Nr. *97
Zweites Statt
164. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Tie „Kietzener ZamMenblätter" werden dem .Anzeiger' vermal wöchentlich beiqetcgt, das „«reirdlatt für den Kreis Sietzen" zwennsl wöchentlich. Die „randwirtschafllichen Seit-
srageir" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
Seneral-Anzeiger für Gberhejsen
Montag. 24 . August *9*4
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerßiäts - Buch- und Steindrnckerei.
R. Lange, Gieße».
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: Redaktion:«^ 112. Tel.-Adr.: AnzcigerGicßc».
)m Gefangenenlager der Franzosen.
rb. Tarmstadt, 23. Aug Der große Trlwvcnubunqsvlas derTarmstädterGarni- son bei Griesheim, der erst vor wringen Monaten als Ausgangspunkt des Prinz Heinrich- kluges eine wrctilige Rolle ivielte. in jctzc durch die^driegsereigniffe wieder zum Mittelpunkt eines dvchü Vtrrriiantrn Schauspiels gemacht worden, zu einer riesigen Lager ffärtr iür kriegsgeiangene Franzosen Es lind zurzett rund 1000 Gesungene dort nntergcbrachl, weitere Transporte von Gcsangenen werden in den nächsten Tagen folgen Ta schon mit dem Eintressen der ersten kriegsgeiangenen Franzosen in Temschland und besonders auch in Tarmstadt übcr die ganze Behandlung und Ber vilegnng der Geiangenen allettei .Märchen und unzutreffende Ge- rucittr verbreitet wurden, io folgten wir am Samstag gern einer freundlichen Einladung des Stadtkommandanten, Herrn General- MMve v. Randow, zwecks eingehender Besichtigung des Fran- zozenlagers Tie Gefangenen rühren aus den verschiedenen Kämpfen der. Zuerst kamen einige Kundert aus der Gegend von Mülhauien. Sie waren am Tonnerstag der ersten Mobilmachungswvche von Beljvri admarschicri. üdenchrulen die Grenze und zogen am Freuag
mit klmgendem Spiel in bas unbesetzte Müldauien ein---über
Haufen tötet Kameraden flüchteten sic nach ihren eigeneit Erzäh- luugen und mußten sich den deutschen Truppen ergeben. Der jweile Geiangenentransvort stammt ans den Kämpfen bei Lagarda und der dritle^aus >50 Ge'angenen aus der Gegend von Schtrmcck und Tieuzr. Der Anblick dieser gesangenrn Franzosen war keineswegs geeignet, den Respekt vor der Truvvrnniachl der „Grande Ration" zu erhöben. Es sind Angehörige fast aller Waffrngattun gen hier beisammen, meist Jniänierie und Kavallerie, aber auch Artilleristen. Pioniere und Alveniager einer Grerizableilung vo» Rizza, die in der kurten Zeit von dort »ach den Vogesen entsandt worden war Die Leute tragen noch genau dieselbe Uniform, wie sie aus dem Krieg ^>vn 1370 7l bekam,l ist. lange blaue Röcke und rote Hosen, dazu Schnürsliesel und die blau rote Mütze, die meist mtt einem blauen Swsiüberzug versehen ist. .Interessant ist, daß Frankreich das erste Land war. dos den Gedanken einer grauen Feldun,ivrm aufnabm Es wurden schon im Zahle 1909 zwei Pariser Regimenter m dreier Uniform eingekleidet; als sie aber damit zur Parade erschienen, wurden sie von der gesamten Bc- vöUelnitg derart verlacht und verdöbnl, daß man den Versuch mit der grauen Unisorm schleunigst wieder lallen ließ. Und das war ei» (Rück iür imsere Truppen Tenn i'ctwn jetzt hat sich au» den Schlachtfeldern die große Rützlichleit der von uns eingesübrten grauen llniiorm ergeben Die größte Klage der Geiangenen ist nämllcl», daß sie im Felde die deutschen Truvven. gegen die iie käniviei, sollten, zumeist gar nicht zu bemerke» in der Äige waren, während »ich die blauen Truppenwrmalionen der Franzose» schon i» weiter Frrnc deutlich den, 'Auge zeigten. Die Gefangenen warten, weiui ihnen das „üttegsipiel" bedenklich zu werden annng, Tor nistrr, Waffen und alle sonstigen 21usrüsiu»gsgeqenstände fort, schlüge:' die langen Rockschöße in die Höhe und liefen davon. »0 schnell sie konnte».
Zn den, Gefangenenlager wird nun entgegen anderen Gr. lüchien in erster Linie der Gruichsatz strengster Isolierung von d-r Außenwelt durch»iriükrt. Tie Geiangenen unk in den irrfin» ?fW‘r Vt Kgi-rtters- 'ff ISO Mann unkrrgebrmhl. di von ihnen b»'i ihrer Ankun't gründlich gereinigt und für ihre Unter brinqiinq lwrgerichiel werden Mußten. Zur jeden Mann ist Bttt stelle mit Slrobsack und Decke, wie in den Kaiern«!, vorhanden, auch Eßnapi, Waschuapi und Handtuch Das erste war, daß sich die Gesangeuen gründlich reinigen mußten und reine Hemden er "hielten; dann wurden sie untcrsticht und geimpft. Abgesehen von den lange» Märschen und Strapazen war. wie uns der Ober 'stabsorct ervärle, ihre körverliche Beichanenheit wenig zu bean sbanden Das Dnrchschnittsmaß der Leute ist dagegen erbeblich kleiner als bei uns, auch bei dem in Mülhauien geiangenen Elite kort», und Männer in gereisten Zähren und Pollbärten iah man vielfach neben schwachen, kaum llsährigeu kleinen Burschen, denen mau in Teutjchland das Trage» von Gewehr und Tornister gewiß nicht zuniulcn würde. Zn der Ueberwachung und Beichäitigung bat der Stadtkommandant ganz bestimmte, strenge Vorscheinen erlassen. Die sämtlichen Gefangenen müssen um .'>»,_ Uhr aufstehen, sich raniqen und ihre Lagerstätten ordnen, um 6», Uhr ist Avvell nnd'Revision, um 6'Uhr arbts schlvarzen Kaktee und Kommißbrot, das übrigens die daran bekanntlich nicht gewöhnten Franzosen gut vertragen. und um 7 Uhr gehts an d>c Arbeit. Die Gefangenen werden sämtlich von 7—IO- und von 2 6 Uhr unter scharfer ÄMöeutl'' mit Erdarbeiten. Straßenrcgnlierung. Bodembcarbeirung, kAnffrchste» der dortigen Waldungen uiw beschönigt. Das Mittagessen ist selbstverständlich einfach und angemessen, am Samstag gabs Lnrjenkuppe und ein Stück Wurst dazu: das Abendessen bestrbl in -Suppe oder Kaffee Mit dem Dunkellverde» um 3 Ubr wird zu -Bette gegangen. Alle Ertrawünschc der Leute, wie Schokolade lans«: und sonstige Tinge, wurden abgelebnt und ihre größte Klage ist. daß das Rauchen strengstens verboten ivurde. wo? schon rn Rücksicht au, die Feuersgeiahr notwendig war Airs den mamiig-
»achen Gesprächen mu den Gefangenen, die angeilchls der strengen, deutsch und jranzöiisch angeichlagenen Borichrtiien willig und gc» doriam iind, gewinnt man den Eindruck, daß sie »ich schnell in ihre Lage tnueingesnnden haben, obgleich auch manche Lvttmisten darunter iind, die i B an den Zoll von Lüttich nicht glauben und in „auetgiu-s se mames" nach dem nckuwru Srege Frankreichs tine- der zurückledren zu lönnen glauben Man konnte für die Naivität der Äernmcn natürlich nur ern heiteres Lächeln haben.
Aus Heldpostbriesen.
Bon einiqen unicrrr Leser erhallen wir Briese sur Ern- sichlnadme, die von im Felde stehenden Angehörigen und Landsleuten cingegan>ien find. Interessant sind folgende Acußerungen eines Arztes, die er an seine Eltern ruhtet:
Heule und wir schon srüb zum Halt gekommen und zivar sieht man uneder mal eme Stube von innen. Da sollt Ihr den vor sprochenen Briei bekommen.
Im Felde, Montag, den 17. Aug. 1014.
Merne Karte mit derzl. Tank iür Eure beiden Britto und Karte ist wohl angekomme» Die Haupiiactie voriveg: Zcki dm noch ganz wodl, vor allem Füße und Brustlasten gesund, obwohl diese beide unter dem icluveren Gennchi des Tornister» und des Grivehrs besonders leiden. Das Schlaien im Freien bekommt mir ganz gut, letzte Nacht lag die ganze Kompagnie in einer großen Scheuer, im warmen Heu: da haben ivir uns. den Tornister unterm Kovt, umgeschnallt, Ge-vehr im Arm, mol tüchtig erholt. — Allmählich bekommt hier alles eine furchtbare Wut gegen die Rothoien tvegen ihres- gemeinen Benehmens gegen Berivundeic. Zch lmb früher, daheim manchmal gedacht, so einen Menschen n>egz»knallen, sei nicht menschenwürdig: jetzt ffebt man, daß solche Bestien weg- zuichassen eine Wohltat ist iür alle
Beiondcrs verläßliche» Eindruck machen unsere Reservisten, die, weil meist verdcirarel, ani besten wissen, was hinter ibnen ist, iür wen sie kämmen. Alle und guten Akuts und ivarlen auf Ge legenheil, endgültig mit diesem .roten Pack abzurechnen, dessen Znlanterie meist reißaus nimmt im offenen Kampf. »venn sie deutsche Bajonette blinken sehen 'Aber Patrouillen aus dem Versteck abichießen, und dann so einen Reiter, wie ich ihn iab, noch mit dem vierkantigen Baronen durchbohren, dos bringen diese Hunde fertig Tabei haben w>r in einem Zoll sogar durch einen Zivilarzt einen schwerverwundelen Franzostti behandeln lassen, der sich bei mir, als ich ihn tröstete mit meinem biszchen Iran zösisch:. bedankte und aus die schimpfte, die den Krieg wollten und ihn darren liegen lassen — So ist man trotz aller Wut wieder Mensch in solchen Fällen, um nicht roh zu sein, weil es der Gegner ist.
Ein anderes Schreiben aus Ohnheim bei Straßburg vom 13. August 1914 tautet:
Nu» sollen Sie auch ein Lebenszeichen von mir erholten Also, ich liege hier in di>:em ResK — zwischen Schlettsiadt und Straß bürg — bis aus iveiteres im Quartier und »uhre eine »tomvagnie Ersatz Reserve. Es geht mir noch ganz gut, nur leiden wir unter der sengenden Hitv.d'f hier herrscht: es ist bedeucmd iväruier bei uns. l'eutf kan> n rt geian xnien Roihostn von Mülhausen
hier n.it der Dah» durch Aul meine Zrvge, wie Ire sich als prison- nisr fühlten, sagten sie sehr vergnügt: „nous sommen hourou- semeut!“ Sie hatten üble Garnituren an, Zetzen von Röcken: seld- Arau haben sie iwch nicht. Tic Stimmung unserer Truppen ist einsach grosurrtig, die Kerls gehen mit einer Begristcrung ins Zeld, die herrlich ist. Ein Heer, das von einem solchen Geist beseelt ist, kann nicht unterliegen. Es wird Sie interessieren, daß auch die Stimmung hier im Elsaß unter der Bevölkerung durchweg sehr gut deutschfreundlich ist, sie wollen von den Zranzvsen nichts mehr wissen Bei Mülhauien war die Sache nicht Io ciniach, inehr dar» ich nicht schreiben. Die Postoerbindunq scheint noch nicht recht zu funktionieren. Ich habe meiner Z-rau schon 6 Karlen geschrieben, bin aber noch ohne jede Antwort, wahrscheinlich sind die .Korten nicht angekommen
Aus der Schlacht von Mülhausen.
Ter „Hannovenche Courier" veröffentlicht folgende, vom Generalkommando des 21, Armeekorvs^genebmigte Schilderung eines Augenzeugen über die Schlacht von Mülhausen: „Am Donnerstag rückten untere Soldaten nach der Grenze ab. 71in Zrritag und Soilirabend gab es Geiechre bei Altkirch bis vor die Torr Mülhausens Ten ganzen Tag übcr erdröhnte Ko- nonentonner, gegen Abend hörte man das Klcinseucr und .Kmupf- lärm. Unsere vaar Regimenter leisteten erbitterten Widerstand, mußten aber vor der Uebermacht zurück, und am Sonnabend zogen die Zranzosen mit klingendem Spiel in die Stadt ein. Schon am Zreitag aliend hatten die ganze Bost, die Eisenbahn mit allen Lokomotiven, die Reichsbank die Stadt verlassen Die Gleise waren gesprengt und die Stadt still wie ein Grab Der Sonntag kam heram in strahlender Schönheit und beleuchtete die französischen
Biwaks gerade vor uns am Tanuenwald und die Artillerie, die eine Bierkl'situnde von uns am Kamm nach der Ebene ansgezogen war. Ein ganzes französisches Armeekorps hatte dir Stadl vas sicrt. Eine Abteilung Husaren kam auch durch den Kronenweg. Hier sind wir, hier bleiben wir, erklären iie: jetzt geht es nach Berlin Ter Kaiser wird seine »osser vacken müssen. Es waren irische Zungen, steckten aber in miicrablen llniiormen und hatten zerlumptes Sattelzeug, ersetzt teilweise durch Stricke. Und der Tag ging weiter in unerhörter Schönheit, so still, unheimlich schön, man ahnte die .Katastrophe Zwisck>en > und 5 Uhr sahen wir Truppen von den Bogesen herbeizichcn, und schon kamen die ersten Kä nonenschüsse im Norden Mülhausens bei Piastadt Vorort Das war deutsche Artillerie. Wir >äl>eii, wie die ersten 'Schravuell-s in die Stadt einschlugen, nur iahen die französische Artillerie seuern, die leuchtenden itziigel» »logen, pfiffen und platzten. Und aus ei» mal kam uns die Erkenntnis, es gehl auch um uns hier oben auf den» Rcl'berg. Wir flohen i» den Keller, hatte» gerade noch Zeit, den Kinderwagen, Soplctd, Zwieback und ein paar Stühle runter zu tchaiien. Ta kam ? schlag aut Schlag, immer stärker pfiffen die Bomben, immer sicherer vlatzien iie in unserer Nähe. Und dann kam ein Moment, dessen Schrecknis nicht zu sagen ist. Unser Haus war gelrossen und wir saßen da im schwarzen Pulverdamp» und wußten nicht, brennt es oder stürzt alles zusammen Und noch eine halbe Mimite, und es schlug wieder ein, und »um dritten Male. Wir alle rangen die Hände in utuveigendem Eiitietzen und »»arteten ani das nächste Schrapnell, das uns zerreißen mußte Unser kleiner sklaus war ganz sttll, nur seine Augen iahen groß und starr und er versuchte zu sagen: „Gell, es war schon ein bißchen weiter weg." Und es platzten noch viele Schüsse über uns. Wir dachte», wir müßten ersticken, bis wir endlich die Kellertür auimachen konilteii. Als die Detonation nicht mehr ganz über uns war. hörten tvir au» einmal unseren Gärtner und seine Frau rufen: ,,Mommen Sie raus, Zhr Haus fällt ein!" Und ohne uns umzuschen, sind wir in wilder Zlucht durch den Granatenregen zu Nachdarsleuten in den Keller gerannt Später, als die Schüsse nicht mehr Schlag aus Schlag kamen, bin ich mit Ernst nochmal rüber, um Klaus' Ma- ttayc unb Decken zu holen. Jetzt »äh ich die Zerstörung. Jni 'Nach' barhaus ist der halbe erste Stock zertrümmert, ei» großes Loch, auch durchs Dach, zwei Zimmer und die Sveichertrevve total zerstört. Bei uns keine Fensterscheibe mehr ganz, die Zimmer voll Glassplitter, „nd sogar im Keller, tvo »vir saßen, Schrapnellstücke, Unser HauS hatte viele Schüsse, die nicht ganz durchgingen. Tie Bäume, Blumen, Palmen, alles hin, riese Löcher im Gras, ent seylich
Und es kam die Nacht, und ringsum entbrannte der fürchterliche Nahlamps. Wir saßen im Keller, 12 Menschen in einem kleinen Mittelraum, der uns am nchersten schien. Es war eine furchtbare Schlacht und sie wollte iitck.i enden Ta gegen Mitternacht, hörten >vir aus einmal die sranzüsischc Artillerie aus der Ziemersheimer Landstraße »ach dem Zoologischen zu in wilder Flucht abziehen Ein Teil ging auch durch unsere Zurheinstrasie. 1V* Stunde körten wir sie rasen Es war wie eine Engelsbvtichast, aber wir dursten noch nicht auiatmen Immer noch kamen Täirav nells von Piastadt. >md aus der anderen Seite grollte schrecklich der Jsteincr Klotz. Und vor und neben uns der Nahlamps, itzewehr seuer, das Prasseln und Knattern des Maichineiigewehrs, und aul einizal oeuttche "omnioirdos, Signale: ,,»»'rtoneljuvo, K..rto>jel iuvv" zum Angriil mit d>'iu Bajonett. Und die Kugel» »logen ums Haus und vrakkelten in die Bäume. Und drunten aus der Stadl raste der Srraßenkamps hcrm,», bis es dann csegen I Uhr still wurde. Wir gingen hinaus in die Sternennacht und achteten gar nicht mehr darauf, daß immer noch einzelne Käigeln jlogm. Tie ersten Hähne schrien, der Dbond stand unerbittlich lall und Nar ans Himmel. Und wieder schtooU und raste eine loilde SchsMt im Tannenwald, und dann wieder Totenstille. Wir sahen das weite Schlachtfeld, wir »ähr» dunNe Körper, und als uni >.,5 Uhr daS erste Morgenrot über den Blauen <Sckm»arz>l»ald: stieg, rafften wir alles zusammen und flohen i» rasendster Eile i» die stadt Bekannten. Und kaum waren mir dort, ging noch einmal eine schwere Kanonade über die Stadl, wir saßen wieder im Möller. Aber dann war der herrliche Sieg entschieden Und 2 Stunden später raste» die Autos, um die Berwuudete» zu holeit Es lagen die Leichen in Hausen übereinander wie .Kartoffelsäcke. Alle Spitäler sind voll und die Notlazarette und die Häuser, die ausnehmen wollten Ich sah deiammernsiverie Menschen, ich will es nicht beschreiben. Und mittags zog das ganze siegreiche Armeekorps ei» Auch ein Vetter von mir, irisch und froh. Er kam heraus, als ich gerade nach unserem Hause sah, und nahm Saft, Wein und .Kirsch und Tulzmatter Wasser mit Von ihm hörten wir dann, daß sie die Kanonen auf unser weitlruchtendes weißes Haus aus deni Berg eingestellt hattet», »veil sie glaublcit. die Höhe sei von Franzosen besetzt To hat er selbst uns so jä»»n,er lich beschossen Es zogen nun unerhörte Mengen Soldaten in die Stadt ein. Ich sah die Feldpost, das Rote Kreuz. Der Stab ist da.
Es war ein brausendes Jubeln bis abends 9 Uhr Io ging der Verrat an. Franzosen ivoren noch da, versteckt in den Häusern, und sic schossen, und loieder war's ein Straßen- kamvt und tolles Maschinengeivehrknattern. Wir waren gerade
Xriegronekdoten von 1870.
Ter tragische Ernst des Krieges läßt doch auch noch Raum für manches heitere Ztvitchenipiel und der Humor erstrahlt in einem »heller«» Licht aus den, düsteren Hintergrund der Sch locht» ei der. DieErzäbllmgen der Mitkämpier von 1370 durchzcehe» iolcde An es Horen wie ein »rödlich leuchtendes Band, und besonders itnd du Erinnerungen des Artillerie Generals Prinzen Kwatt zu Hohenlohe „Aus- ineinem Leben" voll davon. In der Schlacht bei Sedan fiel dem Prinzen aut, daß der .Hauptmann einer schweren Batterie die schönsten Treffer n,achte, ohne überhaupt nach der »eindlichen Stclluiio hinzusehen. „Woher wissen Sie denn »o genau, daß Sie treffen. Sie sehen ia gar nicht nacki dem Feinde hin'?" fragte der Prin.» „Ich sehe bloß nach dem sreiwilligen Klopsch," antworlctc der Hauvmiann „Ter dar io gurr Augen, daß er jede Granate slirgen sieht Muß sich hinter jedes ieucrnde Gejchütz stellen und mir ein Zeichen machen" „Na, dann schießen Sie weiter mit Klopsch!" »ägle lachend der General Ein großer Arrger des Prinzen war es, daß die ungeduldigen Truppen nicht wanen wollte»», bis eine Stellung von der Arnllerie „sturmreff" gr- schoisen »oar, »ondern begrisren drauilos stürmten urid dadurch den Geschütz«« die Möglichkeit nahmen, »veiler zu »virken Bei Sedcui ka»n io der General von Pape »u ihm und sagte: „Nanu, hören Sie mal endlich m»t Ihrem umrussvrechlichen SoeVakel aus, ich null den Wald da drirben »nennen." T-er Prinz ent gegnere »vürend: „Sii^habev wodl Lus», wieder so mel Menschen zu verlier«! »vre vor 14 Tagen. Wrirn Sie den Wald angreiien, eh ich die Kerle da drübn, gM,z mürbe geschossen habe, schieße ich aut Sie!" „Sind Sie aber «u groberKer l," sagte Pape „Das ist mern Snob", «ttgegnete Hvtienlobe Als die.Schlacht bei -oedan glücklich ge- Kwnnru war, brachte Prrnz Hohenlohe aut den boniniandierrnden General, einen Prinzen von Aünremberg. cm Hurra aus und Matuürrte ihm als d«n „Sieger in zw« Schlacht«» vieses^ Krieges". Tenn ,'eiu Korps harre »ich bereits vorher de» St Privat namhaft ausgezeichnet „Wieso denn zn>« Schlacht»-» ?" fragte da ein braver Tromoerer seuren Leutnant, „mit haben doch erst eine vor 14 Tagen gehabt." ,31a," weinte der Osfitzier „Nennen Sie das heute etwa kerne nchtocht-" „Rich
tig," sagte er, „da habe ick m»ir verrechnet." Nach dem groß<m Sieg waren alle, auch die Generale, von einer solchen Müdigkeit üdermanm, daß sie zunächst die Tragweite des Tages von Setan gar nicht fasse» konnten Erst beim Weitermarsch kam chnen das zum Bewußtsein. „Ta erst singen wir uns an zu treuen," erzählt Hohenlohe. „Wir wurden immer erregter, und zuletzt ranzten wir drei Generale wie die Kinder aus dem Swvvelielde herum, noch ehe wir einen Trovsen Wein getrunken hatten Der kommandierende General, an einen, ungebcuren Getreideschober sitzend und vor dem Regen Schutz suchend, lachte herzlich über uns, ries dann aber: „Aber, meine Herren, ich bitte Sie, bederrken Sie doch, die Truvven marschieren ja hier au uns vorbei und müssen glauben, die Generale seien alle betrunken."
— DieMünchener Theaterbeim .Kriegsbeginn. Aus München wird uns geschrieben: In den ersten Tagen der Mobilmachung des deutschen L>eeres schlossen alle Münchener Theater ihre Pforten, da man nnt Recht meinte, daß die Muse zu schweigen habe, wenn Mars die Stund« regiere Nun aber Hai man sich an die Tatsache des Krieges allmählich gewöhnt, und die günsttgen Nachrichten über den Enolg der ersten Operationen unserer Truvven baden die Herzen auch für unvolitische Dinge wieder wärmer g«timmt. So sind denn die „Münch. Kammer- spiele" seit Samstag wieder geöffnet. Diese Bühne und das „Schauspielhaus" Stolb«^s werdcn von nun an zu ermäßigten Preisen patriotische und andere ernste Stücke auffübreu. Die „.Kammerspiele" begannen mit einer Aufführung von Les- s i u g s ,ER inna von Barnhelm", deren Reinertrag dem .Loren Kreuz" zugefüh« wurde. Dos Publikum brachte dieser Prennörc lebdaites Jmeresse entgegen, um io mehr ais dieses Stück ja gerade die deutschen Sobdatenrugeudeu verherrlicht Die Darstellung war künstle«>'ch gut und hatte ihren .Höhrpnirkr in dem broresk bennneu Barock-Wirr des Herrn Al brecht. Das „Schau- Ipielhaits" wich mtt Max Haides „Freiheit" eröimen: der Dichter hat rür sein Jichiläumsstück einen Prolog geschrieben, der bei der Aufführung gesprochen werden soll.
— Die Bibliothek des Sohnes von Columbus Einen werchfüchigen Schatz birgt in Sevilla die alte Galerie bei
Lagarto. die zu den Baulichkeiten der Kathedrale gehört, in der berühmten Bibliothek des Ferdinand Eolumbus, des Sohnes des berühmten Entdeckers der neuen Welt. Der natürliche Sohn des Admirals und der Beatrire Enriguez gehört zu den eigenartigen Gestalten des 17. Jahrhundetts, in denen Tatkraft und lnimanistische Bildung sich vereinigten. Mit l l Jahren begleitete er seinen Vater nach Amerika und begann so seine Lauibabn als Seemann, Diplomat, Biograph und Mathematiker. Um das neue Reich jenseits des Meeres in seiner Bedeutung zu kennzeichnen, hat er vielerlei unter nommen, und erfand trotzdem die Zeit, Europa zur Vervollständigung seiner Studien zu bereisen. Er besuchte Frankreich, die Niet^lande, Teutsitstand und Italien und trat in Beziehungen zu den berühmtesten Gclehtten: dabei war er ein ständiger Gast der Buchläden icnd brachte so im Lause der Zeit seine geliebten Bücherschätze zusammen, die die „Columhiiche Bibliothek" bilden In, allgemeinen brauchte er nur geringe Beträge für die Bücher auizuwenden und hat sich die Mühe genommen, in jedem Baiid auf dem letzten Blatt die Einzelheiten seines Erwerbs auszuschrei- ben, wobei^ er häutig auch noch andere Beinerkungen hinzusügtk wie: „Tiefes Buch wurde »ür einen Sou in Lyon am 21. No t»rmbet 1535 erworben: es war sehr kalt und starker Nebel " Tie ffanzöt'ischen Bücher sind in der Hauptsache lleinere Werke religiösen Inhalts, über Geschichte, volitische oder religiöse Polemik, religiöse und moralische Poesie: gerade daß cs sich um solche kleine Broschüren handelt, die damals sehr verbreitet waren und heute häutig völlig verschwuirden sind, macht den besonderen Wett dieser Sammlung aus Taneben sinden sich auch größere Werke über Religion, über G«'chichte, Memoirrnwerke und Dichtungen. Es ist die Bibliothek eines geistvollen gebildeten Mannes, dessen Biel- tettigkett BewundeiAng einffößt. Ferdinand Eolumbus hatte sie in i'ettrrm Hause ccm User des Guadalauivir in Sevilla ausgestellt, und jeder Gelehrte durste, w,- die huinanisttsche «ilasllichkeil ee erfordertr. darin ««b«te!, Als F-'rdinand Eolumbus im Jahr« 1549 starb, befaß di»' Bibliochek 15 370 Bände, die größte Zahl die damals eine Prioatbibliothek aufweisen konnte. Heute hat si, » r^ich durch Diebstähle in ihren Beständen nicht unerheblich ge-


