzelnen Gruppen hoher Dannen und »liefern. Mehr als 16 Heftar dieses Landes sind von dem Dickicht gereinigt und- in zwei Lager mifgeteilt worden. In dem einen dieser Lager befinden sich bürgerliche Kriegsgefangene, die man in England zurrukge halten hat; in dem andern haben die deutschen Soldaten Aufnahme gesunden, die aus dem -wchlachtselde gefangen genommen wurden. Einen Besuch bei diesen gefangenen deutschen Soldaten schildert ein Mitarbeiter der „Dimes":
„Zu der sriedlichen idyllischen Umgebung stehen die llnisoe- men in einem merkwürdigen Gegensatz, und die Gestalten der Krieger, die sich hier auf uno ab bewegen, erscheinen säst unwirklich; in dieser Stille der Natur. Jeden Tag erkalten die Gefangenen Brot und Fleisch Sie holen sich selbst ihr Wasser aus einer Anzaho von Cisternen und sammeln sich selbst das Holz für ihre Feuer. Außer diesen Beschäftigungen baben sie nichts zu tun, und sie scheinen sich dabei recht wohl zu fühlen, so weit die Beobachtung von einem Punkt, so nah als die offizielle ttzcn.ehniig.ung rmd der Draht-» zaun das gestatten, dies seststellen läßt. An einer Stelle gibt die Absperrung dem Publikum die Möglichkeit, bis zu 50 Mir, au die Lager heranzukommen, und davon machen viele Gebrauch. Den ganzen Nachmittag hindurch konnte man Dutzende von Leuten sehen, die den langen Hügel bis zu der Einfriedigung emporsticgen De« Zahl der Automobile, die unten auf die Besucher warteten, erweckte den Anschein, als sei Renntag. Viele Leute kamen auch zu Fuß, andere hatten Räder benutzt, und olle wollten die deutschen Soldaten sehen. Die Deutschen zeigen nicht den geringsten Unwillen darüber, daß sie so angestarrt werden. Sie stehen in Gruppen hinter dem: Draht und blicken auf die Besucher mit einer Miene belustigter Duldung. Alle Soldaten tragen die graue Uniform und herrscht hier Einförmigkeit, so herrscht desw größere Mannigfaltigkeit rrq ihren Kopfbedeckungen. Jede nur mögliche Form ist da zu sehen. Einige erinnern an die Soldaten auf den alten Bildern von Waterloo, andere sehen wieder so aus wie die kegelförmigen Mutzen, die! von den kanadischen Jägern getragen werden. Da gibt es Tschakos, Mützen und Helme. Der Helm eines Ofsiziers war ohne die Schutzhülle von Tuch, die auf den meisten zu scheu ist. Es war ein wahres Wunder. Ein Ding von Schwarz und Gold, das im Sonnenlicht: leuchtete und blitzte. Stets, wenn dieser Offizier in den Gckuhtskreis der Zuschauer kam, dann lies eiu Gemurmel durch die Reihen, und die anwesenden Damen machten gewöhnlich die Bemerkung: Ah» das ist zweifellos em Man." Soweit man das beurteilen kann, find diese gefangenen Soldaten alles Leute von kräftigem Körperbau, viele von ihnen sind ungewöhnlich groß, doch ist wenigstens ckfi Kleiner unter ihnen. Ich sah ihn gestern Sem Haar war strohgelb, sein Gesicht bartlos. Die ungewohnte Umgebung, in der e» sich befand, brachte ihn nicht im geringstell aus seiner Ruhe, sondern er wusch gleichmütig sein Hemd.
Die bürgerlichen Gefangene» find läöjt so ruht» sondern sic vertreiben sich auf alle mögliche Weise die langwelligen Stunden der Gefangensthast, Heute hätten sie einen inrpwoisierteiH Boxkampf, und sonst ist Bockspringen eine beliebte Unterhaltung. Das Lager selbst hinter dem ewigen Drahtzaun besteht aus ein« großen Anzahl von weißen Zelten und Wellblechbanteu. Da gib« cs Küchen und Waschplätze, und nachts erfolgt die Beleuchtung durch Bogenlampen, die von hohen Pfählen ihr Licht hernieder» giesen. Zwischen den Drahtzäunen, von denen es zwei 10 Fuß hohe gibt, marschieren Schildwachen mfi gefällten Bajonetten auf und ab. Es sind etwa 900 Soldaten in dem Lager nnÄ beträchtlich mehr Zivilisten."
London, 2/5. Sept. (WTB. Nichtamtlich.) Wie die „Times" melden, sind am 22. September 400 deutsche Gefangen« nach Irland befördert worden.
Heer «nd Flotte.
Generalleutnant Steinmetz f.
In dem aus dem Feld der Ehre gefallenen Generalleutnant Steinmetz ist ein hervorragender Sohn des Hessenlandes tx*> hingegangen. Ludwig Steinmetz wurde im Jahre 1861 zu G rün-
3m Argonnerwalde.
Westlich von Verdun, zwischen Lothringen und der Cham-
S lgne, liegen die in den Kämpfen der letzten Tage vielfach gerinnen Argonnen; Barennes, das nach der letzten amtlichen I lcldung von den deutschen Truppen genommen worden ist, liegt I I ittcn in diesem Gebiete, am Ostrrnde des eigentlichen Argvunev- “ aldes. Dieser Argonnerwald, der westlichste Teil der Argonnen, •x zwischen Aire und Aisnc liegt, ist trotz der geringen Höhe von wa 300 Metern ein richtiges Waldgebirge mit steilen Schluchken, ffen Talern und jähen Abhängen, sehr unwegsam und an Regen- gcn überhaupt kaum zugänglich. Die Berge sind größtentells mll inbwatd bedeckt; mau findet ausgedehnte Bestände von Buchen ld Birken, untermischt mfi Mooren und Heidestächen; von estcn nach Osten zieheit sich wenige, schluchtartige Wege, Echtes genannt, hindurch, die bereits im Feldzuge des Jahres 1792 re Rolle gespielt haben, diese Roll« 1870 wiederholten und sich I i dem Flankenmarsche der deutschen Maasarmec in den letzten ugusfiagen als nicht allzu schwierig erwiesen. Von Norden her, 1 misch wie unsere Truppen, kommt der Reisende geivöhnlich in den cgoirnerwald: Bouziers, eine steine Hafenstadt an der Aisne, lt als Eintrittspforte, und wenn man hier im Tale der Aisne ht, hat man zur Linken und zur Rechte» zwck ganz verschiedene mdschasten; rechts, am linken Aisne-llfer also, erblickt mau die ftercn Grenzhügel der Champagne mit ihrem Nadelwald, links t man die prünen Bergwälder zwischen Aisne und Aire, die zu- chst noch den Tharaster einer lieblichen Hügellandschaft tragen, rs Flußtat ist mäßig brefi; Felder bedecken es zum Test, und mn man die Hügel in die Höhe steigt, findet man ausgedehnte sttpstanzunaen an. Bei dem Doppelortc Mourrm-Baux, wo die re in die Aisne mündet, verläßt inan die Msnc und folgt der re in das Herz der Argonnen durch das Defilec von Grandpre, > 1792 Dumouriez seine Hauptmacht ausgestellt hatte. Dickes fllee macht zunächst gar nicht den Eindruck eines solchen; es llt sich als breite Talmulste dar, in du sich von Süden her ein isläufer des Argonncrwaldes vorschiebt. In diesem Teste des Ar- nnerwaldes findet sich noch etwas Industrie. Dir alten Hochöfen fi> freilich längst erlöscheu, west das Eisen, das sie lickcrtcn, it hinter dem des Mosel- und Meurthegebietes zurückstand; stau sscn erzeugt man hier inmitten der schönen Obstgärten nt Mahl- Tten, die graugrün bestaubt sind, aus Pho sph v cch er bnidüngen dos gonnerwaldes Kunstdünger.
Fm Tale der Aire wie in dem der Aisne stößt man häufig aus solche Kunstdüugerwerke, und die Dörfer, in denen sie liegen, machen einen ganz merkwürdigen Eindruck. Jmnitten der Wicken, der Erlen und der Pappeln, die am Unterlaufe der Aire sehr zahlreich sind, dienen die Kunstdüngeaverke gewiß nicht zur Zierde der Landschaft. Wckder flußanswärts hören sie bald ans und in den malerischen Döffern des Airetales trifft man dann allenfalls noch ein ocknzelne Zuckerfabrik oder einzelne Eisenwerke, so ber- spielswcks« bck Cornay. Bei der Wanderung wckter stußauftvärts, die inan auch durch die Eisenbihnfahrt im Airetal «setzen kann, gelangt man schließlich nach Chatel, und jetzt ändert sich das Nnß- tal, es wfid enger nnd immer mehr erscheint der Fluß von den Bergen zusanrmcngedrängt nnd bei Apremout erreicht man sckne engste Stelle. Hier endet die Eisenbahn am Fuße eines Berges, der von eiuein hübschen Schlößchen gekrönt ist, unterhalb dessen das Dort mfi seiner Küche liegt. Es hat sckne sttcficgischcn Gründe, daß dfi Eisenbahn hier cndck und aus strategischen Gründen ist sie zweiglcksig ausgebaut, beim Handck und Verkehr des Argoimer- ivaldes sind recht bescheiden. Will man von Apreniont südwärts ins Hepz des Argonnerwaldes Vordringen, so wird am Flusse die Wanderung recht beschwerlich, und der Hanptwcg zietzt es vor, ostwärts nach Verdun abzubieqen, und nach efifiger Zckt wieder südwärts cknzusckwenken und sich zwischen der Afie und ihrem Nebenflüsse BuaMhc hinzuziehen. Sobald der Weg die Arve wieder errckcht, sieht inan hoch oben Varennes liegen, ein kleines Oertchen, das sefi dem 21, Juni 4791, wo die Wmht Ludwigs des XVI. hier endete, eine tvanrigc Berü^nthckt erlangt hat. Es besteht aus ckncr „Untecktaüt", die sich amphfiheatralijch an bckden llsern der Tire an den Hügckn erhebt, und ckncr Oberstadt, drc sich stolz Chateau nennt. Bon dieser Oberstadt hat man einen hübschen Mick in das hier wieder breitere Tal der schnell strömenden Aire. Folgt man dem Flulssc wckter. so getz es immer in großen Windungen zwischen bewaldckeu Hügckn hin, bald stößt man wieder aus die Eifinbahu, dann erreicht man Clermont, eine steine Stadt, gelmssermaßen cknen Vorposten des Argonnerwaldes im Süden, jemals war Clernwut Festung. Heute ist die Stadt als Eisenbahnknotenpunkt der Linien Paris-Berdmo-Metz und Bouziers—Bar-le-Duc wichttg. Uunrfitrlbar unter der Bergkupve von Clermont steht inmitten uralter Linden eine reizende Berg- kapcste, und wenn man dir Kuppe selbst erklimmt, steht man aig eurem Berge, von dem aus man oshnär ts die ganze Ebene von,
Verdun bis nord- wie südwäcks fast das ganze Airetal äücxn blicken kann.
— Lichtenber^gs Entwurf zu einem Schimpfe Wörterbuch Lichtenberg hatte im Jahre 1764/65 cknmal den vckginellcn Gedanken, sich prophckisch mfi einem Mrßkatalog« vom Jahre 1868 zu bckchäifigen. llnter den Bücher», die er dicke« hypothefischen Bücherverzckchniffe andichtcte, befand sich auch eines mfi dem Titel „Bon den Schimpfwörtern der alten Deutsche« Anttchckst und Anfikrfiikus, Erfurt 1860," Wie nur einer Mit» tcklung Ebsteins im neuen Hefte der .Lefischckfi für Büchecsrrimde" (Verlag von E. A Seemann in Leidig) entnehmen, hat es gar nicht bis zum Jahre 1860 gedauert, daß ckn Verfasser sich dev Ausgabe der Zusammenstellung ckues Schimpfwörterbuches mrler» zog. Schon im Jahre 1839 ist in Arnstadt ein Buch erschirneu, dckien Deffasser »ubckaunl geblieben ist Es war betilckt „Deutsches > Schmpfwörterbnch oder die Schnnpfwörter der Deutschen. Zum allgemcknen Nutzen gckammckt und alphabckisch gcvrdnck nebst einer Borvor-, Bor- und Nachrede von Mfi Selbst" Was dicker Unbekannte hier zum ./lllgemcknen Nutzen", wie er sich ansdrütst, zufilmmeugetvagen hat, das hat den Göttinger Philosophen schon zwck Mcnscheualter vorher ernstlich bq-bästigt. Lichtenberg fchefitt sich wirstich eine Art Schimpfwöckerbuch angelegt zu haben. Ilm 1773 schrieb er cknmal: „Als ich fit mcknem Schimpfwvrtrrbuch nachjah, so fand ich kein passenderes als das arabische Dreck ans dcknen Bart." Diese schön« Schimpfwörterblütt hatte Lnhtenberg aus Niebuhrs Bckchreibung von Arabien gepflückt. Etwa 1775 hat er sich dann gegen 60 »erschiedenc Schimpfwörter notiert und darunter hat er sogar eine ganze Anzahl, dfi dzs oben erwähnt« deutsche Schinipswörterbuch nidjt kennt Es find recht kräftige Ausdrücke dabet, als: alter Krachwcdck, Reckck, Flohbäuchck, Saa* Wedel und dergleichen mehr. Lichtenberg sagte einmal: „Dfi wenigen Schimpfwörter, dfi ich brauche, sind treffend nnd schwer nnd der Schlag allezckt in ckner gnauen Verhältnis mit dem Fell, woraus >r fällt", und er bedauert, daß wir in Deutschland zwar allgemckne Gebefi, aber kckncn allgemcknen Fluch und lau Schimps-- wvrt hätten, das überall gelte.


