164. Jahrgang
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Zweites Blatt
täglich mit Ausnahme de? Sonntag?.
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t»*-;* Die „Oietzener Zamilteirblättir" werden dem tjj »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, da? „Krmbkrtl fit de« Kreis Kietzen" zweimal wöchentlich. Die „landwirtschaftlichen öett-
seagen" erscheine» monatlich zweimal.
ener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
§amrtag, August
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität?»Buch- und Steiudruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaksion, Expedition und Druckerei: Schulstrabe 7. Expedition und Verlag: fcS^ol.
R«daktion:er^ 112. T.el.-AdruAnzeigcrlL>cßcn.
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Landsturm mobil!
Stimmungsbild aus einer böhmischen Garnison stadt.
Bon Karl Martin Reichenau.
Das ist alw das letzte Von viel des Krieg«?! Run habe ich'? erlebt. Von Zittau in Sachsen fuhr ich am Montag morgen ttoch Neschenberg, einer blühenden, lebbasien Mittelüaoc Xeutnty bö&Bwns, in der die beiden St. K. Jirianlerie llKegimenter Rr. 74 trich 04 vom nZchrmobilisietten 0. Korr^ Kegen Die Strecke wird von de r '«Hirschen Enenbahnverwaltung detrecden. rächt das österreichische Küpm. dre grunbttckmürte Eiiendaünermütze herrscht arck chr bis »um schwär zgel den Enrpunkr, aber wenige sMhrwrrnurei' hinter Zittau rvlK der Zug bereits in unser verbündetes Nachbarrcich.
Schon in Zttdau g-.erg es so zu. als ob sich die trenn dir che Garierrsiadt an der Maneau im Mobilmachungszustunde bcsändc. Hunderte von ößerrrick, scheu Rttermsten und Laudsiurmvsiichtrgen belagerten die „bödmrscke Erke" des Bahnboics, in der einen Hand ihr meist geringe- Esi-päck, in der anderen ihre die Fahrkarte ersetzende „Ordre", beuv die „Lanttsturnttvidmungskatttt' ballend Sind dock in Zittau und Umgegend, in der ganzen Ober- lousitz. lausende von österreick»scheu Arbeitern und Angrsieilten beschäftigt. und vrele andere ihrer Landsleute sind seit Jahren dort mtt Frau und Kind ansässig, sind kleine Haus- und Grund- beirtzer und ganz rrnd gar mit 'Sachsens iloden veovochien, ohne ihre Sraatsange vorig kctt ansgegeben zu haben. Und sie alle bis »rm Aller von 37 Jahren, dem 77er Jahrgang, ritz nun das B«erlaw>,-qebot iah aus dem Wurzelreich ihrer zweiten vermal! Und iür sic alle führte kein anderer Weg. als der nach Reichender«, mochten ihre weiteren Bestimmungsorte auch Jicin, Hohewnanih, Tsckwslou oder anders beißen
Eine geeignetere Strecke, um einmal Kn-qsltrmmungen mit- huerleben, konnte ich also gar nicht wählen, Dutzende warn, bereits am Sonnabend, Hunderte am Sonntag gereist. aber den Paupttroß der Tausrnde imd Abertausende brachte der Montag in Bewegung Ein denkwürdiger Wochenbeginn!
Auch mein Zug war von Einberufenen überfüllt, und in den driternander verbundenen Abteilen des Wagens ivar ich der Einzige, der sschani eigene Rechnung und Ge-atzr nach Oeswrreick» begab, von er» paar döhwischrn Reservrstenbräuten und Landfturmfrauen abgesehen Aus dieser Fahrt bade ich eigentlich schon alles erlebt, was sich:m weiteren Tageslaufe rn Reich nberg wiederholte, und »»vergeßlich wird mirs bleiben. Ein vrächiiger Geist herrschte ,n ihnen allen, den jüngeren wie den Aelteren, die da gemeinsam emem uiibekannlen Schicksal enlgrqensuhrrn, eine schlichte Männlichkeil, eine — wre soll ich sagen - tvirrdige Fröhluhkeft. und aucki aus dem Munde des einfachsten Burschen kam kein Korr, daß mißtönend in den Ernst der Sturze hinein geklungen wäre Wohl aber legte mancher der wackeren, sonnenqebräunten Geselle» in der sebhasren Unterhaltung eine unvermutete, genau« Kewitins der kriegsgeschichtlichen Daten seines Bäterlaudrs an den Dag Auffallend groß war die Zahl der älteren Einberufenen, derer, die gerade eben noch mninnftten, weil sie nicht ein paar Monate oder Wochen später das Licht der Well erblickten. Und all die schlichten Worte dieser kernigen, gesetzten Leute verrieten Schicksale: „I bnb' e' Frau und fünf Kinder in Sachsen lassen tnüÄen", lagt einer, „Und i' werd' an F>milienzun»ck>s vorftndcn, salls wieder henirkom'." Ern dttltei- hatte n«t> eine Steigerung: „Da scin's nur srvh," sagt er, ,.i' bin seit zwei Wochen Witwen und bab' drei unmündige Kinder im Stich lallen müssen," Er sprackrS in einem Tone, in dem ein leises, aber deutlich emtäindbare.- Verbitten von Mitleidsk::ndgrbungen lag. Man ersparte sie ihm auch, aber man fragte nach seiner „Profession" Er war 'Schmied seine? Zeichens. „3b freilich." hretz es, „Schnncde körmen's brauch-» bei der Artillerie. und au» die Handwerker ist's besonders abgesehen. Vom Tischler bis zum Bäcker, alle müssen's mit."
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Jur Abreil nebenan weiirkc leise eine Frau. Ihren Sohn in Reichender« wolltc sie nocki einmal sehen, wenn er nnbt schon unterwegs ist nach der serbischen Grenze. Da konnte man ihr freilich nicht viel Hoffnung machen, aber man tröstete sie, so gut es ging,
Zigaretten, die der Sesterr-sicher so leidenschaftlich gern raucht, wurden gegen >eirtg maiienhaft ausgetauscku. Tdwobl ,eder mit diesem unenidebrlichcn Artikel so reichlich >vre mit dem „Mundvorrat" versehen »vor. so wollte doch der eine dem anderen etwa? Liebes erwecken. Ein „besserer Herr", der sogar bei der Marine m Polo gedient hatte, verausgabte freudig ganze Schachteln „ferner Marken". Er tat dies in einer netten, selbscherständlichen Art, die nichts von der herablassenden „Leutschigkeit" an sich hatte, die den Mann aus dem Volte perle yi Es gab ans dieser Zahn ius Ungewisse auch kein Hoch rrnd Niedrig, nur Schicksalsgenossen und Kinder cincsVolkes.
Noch eines siel mir ans: bei aller Lebhasiigkeit des Gespräches fehlte ledwedc Uebertriebenheit und Pathettk der Rede, Weder „Nibelungentreue" noch „Slavenhaß" — alll solche tönende Worte waren nicht nach diesem Männersinn. Nur ein einziges Mal bönc ich das auf die Serbe» gemünzte WoN „Bande" aus den Zähnen meines Nachbars knirschen. Sonst siel kern den Gegner beschimpfendes Dort. Deutschlaiids Bundcstreue, die Achtung lwr dem Deutschni Kaiser waren gleichsam der Diskussion entrückte Dognien,
Hatte schon Zittau einen Vorgeschmack des Mobilisieriuigs- zustande? gegeben, so zeigte sich aus der ersten gröberen Station in Böhmen, in Grottau, der »olle Ernst der Kttegsstiminung, Hunderte von Einbcrusenen slürmlrii den schon ohnehin stark besetzten Zu«. Den Bahnhof zaun entlang drängten sich viele Hunden e von Menschen zum 'Abschied. Alte Mütterchen mit tränenroten und arich solche mit tränenlosen. glasig starren Augen, schluchzende Frauen und ernste Väter. Und die sonst so lustigens Grollauer Mädels hatten alle traurige Gesichter und viele weinten unaushöriick. Das war der Ernst, der griff ans Herz!
Keine Hoch- oder Heilruse erllairgen, als sich der übervolle Zug wieder in Bewegung setzte, sie wollten nicht aus den Kehlen- nur Tränerrblinken rmd Tücherwinken bildeien den Absilücdsgruß. In den zahireickren Za brr len an der Bahnstrecke setzte sür die Augenblicke der Vorbeisahn des Zuges der Pulsschlag der Arbeit aus. Die Mädchen hinter den hohen, vieltcUigen Zenstern, die Männer der Arbeit, in ihren blauen Blusen in geschlossenen Reihen an den eisernen Zabrikhoigittern stehend, sic alle winkten und winkten, bis der Zug entschwunden ivar. Tos wiederholte sich bis zur reichlich verspäteten Ankunft in Reichender«.
Von Einberufenen der versck'iedcnen Truppen!eile »mnirnelte es aus dem slatllicheii Bahnhof, und eine Meiischenmauer mutzte lman schon beim Verlassen des Perrons passieren. Aus dem Vorplatz und aus dem Mtsiädter Play mit seinem prächtigen Rathaus standen lebhaft debattierende Menscheugruppen. Die kriegsnräßi- gcn, feldgrauen oder vielmehr bläulich grauen Uniformen der Reichenbcrgcr Soldaten tauchrcn in deni OVatmnmel aus und die „Schützen" mit ihren Zederbüschen, nicht mehr landsturmpftickitige Männer, zogen vom Rathaus durch die Stadt, um den Dienst der Polizei zu ergänzen. Tenn ein scharfes Lluge hatten die Behörden aus alles, ivas sich regte und beivegtr in Reichenberg,
Ms Mann der Feder aus dem Auslände, mochte es auch das dcutscku: »leüt> sein, konnte man wohl einige leise Besorgnisse bekommen: Tepcsck^nzensur, Sperrung des Televhonverkehrs nach Demschland, Etnschränkung, bezm. Einstellung des „zivilen" Eisenbahnverkehrs von nlot'gen, dem „ersten" wickiigen Älobilmackmngs- tagc, an, das ist nichts, was dem Schriftsteller, oder Beri-Ä- endattcr Freude machen konnte. Nun, meine Besorgnisi« waren bis zur Stunde wenigstens unbegründet. Milftärische Geheimnisse glaube ick, nicht ausgeplandcrt zu haben, und manckvs, was ich hörte, habe ich dem Papiere nicht anvertraut. Im grötzten „Diener Cash" der Stadt habe ich umer den Augen des „dNarkenrs", der Scrvierkellncr und PilkoloS und der zahlreichen umsitzenden
Swunngäsie ldiese Zeilen undebelligt geschrieben. Sogar Uniformen bciandcn sich in meiner nächsten Nähe. Mögen sic's sehen, wenn sie Nwllen, »vas ich schreibe, nicht nur mit der Zeder, wildern auch mit dem lderzcn für das Ki'öne, deiftsckböhmische Land, das wie ganz Seiterverch vor den Tagen grotzer Entscheidung sicht!
Au» Sta-t und kanv»
Gietzen, I, August 1914.
** Dir Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Die begreisliche Ausregung, welche durch die unsichere politisclx Lage im 'Lubliknin Platz ge- grissen lmc. maM sich auch schon bei der T^ersorgung mit Lebensmittelpreisc unliebsam bemerkbar imd Mar in eirienr Umfangie, ivie er gewiß nicht im Jifteresse der Bevölkerung liegen sirnn. Es IvLre dalnw dringend nötig, datz jeder die nötige Ruhe detvairren und sich sagen wollte, daß die mit Lebensmitteln unliebsmu bemerkbar und zwar in einem grotzen Mengen, wie sie jetzt verlangt werden, sich beschafsen können. Die jetzige Krisis kam doch auch für den Händler gern,; unerwartet und er konnte sich datier nicht mit solch grotzen Vorräten versehen, die ihm in normalen Zeiten nn>- natelang ausgereicht hätten und durch lange Lagerung verderben nnirden. Zudem kommt mKh. datz wir jetzt vor der neuen Ernte stehen und datz das Lager beispielsweise von Hnlsenfrüchtcn um diese Zeit geioöhulich sehr sie»: ist, damit später uur die neue Ware, die sonst im Augusl-Sep- tcmdcr hcreinkonimt, versaust zu iverdeu braucht. M«in soll doch von dem Händler nichts Unmögliches verlangen od,-r inan hat es sich fcflift zuzuschreiben, wenn die LebenSmittel- preise noch iveitcr rapide emvorschnellen. Wie inan uns berichtet, bemüht sich der LcbenSmitkelhandes, um die Kund' schaft zusriedc» zu stellen, schon seit Tagen, die ili», setz lenden Waren auf schnellsteni Wege herbei zu schissen. Dies ist nattirlich nur möglich durch Bezahlung höherer Preise und durch Benutzung teuerer Eil- und Expretzgnt-F-rachten, nxrs nsiedcruin die Erhöhung der Ladenpreise unbediiigt nach s,ä> ziehen mutz. Die einsichtige Haussrau dient deshalb iitcht nur sich, sondern der grogen Maemeinheit, wenn sie mit ihren Einkäufen in Lebensniittcui etwas zuräcklialtender ist und nur die Mengen kaust, die sic fiir die nächsteu paar Tage in ihrem Hauslzall gcdrauclft.
" Die Ceyl on-A u sst«11 un g ist moigen So,»it :g von 8—12 und 2—6 Uhr zum letztenmal geöffnet. Am Nachmittag ist der Eintrittspreis aus 10 Psg. ermäßigt.
Landkreis Gießen.
A Ettingshausen, 81. Jüli. Das Bauernfest, das für nächsten Sonntag geplant war, findet angesichts der bedrohlichen polisischen Lage nicht statt.
Kreis Lnutrrbach.
R, Lauterbach, 31. Juli. In den 67 Gem-sinden»^ Kreise» iverden im S-teuerjahr 1014/15 insgesamt 404 6sO Mark Gemeinde Umlage n erhodcu. Lauterbach erhebt allein 110800 Mk. gegeil KX1000 Mk im Vorjahre: Schlitz 62000 gegen 58000 Mk.; Maar 17000, Stockhmisen 13500 und Hcrbsteiu 13 000 Mk, Der Steuerroert des Vermögens beträgt in Lauterbach 27 267 500 MI., in Schlitz 13 200 600 und in .Herbstein 5 370 400 Mk : die staatlictw Einkommen - stcuer in Lauterbach 55 750 Mk„ in Schlitz 28155 und in HerWem 6 372 Mk. — Aus Anlaß der krilische» Lage sind die für ^onntag, den 2. d. Mts. vorgesehenen Wettspiel-.-
Zungenbrecher.
Die Freude an gewisse» schwierigen Worl»uiammenstrllungen, deren schnelle und käusige Wiederholung zu drolligen Sprechseblern sübtt. ist allen Völkern eigen, gehl sozusagen durch die ganze Welt. Selbst die Neger ergötzen sich an solchen Ilebungslätzen, die in ihrer Att gerade so schwierig sind wie etwa unser „Kottbuser Postkutscher" obre der „srische Zische sischenbe Zeitz von Zischcrs". Wenigstens fand der Reisende Pechuel-Lösche. daß „die Ncqcrwutter an der Loanaoküstc das Kind Versehen lebet, die abiichllicki sehr schwierige Wottverbindungen enthallen und beim schnellen Hersagen die ungeübie Zunge »um Straucheln bringen. Das lluge Kind wird, ganz wie bei uns. Besuchern vorgeiübtt, erregl Bewunderung und Heiierkeit." Originelle Schnellsprechübungcn belauschte man u.a. auch wieder in Siam. Für »ns aber sind natürlich die beimischen „Zungenbrecher" am interellantesten, und darum sollen hier einige zur fleißigen Benutzung empfohlen iverden Sehr viel beitragen »uw iselenkigwerden der Zunge dürste z. B die Zusammenstellung „In Ulm mtb um Ulm und um Ulm herum": angsitzich ist dieser Zungenbrecher au» rinem in Ulm abgebaltenen willenschaftltchen Kongreß durch Zufall entstanden. Er erreicht icdensalls an Schwierigkett beinabe dos altberübmte „Meßwechsel sur Dachsmasken", und leicht erscheinen ihm gegenüber die Sätze „Die Katze tritt die Treppe krumm" oder „Esel ellen Resseln gern". Die beiden Fragen „Welcher Meyger wetzt sein Metzgermesser?" und „Fressen Trommeltauben Trauben?“ sind dagegen wieder recht keimtückisch. Ebenso verursacht die häuftge, schnelle, seblerlose Wiederbolung der Worte .chrri Tecrtonnen, drei Trantonncn" den meisten Leuten große Anstrengung. Denn so unschuldig diese Tonnen aus den ersten Blick ausseden. so schnell vftegt man doch darüber zu stolpern Gutes Cfl sür ungelenke Zungen sind ferner die Sätze „Wenn einer nnem einen Eimer Waller übergießt" oder „Die Bürsten Mit »en schwarzen Borsten bürsten besser als die Bürsten mit den Peißen Borsten". Und nicht zu vergessen ist außerdem das „Pächtrr- 'öchteriechtelmechtelchen". Das erstemal läßt es sich allerdings »anz barmlos an. sc öfter man es aber wiederholt, desto lnchenk sicher wird die Sache. Um zu zeigen, wie sich ftemdivrachliche Zungenbrecher ausnebmen, mögr zuletzt noch ein iromzösiiches Wort rngkiüdrt werden, das aui deutsch beißt: „Denn >'cchs Sägen sechs Znpresien sägen." Französisch aber sautet es: „Si sir scie? tcienl iix evprös." Das gibt alw das Klangbild „Sisisisisisiprä".
Für Zungerrübungrn bekundet natürlich der eine mehr, der ludere weniger Talent Außerdem Verhalten sich dir Menschen den nnzelnen „Zungenbrechern" gegenüber mich 'norviduell verühie- »eu So kann dem einen tatsächlich leicht iallen, was dem andern sie größten Sckwicrigftitcn bereitet, und umgelehtt. Auch hat wvbl jeder ichon an 'ich selbst beobachte,, daß er in der ©Triam- feil die schwierigen Worte viel öfter richtig »u wiederbolrn vermag als in Gesellschaft Die? rührt daher, daß man im letzteren Falle selten die starke Sammlung erzwingt, die beim Mein>ern l»chk zu erzielen ist. Schon das Bewußtsein, daß dir Umgebung voll Schadenireuüe aus tue erste Emgleisimg wartet, bwm dazu, Heu Konzentration $u stören.
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— Der Rückgang des Kunstmarktes. Die großen Londoner Kunstaukrionen dieses Jahres find abgefchloisen und nun. iw ein lieber bl ick über die Gesaand-ft der Umlaye möglich wird, »erg! sich, in wie starkem Maße die oolithchen und fmairziellen Kenne-- gungen der letzten Monade den KunstobtrÜ beetnAuftt
haben. Im Bcrglcieh mit den voraufgehcnden Jahren hat der Londoner Kmiltmarkt nur bescheidene Erfolge zu verzeickmen. Zahlen spreckum. 1314 wurden insgesamt nur 37 Gemälde ersteigert, die mehr als 30000 Mk. erzielten. Für die vorangehenden Jahre lauten die enhprcchenden Ziffern: 1313 85 Gemälde, die mehr als 30000 Mark erreichten, 1312 60. 1311 61. 1310 53, 1909 78 und 1908 54, Dabei hat sich das Verhältnis von Käuser und Verkäufer immer mehr verschoben: der Einfluß der Amerikaner als Känscr ivächst, die englischen Besitzer von Kunstschätzen erscheinen fast nur noch als Verkäuscr. Den höchsten Preis in den Der- steigcrungslisten des Jahres 1314 erzielte der der Verstrigerung der Sammlung Gvcnll'll der „Mann mir der roten Mühe" von Tizian mit 273 000 Mk., an zweiter Stelle steht eine Landschaft mft Kühen von Gainslwrgh, ebenfalls Sammlung Grensell, mit etwas über 170 000 Mark, an dritter Stelle Romneys „Miß Eonslable" mit 151000 Mk. Aui dem Markt kunstgewerblicher Anttquitäten stand die Venieigerung der Silbersammluug Asbburn- ham an der Spitze: den höcküren Preis erzielte das 1713 von Beir jai i n n Phne geschaffene Toileltenservire, das mit 122 000 Mk. bezahlt wurde. Der Markt alter Stiche hat dagegen einen R c - kordvreis zu verzeichnen. Bei der Versteigerung der Sammlung Northwick erzielte Grcens Stich nach Repnolds Lady Betty Delmö 36 750 Mk., den höchsten Preis, der bisher je in London für ein illcezzotintoblatt bezahlt wurde,
— Ein Millionenvlan Lenbachs. In den Erinnerungen on „das viltorianische Engürnd". die Lad" Blennhassctt gegenwärtig in der „Deutschen Rundschau" verönentlicht, findet sich eine .reizende Erinnerung an Lcnbach. „Unser Meister sprach kein Wort englisch", so heißt es da, „schwärmte aber für englisch- Maler des 18. Jahrhundetts, betrachtete die Landsleute der Reynolds »ich Gainsborougb prüfenden Auges, aber wohlwollend über eine Brille und verwies es seinem Liebling, dem schvarzen Spitz, s«b unangenebm zu machen, was auch ein Zeichen der Gunst war. Lenbachs Jntereffe an englischer Kunst weckte bei sinn den Wunsch, die Reden zu lesen, die ihr Präsident Sir Joshua Reynolds, vor der Alademie zu London geballen batte. Ich erfaßte die Gelegenheit, meinem Wohftätcr, dem ich die Porträts von Mutter, Gatten und Kindern verdanke, und den ich veranlaßt hatte, Döllrnger zu malen, auch einmal eine lleine Freude zu bereiten. Ich schrieb also eine kurze biographische Skizze von Reynolds, kürzte sinne höchst interes'anten, aber etwas weitschweifigen „Discourses" in der Uebersetzung und erschien iml diesem Manuskript in Lenbachs Atelier. Er zeigte sich Hocherftcut. Mft Reproduktionen noch des Meisters besten Bildern versehen, solle das Game in einem Prachrwerk vereinigt werden, erklärte er: den Erlös von wenigstens einer Mftlftm würden wir teilen! Rach einiger Zeit wünschte üb aus irgend einem mir nicht mehr erinnerlichen Grund einen Blick in die „Reden" zu tun und bat um dos kostbare Manuskript. Lenboch suchte und suchte, fand es nicht wieder und die glänzende in Aussicht gestellte Finanz- opevatton verschwand mft ihm!"
— Das Gaslicht uitb der Vatikan. Anläßlich ihre? 60. Jahrestages hat die englll'ch-ftaltenische Gesellschaft von Rom eine interessante kleine Erinnerimgsfchrift herausgegeben, die nickt in den Buchhandel gekommen rft und nur an eine Anzahl von Freunden des Unternehmens verteil t wurde. In der Lchrift wird auch von den Schwierigkeiten erzählt, die scinerzeft der Begrün^ düng der Geseüichgft und der Emführung der Gasbelcuchttriig
in Rom cntgegenstanden. Im Jahre 1844 hattr süd der englisch-. IJngcnieur lohepherd in Rom niedergelassen, wurde von der Gc- sellschast selxr liebenswürdig auigenoimnen und erbat auck> schliesslich vom Papst Gregor XVI. eine Audienz, bei der er den " apit -um die Ermächtigung ersuchte, in der ewigen Stadt eine Gassabrik arrichlen zu dürfen. Tie Bitte des Engländers wurde sehr wenig günstig ausgenommen. Der Papst schüttelte den Kops: „Ich verstehe nicht, wie Sic mir einen Plan vortragcn lonnen, der den ^Interessen der Kirche so zuwider läuft," Ter englische Ingenieur N>ar über diese Auffassung uickit wenig verblüfft und meinte, er vermöge nicht zu erkennen, in welcher Weise die Gosbeleucd- tung aus die Religion einen Einfluß haben könne. „HöckR u»e mittelbar," anttrwrtetc der Papst, „die Gläubigen pflegen vor deir Bildnissen der Madonna Kerzen brennen zu lassen. Was soll aus diesem schönen allen Brauch werden, wenn die Gläubigen aui der Sttaßc plötzlich viel heller sttahlende Lichter sehen?" Und dabei blieb cs, der Plan einer Gassabrik mußte saften gelassen werden, As später Pius IX. den Stuhl Pttri bcstteg, hätte er, der modernen Ideen weniger ablwld war, die Unterhandlung-n wieder eröffnet, wenn die Revolution ihm nicht dringendere Aufgaben gestellt hätte: 1852 aber, nach seiner Rückkehr nach Rom, wurde wieder unterhandelt, und »wer Jahre später konnte die Gasbeleuchtung eingcwesift werden. In seinem prachtvollen Palazzo am Korso gab der Fürst Doria Pamphili ein herrliche > Fell, das als „nrärchenhaft" geschildert ivird, denn im Wintergarten brannten nicht weniger als 2000 Gasflammen. Noch einmal sollte es zwilchen der Gesellschaft und dem Vattkan zu einem Kon- slikie kommen, und dos war im Jahre 1833. Diesmal handelte es sich nichl mehr um das Gas, sondern um die Elektrizftäi in den Ksivchen Roms. Verschiedene Gemcinden forderten eleftriicbes Lickt, donrnter auch Familien, die ein Gelöbnis abgelegt hatftn, „ewige Lickteck^ brennen zu lallen, Ter Vikar von Rom, Kor- dniol Parocchi, zeigte sich damals dem eleftrischen Lickst' g«qenül»er nicht weniger ablehnend als Gregor XVI. gegenüber- dem Gas Er verbot di- Einrichtung rlektrrichen Licktes in den Kirchen, Er> als er starb, änderte sich das, eine der ersten Handlungen seines 3lach- folgrrs war die dluibebung dieses Verbotes und auch des ältere!» Verbotes gegen das Gas,
— Sl. BureaukratlusundderPhonogravh Vor 3 Jtzhren starb in Paris eine Frau und vermachte dem 31. Zn- santcrieregiment in Melun einen Phonographen. Der Oberst des Regiments nahm die Stiftung an, im Unterossizierlasinp sollte der Avparar Auntellung finden, .Allein St, Dureaukrattns ist ein Feind von Ueberstürzung. Er machte sich an die Arbeit, kind endlich wird die Frucht seines Fleißes genießbar. Im Ollieiel ersch eint ein Dekret: „Der Präsident der Republik, au? Bericht des Kriegsminister? usw., aus Grund des Kodizil vom 10. 3iuli 1911 . . gemäß den Bescheinigungen . . . ., gemäß
des Schreibens des Seine-Präfekten.....nach 8 310 des Eodc
civil.....gemäß dem Dekret von 1836" ufw. bcssimmt lner-
mir: „§ 1. Der Kriegsmrimier ist ermächtigt, die Sttftung eines Phonoqrrrphrn für das 31. Jnianterieregiment anzunebmen 8 2. Ter Kriegsminister wftd beaunragt. dies Dekret aüszufükren. Gegeben zu Patts am 6. Juli 1911. Ter Präsident der R-vublik: gezeickm«: R. Poincare. Der Kriegsminister: gez. Messimy." Run endlich kann der Herr Oberst leinen Photographen holen lassen. Hotzcmlich suuüioniett er noch. ....


