Einzelbild herunterladen

Nr. *96

Zweiter Blatt

* 64 . Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Tickietzener Zamilienblättet" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich bcigelegt, da; Kreisblatt für den Kreis Siehen" zweimal

wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit­sragen" erjchemen nionatlich zweinial.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

§amrtag, 22. August *9*4

Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UnwersitätS - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul-^ straße 7. Expedition und Verlag: es® öl. Redaktion: e-®112. Lel.-Adr.: AnzeigerGießen.

Pius X. und Pater wernz.

Ein stclegenllicher Mitarbeiter schreibt uns: Pius X. und Franz Laver Wernz haben i» derselben Nacht die Äugen für inimcr geschlossen Tic letzten acht Jahre des Pontift flat« Pius X stand Pater Wernz alsGeneral" dem Jesuiten- orden vor, ohne dass viel über sein Wirken in die Oeftenl lichkeir gedrungen wäre. Es ist ihm »irlft gelungen, die völlige Aushebung des deutschen Jejuitcngesetzes durcltz» setzen, und als einziger äußerer Erfolg nxire zu verzeichnen, das; in den lepten Tage» die deutschen Jesuiten zur Seel sorge iin Felde zugelassen n>orden sind Was sich während des Gencrotais des Paters Wernz im Innern des Jesuiten­ordens abspieltr, wie sich das Berhaltnis zwischen Papst und Jesuitengcneral gestaltete, davon ist nach aussen di» säst nichts bekannt geworden Und doch ist dieses Kapitel von so grosser Bedeutung für die katholische Welt und das deutsche Kulturleben, daß man cs in diesen Tagen trotz der Aufregungen und Spannungen des Krieges nicht über schlagen sollte

Während der acht Fahre, die Pater Wernz als Jesuiten eneral waltete, hat der Orden des Ignaz von ibttola eine edeulsame Umivalzung erfahre». Tie Geschlossenheit und "Disziplin der Gesellschaft Jesu, durch die Jahrhunderte lnndurch berühmt und gefürchtet, erfuhr eine» schweren -Stoß. ia man kann sagen, der Fesuitenordc» hat seinen spezifisch jesuitische» Eharakter verloren Wer traute dem alten Jesuitenorden und auch dein von Pius VII. tvieder- hergeftellten innere Meinungsvenchiedenheiten und Revol len zu? Das ganze Leben und Wirken des Ordens war durch die strengste Jucht, den bekannten Kadavergehorsam derart strass geregelt, daß kein Jesuit anders suhlte und tvollie, als die Oberen bestimmten. Dieser Umstand eben machte den Jesuitenorden zu einer so geiraltigen Waise in der Hand seiner Führer, zu der unbedingt zuverlässige» Leibgarde des Papsttums in der kirchliche» und i» der politischen Well Unter Franz Lover Wernz ist der Jesuiten­orden in zwei Heerlager zersallen, und der nun verstorbene >icncral selbst hat. indem er sich nach) langem Jägern und Tasten der einen Partei ausliesrrtc, zuletzt Amorilül und Macht verloren.

Etiva ein Jal>r schon saß Pater Wernz im obersten Amte des Ordens, dr nahm Pins X. den Kamps gegen den Moder »tsmus auf. Sofort imirde er von den italienischen UN) spa ntschcn Jesuiten bedingungslos unterstützt. Weruz tonnte aber nicht die Heercsioige der deutschen und der öster­reichisch ungarischen Jesuiten zusagen Diese waren im Gnuide zwar selbstverständlich ebensallS milimodernistisch, aber die Strategie des Vatikans gefiel ihnen nichi Der diszi­plinarische Weg das autoritäre Verbiete» und Jüchtigen, jo crftärteu sie mit Recht, sei wohl nicht der richtige Weg: der Modernismus als wissenschaftliche Bewegung könne nur mit ivissenschaftlichen Waffen bekämpft ivcrde». Und diese Meinungsverschiedenheit ries wieder die alte Streitsrage aus dem Grab, ob und ivie die außerkirchfiche Wissenschaft zu befehden sei Die Italiener und Spanier waren bereit, den Papst j einem glühenden Anathema zu unterstützen, das über jeden und allen Modernismus zu schlendern sei; die deutsche» und österreichischen Jesuiten dag wen waren geneigt, mit dem Modernismus Frieden zu schließen, soweit er nicht gegen das Dogma der Kirche verstoße. In dem nn» einsetzeiiden niehrsährigen Kampie war der Führer der denk jche» Partei der Pater Kolb General Wernz schivankie E>» Jugeilandnis an die deutsche Richtung erschien ihm nicht undivloinakisäi, und wer weih, ob es ihm nicht gelungen wäre, de» Papst zu einer versöhnliche» und ausglcichenden Politik zu bewegen, ivenn nicht die eigentlictien Herren des Vatikans, vor allem die Kardinale Merrn del Val, De Lai und Billot die Parole strengster Jirtransigenz ausgegebe» hätte». Eines Tages im Frühjahr dieses Jahres begab sich

Pater Kolb, der deutsche Jeftiitensührrr. in das Jesuiten kloster in der Straße San Rftcolo da Tolentino und stellte dem General Wernz ein Ultimatum. Sollte der unbeugsame Wille des Vatikans den Orden von seinen wissenschaftlichen und kulturellen Richtlinien abbicgcn wollen, io bliebe den deul> scheu Jesuiten, so erklärte Kolb, nichts anderes übrig, als eine Palastrevolution und trdensneugründung: die Haltung derEivilra katdolica ' und der übrigen Jesviienblätter Jtä liens und Svonieiis sei unerträglich, die deutschen Jesuiten müßten da die Heeressolge versagen. General Pater Wernz war nun io zwischen Vatikan und der deutschen Jkfuncnvartei in die Enge getrieben, und er fand keinen anderen Ausiveg, als dem Geianikord?n in Sachen des Modernismus eine weise Jurückdaltung auizuerlegen und das blinde Verurteilen aller modernen Theorien zu untersagen. Er tat das nicht aus liefe rer Erkenntnis, sondern ui» zunächst einmal die Einheit und Geschlossenheit des Ordens zu rekte» Wäre es ihm gelungen, sich mit dem Papste direkt zu verständige», so stände der Jeinitenordc» heute bei dem Ableben der beiden, des Papstes wie des Generals ganz anders da. So aber ist aus den schwarzen" Jesuiten nach den« Ausspruch eines bekannten/ sehr freimütigen Prälaten der Kurie dergrüne"' Jesuilis mus geworden, und man kann gespannt daraus sein, wie der Nachfolger Pius X. und der küniiige Jesuitengcneral die abgerissenen Beziehungen wieder ausnckmen werden.

Rom. 2l. Aug. Jwischen ö und 7 Uhr nachmittags wurde die Leiche des Papstes in dem Throusaal durch das diplomatische Korps, das Patriziat, de» hohen Klerus und die Angehörigen der religiösen Orden der Hauptstadt, besonders der Schwestern, beiichtigt. In dem mit rotem Damast ausgcjchlageuen und elektrisch ephelüe» Thronsaale versehen die päpstlichen Truppen den Ehrendienst in großer Uniform, Ter Papst ruht, bekleidet mit den päpstlichen Ge »ändern, aus einem von vier Kerzen umgeben'» Tisch unter dem Thronbaldachin. Die Ausstellung der Leiche ivird bis morgen dauerp. Daraus wird sie feicrtid* ,» die St Peters Basilika ndergesührk werden. Ter Kardinal Eainerlengo deila Volpe legte die Siegel au die Privatbibliothek des verstorbenen Papstes an.

R o ni, 21. Ang Das Testament des Papstes, dos beute eröffnet wurde, enthält den rührende» Satz: ,,Jck> bin arm ge boren, half arm gelebt und will arm steäbeii." El? verfügt nur mäßige Unterstützungen an Verwandle und liderlißt dem Rach iolger die Zuweisung von 1 Ut> O 0 Lire a» Familien, welche Summe fcn Papst geschenkt erhalte» hat. Er wünscht ei» cinjackics Be gräbnis und keine Einbalsamierung.

Aur dem ostpreutzischen wetterWinkel.

Tqs sieg und erfolgreiche Gefecht bei Stall.»- pöiie» hat gezeigt, daß seil und treu auch die L-qckZ gut Oste» steht, nud daß sic ein scharfes gutes Schwert iührt. De» russischen Wolf gelüstet es ivohl, sich des hübschen, sreundlicheu Gumbinnen zu benüichtige», oder des rührigen und gewerbreicheu Insterburg, oder gar des schönen Königs­berg. Aber er wird sich das Gelüste ivohl verhalte» müssen, den» die Ostpreußen sind ein Schlag vv» Granit, daran er sich die Zähne ausbeiße» könnte. Sic sind dauerbar, zäh, kräftig. schwer aus der Fassung nud schwer aus dem Humore zu bringen, aber unwiderstehlich i» der ruhigen, nickit zu erschütternden Tatkrast, die ihnen eigen ist. Ei» fester Schlag ist hier im äußersten Nordssten unseres Vaterlandes zu Hause, und sic lenneu die Russen und fürchten sie nicht. Sic haben'sie kennen gelernt im guten und im bös?». In den Tage» des großen Friedrich haben die russischen Horden hier gehaust, und dann, vor IO) Jahren, nach dem denk würdigen Vertrage von Tauroggen, sind sie als Freunde hier ins Land gekommen. Ter Ofipreußc hat zu viel vom russischen Wesen aus nächster Slähe gesehen, als daß er sich durch Jahlcn über die Größe Rußlands und seines Heeres

bange mache» ließe. Er braucht nur über die nahe Grenze zu gehe», um durch de» Äugenfthein zu lernen, welch ein Unterschied zwischen der gesammelten Kraft deutsch«, Lan­des und der säuvamiiiigcn Ausdehnung des russischen Wesens und Lebens besteht.

Rußlands Nachbarsckmft macht sich hier auch klimatisch recht fühlbar. Streng sind die Winter und heiß sind die Sommer. 'Aber an seiner Scholle hängt der Oskpreußc mit einer Liebe, die i» ganz Tentschland beinahe nicht ihres­gleichen hak W'-u er auch immer sei immer schul er sich nach den Wäldern und Heiden des oslpaeußijchen Landes itriirf: und wenn man hier auch nicht jene Reize ftrcheir darf, die das Reisehandbuch mit einem Dvppelstern zu be­zeichnen pflegt ein schöne- Land ist cS doch. Es hat etwas Großes in seinen Verhältnissen, mrd die Höhen an Pissa und Memel biete» oft Aussichten von überraschendem Reize, lind ettvas Großes. Breites hat auch die ganze Lebcns- führniig hier. Ter Oslpreuße ist ein 'Mann, der lebe» und leben lasse» iwll; und wenn der Laudnnrt in der Kreisstadt eliikehrt, dann geht es hoch zu, nwbei der unerschüttcrlickn- Humor dieses Volksstammes das Beste tut 'Ader cs heißt a»ch hierzulande: saure Wochen frühe* Feste. Er weiß zu arbeite», der Ostprcuße Tie Landwirtschaft lierrscht hier durchaus, iie gibt den Ton an, aus ihr beruht der Wohl­stand: und wer die großen Güter dieser Gegend besucht, der erkennt, sofern er der Landwirtschast nicht ganz und gar fremd ist, daß hier ei» zäher Fleiß und eine zielbetrmßle »tiisi.ht der Erde reichen Segen abzuringe» versteht. Der Preis der Arbeit ist nicht ausgeblieben, und alle Städte und Städtchen der Gegend, Insterburg ivie Gumbinnen, Stallnpönen wie Eudkbuhne». bezeugen ein fröhliches 'Aus- blühc».

E v d I k» h » e ii ffi eine Ansiedelung jungen Ursprungs. Jsti Jahre 1 stK*, als die Ostbahn durch Erössniuig der Strecke Llallupönen-Endtkuhiien vvllendet ivurde, besand sick> hier nur ei» Bahnhof und ei» paar elende Häuser. Das ist jetzt »ickik viel über ein halbes Jahrhundert her. und heute bildet Eydtluk.iien eine» drei Kilometer langen sreundlictn-u Ort, der sich längs einer hübschen schattigen Straße entwickelt und der sich sogar einen schönen Park angelegt lzat. Tic Russen kameii i» Friedenszeiten gern über die Grenze in diese» ersten deutschen Ort herüber, schon danun, iveil die Lebensmittel i» Evdtkuhnen wesentlich billiger zu sei» pfleg­ten als drüben tu Kidarth, dem russischen Grenzortc. Jwischen beide» bildet der Fluß Lippons die Grenze, der dis zu seiner Mitte deutsch und danu russisch ist. Kibarth ist niaiichem. der nach 2t. Petersburg zu reisen hatte, ivegcu der »mstäiidlichen und peinlichen Zoll- und Paßuulersuchnng in nicht gerade angenelimer Erinnerung geblicb«,. Für eine russische Grenzstadt ist es verhältnismäßig sauber und ireuiiblicli Der Baiaibos, du* Kirche mit den« uvvcrmeid- Itrti'en Jwiebelturme lind stattlicki genug. Aber inmi betritt launi hier den russischen Boden, als nian sogleich die kiese Verschiedenheit des Volkstums hüben und drüben cmp- sitidet Tie Männer hier scheinen ivie ans einer und der­selben Schachtel genommen. Es fehlt die JndividnalisiertUtg, die den deukschcii Menschen kennzeichnet; eine Masse, eine unnnierschtedene Masse scheint es, der nian sich gegenübc» sieht.

Nicht überall empsängt Rußland den Reiscildcn mit einem Orte, der sich, ivie Kibarth, immerhin noch zeigen lassen kan». Ueberschrcitet man die Grenze weiter südlich, im Masurenlande, etwa in der Richtung von Lhck aus, so ist das Bild, das uns empsängk, ein ganz anderes. Tabct stößt man bicr schon nach kurzer Jeil a»i eine Stadt, eine ivirkliche Stadl vvn 10000 Einwohnern. Das ist das in der jüngsten Zeit ailch bereits iviederholt genannte Grajewo. Aber so wie in dieser S>tadk sicht es bei uns nicht im eleiidslen Torfe aus. 'Anton Hensel bat einmal von diesem russischen Grenzorle eine anschauliche Schilderung entworfen.

Lrle'. nisje zweier norwegischer Stiiöcntcn in veuischländ.

Die Zeitung Tidens Tegn i:> Kristiania bringt in ihrer Nr. 220 vom 12 August den solgente» Bericht, der vcrbient, auch i» Deutsch­land vekanm in werden. Ein ireundlicher Leser unseres Blattes stellte uns die Ilederietzuag ins Teutiäie zur Verfügung:

Vier Tage iit Mainzer Gefängnis wegen des Verdachts der Spionage.

Glänzende Organisation und begeisterte Stimmung in Teuljchlaiid.

Zwei norwegische Studenten, Tobli und Tvelen, die -rode, als der -Iiicq ausbrach, eine Radiatinaur durch Teutich and machten, und gestern nacht mit dem Tainxischijs M. G M c l chio r an? Kopenhagen uirüägelehrt und baden uns ihre Ertebnisse erzählt. Tic waren »ichl durchireg angenehm, aber die beiden junge» Männer waren letzt. wo sie alles üderstanden hatten, ganz hingen'ien, daß sie den großen Begebenheiten, die jetzt vor sich gehen, io nabe geive-en waren.

Wir kamen am 17. Juli nach Stemm Von da radelten wir ganz gemächlich »ach Heidelberg und dann weher nach Worms rlcberott begcgnere uns die Bevölkerung mir der größten L'ibens- würdigkeit und wir batten es nch'.ig gut. Am l August dciande» wir uns aui dem Wege nach Mainz: es uw der Tag wo an Ruß land »er Krieg erklärt wurde Als wir Mainz gegenüber angetom men waren, bielren wir, um die Jacken anzuziebe». denn wir toollien nicht in Hemdsärmeln in di- Stad: iabren Plötzlich sabcii wir eine» Otiizier »»mittelbar nebenns Er Karte, daß wir nicht Tcutsch 'vrachen und wurde augenscheinlich gleich mistir rutsch. ?r sprang aui einen Slrrßenba,»wagen un> an der nichsren Halle Nette üieg eine Anzahl Polizisten und eine Milikärvalrouitl.' ab, die am nn? zuiamen. Einer der Polizisten sragie, ob wir Deutsche wären Wir aniaarteien nein und zeigten unsere Polüzeipäii?. Er fand diese nicht genügend und besaht uns, ihm nach der Polizei starion zu folgen. Begleitet von Polizei,und Müitär und von ver ichiedenen Neugierigen zogen wir i'o in die Stadl ein. Am der Polizcuvack»' iciglen n-ir nieder unsere Pässe, aber man glaubie »ich: recht, daß die echr wärerr. sie nützten uns also nicht- Von de, Polizeiwache imirden ivir nach dem Justizgebäude geführt, wo sich dieselbe Szene wiederholte und von da wurden loir unter Be wachung nach dem Geiängnive gebracht, dem kogenannlen Prornn zial-'Arrefthaus. Wir glaudie», daß wir auch jetzt imeder nur einen- Verhöre unrerwarien und dann tosgelafsen werden würden Es wurde uns »aber recht undeimiich z» Mme, als man uns bicr trcnme und icacn für sich in einer Geiangcncnzclle unrerbrachre

Ich wußte nicht, was aus mauern Kameraden geworden war.

sagt Hr, T ä hl i. und ick kann nicht leugnen, daß ick» etwas ängst­lich >oar. Wir batten 21>ii'chläge gesehen, daß der Kriegszustand er »ärl war, und in Kriegszciten wird ja oft kurzer Prozeß gemacht Run kani ein Geiangenenuusieber zu mir in die Jelle unö bat mich, ihm zu solgen. Kurz daraui bcsanoe» wir uns draußen im <ße- iängniskorridor Ich wurde ins Vad iommandie.rt und inzwischen bedielt man alle ineine .Kleider, untersuchte sie genau und nabm alles heraus, was sich darin beiand. Unsere Räder und eine» pholvgravbiiche» Arrarat, den wir mithatten, hat die Polizei gleich in Verwahrung genommen. Tann mußte ich in meine Jelle zurüäwaiider». Ju bestimmren Zeilen durste ich draußen im ißc- sängnisloie zusammen mit einigen andere» Gesangenai irliieren geben. Die Anzahl der Gesaiigene» wuckzs übrigens beständig; cs waren alles Leute, die wie wir der Srionage verdächlia waren. Ein Mann, den ich iür den Geiängnisarzt hielt, cnvics iich ipäler als ein amerikanischer Student, den inan auch im Verdachte lzattc, er fei ein Spion Inzwischen sab icki nichts von meinem Kameraden Ich veriuckueJa m elsker"' Da? norwegische Aarionallied:Ja, wir lieben dies Land", das B Björnson gedichtet bat. Anm d Ueb. zu vicisen. um ivomöglicki ein Jeickien von ibm zu^be kommen, abc: rergebens. Er erzäblle nachher, daß er michnien im Geiängnisho'e habe irazieren geben sehen, aber er hatte nichts tu» können, um iich zu erkennen zu geben. Er befand sich ungesähr in derselben Stimniung wie wir

Tic Geiangaieiiausselier behandelten uns übrigens >ehr lieben? würdig Wir versicherten, daß wir nichts Böse» getan batten: sie sagten, daß sic uns glaubten und daß wir sicher bald irürden los- gelassen ivcrden. Aber zugleich böricn wir die Auiseher von anderen Gefangenen smechcn, die erschossen werde» sollten. Tas war ja nichi gerade sehr gemütlich. Inzwischen vergingen vier Tage. Tie beiden crstai Tage iwltcn wir rs in dem Geiänqnisfe iehr gut. denn wir dursten Essen kauien, das für uns aus der Stadt nrbolt wurde. Aber an den beiden letzten Tagen wurde uns bas nicht gestattet, wir mußten uns mit der gewöbnlichcn- «Keiangcnenkost begnügen und es war nicht io leicht, sich mit der adzustndrn

Endlich schlug aber die Stunde der Befreiung. Man teilte uns mit, das, iich der Verdacht gegen uns als unbegründet erwiesen habe und daß ivir frei feien Wir bekamen alle unsere Sachen zu rück, auch den pbotogravhiich, n Äpparai Ten Film der darin gewesen war, hatte man entwickelt und wir bekamen auch die Bilder mir. Wir hatten unlerivegs Tagebücher geführt und diese Dage dückier ivaren anem Ueberietzer übergeben worden und der Inhalt ins Deutsche uterfetzl Ter Manu, der uns untere Sachen zuruck- gab. überbrachre zugleich eine'liche Entschuldigung wegen der Verbattung. Aber sagt-- er, jetzt in der Kvieqszeii und wir ge- nötigt, alle möglichen Borirchlsmaßregel» vu beobachien, denn wir wissen, daß sich hier in Teurschlanü eine Menge Spione bestnder.

Wir versickicrie» unsererseits, daß wir das durchaus begriffen und uns nicht beklagten. ,

Beim Al schiede bekamen wie den guten Rat, daß wir so schnell ivie möglich nacki Hause reisen sollten, da die Bevölkerung ictzt ein begreiiliches Mißtrauen gegen alle Ausländer nähre.

Versehen mit einem Scheine von dem nonvegischcn Bizckonsul dieser war übrigens zugleich deutscher Lsstjier waren wir i'o glücklich, gleich einen Ing »ach Frankfurt a. M. zu bekommen, '.'llber tic Vergndrruiig. die im Laute der vier Tage, während deren wir im G, -änqni? gesessen hatten, vorgcgangcn war, ivar ganz ml'liii'cnfc. Es war, als ob es gar nichi dasselbe Laüb und das­selbe Volk wäre. Wo srnher Rübe und iKeinütlichkeil geherrscht halle, war setzt alles Bewegung. Aiiiregung und Begeisterung. In Franliurt riet man uns, uns ruhig in einem Hotel auizuhallni, bis die erste 'Aufregung nch gelegt hätte. Aber das würde für uns zu teuer gewesen sein. Wir mußten sehen, fort zu kommen. Einer von denen, die freiwillig Soldatendicnste leisteten, erbot sich, uns durch die Straßen zu begleiten, »m zu verhindern, daß uns die Volksmenge iür verdäibuge Personen hielte, und alles ging gut. Wir sicherten uns zuent einen neuen Schein von d,'m dortigen iirrwegii'ckien Konsul und dann zogen wir iveiter. Wir waren so alücklich, m>! einem Militärzüge sorlzukommen, der bis Hamburg durchgehe» sollte Aber die Fahrt dauene trotzdem drei Tage, west 1er Aug an »Hat Stationen hielt und beständig neue Truvven auinabni, mast Frawillige. Tie melden sich in gewaltige» Scharen. W,i iaben viele rührende Abschiedsszenen. Die Frauen weinten freilich sehr, ivcnn sie von ihren Lieben 'Abschied nahmen, vielleicht ttim letzten '.usale. Aber ivir faben nicht einen einzigen Soldaten, der im Geringsten niedergedrückt erschien. Im Gegenteil. Es herrschte in de» Reiben eine einstimmige Begeistenina. Sie i'anaen unausdörlichDie Wacht am Rhein" undDeutschland, Deutsch­land über alles", undNack, Paris"" undNach Paerrburg" war die Loi'ung. Aui allen Stationen wurde Proviant für die Sol­daten gebracht, Essen, Bicr. Zigarren und Zigaretten und diese teilten gern mit den Zioilreisenden. Aber die Svioneniurcht war auch unter den Soldaten stark verbreitet. Besonders die vor den den Russen. Wenn der Zug an wichtigen strategischen Punkten vor­bei kam, wurden alle Fenster geschlossen und die Gardinen vorge- zogcn. "Die Temperatur, die dann in den überfüllten Kvpecs herrschte, war unbeschreiblich.

Was einem Fremdar zu allerast in Deutschland ausfallen mußte, war die wundabare Präzision und Ordnung bei allen Din­gen. An allen Brückenübergängen standen Wachlvosten und paßten aui: überall bekam man den Eindruck, daß wachsame Augen und -linke Hände daiüi sorgten, da? alles ging, wie es sollte. Daß die Bciörderung der Ae:' uden doch noch i'o raich ging, wie cs der Fall war. trotz der ungeheuren TruppeMranspone, ist ia bewun­derungswürdig. Tie Prafe schienen nicht stark gestiegen zu fein.