D. 222
Zweiter Statt
* 64 . Jahrgang
Erscheint täglich mrt Ausnahme des Sonntag?.
Die „Sießener ZamAiei,»lStter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich brigelegt, das „Ärmblett ffir den Ktels «letzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- frag««" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejsen
Dienstag, 22. September *9*4
Rotationsdruck und Berlag der Brühl'schcn Unwersitäts - Buch- und Steindruckere'..
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition unb Berlag: ecuK 51. Redaktion:«Ktit2. Tel.-Adr.:AnzcigerGießcn.
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Die Unruhen in Marokko.
Neben den Revolntionsqerüchten -ms Indien und Aegypttn dringen rienerdrnps auch Meldungen über Unruhen in Marokko durch die feindliche Lirqenmmicr zu nnSi durch. Also nicht nnr Eirglcmd, sondern auch Frankreich hat in diesem großen .Errege für seinen kolonialen Besitzstand zu fürchten, und zwar wirklich M fürchten. Denn er- handelt sich nicht etwa nm Besetzung durch kleine Militärtrupps. woS England rn einigen nnserer Kolonien so „heldenhaft" durchgesiUnl hat, sondern uni Auflehnung und i'lbsall der empörten eingxdorenen Bevölkerung. Bon verschiedenen Zeiten wir-d-beslötigt, daß,in Marokko Unruhen ansgebrochen sind. In Gibraltar beobachtet man nrit Zorge, daß die Ma rokkaue r sich entlang der ganzen nord,afrikanischen Küste zu richren beginnen. Man hat Frmrkreich und Spanien davon verständigt Frankreich hat nur eben an anderer Stelle seine letzte Kraft arrkübieden, und so nnrßten die Spanier ein- springen: es gelang ihnen nach eurer letzten Meldung unter schweren Kämpfen Kirdin und Bnjajfl zu besetzen, Zweifellos wird die marokkanische Revolution an der Küste zunächst keinen Erfolg haben. Denn der Wirkung von Schiffsge- sch-ützen sind die Waffen der marokkanischen „Rebellen" nickst gewachsen Aber die revolutionäre Bewegung dehnt sich über Marokko aus, und einem allgemeinen Aufstand gegen ist Frankreich zurzeit nahezu ohnmächtig.
Bisher verstanden es die Frairzosen ja ausgezeichnet, die einzelnen Stämme gegeneinander anszuspielen und dadurch aridere die Arbeit der Unterwerfung verrichten zu laKeu. Aber auch zu solcher Wtigkeit gehören Kräfte und Menschen, die man jetzt an der Marne und in Bordeaux nicht entbehren Earat Gewiß war die Unterwerfung des großen Gebietes der Ebene den Iranzoscn erleichtert durch den Charakter der Bevölkerung. Die Araber dort besitzen kein Baterlaudsgefühl, keinen Nationalstolz- und keinen Sin» für «in einheilktches, nach außen geschloffenes Staatswesen. Es sind Einzelstänrme, die nur durch Rasse, Sprache und. Reich u m zusaurmeugehalten werden. Wovor aber den Franzosen schon immer bangte, ist der religiöse A u f st a n d, der „heilige Krieg", dem die Fahne des Propheten voran getragen wird. Die Böller des Islams besitzen ähnlich und noch besser wie die Negrrstänrme Fnnercrfrikas Verständigungsmittel, die fast so prvi n pt arbeiten wie unsere Kabel und Telefunken. Und mit jenen Mitteln arbeitet die Bewegung in Fitdien, in Aegypten und nun auch in Marokko.
Wie militärischen Kräfte, dre Frankreich bisher in Marokko auswandte, um den allgemeinen Ausstand hintanzu- tmlteu, waren sehr beträchtlich, sie betrugen über 90 000 Mann. Dir Mehrzahl davon war dem in Algier und Tunis stehenden 19. Armeekorps entnommen, dazu kamen Senegal- truppen (Neger) und eingeborene marokkanische Truppen, soweit man sich auf diese verlassen zu Wunen glaubte. Der grStzte Teil dieser ganzen Armee ist im ersten Monat des jetzigen Krieges über Marseille—Lyon auf die deutsch-sran- wNchen Schlachtfelder gebracht worden. Zurück blieben ageutlich nur die marokkanischen Truppen, und die sind nicht ind inert Frankreich hat eisige sehen, daß man sic in einem europäischen Kriege vorläufig überhaupt noch nicht verwenden kann. Es bestätigt sich, was die deutsche Regierung im April ds. Js. durch Unterstaatssekretär Zinrmevnrauu im Budgetausschuß des Reichstags erklären ließ, nämlich, daß nach chrer Ansicht Frankreich noch nicht so weit sei, um als Protektionsmacht über die Marokkaner zum Zwecke der Trnp- pencmshebnng verfügen zu können. Was aber jetzt auf europäischem Boden im Kriege nicht zu brauchen ist, dürfte auch bei einem Aufftande in Marokko selbst versagen.
Wie schliunn es zurzeit in Marokko für die Franzosen steht, geht aus folgender Schilderung eines Schweizer Herrn
hervor, der jahrelang im Scherisenreich gelebt und jetzt wie so viele andere den Staub des unruhig gewordenen Landes von seinen Füßen geschüttelt Hai. Unser Gewährsmann schreibt:
„Die Zentrale der drohende» Revolutwn ist die Stadt Fez. Dieser geheimnisvollste nnb unheimlichste Ort Mrdwestafrikas wird den Franzosen wahrscheinlich wieder furchtbar zu schassen machen. In der Stadt herrscht ein bedrückende Schweigen. In dem Gewirr von schmalen Gäßchen und engen Durchgängen spinnt die politische Intrige und die glimmende^ Meuterei ihre Fäden. In seinen niederen Klassen hat Fez, die Stadt von 120 000 Einwohnern, eine höchst uiivcrlässigc Bevölkerung, die stets zu Ge- walttätigkeüen geneigt ist, wcü sie schon vor der fianzösiscbcn Schutzhrrrfch-rft allzulange nmcr einer entsetzlichen Schreckens Herrschaft lebte. Die maroktanischen Meuterer haben auch militärisch inancheS gelernt. Früher kamen sie am lullen Tage in dichten Reüerscharen vor dir feindlichen Schanzen, feuerten ihre Büchsen ab und wurden von Kartätschen und Mitraillensen nieder genialst. Jetzt schleichen sie in Schützenlinien heran, arbeüen mü Spreng- vattoncn und manchen anderen Kriegswerkzeugen, deren Verwendung sic den Franzosen abgescham baden. Deutschland erfährt wohl jetzt nicht viel von diesen Geheimnissen, aber sie erheben sich wie eine drohende Wetterwolle im Rücken seines französischen Gegners."
Die Kriegsanleihe.
(WTB.) Berlin, 21. Sept. «Nichtamtlich.) In einer offiziösen Darlegung wird daraus Istngeroiesen, daß man beabsichtigt hatte, von dem in der Reichstagssitzung vom 4. August bewilligten Kredit eine Milliarde Schatzanweistmgen und eine Milliarde Reichsanleihc zu begeben. Das in Wirklichkeit infolge der Mchtlinritieruuq der Reichsanleihe erzielte Ergebnis übersteigt also den veranschlagten Betrag um mehr als das Doppelte. Im Gegensatz zu manchen Scheinzeichnungen in Friedenszeiten war jeder Zeichner sich von vornherein darüber im Laren, daß jede Zeickntuug diesmal voll berücksichtigt werden würde und bezahlt werden müffe. Das sei bei" der Beurteilung des Zeichnungsergebttisses auf die Anleihe, die so gut wie ausschließlich in Deutschland untergebracht ist, zu berücksichtigen.
Das endgültige Ergebnis der Zeichnungen auf die Kriegsanleihen kami auch heute abend noch nicht bekannt- gegeben werden, da noch immer Anmeldungen eiulaufen, die nach berücksichtigt werden müffen, da sie rechtzeitig zur Post gegeben und lediglich wegen der Berlarigsaniung des postalffchen Verkehrs rächt bis zum Schluß des Zeich- nungstermins eingetroffen sind.
Berliner Landwehrleute als Befreier Tilsits.
Dir „Tilsiter ZmtuugS schildert ausMhpl-ich, wie am 12. September die Russen aus Diffit, wo sie drei Wochen laug die Herrschaft innegehabt hatten, vertrieben wurden. Wir entnehmen der 'Schilderung folgende Einzelheiten:
„ . . . Noch find wir nicht cm der Werthmannschcn Villa angelangt, da kommen ein paar kleine Mädchen sreudcstrichiend, mü Gesichtern, wie wü sie in diesem Glanz und mü so verklärten Augen noch nie im Lkchen gesehen, atemlos angelanfen: Die Oefterreicher kommen! Und richtig, zu beiden Säten der Sttaße tauchen Pickelhauben ans. Es sind nicht die Oesterreicher, die wir auch siendig begrüßt hätten'/ es sind viclmhtzr »tan» ßischc Landwehr-Infanteristen, alles Berliner »nd M ä r k er. Die Wackeren sind noch nicht einmal feldgrau, sie tragen die blaue Litewka der Friedens-Infanterie. Fast atemlos vor Staunen lassen wir die ersten Preußen an uns vorüberzichen, um uns zu vergewissern, ob es denn nun auch wirklich wahr fft, was sich vor unseren Augen ab- spielt. Dann aber, als die Scharen der einrückenden Anfolger immer dichter werden, gehl ein Jubeln, ein JanckHen an, das mit
Worten zu schildern hier unmöglich ist. Junge Mädchen, alt» Frauen, Kinder, gereiste Männer, alles, alles läuft den Befreier»! vom russischen Joch entgegen. Jeder möchte die .Hand der ersten erfassen, sie drücken und schütteln und bedenkt in all der Freude gar nicht, daß die Truppen m aus der Verfolgung begriffen und von einem Ingrimm, die fliehenden Russen zu erreichen, er- stillt sind, der sich einfach nicht schildern läßt. Blumen in ungezählten Mengen stiegen unseren braven VaterlaiidSverieidigcrn zu. Man kommt ans dem Staunen nicl/t heraus, ivoiher, genstffer- maße» im Handumdrehen, alle düse riesigen Mengen von Blumen kommen Aus allen Häusern eüen Frauen, Männer und Kinder heraus, um den anrückenden Preußen Waffer, Bier, andere Wo tränke, Wurst, Brötchen. Schokolade in einer Aderige zu reichen, daß die über diesen beispiellosen begeisterten Empfang gerührten Soldaten lachend und mancher vielleicht mit einer verstohlenen: Freudenträne im Auge schließlich dankend abiebnen. Jetzt saustl
auch die erste Frldartillerü heran.....Als dem ersten Jn-
sanleristen der einrückenden Spitze von atemlos hinzurilenden Zivilisten in der Königsbevger Straße gemeldet wüd, daß von 'bet Dragoncrkasernc aus die Russen -feschoffen haben und noch schü» ßcn, eilen sie iosort vom Hohen Tor ans und durch dü Reü- bahnstraße dorthin. Sie legen da- Gewehr an, eüi kurzes Zielen« und die reitenden und r abführenden Russen Arerpurzetn sich. Unsere Landwehr schießt gut, daS muß man ihr lassen. In der Go- richtSstraßc, am Hcrzog-'Albrechtplatz, vor allem aber in der Vnhndofstraße liegen zahlreiche Pferdeleichen. Lluch in der Hohen Straße werde» einige Raffen abgeknallt und in den zunächst ßK- legenen Hausfluren sosort verbunden. Jetzt knallen auch drüben! Uebermemcl schon Kcuwnenschüffc unserer Verfolger aut die ausreißenden Russen. Auf dem Rar hause ist der russische Fetzen, den wir .zähneknirschend vom 26. August bis zu diesem denllvür- digcn 12. September haben tagtäglich über unseren Häuptern flattern sehen müffen, sosort cingezogen worden. M seiner Sülle wehen die deutschen und preußischen Fahnen wieder vom Rcü- hausc. . . .
Döberitzer Gefcmgenenbilder von Björn Björnjon.
Björti Björnson, der sich mit ehrenwerter Hingabe der schönen Aufgabe widmet, das neutrale Ausland und besonders die skandinavische Presse mit wahrheitsgemäßen Berichten und Darstellungen über den Krieg und die BerhäK- nisse in Deutschland zu versorgen, veröffentlicht in der Kppenhagener Zeitung „Politiken" die lebensvolle und seine L>childcru>ig eines Besuches, de» er dem bekannten Gesängen en lag er bei Döberitz abstaiten konnte. Um sich von den dortigen Verhältnissen, wie sic sind, eine eigene Anschannng zu verschaffen, erhielt er von den zuständigen Stellen die Erlaubnis zur Besichtigung, die in Begleitirng eines deutschen Offiziers erfolgte.
„Drarptzm in den 'Baracken unter den grünen Bäumen saßen oder gingen etwa 1800 Mann, dazu ein paar Foaiien und eü, vaar Kinder. Die mefften davon gehörten dem russischen Arbeiter- stande an. Dazwischen ern paar seinere, dekadente Tnvcn: nffffsche Studenten beiderlei lveschlechts. Ein sehr langer Engländer sdand in einsamer Majestät und ragte aber all diese Neinen säMutzigen Menschen empor: er glich einem bckcidcgten Storch und vaßtc zu seinen Umgebeingeii hier ebenso wenig, ivie Englorrd in diesen Krieg paßt. Er sah besonders wenig vergnügt ans, obglesth er, als nur vorbei gingen, nnt ein paar ungeheuer langen Bvrdev- zähnen griiiste Ich spvach mit einer Anzahl steanzösischer Gefangener, zuerst nur mit einem, und da dü andern, die ni der Nähe standen, die französische Sprache twrten, kamen s«e augenblicklich schnell aut uus losgegangen. Zum Schlüsse stand ich in einem Halbkreise von Fwnzasen. Die Offiziere ließen mich mit ilmen reden, wie ich wollte. Ein kleiner dünnhoarigrr Krastwagen- sührer, unrasiert, mü großen grauen Augen unü läonü, wie- ein Mann aus dein Norden, sagte mit gedämvster Stimme: „Was für eine Dnmniheü, dieser Krieg, Monsieur." — . . . Und dann: „Der Frieden, Mom'üur, wann kommt er?" Ter kleine Chauffeur beugte sich bä diesen Worten vornüber imd starrte wie aus ein weit entferntes Ziel hin. Es bebte uni seinen Aüind. Keiner antwortete. Alle waren in Nachdenken versunken ....
Zffland. der Deiche.
Zn seinem 100. Todestage, 22. September.
Bon Dr. Paul L a n d-an.
Deuksch. irrdeiiksch in Art und Wesen hat Ludwig Treck, der Rdmantiker, der ans sachlichen oder persönlichen Gründen dem nüchternen Vertreter des tüchtigen Bnrgertunis nicht hold war, den Theaterdirektor, Schauspieler uird Dichter August Wilhelm Jfsland genannt Als solch eines „ehrlichen deutschen Mannes^', wie ihn die Königin Luise in einem ihrer Brief« anredet, wollen wir heute in erster Lüne dieser für Tenkschünids Bnhnenkunst und Kultur so bedeuüämen, höchst einslnßrcichä, Persönlichkeit gedenken. Mag sein Eckiauspielerrnhui, der einst die Welt erfüllü, heute verblaßt sein — er lwt es nicht nötig, für seine Unsterblichkcü auf die ilüchiigS .Kunst des Mimen zu bauen. Für ewig ist sein Name in der Geschichte des deutschen Theaters verzeichnet, weil er den Komödianten von, Fluch der llnehrlichkeit und des Vagabundentums erlöste, als Generaldirektor der Berliirer Hofbühne eine Stellung erllommen, die man bis dahiu für einen Schauspieler als selbst nicht im Traume erreichbar awäh. Als Schöpfer eines llaffischen Bühnenstüs lebt er fort und zugleich als eüier der beliebtesten und tüchtigsten Theaür- dichter seiner Zeit, dessen Dramen, durchaus nicht ohne künstlerischen Wert, >vas sie an Frische nird Leben verloren haben, als kultur- geschichttiche Zeirgnisse in erhöhteni Maße wiedergewinnen. Und endlich erinnern wir ims gerade jetzt mit besonderer Freude des großen Patrioten, der, seinem KöiÜAshanse getreu^ in der Zeit der höchsten Not den Mut zuni The-üeripielen nicht verlor und dü süt- liche Bedeutung der Bühne in Krüg und Trauer, ihren erhebenden und sortreißenden Wert für dü bedrückten Gemüter in einem leuchtenden Beffpiel ossenbcrrte.
Eine so fest in sich ruhende, geistesstarke und praktilch klare Natur, wie sic Jfsland ivar, ist selten im wandelbar launischeii, wunderlich vhmitastischen Volk der Schausvüler lind wir wollen nicht verkenneii, daß tue wahren „Könige der Bretter", die höchsten Genies, aus eurem anderen ^c-tvff gemacht sind. Die wilde Leiden- schaftllchkeit, der inibezwinglichc Drang, die Schranken des Alltags zu sprengen, der Musch einer die Wirllichkeil verachtenden Phantasie — 'all das, was dü Fleck, Ludwig Devrünt, Atttterwurzer, Matkowski zu strahlenden Helden des Scheins erhob, daS war Jff- land versagt, und selbst seine Vorbilder Ekhof und Lckiröder, die Löben und Welt schon siegreicher zu beherrschen wußten, standen den unbewußten Quellen des Künstlertums viel näher, als- düier kluge, überlegte, kühle Beobachter und Rechner. Deshalb wird man den neiren darstellerischen Geholt, den der junge Jflland während seines Wirkens in der Glanzzeit der Mannhämer Bühne dem deutschen Tlbeater brachü, ioohl nicht so hoch anschlagen dürfen, als düs vüljach geschieht. Wichüger war sein ideelles Wirken für die Reinheit und Grüße der Thcaterkunst, in dem er sich mü dem edlen Deribcrt von Dalberg vereinigte. Zwischen den beiden Gcgcntätzen des eben erst geschaffenen deutschen Ngiinnaljchanspüls, dem Realis
mus der Hamburger und dem Idealismus der Weimarer Schule, vermittelte er und neigte dabei nrü gesundem Sinn mehr zu der starken Wirllichkeüskunst des großen Schröder als zu dem unnatürlichen hohen Kothurn, den der Theaterdirektor Goethe ans seiner Bühne eingeführt hatte. !
Unübertrefflich muß der Schauspieler Jfsland in getvissen ko- inffchen, spießbürgerlichen Rollen gewesen sein, für dü sich sein Temperament wie seine untersetzte Gestalt und piepsige Sttmme trefflich eigncün. Aus einer Fülle der lustigsten und wahrsten Einzelheiten setzte der scharf beobachtende und beurteilende Künstler Figuren, wie etwa seüien berühmten „Essighändler'/ zusammen. ,^Jn solchen närrischen Originalen, wie der taube Apotheker", urteilt Schiller, „sii es eigentlich, wo JWand mich immer entzückt. Denn das Naturell tut hier so viel, alles scheint hür augenbliMchcr Einfall und Genialüät. Hingegen in edlen, ernsten und empsin- dungsvollen Rallen bewundere ich mehr seine Geschicklichkeit, seinen Verstand, Calcill und seine Besonnenheit. Daher würde er mü für di« Tragödie kaum eine pocttsche Sttmmnng geben können." Jfs- land wußte sreilich auch dü höchsten Ausgaben zu bewälttgen, indem er sie sich mit seinem überlegenen Verstand zurechllegü So übertrieb er den Franz Moor inrrch Hänfung der stärksten Efiekü zum entnienschten Bösewicht uiw „vermenschlichte" den düster» Helden Wallenstein zum ./bürgerlichen Hausvater". Allmählich traten in seinem Spiel, das immer von der Rücksichtnahme des Theaterpraktikers auf das Publikum Zeugnis abgäegt hatte, die virttwsen- hasten Einzelheiten stärker hervor: stets aber wirkte er bedeutend durch die Wucht seiner kraftvollen, tüchtigen Persönkühkeit, dü lebendig aus seinen großen Augen sprach.
Jfslands Charakter und Spiel können wir uus heiüe noch au- schanlich vontcllen. ivenn wir seine Dramen lesen. Man Hai düse sorgsam und liebevoll gezeichneten Famüieugemälde lange als süßlich, empfindsam, banal oersäirieen, und sie haben auch alle etwas von der übertreibenden Charakterzeichilung des Schausvieürs: aber es lebt in ihnen doch auch viel non dem helläugigen WirllichkeüSffnn und der lebenskräftigen Heiterkeit der deutschen Aufllärung. die uns an Cbodowiecki entzücken. Bei keinem andern Autor der Zeft süht man so tief hinein in die Sttmmnng des deutschen Bürgerhauses» dessen aufstrebende Bildung trotz aller Enge die Grundlage bot für die Blüte imsercr llaffischen Literattir. Jffland wollte durch seine Stücke predigen und bessern; daher haben sie etwas Lehrhaftes und verherrlichen die goldene Mittelmäßigkeit, die bürgerliche Rechtlichkeit, die besonnene Mäßigung der Alten gegenüber dem Sturm und Drang der jungen Genies. 2Iber der kundige Theatermann wollte sein Publikuni auch unterhalten, und so stattete er seine Ausschnittc aus dem alltäglichen Leben mit einer bunten Fülle treffender Züge und Einzelheiten aus, ließ seine Personen zioar etivas geschraubt, aber doch aus vollem warmen Herzen reden und säms ewige Konflille nach wie den von ,/8ätern und Söhnen" in „Verbrechen aus Ehnncht" und in den „Mündeln", gestaltete ein däctsches Heim- und Waldmüüu iu den
.»Jägern", das Otto Ludwigs „Erbförster" vorausahnt. So sind uns seine Stücke zwar keine Dictftimgen, aber dü treuesten Zeugnisse der Zeit. Mit Recht nennt ihii Jmmerinmin den „besten Cicerone durch alle Schätze und Kuriositäten des damattgen deutschen Familienlebens. Seine Regün fft eine beschränkte, aber mit dem Durchblick auf eine tvefte Perspektive, auf die un.zer- störbarc Macht und Würde des Hauses, und in seiner Beschränkung waltet er durchaus als Meister." Sedle Dramen sind effie vorzüglich« llilturgcschichtliche Quelle für das .Hauswesen in jener Epoche vor l00 Jahren, da sich Preirßen aus tiefer Erniedrigung zur Besieinng und stolzen Höhr erhob: sie zeigen, daß der innere Kern dieser Kultur noch gesund ivatr, so wie ihr Schöpfer an seinem Beispiel die Tüchtigkeit und Treue des deutschen Bürger- ttims offenbarte.
Jfslands eigeittknl,e Bedeutung und Größe enffaltet sich erst, als er 1796 nach Berlin komnit. Sein brennender Ehrgeiz war durch dffüomattschc Gcschicllichkett zum Ziele gelangt: das Unerhörte war Taffache geworden: ein gewöhnlicher Schauspieler zum Direktor des preußischen NairoaaltheaterS ernannt 'Aus dem Institut, dessen ganze Bedeutting damals auf dein ZufallSglück einiger guter Schauspieler stand, machte er eine Kunstbüh-ne ersten Ranges mit einem einheitlichen Stil, mit nncni vorbildlichen Repertoire. Jfsland, neben dem als Regisseur nnr Laube in der deutschen Theatergcschichte genannt iverden kann, war ein hervorragender Lehrmeister, der sich ein gläntzeicdcs Peffonal beran- bildcü. In seinem Spielvlan standen zwar der imvermeidliche Kotzebuc, dem sich selbst Goethe als Theaterleiter ergab, und er fflbst mit den Zug- und Kaffenstückrn an erster Stelle: aber der un- parteüsvie, für echte Dichtung durchaus empfängliche Mann wurde doch den dichterffchen Idealen gerecht, dü hoch über den seinen standen. Er brachte Shakesvearc zuerst in Schlegels Meistecüber- setznngen, eroberte Lessings „Nathan" und Goethes „Egmont" die Bühne, nahm sich in Zacharias Werner selbst der ihm geistrs- ffemden Romanffker an und spülte vor allenr Schiller und wieder Schiller, den Führer und Propheten iener Zeit, voni „Waltcn- stein" bis zum „Tcll". Der Briefwechsel zwffchäi ihuen ist ein schönes Zeugnis dafür, wie Dichter und Tbeaterinann einaiiüer in die Häicde arbeiten können. Inland hat sogar einen bedeu tai- den Einfluß auf Schüler ausgeübi, seinen Bühnenfffril gestärkt und dabei trotz aller praktischen Gesichtspunkte den idealen Flug des Genies bewundernd mücnipfunden.
Dieser ideale Sinn besäbigre ib» dann amb >elbn, in der Franzoienzeit das Schiff seiner Bühne mit ungebrochenem Mut durch das Chaos der Fremdherrsä, ?i, steuern und im irnnzö- sischen Berlin, während sein König ' ioar, das königlich preu- ßische Theater als Hochburg aller erländischei, (hefühü zu er- hallcu Lockende Anerbietungen, I, . Jsrömc oder in Wien Theaierdirettor zu werden, lehnte . ab. Verzweifelt und mit En'olg ivcbrie er fidt dagegen, daß am keiner Bülnie eine rranHöfische Truppe ciuzog. Seinem König und seunmi Barerlandc ge-


