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viertes Blatt
X64. Jahrgang
Erscheint tijllch mit Ausnahme des Sonntags.
Ti« „Sietzeaer ZamiliciibläUer" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „llrekblaff für de« Htm Sietzen" zweimal
wöchentlich. Die „landwirtschasilichen Zeil- frages" erscheinen nwnatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Samstag, 18. Juli 1914
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^ol. Redaktion: 112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen»
Das „gerüstete" Rußland.
Don Major a. D. Lehmann.
77richt lange und der Herbst steht vor der Tür, und damit der Zeitpunkt, an dem das Frankreich verbündele Rußland in Mafien narren wird. Drei Rrservistenjahrgänge werden zu Hebungen em- beruien, wodurch die FriedeuSsfarte des RusienheereS in Europa um 7—800 000 Mann ertrotzt ,verden wird, also um soviel als bei uns überhaupt in Friedenszeiten unter Waffen stekeu. Diese «Hebungen- erhalten, in Verbindung init den teils offiziöse», teils inoffiziosen Auslassungen eine ganz eigenartige Beleuchtung. In lebhafter Erinuerung ist noch das Auftreten Rußland« wahrend der letzten französischen Mlnisterkrise in der Frage der dreftntnigeu Dienstzeit, wobei in eulem Artikel, dessen Antorschalt dem russischen KrieqSnnnlster zuqeschrieben wurde, und die er auch nicht geleugnet -hat, dieser ungefähr die selbstbewußten und stolzen Worte sprach: Rußland ist fertig und verlangt von Frankreich dasselbe.
Wir haben danach allen Grund, aus unserer Hut zu fern, wenn wir auch den Wert deS .gerüsteten- Rußlands, wie wir in folgenden! sehen werden, nicht allzu tragisch zu nehmen brauchen. Jrankrach war vor AnSbruch des Krieges 1870 nach den Eröffnungen deS dainaligen Kriegs,,,inisters cbensglls .erzbereit- und bat dann doch während deS ganzen Feldzuges die Rolle des Besiegten übernehmen müffen. Rußlands «Bereitschaft- wird nun in «in sehr bedenkliches Licht gesetzt durch eine soeben in, «Militär- Wochenblatt- veröffentlichte Artikelreihe, in der Oberstleutnant a. D. Fvhr. v. Tettau Interefiantes und UnbekaniileS über den völligen Zusammenbruch des russischen Heeres „ach de», Russisch-Japanischen Krieg gibt. Genau acht Jahre sind seitdeiu verflossen, und bei russischen Verhältnissen fällt es ivirklich schiver, an eine völlige Heilimg in so kurzer Zeit zu glauben. In welcher Derlaffung das russische Heer aber damals war, welche uugla»iblichen und uner- hörten Zustände herrschten, wie bei den llnkergebeneu jede Spur von Disziplin verloren gegangen und bei den Vorgesetzte,,, b,s zu öen höchsten hinaus, Energie, Eharakteriestigkeit und Verautwor- tungsfreudigkeit völlig abhaudeu gekommen ivaren. das ist erstaunlich. Gibt man auch zu, daß der Krieg von Anfang an tni Volke und im Heere im höchsten 6)rade unvolkstiimlich mar. so wäre es bei einer disziplinierten Truppe doch unmöglich gewesen, daH sieberart allen moralischen Halt und sittlicheKrast verlor. Lediglich aus dieseiu Grunde sah sich Rußland zum Friedensschlüsse gezwungen; denn davon konnte keine Rede sein, daß dieHilfsmitlelRiiß- lauds erschöpft gewesen wären. Nein, die bisher erlittene Einbuße an Menschen und Material war inehr als reichlich aus der Heiuiat ersetzt morden, so daß sogar die Zahl der Streitmittel der seiud- lichen weit überlegen war. Aber die ganze Armee ivar durch die in Rußland herrschende Revolution stark angesteckt, und die Führer besaßen nicht die, Fähigkeit, durch zielbewußles Handeln den gesunkenen Geist zu" heben. Schon seil Anfang 1905 ivurdeu die im Felde stehenden Truppen mit revolntionäreii Schriften überschüttet, und namentlich die Ergänzungslransporte kamen mit ganzen Paketen solcher beschwert bei der Feldarmee an, und das russische lA«ueralslabswerk gesteht unumwunden zu, daß die schwache Aufsicht während der Fahrt und die .entsprechende Stimmung- der beförderten Truppen die revolutio>,äre Propaganda sehr begünstigt hätten. So lange aber die Truppen vor f n Feinde standen, war das Gefühl der Zusammengehörigkeit offenvar noch zu groß und -hielt die im Innern schon völlig zersetzte Maffe noch notdürftig zusammen. Als aber nach dein Friedeiisschlusse der Abtransport der Truppen in die Heimat begann, brach der offene Ausruhr aus, da besonders von den Reservisten jeder als der erste in die Heimat befördert werden wollte.
Energische Vorgesetzte hätten unzweifelhaft in diesem Stadium noch Ordnung schaffen können, da ihnen noch geuügeiid treue Truppen zur Versügung standen, wenn auch die zuverlässigsten Elemente m der Zahl von 720 Offizieren und fast 10 000 Mann als Rekrutenausbildungspersonal zu allerer t fortgeschickt , vorbei, waren. Aber den, General Linie,vitsch als Oberkomlnandierenden lagen irgend welche durchgreiseudeu Maßnahiuen vollständig fern, und in seiner kläglichen Hllflosigieit hatte er das einzige Bestreben, alle unzuverlässigen Elemente möglichst schnell abzuschicbeu. Was war da wohl r,atürlicher, als daß jeder sich bemühte, sich so mißliebig als möglich zu machen, weil er ans diese Weise am ehesten hoffen konnte, nach Pause zu kommen. Als dann noch ein Ansstaud sämtlicher Angestellter der Sibirischen und Transbaikalbahu aus-- brach und der Verkehr völlig ruhte, rissen alle Bande der Disziplin. Offiziere und Mannschaften nah, neu ganz offen an revolutionären
Umzügen »mb Versa,„mlungen teil, und d,e Reservisten bestiegen auS eigener Machtvollkommenheit d,e Züge und zwangen das Maichinenpersonal aus gut Glück nach dem Westen abzuda,npsen. so ,veit man eben kam. Und die Vorgesetzten raten nichts; in bleicher Furcht vor den Revolutionären trasen sie nicht nur keine Gegeiiniaßregeln, sondern hielten eS vielmehr für angebracht, «zum Zwecke der schiielleren Beruhigung der Geister- von der Anwendung von Waffengewalt zur Wiederherstellung der Ordnung Abstand zu nehinen, und genehmigten sogar noch die Abhaltung voll tischer Versammlungen. Ja, als nach einer kurzen Unterbrechung der Ailsstand von neuen, ausbrach, waren die Pflicht- und ehrvergessenen Befehlshaber gliicklich, daß das Streikkomitee den Vorständen der emzeliien Dieustzweige gnädigst geftatrete, unter Aufsicht des Komitees die für die Abbeförderung der Truppen notwendigen Auordnuugeu zu treffen.
So hatte sich de,ul das Oberko>nmando aus Feigheit die Verfügung über die Eisenbahn ohne sedeu Widerspruch aus der Hand iviiidetl lassen, und das haue natürlich ztir Folge, daß sich alle bisher noch Unentschiedenen aus die Seite des Stärkeren, d. h. des Streikkomitees stellten und Offiziere und Mannschasten der Be lätiguiig ihrer revolutionären Gesinnung allgeiuein überhaupt keinen Zwang u,ehr autaten. Auf die Einzelheiten einzugehen, würde zu »veit führen, es sei nur noch besonders an Wladirvostok erinnert, wo 400 aus japanischer Gesangenschast zmückgekehrlc Marmeartilleristen über einen notiveudigeu Auseuthalt nach ihrer Ailsschifiung derart ernpört wareii, daß sie zivei Ossizierc erschlugen und luehrere Osfiziersivohnuiigen zerstörten. Aber ein noch viel häßlicherer Fleck aut der Ehre des russischen Heeres war ein neuer, Anfang 190!5 in Wladiwostok ausgebrochener Aufstand, der nicht etiva von ausständigen Arbeiterii, unbotmäßigen Reservistei, und ausrührerlscheu Volksmaffen, sondern voi, der Garnison, also aktiven Truppen, unternoinuien wurde. Die schwere Verivundnug des Kouiinaudcnuen und der Meuchelinord au eiiiem Oberstleutnant als Kolumandgutcn der Hallptwache werden auf der, Ehreuschild der russischen Armee noch lange einen tiefen Schattei, werfen.
In Petersburg wußte inan lange Zeit voi, allen diesen Vorgängen nichts, ,veil durch den Ausstaud der Post- und Telegrapheu- beauiten jede Verbindung mit dem europäischen Rußland unterbrochen ivar. Als mau endlich von den auarchlstischen Zuständen erfuhr, schickte der Kaiser drei Generäle, die Ruhe und Ordiiuug schaffen sollten — ein peinliches Armutszeugnis für die an Ort und Stelle konunandierenden Ofsiziere. Dieser aüscheiuend aussichtslosen Aufgabe unterzogen sich alle drei, der eine auf der Sibirischen, der zweite auf der Transbaikalbahu, der dritte in Wladiwostok mit einer so rücksichtslosen Streiige, einer Energie und einem furchtlosen Auftreten, daß die revolutionäre Bewegung bald unterdrückt, die Ordnung auf den Eisenbahnen ivieder herge- stellt ivurde und der Transport der Truppen nach 8'/, mouatiger Dauer endlich zu Ende geführt werden konnte. Was diesen drei tatkräftigen Männern gelang, hätte den anderen Befehlshabern selbstverständlich ebenso gut gelingen können, wenn sie von vornherein auch nur einen Funken von Energie und Verantwortungsfreudigkeit besessen hätten. Nachdem sie aber zunächst einmal alles hatten gehen taffen, wie es ging, ,var ihre Autorität von Grund aus untergraben, und es bedurfte eben neuer, frischer Kräfte, um hier aufzuräumen.
Man sollte meinen, daß der Ausgang und die Folgeerscheinungel, dieses Krieges nicht dazu angetan sein können, den Russen besondere Zuversicht in den glücklichen Ausgang eines neuen Krieges einzu- flößen. Ter Oberkommandierende des Heeres, General Kuropatkm, schiebt die Schuld für die Niederlagen und den Zusammenbruch des Heeres dem Umstande zu, «daß lveder die Schule, noch das Heer dazu beigetrageu haben, in dem großen Rußland während der letzten 40 bis bl) Jahre selbständige Charaktere zu entwickeln.- Sollte es in dieser Beziehung in der kurzen Spanne Zeit von noch nicht 10 Jahren besser geworden sein? Es fällt, wie gesagt, schiver, daran zu glauben.
Die letzte Nordlandfahrt der alten Naiser-Zacht.
Die alte „Hohenzollern" befindet sich zum letzten Male aus der Reise in den norwegischen Fjorden. Im nächsten Jahre wird der Neubau der „Hohenzollern" bereits in Dienst gestellt sein, während die alte Jacht dem Schicksal alter Kriegsschiffe anheinifällt und als HWkreuzer oder Lazarethschiff zur Rcservesormation Übertritt. Schon in
diesem Jahre ist als Begleitschiff des Kaiserschiffes ein moderner Turbincnkreuzer kommandiert worden, während man als Dcpcschcnboot noch den alten „Slcipncr" attachierte. Der „Sleipner" wird aber die neue Jacht nicht mehr begleiten, ini nächsten Jahre wird das neue Torpedoboot,.0 137" nach eincni Umbau im Winter als Depcschcnboot Verwendung finden. Seit dem Jahre 1912 besteht die Kaiser fiottillc aus füns Schiffen, der Jacht, dem Bcglcitkrcuzcr, dem Dcpeschenboot und zwei Torpedobooten. Der Kreuzer darf die Jacht nie aus Sehweite perl eren, das Depesche» boot unterhält den Briesocrkchr zwijchcn Jacht und dem nächsten Hasen Norwegens, die Torpcoobootc bringen aus der Heimat die Hoskouricrc, die nur noch den Wasserweg benutzen, da in Norwegen die Zahl der Eisenbahnen gering ist.
Die neue „Hohenzollern" wird am 8. August in Stettin im Beisein des Kaisers vom Stapel lausen, wird im DI- tober die ersten Probesahrten machen und im Frühjahr 19Id in Dienst gestellt werden. Die neue Jacht, größer, moderner und schneller als die alte, erhält eine Besatzung von 4bö Mann.
künstliche Steinlohlen.
Wenn uns die Urstofsc unserer Steinkohlen, sowie auch die Umwandlungs-Prozesse, die crsordcrlich waren, um die Kohle aus den Pflanzcnstosfeii erstehen zu lassen, keincsivogs mehr zwcifelhast sind, so tappen wir doch bezüglich der Einzelheiten der Bildungsvorgänge noch vielfach im dunkeln. Ta sind nun die Ergebnisse neuer Versuche, welche Professor Bcrgius und Tr. Specht vorgenommcii l>aben, geeignet, einige Aufklärung zu geben. Diese beiden Forscher suchten dem Problem der Entstehung der Steinkohlen, das rein theoretisch bisher nicht genügend zu ergründen ivar, auf praktischem Wege beizukommcn. Sic brachten zu diesem Zwecke gewöhnlichen Torf unter starkem Truckc bei Luft« abschluß auf eine hohe Temperatur. Das dabei erhaltene Produkt gleicht in seinem Aussehen und seinen sonstigen Eigensckmitcn unserer natürlichen Fettkohle. Es wurden also unter Beihilfe von starkem Truckc und großer Hitze in wenigen Stunden Ergebnisse erzielt, zu deren Erreichung die Natur diele Jahrinillioncn gebrauchte. Run darf aber nicht etwa geglaubt werden, daß damit der Weg geebnet sei zur Beschaffung von künstlicher Kohle, tvenn die uns in den Flözen zur Verfügung stehciiden Mengen verbraucht sind. Nicht nur vorläufig, sondern auch wohl dauernd Ipibrn diese und ähnliche Ergebnisse nur wissenschaftlichen Wert.
Einmal ist die Erzeugung künstlicher Kohle viel zu kostspielig, um lohnend zu sein, und zum anderen sind die Torfvorratc der Welt aauf) gar nicht so erheblich, daß sie nach dem Verbrauch der Steinkohlen noch lange vorl>altcn werden. Höchstwahrscheinlich gehen dieselben sogar noch früher zu Ende als die Kohle selbst. Ebenso ist es wohl aussichtsslos, daß es jemals angängig sein wird, aus anderen pflanzlichen Stoffen Kohle herzustellen. Allerdings nicht, weil dieses etwa nicht ausführbar sein würde, sondern iveil wir demnächst die ganze Erzcugungskraft der Erdoberfläche an Pflanzenproduktion nötig haben werden zur Beschaffung der erforderlichen Lebensmittel für die gewaltig anschwel- lcndc Menschenzahl. Sind wir doch heute schon auf eine immer mehr gesteigerte Ausnutzung des Bodens zu diesem Zwecke angewiesen. Anders wäre es schon, wenn es gelingen würde, die in der Atmosphäre sowie in säst allen Gesteinen in Form von Kohlensäure und anderen Verbindungen vorhandenen ungeheuren Kohlenstoffmengen direkt und mit erschwinglichen Kosten zur Herstellung von Steinkohlen nutzbar zu machen. Ob dieses je gelingen wird, können wir vorerst noch getrost der Zukunft überlassen, da uns und unseren Enkeln und Urenkeln der natürliche Kohlenvorrat noch bestimmt reichen wird.
Fr«u»c>i>R»»ndscba«.
Die Revolution im Harem.
Man hat viel von der dienenden Stellung der muselmanischen Frau gesprochen, und das Brodlern ist in letzter Zeit auch viel von Mohammedanern behandelt worden. Tie meisten europäischen Schristüeller, die sich mit der islam-ichen Frau beschästigi haben, haben sie als ein träges Wesen hingestellt, das an nichts anderes denkt, als ihrem Manne zu gefallen und seine Bewunderung zu erregen. Man mutz es endlich einmal oussprechen, so schreibt die ^Revue du Monde Muselman", daß das meiste, was über unsere Frauen in Europa gesagt wird, der Wahrheit nicht entspricht. Unsere Frauen verbringen nicht ihre ganze Zeit damit, sich vor dem Spiegel zu bewundern, sich die Haare zu färben und ähnliche eitle Dinge zu treiben. Natürlich sind sic Frauen und haben als solche eine instinktive Neigung für Schönheit und Gesälligkeit. Aber sie haben doch auch andere Sorgen. Die Frauen der niederen Stände müssen den Lcbensunterdalt iür sich und ihre Kinder verdienen. Nur eine kleine Minderheit führt das müßige Haremslebcn. und diese Minderheit ist dem europäischen Publikum ebenso unbekannt, wie der Harem selbst. Im übrigen ist cs wahr, daß die Muselmänner selbst die ersten gewesen sind, die sich mit der Minderwertigkeit ihrer Frauen beschästigi haben, und so ist auch eine muselmanische Frauenbewegung entstanden. Vom Standpunkte des Islams aus müßte sich diese Frauenbewegung vor allem mit drei Dingen beschäftigen: mit der Unwissenheit der Frauen, mit dem Schleier, mit der schtießlichen Befreiung. Wie man sieht, können unsere Frauen nicht gleich so aufs ganze gehen, wie die englischen Frauenrechtlerinnen . denn sic müssen vor allen Dingen erst das Joch ihrer tictsten Unwissenheit abschülteln. und sich von dem Zwange, einen Schleier zu tragen, befreien, che sie daran gehen können, das Stimm recht für sich zu erobern. Uebrigens sind sich auch längst nicht alle Haremsdamen über diese drei Punkte ihres Programmes einig. Tic meisten von ihnen verabscheuen es sogar, mit unbedecktem Ant litz zu gehen und sich vollkommen von der bisherigen Abhängigkeit von ihrem Gatten loszumachen. Was aber die Bfitrebungen betrifft, sich eine höhere Brldung anzueigncn. so sind darin alle einig. Denn der Prophet hat gesagt: :.Es ist Pflicht für jeden Gläubigen, sich zu bilden." Die mohammedanische Frauenbewegung begann in Aegypten. Der erste, der zugunsten der muselmanischen Frau ferne Stimme erhob und die Notwendigkeit der Gleichberechtigung der Frauen darlegtc. war der berühmte Kasim Amrn Bcy, der eine Frauenschule gründete. Er zeigte in seinem Buche „Die Frau im Orient", daß die wahre Ursache des Zurückbleibens der Mohammedaner die Unwissenheit ihrer Frauen ist. denn das ganz« Leben eines Volkes strahlt von der Familie aus, und die Frau ist die Hüterin des Familienlebens. Kasim Amin Bey ist^gestorben. aber seine Gedanken haben ihren Weg weiter gesunden. Sie wurden aus alle mögliche Art und Weise verbreitet, so auch durch ein Witzblatt, den „Wolla Nasr cd-Din", der in Tiflis gedruckt wird. Bor allen
Dingen haben cs sich auch die Jungtürkcn angelegen sein lassen, sür die Rechte der Frauen einzutreten, und sie haben damit den Zorn des Scheich ul-Jslam erregt. Indessen sind längst nicht alle muselmanischen Frauen sür die neuen Gedanken begeistert. In der Zeitschrift „Sebil ur-Reschid" heißt es z. B„ daß die muselmanische Frau sich in ihrem alten Zustande sehr glücklich suhle und mit der Vielweiberei ihres Ehegatten ganz einverstanden sei.
Allerlei von der Ferienmode.
Ter heiße Sommer, der uns dieses Jahr beschert ist, macht besondere Vorbereitungen nötig, wenn man eine Ferienreise unternehmen will. Das einfache Schneiderklcid ist, obgleich man es selten in ihrer Garderobe finden wird, doch immer noch dasjenige, das eine junge Dame aus Reise» am besten kleidet. Etz gibt jetzt sehr schöne Schneiderkleider aus seiner weißer Serge mit einem kurzen Rocke, der einen schwefelgelben Piguäkragen und entsprechende Aer- nielausschlägc aufweist. Ter Rock ist eiue Art Miedcrrock, der ziemlich hoch hinausreicht und eng anschlicßt: man kann zu ihm eine seine weiße Leinenbluse mit kurzem Acrmel tragen, der mit Handstickerei verziert ist. Ein schweselfarbenes Leinen steht sehr gut zu dem schwcselsarbcnen Kragen und den Ausschlägen. Ein Matrosenhut aus Tasiet ist die Kopibcdcckung, die sich sür ein junges Mädchen am besten eignet. Ein solcher Hut sieht mit seiner etwas etwas künstlerhast gebogenen Krempe zu einem jugendlichen Gesichte immer sehr gut aus. Ein anderer, ausschließlich sür die Jugend bestimmter Hut ist aus gelbem italienischen Stroh ange- sertigt, hat einen topsartigen Kopf, und eine weite Kremvc, die nach' den Seiten hin leicht nach unten geneigt ist. Helle Bänder sind dafür der beste Schmuck, besonders gut nimmt sich ein rotes oder blaues Band aus, das lässig um den Hut geschlungen ist und dessen Enden im Winde flattern. Es mag auch noch ein Blumenstrauß hrnzukommen, aber dieser ist nicht nötig, um solchem flotten Hute zu seinem vollen Erfolg zu verbellen. ^>ehr viel getragen werden jetzt hellgcmuftcrte, reinwcißc Baumwollkreppstoffc, die man besonders zu hübschen Tuniken verarbeitet und über einem weißen, ungemustertcn Rocke trägt. Einige von diesen Mustern sind direkte Kopien von alten Mustern, und werden auch als solche von den Großmüttern der jungen Damen iviedcrerkanni. Z. B. gibt es runde, rote Beeren und hellgrüne Zweigläln, die der älteren Ge- ncraiian noch aus ihrer Jugendzeit her ganz vertraut sind. Die Jersey-Bluse wird von jungen Damen vorgezogen, die es nicht lieben, von einem Gürtel beengt zu sein. Wenn sie aus Krepp oder Voile gearbeitet wird, so gleicht ste sehr einer solchen aus richtigem Jersey-Stoffe und ist sür Tennisspielerinnen sehr zu empfehlen. Etwas Neues sind auch die gerafften Röcke, die ganz einfach gemustert sind, und zu Bluseir getragen werden, die niit Neinen stusensörmigcn Falten versehen sind. Man besetzi^diese Röcke mit einer Reihe Knöpfen in roter, btaarer, mauve u. Scharlach-Farbe. »
— Das „Rote Kreuz" der Lüfte. Eine der ersten französischen Fliegerinnen, Fräulein Marvingt, Ijm sich der Verwirk- lichung eines Planes gewidmet, der der Menschheit in einem künftigen Kriege großen Nutzen bringen soll: sie hat das „Ambulanzslugzeug" erfunden. Sic bereist jetzt alle französischen Städte und hält Vorträge, um das Flugzeug bauen und dem französischen Heere eine Lustambulanz geben zu können. Dieses Fahrzeug würde zur Verfügung des Chefs des Sanitätswesens gestellt werden und dazu dienen, schnell an weit entfernte Orte Arzneien und Instrumente zu bringen und besonders auch die Verwundeten selbst an Orts zu schassen, wo sie operiert werden können, oder Aärzte und Hcil- gehilsen rasch an entlegene Stellen des Schlachtfeldes gelangen zu lassen. Ein solches Flugzeug würde besonders in Kolonialkriegen ausgezeichnete Dienste leisten. In den Kolonieen, wo die Entfernungen ganz gewaltige sind, sind die Verwundeten, die (icft nicht gerade in der Nähe einer Militärstaiion bcsinden, oft dem sicheren Tode ausgclicsert. Fräulein Marvingt hat nun eine geschlossene Tragbahre aus Pslanzensasern und Aluminium erfunden, die man unter den, Sitze des Flugzeugsührcrs anbringcn kann, und in der die Verwundeten oder Kranken leicht sortgcschasst werden können. Es besteht allerdings die Gefahr, so sagt das „Journal", daß die Kranken beim Landen zu Schaden konimen, denn nach der Statistik sind acht Prozent aller Landungen mit einem größeren oder kleineren Unsalle verknüpft: aber da cs sich um Verwundete oder Kranke bandeln würde, die rasch operiert werden müffen, widrigensallst sic doch dem sicheren Tode ausgeliesert wären, so muß dieser Uebel- stand eben mit in den Kauf genommen werden.
— 26 Jahre Kutscherin! Die Vereinigten Königreiche von Großbritannien rühmen sich, zu ihren Untertanen die einzige Kritscherin der Welt zu zählen, die ihren Beruf seit mehr als einem Vierteljahrhundert, genau seit 26 Jahren, ausübt. Diese Kuffcherin, von der die „Daily Mail" erzählt, trägt den echt eng- lichen Namen Frau John Bull. Sie wohnt in Bembridge auf der Insel Wight und hier ist sie seit vielen Jahren ihrem Bcruse nachgegangen oder besser: nachgeiahren. Jeden Tag kann man sie am Vahnhos von Bembridge in ihrem blauen Kutschcrrocke neben ihrem Landauer warten sehen. Sie hat als .Kutscherin von kleinauf an- gesangen: sic begann nämlich mit einem Gig und einem Pony davor: als ihr dieses Fuhrwerk genug eingebracht hatte, lauste sie einen Landauer und ein richtiges Wagenvserd, und dieses Fuhr- Iverk hat sie seitdem beibehalten. Sie versorgt es übrigens vollkommen selbst, den Wagen wie das Pserd, und mit beiden weiß sic trefflich umzugchen. Sie hat nämlich ihre Jugend zum Teil in Texas unter Cowboys zugebracht. Frau John Bull ist übrigens nicht nur Kuffcherin, sondern seit einer Reihe von Jahren auch Schweinczüchterin. Auch in diesem Becuse ist ihr Grundsatz, alles selbst zu machen, und daher kann man sich wobl denken, daß sie eine vielbeschästigte Frau ist.


