Nr. 295 Zweit« Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme d«S Sonntags.
tf>4- Jahrgang
leyener
Seneral-Anjeiger für Gberheffen
Tie „kietzener Zawllienblätter" werden dem ^Anzeiger' viermal wöchentlich beigetegt, das „Nreirdlatt för den Kreis Kietzen" zweimal wöchentlich. Di« „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zw«mal.
Kricgsbrtefe aus dem Westen.
Bon unserem .KriegAberichterfttttter.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Großes Hrruptqusrtier, 28. Auy.
Am Tage, als auf der ZitadeWe von Naimrr ptt ersten Male in der wechsclvollen Geschichte dieses althistvrischen Kampf- und Kulturgebictes die schwarz-weiß-rote Flagge aufgezogen war, erlebte ich dort gemeinsam mit den sieben anderen zum westlichen Kriegsschauplätze zugelassenen Kriegsberichterstattern und den Ntilitärcrttachös der nen- rralen Mächte einen seltsamen, unbegreiflichen und unver- geftlichen Anblick. Die Verteidigung der berühmten, nach der Meinung der Belgier und ihrer englischen und französischen Berater uneinnehmbaren Festung lag in den letzten Zügen; und die Gerechtigkeit dessen, der weist, daß er sich selbst ehrt, wenn er dem achtungswerten Gegner so viel Ehre gibt, wie ihm gebührt, muh anerkennen, dast die belgischen Artilleristen auf den letzten, unhaltbar gewordenen Forts ein Hell- denstück leisteten, ivenn sie den .Deutschen Kanonen vom Fort Loucin" noch länger Widerstand entgegensetzten. Denn das ivnßtt am Tage, wo Naimrr siel, jeder Belgier, daß ihm das Schicksal jener heldenmütigen einhnndertfünfzig Mann be- schieden war, die unter den Betonblöcken des stärksten Lütticher Forts so tief begraben liegen, daß nie ein Mensch mehr ihr Gebein sinken wird, wenn er in den Fortisillrtioncn. ausharrte. Die Geschichte des Worts Laucin kennt jedes Kind in Belgien. Es galt als das gewaltigste Vcrteidigungswcrk der Neuzeit, durch das Gelände, durch klafterdickc Betondecken und cllenstcrrke Statzkhauben gegen jeden Sck>ust gefeit. Und dann kamen die Deutschen, deren Vaterland von drei Seiten überfallen war, und gaben aus ihren neuen 42-Zentimetergcschützcn, die bis dahin kein Mensch kannte, nur drei Schüsse auf das Wort ab. Alle drei trafen, obwohl die Deutschen zwölf Kilometer entfernt jenseits der Meuse standen. Alle drei trafen und beim dritten gab es einen Krach, als ob die Erde geborsten sei, und an der Stelle, wo vordem Lütsichs stärkstes gort gestanden hatte, gähnte ein Abgrund, ein Felsgewirr, ein Krater, mindestens fünfzig Meter breit und dreißig sief. Und darunter verwesen die Leichen von cinhundertsünszig braven Verteidigern.
Das wußten die Belgier seit dem Tage, wo Lüttich gefallen war. Und wenn trotzdem die Forts von Namur Widerstand versuchten, selbst im Augenblick, wo die deutschen 42- Zentimetergeschützc zu brummen begannen, so war das Heldenmut. Ein Heldenmut, der uns Deutsche wünschen läßt, daß die mutigen Söhne des Meusetales beim nächsten Völker- '.singen, das uns die Weltgeschichte beschert, Schulter an Schulter mit uns fechten mögen. Dann werden sie, deutscher Manneszucht kundig und unter deutschen Offizieren, nnüdcr- windlich sein wie wir selbst. DaS sind unsere Empfindungen in dem Augenblick, wo wir beobachten, daß die besten Söhne des Feindeslandes sich wie eigensinnige Kinder der Logik der Weltgeschichte widersetzen wollen, die nun einmal beschlossen hat. daß nur ein bis pt letzten Blutstropfen sich selbst und seiner Führung getreues Volk Siege erringen tänn. Und in dieser Stimmung schwiegen wir in Namur ern- gerückten Deutschen ehrfurchtsvoll vor der nutzlosen Auf- ovseruug tapferer Belgier. Ich kann mir deutsche Frauen und Mädchen denken, wie sic dareinsehen würden, wenn sie wüßten, was das Sausen unserer schweren Geschütze für ihre Söhne und Verlobten bedeutet.
Wie aber benahmen sich die Belgier in Namur? Am Kopfe des von ihren eigenen Genietruppen im letzten Augenblick gesprengten Pont de Jambes, to» starke deutsche Wach- nmnnschaftcn mit aufgepfanztem Bajonett standen, hatten 'ich die-Einwohner von Namur in großen Scharen eingesun- den. Die jungen Mädchen, die ziemüch salopp angezogen sind, «aber große Sorgfalt auf die Pflege ihres entweder offen ge
tragenen oder mit breiten Samtbändern gerafften Haares legen, standen in munteren Gruppen scherzend und neckend bei den staubbedeckten deutschen Soldaten, die citre halbe Stunde vorher als Sieger in die Stadt gerückt waren. Sie gaben sich Mühe, ein paar deutsche Worte zu radebrechen und als einer unserer Krieger, offenbar geärgert über die Würdelosigkeit der Aufführung ziemlich unwirsch sagte: ,Lhr werdet schon noch Deutsch lernen, meine Damm von Namur!" antwortete ihm ein lustiges Gekicher, als ob er einen Mitten Scherz gemacht I)ättc. „Krieg wir dann viel so große Soldat in Namur, wenn die Bclgique tocrden deutsch?" fragte die sprachkundigste der Namurerinnen, aber sie bekam keine Antwort mehr, sondern der Posten drehte sich um.
Ringsherum standen ältere. Frauen und Minner und junge Kerls, von denen man sich fragte, was sie da herumzulungern hatten, wenn ihr Vaterland Krieg führte. Aber keinem fiel es ein, die Mädchen zurechtzuwcism. Ich habe den Vorgang photographiert, weil ich mir dackste, meine Schilderung müsse jedem Dmffchen einfach unglaublich erscheinen.
Nebenan in einem (Case saßen eine Anzahl Bürger und beobachteten neugierig den dmffchen Flieger, der über der Zitadelle kreffte. Diese ganze Einnahme ihrer Stadt wurde von den Ramurern als ein fesselndes Schauspiel betrachtet, das sie anscheinend nichts weiter anging. Eine Verständnislosigkeit für den Ernst nnd die Größe der Stunde lag in dein ganzen Verhalten, die mir völkerpsychologisch beinahe unbegreiflich erscheint.
„Wenn die Belgique werden deutsch!" — das ist ein Gedanke, dem ich immer wieder begegnete und mit dem sich viele abgcfunden haben. Ueberall fand ich bestätigt, bah maßlos gegen nns Deutsche gehetzt worden war. Die Zeitungen hatten noch beim Ausbruch des Krieges geschrieben, daß, die deutschen Soldaten ein elendes, verhungertes und verlumptes Volk seien, das den eigenen Offizieren nicht gehorchen, sondern sie bei erster (Gelegenheit von hinten erschießen werde. Nach Belgien würden die Deutschen überhaupt nickt hineinkommen, denn cm Lüttich würden sie sich die Köpfe einrennm, und inzwischen würde die stolze englische und die gewaltige französische Armee den befreundeten Belgiern zu Hilfe kommen. Da siel Lüttich fast auf den ersten Anhieb. Aber Namur hoffte von Stunde zu Stunde aus den Einzug der Franzosen. Statt ihrer rückten die Deutschen ein, diese unwiderstehlichen Dmtschen, die schon in Brüssel standen, auf Antwerpen marschierten und drüben in Frankreich Schlag auf Schlag die Franzosen und, wie die Namurer erzählen, auch schon die Engländer besiegt hatten.
Und nun waren die Deutschen da. Stramme, saubere Leute, die noch am Abend nach durchmarschiertem und durchgekämpften Tag, wenn sie ermüdet am Straßengraben sitzen, sich zusammenreißen und die vorgeschriebenen Honneurs machen, wenn ein Vorgesetzter vorbeikommt, Leute, die die Ordnung in sich tragen. Gestern haben die Genietruppen der Belgier die eigene Brücke gesprengt. Es war kein Geniestteich, denn heute schon stellm die deutschen! Pioniere die Brücke wieder her, die Nanrurer warben sie bezahlen, nnd morgen vielleicht schon werden die Eisenbahnen unter deutscher Verwaltung wieder fahrplanmäßig fahren. Und hinter den Truppen kommen schon die Pvst- und Telegraphenbeamteu eingezogen und richten die Verbindungen ein. «hon hat Belgien die deutsche Zeit und nur in Neuttal-Moresnct sah ich noch eine Uhr, die doppelte Stunden, deutsche und belgische, anzeigte. Jeder dieser Deutschen fühlt sich als ein Glied des großen Volkes, für das er seinen letzten Blutstrvpsen hergibt, wie sein Volk für seine Söhne sorgt. Das ist ein Geist staatlicher Größe und nationalen Selbstbeivußtseins, den die Belgier nicht gekannt haben und der ihnen jetzt schon tiefen Ändruck macht.
Im Justizpalaste zu Lüttich, dem herrlichen alten Fürst- bischofsitzc und jetzigen Verwaltungsgebäude des deutschen Gouverneurs, geht es zu wie in einem deutschen Mintste--
Montag. 3J. August 1914
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universttäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: &S»>5L Redaktioiu^^llL. Tel.-AdruÄtnzeigerKieße».
rium. Jedes Ding hat seinen Platz und seine Zett und alles klappt bis aus den Punkt. Tie Belgier sehen da vieles, was sie in Erstaunen setzt. Die deutsche Bureaukratte, der deutsche Gamaschendienst, zwei Dinge, die man so gern bespöttelt hat, in der großen Stunde, wo es ernst wurde in der Welt, haben sic sich als geniale Einrichttrngeu er» wiesen. Hilflos steht der Belgier vor etwas Riesenhaftem, Unfaßbarem.
In ihm hat bisher eine ganz andere Staatsauffassung gewohnt. „L'Union fait la svrce", lautet der belgische Wahlspruch, aber er war ein Widcrffinn von alleni Anfang an, denn er wurde gewählt, als sich Belgien von den Nieder- landeu losriß. Und die Belgier waren niemals einig; ich habe Dutzende von Leuten getroffen, die auf die Frage, ob sie Belgier seien, erwiderten: „Nein, wir sind Wallonen".. Ja, dann seid ihr dock, Belgier? „Nein, wir sind Wallonen, Belgien, das ist nur der Staat!" Kann das ein Deutscher begreifen? Man frage doch einmal einen unserer deutschen Soldaten draußen vor dem Feinde, was er ist. Er wird erwidern, ein Niedersachse, ein Bayer, ein Schlesier, ein Ostpreuße, ein Hamburger nfw. Ms» kein Deutscher? Da würde er den Frager erstaunt auselien und sagen: „Aber erst recht ein Deutscher". Selbst ein Elsässer oder Pols würde das in diesen großen Tage» antlvvrten. Das ganze. Deuffchland ist sein Vaterland. Das ist das Volk, das dem Wahlspruck,: „Einigkeit macht stark" wirklich nachlebt. Der Belgier schreibt ihn ans Grenzpsähle und Briefmarken, aber er hat ihn nie in sein Herz geschrieben. Denn ähnlich wie die Wallonen geben auck, die Blamen den Staat preis, der unter dem wuchtigen Anmarsch der deutschen Truppen so schnell zusammenbricht. Und niemand würde es ihnen klar machen, daß sie mit der Aufgabe ihres Staates sich selbst aufgebcn.
Das ist wohl die Erklärung für die belgische Stimmung, wie wissen zwar und eMhlen eS selbst, daß das Volk, nicht der König diesen Krieg gegen Deuffchland gewollt hat. Schon daS geht nicht in sie hinein, daß. Volk nnd König, König nnd Volk eines sind, Haupt und Glieder des großen Vaterlandes. Nim ist der Krieg anders ailsgegangcn, als sic gehofft haben und nun ist es ihnen leid. Es sind mir zahlreiche Beispiele von Belgiern selbst erzählt nwrdan, daß Soldaten auS den von uns besetzten Gebieten, die sich' zuerst sehr tapfer geschlagen haben, als ob daS alle Kriegerblut der Belgier, das Caesar belobte, in chnen wieder erwacht sei. Wer dann, als daS kriegerische Unternehmen auSsichts- und hofsiruugslös wurde, kehrten sie in Zivilkleidern sttll wieder zu ihrem heimischen Herde zurück. „Sie zögen sich von dem Kriegsgeschäfte zurück". Ja, das ist nun freilich eine Auffassung, die kein deutscher Krieger jemals verstehen wird. Man hat sie sehen müssen, unsere tapferem Jungen, wie sie mir blitzenden Augen und in unerschütter- lictzer Disziplin nach heißen, ruhelosen Kämpfwochen in Ramnr einzogen.
Dieser Mangel an SlaatSgefiihl erklärt wohl manches, was wir jetzt in der Seele der Belgier sich abspielen sehen. Daß. sie sich, wie alle, die sich statt auf sich selbst, aus die Kraft anderer verlassen haben, von Engländern und Franzosen verraten glauben. Daß sie den Staat ausgeben, wr» er im Unglück znsanrmenibricht und sich mit separatistischen Tradittonen vor sich seWst rechtfertigen. Selbst das Betragen der Mädchen von Nannrr ist auf diesen Mangel staatlicher Selbstzucht zurückzufühven, ebenso wie die Greuel der. Frankttreurs, die glauben konnten, daß der unberufene Einzelne Mitwirken könne, wo das vernachlässigte Ganze hilflos versagt hatte. Und auch das Unverständnis für die deuffchc Vergeltung der Frankttreurschandtaten ist unter diesem Gesichtspunkt zu bürachten.
Die Belgier irren sich nnd werden etwas lernen müssen. Ueberall, wo wir durckMgen, saßen sie nach ihrer Ge- wohnheit gelassen auf der Erde vor den Türen, rauchten
Wie das heutige Brüssel entstand.
Unsere deMschen Truppen sind in Brüssel cinmarschiett, und sie hoben damit eine der schönsten Städte besetzt, die es gibt. Ter alte „Sitz des Sumpfes", wie inan den Namen Drüssel-Broek-sele echniologüä' erklätt, hat über alle Widerstände der Natur, die sich dieser Ansiedlung in deni wüstesten und wüdcsteii Teil des alten Delgierlandes entgegenstcllten, in großartiger Weise Triumphiert und mieden Trümmern seiner oft eroberten, ost zerstörten Mauern eine wundervolle einheitliche Anlage geschaficn. Wenn heute unsere Soldaten als die Nachiolger der Spanier, Franzosen uno Oestcr- reiäier durch die Straßen der besiegten Hauptstadt marschieren, 'o offenbart sick ihnen in dem unvergleichlülten Bilde der .-ladt aucv ein Sviegel ihrer sckicksalsreiäien Geschickte. Wie Fritz «stahl >n «einem Buch über Brüssel bewnt hat, vereinigt das heutige Brüssel drei verschiedene Städte gleichsam als Stadien seiner Ent- wicklung in sich. Unten im Tal der Senne liegt die alte Bürgerund Handelsstadt, die sich zu Füßen des Koudenberges ausdehnt und iw. Osten noch an feinen Ab längen hinaufsteigt. Mil dieser bereits zu Anfang des ll. Jahrhunderts bestehenden Unterstadt oerdand 1040 Lambert Balderie, Gras von Löwen, die feste Burg, die er aut dem Kvudcnberg errichtete und die iid» zur Ober- und Herrenstadt entwickelte. Von diesen ältesten Mauern Brüssels sind >tvch einige Trümmer erhalten: an die Stelle des Grasenschlosses :edvch ist die zweite, die eigentliche Residenzstadt getreten, die Brüssel bis aus den heutigen Tag schmückt. In der Unterstadt engen noch ein paar Mauern und Säulen der Nikolauslirche von Vcm Glanz und Prrmk der Hauptstadt des mittelalterlichem Brabant. Tie allen schönen Holzhäuser, die sich um den trutzigen Wachtturm 'er zugleich als Rathaus dienenden Nikolaus-Kathedrale drängten, hat der Kriegssturm der Jahrhuirderte hinweggesegt: sie wurden «uedcrgerissen im Freiheitskampf der Niederlande gegen ihre spani- cben Unterdrücker, die letzten gingen in Flammen auf. äk^ der Marschall von Billeroi im Namen Ludwigs XIV. 169b die «adt utagerte uird in einer 46stüirdigen Bcschießimg 4000 .Häuser in Brand steckte. Erst nach dieser wüsten und schlimmen Zeit hat der mckitigstc Punkt der alten .Bürgerstadt, die Graud'Place, ihre 'ewige Ausgestaltung erhalten, damals als unter der freundlicheren Herrschaft Maria Theresias friedliche Tage anbrachen. Nirgends vnu finden die herrlichen barocken Gildenhäuser, die in ihrer chiniincrnden Pracht den Platz umrafjntnt, ihresgleichen: sie bilden llcichsam den glänzenden Schrein jür das gotische Rathaus. über egfeu reichgegliedettc, köstllch verzierte Formen der hohe Turm ' «einer durchbrochenen Lnchsigkeü in die Luit «mvvrscknellt und _i7 goldene Figur des heiligen Michael als Wahrzeichen über die -ladt hinaus hebt. Diese Grand'Plaee, das nordeurvpäii'che Gegcn- wck zu hem Warkusplatz von Venedig, erhält einen m.irckienbaiten Zauber, wenn die Schleier der Abenddämmerung die phantastischen e<-bellincen umhüllen und das jltzmnernde Gold und Glas der
Fassaden mit einem dunstig kühlen Licht überfluten. Um diesen Mittelpunkt gruppiert sich dann die Mtstadt mü ihren engen Straßen wld Gassen. Auch auf dem Koudenberg erheben sich noch einige Denkmäler der großen Vergangenheit, so die gewaltig ernste Masse der Fürstenkirche St. Gudulc, aber im weseittlichen ist dre Oberstadt noch einem cinbeitlichen Plane im llassizistilchen Stile des 18. Jahrhunderts angelegt und aufgebaut worden. Durch diese großartige Leistung des Architekten Guimard entstand eine Neu- schöpfung, deren Bedeutung sich erst ganz erfüllte, als Brüssel nach der Revolution von 1830 die Hauptstadt des neuen Königreichs Belgien wurde. Eins der schönsten Beispiele neuerer Stadtbaukunst ward hier geschaffen. Ten Mitlc!puntt bildete der prächtige Park, das Hauptwerk der Architektur war das Parlamentshaus, ein Meisterbau Guimards voller Würde und Schönheit. Breite Sttaßen führten an beiden Seiten des Parks vorbei, durch deren Häuser der Typus des modernen Wohnhauses für das neue Brüssel geschaffen wurde. Tics neue, das dritte Brüssel, ist dwin uni die von Guiinard geschaffene Anlage in der Mitte des 10. Jahrhunderts durch zielbewußte Bautätigkeit entstanden und bildet deir Abschluß und die Krönung des ganzen. Das erste charakteristische Element brachten die äußeren Boulevards, die an die Stelle der alten aus dem 14. Jahrhundert stammenden «abtmauer und ihres breiten Grabens traten. Die llmformung der Altstadt zu eincnr unseren heutigen Ansprüchen genügenden und doch schönen Stadtteil wurde durch die Schöpfung der inneren Boulevards erreicht, die sich als mächtige VerkchrSstraße durch den Kern Mt-Brüsiels ziehen. Nun mar Licht und Luft sür die Wohn- und Geschästsstadt da, imd zugleich wurde durch diese von dem Bürgermeister Jules Anspach kühn durckigeführtc „Zerstörung" ein großer Teil der alten malerischen Häuser gerettet. Bon dem breiten grünen Kranz der äußeren Boulevards mit ilwen schönen Einzclliäusern qel>eu andere lnäcktige Straßen aus bis zu der stillen Jdyllik der Vorstädte, so daß in Brüssel besser sür ein gesundes und schönes Wohnen gesorgt ist als in irgend einer anderen Hauptstadt. Als architektonischen Mittelpunkt aber besitzt dieses nioderne Brüssel den ungeheuren Ban des von Joseph Poclaett aufgeführten Justizpalastes, die größte Banmassc, die irgendwo in Europa aufgclürmt worden ist, mit ihrem cliaotsicken liebermaß der Ornamentik ein o'wntastischcs Werk, aus dem man den Wahnsinn ahnt, dem der.Trbauer erlag. Dock bietet dieser 50-Mrllionen-Bau, an dem 17 Jahre gearbeitet wurde, in seiner gigantischen Macht nun das kolossale Wahrzeichen Brüssels.
Engelbert humpeidinck.
Zu seinem sechzigsten Geburtstag.
Am 1. September wird Engelbett Humperdinck sechzig Jahre alt. Gerade heute, in der ernsten und schweren Zeit, die wir durchleben, sollte uns dieser Gedenktag nickt unbeachtet entschwinden, denn er gill als eure Mahnung, an all das Schöne und Er
hebende, das aus den Künsten und zumal aus der Musik uns ent- gcgensttömt. Engelbett Humperdinck ist einer von senen Meistern, deren Kunst im Grunde ihres Wesens dcut-sch ist, deutsch in Gedankeninhalt und Aisdruckssorm. Esit mit seinem Märchenspiel „Häusel und Gretel", das im Jahre 1893 entstanden ist, hat der daniols Neuwmddreißigsähttgc Richn: und Ansehen erlangt. Aber er war auch vorher schon ein tüchtiger Muscker, und reich an Esiahrung und Wissen hat er das reizvolle Werk geschaffen. Humperdinck ist ein Schüler des Kölner Konservatoriums rmd der Münchener Königlichen Musikschule. Zwei Jahre lang lebte er als Lehrer am Konservatorium zu Barcelona, kelma nachher in seine rheinische Heimat zurück und übte am Hochschen Konservatorium zu Frankfurt a. M. eine ersprießliche Lehttäng- keit aus. Er ist seit dem Jahre 1900 Vorsteher einer akademischen Meisterschule zu Berlin und bekleidet auch sonst noch viele Ehrenstellen im öffentlichen Musilleben.
Sein bekanntestes Werk, eben das Märchenspiel „Hänsel und Gretel", entstand als Gclcgenhcitskompositron. Seine Sckwester Adelheid Wette schrieb das Buch zu diesem Märchenspiel, das zu einer Aufführung im häuslichen Kreise in Weimar bestimmt war. Am 23. März 1893, zum Weihnachtsfest, kam es dann im Familienkreise der Frau Wette und vor einigen Gästen der Familie zur Darstellung. Der mächtige Eindruck, den das reizende Merkchen damals aus den Zuüörerkreis ausübte, hat den Dtuiiker später veranlaßt, es für die Bühne auszugestalten, für Orchester zu instrumentieren und in etwas breitere Form zu gieße». Wie das Stück seinen Weg über alle deutschen Bühnen genommen Hot, ist bekannt, es sei nur noch hrnzugefügt, daß der Esiolg von „Hänsel und Gretel" in jeder Hinsicht als einer der größten! bezeichnet iverden kann, die in neuerer Zeit eiu musikaliick- dranratisches Werk errungen. „Hänsel und Gretel" blieb jedoch nicht allein ein Meisterwerk für sich, — es hat einer neuen! Gattung der deutschen Oper, der Märchenoper, den Weg geebnet. Humperdinck schrieb selbst eine Reihe von salbten Opern mit meäg'elndcm Glück. Dann folgten seinem Beilpicke andere, so Siegfried Wagner, sein Schüler, der sich seither überbaupl nickt mehr von dieser Gattung abgewaudt hat. Humperdincks spätere musi- kalisch-dranlatischen Werke, die im Rahmen der Märchenoper verblieben, haben weniger Eindruck hervorgcibracht, als sein dramatisches Erstlingsstück. „Die KönigSkinver", „Die sieben Meislein" und „Dornröschen" cnthallen viel Wettvollcs, als gesckiloneneS Ganze blerbcn sie weit liinter den: Muster der (Gattung zurück. Größeren .Erfolg hatte Humperdinck mit seiner koniiscken Over „Die Heirat wider Wlllen". Als letztes in der Reihe ieiuer Werke ist vor einigen Jahren „Die Künigskinder" erickienen. eine völlige Umarbeitting des oben erwahirten Märchenspicls, und auch hier hat der Meister wieder seine große Kunst gezeigt.
Engelbert Humperdincks musikalische Weiensatt ist iu erster Linie absolutes Können, restlose Beherrschung der Technik und eine erstaunliche. Kuust der Polliphoure. Fottreißeudc Origmaütät Hst


