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Zweites Blatt

X64. Jahrgang

gifäcint täglich mit Au?nahm« de? Sonntag?.

Tie»irßener HtmiNeuhlätter" werden dem .Anzeiger' »tern^al wöchentlich beigelegt, da? Ktcisfelan ffit de, Kreis Gießen" zweimal w»ch«ulich. DiercmdwfltschaftNchen z«tt- sragrir" erscheinen monatlich zweimal.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Dienstag. 28. Juli

Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversilätS - Buch- und Steindruckerel. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^51. Redaktion: 112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.

Schwere Ausschreitungen in Dublin.

London, 27. Juli. Nationalistische Freiwillige, die von Wowih nach Dublin fturiuHelrrteti, wurden in Cloniarf von Polizeisoldaten angehalien. Es entstand ein Hand­gemenge. Die Truppen gebrauchten die Schußwaffe, mo» bei mehrere Personen verwundet wurden Bei Ankunft der ,Truppen in Dublin wurden sie vom Mob mit Steinen be­worfen, worauf sie wiederum feuerten. Insgesamt wurden zwei Personen gelotet und vterzig verwundet, darunter drei Frauen,

Dublin, 27, Juli, Tie Ausschreitungen nahmen erst den ernsten Charakter an, als Militär und Polizei von ihrem Streifzug gegen die Volunieers mit geschmuggelten Gewehren in die -wtadt zurückkehrtcn. Ms die Nachricht von diesem Streifzug bekannt wurde, begannen die Straßen sich mit einer aufgeregten Menge füllen. Das Militär wurde bei seinem Einniarsch mit ivütendem Geschrei empfangen und junge Burschen schleuderten Steine auf die Soldaten, Auf der Metal-Bridge wurden die Kundgebungen so ernst, daß der kommandierende Offizier seine Abteilung auf die Wenge feuern ließ, wobei vier Personeii getötet und etwa 30 verwundet wurden. Mehrere der Verwundeten trugen schwere Bajonettwunden davon. Die Menge ließ später ihren Mut an allen nicht im Dienst befindlichen allein grheiiden Soldaten aus, von denen viele mißhantall wur­den, Spät nachts versuchte die Menge eine Kundgebung vor der Kaserne des an dem Streifzug beteiligten Regi­ments Man hämmerte gegen die Türen und feuerte Re- volverschüsse ab. Der Mob zerstreute sich nach einer halben Stunde.

Dubl i n, 27, Juli, Ms bei dem Zusammenstoß mit den Volunieers den Polizisten der Befehl zum Einschreiten und Vorgehen gegen die Volunieers gegeben wurde, verweigerten fünf Polizisten den Gehorsam, rote ivurden daraus vvut Dienst suspendiert. Die Volunieers verteidigten sich mit Reoolvcrschüssen und verwundeten eine Anzahl Soldaten mit dem Kolben der geschmuggelten Gewehre,

An» Stadt «nd Land.

Gießen, 28. Juli 1914.

" Für die Sitzung der Stadtverordneten» Versammlung am Donnerstag, den 30, Juli 1914, nachmittags 4 Uhr, ist folgende Tagesordnung ausgestellt worden :1. Mitteilungen, 2. Abänderung der Polizeivervrd» nung über das Schwemmen der Pferde in der Lahn, 3, Ban­nte such des Eisenbahnbetriebsamtes I zur Errichtung eines Kllifenthallvaumcs auf dem Bahnhof, 5, Baugcfluh des Professors Dr, Pfeiffer zur Errichtung einer Blockhütte am Mul weg, 6, Baugesuch des freitir. Menge s für die Eichgärten, 7. Baugesuch des K, und L Wehrum zur Errichtung einer Berkautsanlage, Ecke Friedrichstraße und des Wetzlarer Wegs. 8, Ortsbausatzung zum Bebauungsplan östlich der Marbnrger Straße, 9, Bebauungsplan südwestlich des Schiffenbcraer Weys bis zur oderhessischen Eisenbahn, 10, Gesuch des Karl Küchel und Franz Schmidt wegen Ver­längerung eines Feldwegs am Nahrimgsberg, 11, Um­geh u nfl s b a h n b e i Klein-Linden, 12, Unterhaltung und Bedienung der städtischen Uhren, 13. Erneuerung des Hhpolhekcnbuches der Gemarkung Gießen Flur 719 uttb 4060. 14. Ergänzung des Verzeichnisses der den Militär­anwärtern vorbehollcnen Stellen, 15, Uebersichi über die Einnahmen und Ausgaben des Reolgpmnasiums und der Obcrrcalschule für 1813, 16 Ausführung des Gesetzes über die Kosten der höheren Schulen bezüglich der höheren Mäd­chenschule; hier: Neuregelltng des Schulgeldes, 17, Be­schaffung von Amtsräumen für die städtische Le rwa l tu n g,

** Ceylon-Aus ft ellung. Der beabsichtigte Besuch des Großhcrzogspaars am letzten Samstag mußte zunächst des strömenden Regens wegen, welcher nach Ankunft der Herrschasten bis gegen 5 Uhr niederging und später aus Mangel an Zeit unterbleiben. Die Ausstellung war tm Lause der vergangenen Woche von der bayerischen Forst- und

Kölonialschule Miltenberg a, M, den Schulen aus Kessel- bach. Michelnau, Fronhausen, Rodheim bei Nidda, Obcr- horgern, Gamblach, Hausen, Daubringen, Muschenheim und am letztenSamstag vom hiesigen Wartburgverein besichtigt. Nächsten Sonntag wiod die Ausstellung geschlossen.

** Fachkurs US für Damen schn e ide rei. Am Donnerstag, den 30. Juli d. Js., wird der vierwöchige FachkurS für Tamenschneidcrci, der im Aufträge Großh. Zentralstelle für die Gewerbe von Frau Damenschneider» Meisterin M Wunderlich geleitet worden ist, durch emen Vertreter genannter Behörde offiziell geschlossen und den Teilnehmern die amtliche Bescheinigung über den Besuch des Kurses ausgestellt. Anschließend wird in der Getverbe- schule Zimmer Nr. 6 eine Ausstellung der gefertigten Arbeiten und zwar von nachmittags 2 bis 6 llhr stattfinden.

''Ein schneller Dod. Eine am vergangenen Sonn­tag von Cassel hier zugereiste Frau, die in den vierziger Jahren stand, erlitt kurz nach 1 Uhr mittags an der Bahn­steigsperre des hiesigen Bahnhofes einen Schlaganfall. Ein gerade anwesender Arzt kotrnte eine Lähmung der linken Körperseiic fcsffiellen. Die Frau, welche das Bewußt­sein verloren, wurde sofort der Klinik übörwiesen, wo sie bald darauf starb. Da sie Briefschaften bei sich führte, konnten leicht ihre Personalien festgestellt und die .Am­gehörigen bcnachriästigt werden.

" Postsendungen nach Serbien. Die öster­reichische Postverwaltung hat die Weiterbeförderung von Postsendungen nach Serbien bis auf weiteres äbgclehnt. D r i e f s e n du n g c n für Serbien können nnr auf Um­wegen befördert werden, wodurch Verzögerungen in der Ueberkunft der Sendungen eintreten werden. Für Pakete für Serbien bietet sich vorläufig überhaupt keine Be­fördern n gSmöglichkei t. Bereits angenommene Pakete werden den Absendern zurückgegeben werden.

Landkreis Gießen.

k Dorf- Gill, 26. Juli. Am 28. d. M. sind 25 Jahre verflossen, seit Bürgermeister Kühl von hier zu seinen, Amte gewählt wurde. Dem Vernehmen nach soll die 25jährige Wiederkehr de? Tage? seiner Dienstcinweisung im August fest­lich begangen werden.

R o d h e i m a. d. Horloff, 26. Juli. Heute wurde der neuqewählte Beigeordnete W. Rcichhardt verpflichtet und in sein Ami cingesührt.

Kreis Schotten.

u Schotten, 26. Juli. Im Hinblick aus die großen Votteile, die da? Lehrerheim .Vogelsberg' mit seiner stet? steigenden Fremdensrequenz den hiesigen Geschäftsleuten bietet, hat die Gemeindevertretung in ihrer letzten Sitzung bejchloffen, dem Verein .Lehrerheim Vogelsberg' einen jährlichen Beitrag von 300 Mark zu ge­währen, die für den geplanten, dringend notwendig ge­wordenen Erweiterungsbau Verwendung sinken sollen.

Kreis Lautertzach.

R. Lauterbach, 27. Juli. Im Rechnungsjahr 1914 werden zur Bestreitung der Bedürfnisse der Kreis - fasse von den 67 Gemeinden und besonderen Gemarkungen insgesamt 124000 Mk. Kreisumlagen erhoben, gegen 120 000 Mark im Vorjahre. Die Stadt Lcmtcrbach hat hiervon fast */ nämlich 30 445 Mk. zu tragen. Es folgen Schlitz mit 14 996 Mk., die Freiherrn Riedesel zu Eisenbach für ihre im Kreise liegenden Walddistrikte mit 5611 Mk., Herbftcin mit 4900 Mk , der Beitrag des Großh. Hauses Familieneigentum ist 86,94 Mk. Das kreiSumlagepflichtige Vermögen beträgt 135 839 400 Mk., die kreiSumlagepflichtige Einkommensteuer 176 646 Mk. Auf die Aermügenswerie wurden 73304,40 Ddk, und auf die staatliche Einkommensteuer 50 704,14 Mk. aus- geschlagen,

Starkeuburg und Rheinhcsscn.

eb Bingen, 27. Juli. Der am Bau der neuen Rheinbrücke BingenRüdeSheim beschäftigte 19jährige Arbeiter Anders ans Kempten ist obgcstürzi. Ec zog sich

einen Oberschenkelbruch, sowie leichtere Quetschungen und Hautabschürfungen zu.

Hessen-Nassau.

--- Frankenbach, 27. Juli. Die Zusammen, legung der hiesigen Feldmark ein lang ersehnter Wunsch ist nun endlich beschloffen und genehmigt worden. Dar Verfahren ist dem Sonderausschuß in Dillenburg über­tragen worden. Die Arbeit wird Anfangs September oor- gensmmen.

h. Herborn, 26. Juli. Mit der Tausendjahr­feier unseres Städtchens soll die alle Kirchweih, sowie die Einweihung der neuen Volksschule, der Turn­halle und des Jugendheims verbunden werden. Gleichzeitig wird der alte Brunnen, welcher bis zum Jahre 1890 auf dem Marktplatz gestanden hat, wieder hergerichtet und die Wappen des nahezu 300 Jahre allen Rathauses erneuert.

w. Weilburg, 26. Alli. Der Ausschuß zur Errich- ttmg eures Gedenksteins am Zeppelinsclsen leill mit, daß es gelungen istz die Genehmigung der Eisenbahn- Verwaltung zur Anbringung einer Gedenktafel aus Marmor unterhalb des Wöbersberg zur Erinnerung an die Stran­dung desZ. 2" zu erhallen.

wandern und Reisen, Räder und Sommerfrischen.

Königstein im Taunus. Königstein! Ein stol^n Name, heute nur mehr eine stattliche Ruine, deren gehorsicnc Mauern von verichwundencr Zeiten Glanz und Macht, von Streit und Sieg erzählen und von dem Ende der Romamik durch die Erfindungen der Meirichen. Und doch ein Königslein auch heule noch! Herrlich die Aussicht von der Burg, ioürdig, von einem König geschaut zu tverden: Nach Süd und Wfft breiten sich, um­rahmt von Berg und Hügel, die von Rhein und Main durchzogenen Auen, von Nord und Osten treten die nahen Höhen des Taunus bis dicht an die Burg heran. Und unten grüßt das Städtchen mit breiten, wohlgepflegten und staubfreien Straßen, freundlichen Bil­len und stilvollen Bauten, die sich in schattigen Gärten verstecken. Fast unmcrklich ist der Uchcrgang von den blumcngetrhmückien An­lagen und Gärten zu den herrlichen Waldungen der Umgebung, die hinaufleiien ui der höchsten Erhebung des Taunus, dem Feld- bcrg. In zwei Stunden ist sein Gipset auf schattigen Wegen zu erreiche». Tic schönen städttschcn Gartcnanlagen wurden in diesem Jahre dadurch bedeutend vergrößert, daß das den Erben Zehe ge­hörige, mit prachtvollen alten Bäumen bestandene Parkgrundstück von der Stadt erworben und durch Ankauf mehrerer Nachtar­grundstticke zu einer herrlichen Kuranlage erweitert wurde, die den Kurgästen einen herrlichen Ansenthalt bietet. Königßein ist geschaffen zur Heilung, zur Erholung angegriffener Nerven! Weit und breit kein Fabrikschlot nirgends das nerven mordende Haften und Lärmen der Großstadt. Ein gleichmäßiges Gebirgsklima übt un- sehlbar den günstigsten Einfluß aus. Und das ist hier gegeben. Königstcin liegt 400 Meter hoch, hat Sonne mrd Lust in reichstem Maße, und ringsum die prächtigen Wälder, die von gut gehaltenen Promenadewegen durchzogen sind. Für alle nervösen Erkrankungen, für alle Erkrankungen der nervösen Zcittralorgane, BlMarmut, Bleichsucht, Herzerkrankungen, Asthma, Schlaflosigkeit und ins­besondere für Rekonvaleszenten und für Nachkuren ist Königstein aus das wärmste zu empseblen Auf alle Auflagen ertcflt die Kur- Verwaltung bereitwilligst Auskunfl,

Univeriitätr.rtachrrchten.

Auf die neuerrichtete Professur für Spruche und Kultur Japans am Hamburgischeu Kolonralrnstitut ist der Professor cm der Universität Dokio Dr. Karl Adolf Florenz, ein geborener Erfurter, berufen worden.

Ver prozeh gegen Zrau Laillaux.

Paris, 27. Juli. Caillaux erhob gegen gewisse Mitteilungen desFigaro" Einspruch und wies lebhast aus die Quelle des Ver­mögens Calmettes hin. Daraus wurden die als Zeugen geladenen Aerzte vernommen. Dr. Donen erklärte, technisch und in bvll- kommcner Unabhängigkeit sprechen zu wollen. Er kritisierte leb­haft das Verfahren der Aerzte, die Calmette behandelten. Doyen riet bisweilen Protesttufe hervor und schloß mfl der Aussage, die Wunden Calmettes seien nicht tödlich gewesen.

Berliner Stimmungen.

Ein Gießen er, der in Berlin wohnt, sendet uns das folgende Stimmungsbild:

Soeben schlägt cs 6 Uhr. Berlin zeigt sein gewöhnliches All- tagsgfficht. Ueberall hastende Menschen, die es eflig haben, nach Hause zu kommen nach getaner Arbeü, Handwerker, Kausleuteh Arbeiter und Beamte bflden so einen großen, wogenden Strom. MIeur heute scheint die Elle größer denn je. Selbst unter den Linden, wo man doch sonst bummelnden Schrittes sich zu ergehen pflegt, herrscht heute ein lebhaftes Trecken. Ein internationales Publikum hat sich hier zusammengesunden. Ueberall stehen die Leute in Gruppen beieinander und diskutieren lebhaft. Wo man auch steht, überall spricht man nur über ein Thema, über den Krieg. Besonders scharten Beobachter ioird der nervöse, gcspamrte Zug in dem Gesichte der meisten nicht cMgangen sein; Unruhe und große Enoartimg spiegeln sich in den Zügen wieder. Be­sonders vor dem Bureau des Lokalanzeigers gehis lebhast zu. Hier erwartet man in aller Kürze die ersten Nachrichten. Schon beginnt sich die Menge zu stauen und den Verkehr zu hemmen. Die Schutzleute haben alle Mühe, die Ordnung aufrecht zu er­halten. Da plötzlich erhalten sic unerwartet Hilfe, ein hef­tiger Regen setzt ein, offolgt von Donner und Blitz, für aber­gläubige Menschen gewiß ein böses Omen ! Eine Französin flüstert hinter meinem Rücken ihrem Bcglefler zu: Oh, mon dieur, oest la guerre! Sie sollte recht behalten: plötzlich geht eine Bewegung durch die Menge, alle Augen heften sich auf jene kleinem grünen Plakate in den Schaufenstern des Lokalanzeigcrs, die ersten De­peschen! Gierig verschlingen die Augen den Inhalt und beut* lieft sieht mair's an den Mienen, wie die Entscheidung Serbiens ausgefallen ist. Es ist gerade 3 /Ol. Eine Viertelstunde Ipäter rasen in schnellstem Tempo Autos durch die Straßen, um die Extrablätter bis in die entlegensten Stadtteile zu bringen. Vom De» des Kraft» omircktrsses schaue ich dem lebhaften Treiben uMen in den Straßen zu. Hunderte von Händen recken sich in die Höhe, um ein Extra­blatt zu erhaschen, die Autos der Zeitungen werden geradezu ge­stürmt und können nicht mehr Wetter, efft muffen Schutzleute kom­men und ihnen den Weg bahnen. Tausende von Blättern werden vectcill unb bald sieht cs denn auch in den Straßen ganz wunder­lich aus. Bon dem grauen Asphalt ist nichts mehr zu sehen, wie frisch gesallerrer Schnee hat sich die weiße Bapiermasse der wegge­worfenen Blätter über ihn gelegt, gespenstisch huschen fortwährend mit veränderter Farbe die Strahlen irgend einer Lichtreklame dar­über hin, bald dunkelgrün, bald blmigrot!

Z«. Hause angekoimnen, verieüe ich natürlich sogleich meine Eztrablätter, sogleich eines der ersten bekommt mrser Zimmer­

mädchen. Schnell überfliegt sie die Zeilen und weinend gibt sie es mir zurück, sie stammt aus einem österreichischen Torf am Bodensee und ihr Brudermuß mit".

*

10 Uhr abends Unter den Linden Eine ungeheure Menschcn- woge, soweit das Auge reicht. Plötzlich, ganz von selbst, sind alle zu einem Zuge geordnet und im Schritt geht's die Linden lang. Vorne an der Spitze llettert einer auf die Schulter seines Freun­des und schwingt eine deutsche Fahne Wfftlnnhallende Sttmmen ruicn fortwährend ,Jur Äottchasi" lösterreich. nattirlich!). So­fort ist die Mange dazu bcrett. Ein Wflle sckffint alle zu lenken. Da eriöitt aus der Mitte heraus eine klare, Helle Stimme: Es braust ein Ruf wie Tonnerhall, erii schwach, dann aber immer stärker und schließlich brausend wie ein Orkan schallt die Wacht am Rhein in der sonst so stillen Wilhelmstraße. Als das Lied vcr- kluuzen, ertönen Hochruse auf Oesterreich, aus Kaffer Wilhelm (der gegenwärtig aus einer Nordlandreisc ist) und Kaiser Franz Josef, aus das Heer und die Marine, auf Prinz Heinrich und last not least auf die. Schutzleute, die nicht schnell genug Platz machte» für die begeisterten Demonstranten Bald ist man an der österreichischen Botschaft. Wieder ertönt die Wacht am Rhein, dann Deutschland, Deutschland über alles und schließlich Ich hatt' einen Kameraden. Unter den Klängen dieses Liedes erscheint der Bot- scktastcr auf dem Balkon, um für die Ovation zu danken. Hochrufe aus Hochrufe ertönen. Kurz, fine Begeisterung ohnegleichen! Ich ertappe mich gerade bei dem Gchanken, daß vor nunmehr 44 Jahrfir eine ähnliche Stimmung in Berlin geherrscht haben mag, als auch schon andere ähnliches gedacht haben mögen, denn gebieterisch sordern laute Ruse:Hin zum Palais Kaiser Wilhelms des Ersten." Freudig nimmt die Menge den Vorschlag auf und schon setzt sich der Riesenzug in Beweisung. Fürwahr ein impo­santer Zug, der sich hier gespenstisch im > Dunkel der Nacht bewegt, phaMastrsch malt ihn sich das Auge aus. und das Ohr hött schon aus dem tzupcngetön verschwommen die .Klänge feuriger Faniaren heraus IlMer den Linden muß der Zug auch die russffchc Bot­schaft passieren. Ein zweistöckiges, düsteres Gebäude, all dessen Giebel drohend der Doppfiadlcr Wache hält. Alle Fenster sind geschlossen, die Läden sind zu. Sttll lieg, sie da im Dunkel der Nacht. Src scheint sich zu schämen, hat si>: doch in ihren Mauern oft den verräterischen Obersten und Mflit, llattache eingeben sehen, der vor 8 Tagen Berlin sluchiarttg verließ, um nicht gefaßr zu werden, war er doch durch die SvionageassÜre des ehemaligen Feld­webels Pohl auls schlimmste bloßgestellt nwrden!

Kein Lied, kein Hochruf ertöm hier zmn Gruß, wohl aber Pseisen. Fischen. Jphlar und entrüstetePfuiruie, sonst creigucte

sich jedoch nichts, was dieBerittenen" hätte veranlassen können, ihr Versteck in der Seitenstraße preiszugeben. Bis 3 Uhr morgens dauettcn diese Umzüge, dann tritt allmählich Ruhe ein.

Sonntag morgen 12 Uhr. Eine sonmäglich geputzte Menge hat sich Umer den Linden eingefunden! Zwar sind es nickt so viele als anr Abend zuvor, allein das Hauptschauspiel, das Auf­ziehen der Schloßwache findet efft um 1 Uhr statt, und in einer Stunde können sich noch viele Menschen einnndcn. Ich habe richttg vermutet. Um l Uhr ist fast unmöglich Umer den Linden durch- zukommcn, selbst sür die Wache: an ihrer Spitze reiten strengen Blicks 2Beffttene". Ich habe meinen Standort vorm .Kronprinzen­palais gewählt. Von ferne ertönt Trommel- und Pseffenflang; gerade vor dem Palais setzt die Musik ein mttDeutschland, Deutschland über alles", jubelnd fällt die Menge ein und in ge­waltigem Zuge gehts zum Schloß. Die Wache marschiett ein, die Musik aber stellt sich im Lustgatten zum üblichen Ständchen auf. Heute braucht der Kapellmeister sich nicht den Kopf zu zerbrechen, was er spielen soll; beim die Menge rust ihm laut zu, was sie zu hören wünscht: Efft die Wacht am Rhein, dann Deutschland, Deutschland über alles, tarnt Ich bin ein Preuße, schließlich deir. Marsch der Deutschmeister, willig spielt die Kapelle alle Lieder, ohne eine Strophe auszulasscn, und die Menge singt alle Verse mit, die meisten sogar mit dem Hute in der Hand. Schließlich ist auch dies vorüber, und nachdem rnan die braven Musiker noch bat hochlebcn lassen, zerstteut sich die Menge langsam. Gebieterisch jorbm der Magen jetzt sein Recht, denn es ist Mittagsmahlzeit, und in so auflegenden und ansttengenden Zeiten muß man sich doppelt stärken, denn wer wollte nicht beute abend dabei sein, wenn S. M. am Stetttner Bahnhof ankommt und von seinem Volke jubelnd begrüßt wird? Doch bis dahin hals noch eine ge­raume Weile Zeit. F. M.

Kurze Nachrichten aus Kunst und Wtsscn-j schaft. Die Universität Heidelberg hat den Knno- Fischer-Preis von 1914 dem Projessor Ernst Kassierer in Berlin für sein in 2. Auflage erschienenes WerkDas ErkenntniSprvblentz ff, der Philosophie und der Wiffenschäfl der neueren Zfft" zu- effmntt. In Kassel starb Professor Dr. Beier, der erste. Kapeflmeister des Königlichen Hosthcaters, im Aller von 55 Jahren. In Mülheim (Ruhr) wurde das auf der Höhe des Kohlen»; bergcs gelegene K ai scr - W ilhcl m-In sti tut für Koh^ lcnforschung feierlich eröffnet.