Nr. M
Der Anzeiger
erscheint täglich, cnlhrr Somtta-S. - Be,lagen: viermal wöchentlich Giehener.sanril ieudläNe r; zweimal wöchenkl.Rreir- blatt für den Kreis Sietzen (Dienstag und Freitag): j^weinn^ ruonatl. LanL- wiriichafUiche Leitfragen Fernjprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse inr Deutsch en: Anzeitrer «ictzcu. Annahme von AnzetgeM üir die Taqesnnminer bis vornrittags S Uhr.
Erster Blatt
164- Jahrgang
WnerAnzeiger
General-Anzeiger für Gberhesjen
Samstag, 18. Juli M4
VeznqsvreiS:
monatlich75Ps., vierteljährlich Alk. 2.20; durch Abbsle- u. Zweigstellen monatlich 65 Ps.: durch diePost Nlk.2.— viertel« jährl. ausschl. Bestellq. Zeile«,preis: lokal 15Ps^ auswärts 20 Bienniq. Ehesredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den polit. Teil: Aug. Gocr;: für .Feuilleton", .Vermischtes" uitd^Gerichls« faal": !1arl Neurath; für .Stadt und Land"
«o«ation$6rud an» Verlag »er vrnbl'schen llnio.-vnch. an» Steia-rnckerei S. Lange. Redaktion, Expedition und Vrnckerei: Schnlftrahe ' ^-ndi: t»r .den
Anzeigentett: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaht 16 Seiten.
politische wochenscha«.
Gießen, IS, Juli, Die vergangene Woche Mar reich an Sensationen man. chcrlei Art, besonders in Frankreich, das ja immer nrit emer neuen „Affäre" zu tun hat. Mit rücksichtsloser Offen- hmt hat Herr Humbert in den Senatsverlmndlnnaen die lotterige Militärverwaltung angeklagt. ohne daß diese aus seine schwere Beschuldigungen etwas zu erividern gewußt hatte, was von Belang gewesen wäre. Sie kann ja vielleicht wirklich nichts dazu, daß die Zustände so über alle Maßen jammervoll sind, es liegt wohl in erster Linie an dem beständigen Wechsel in den oberen Stellen, also an dem m Frankreich herrschenden Prinzip, an der «erwvrren- heit uiid Unklarheit seines politische» Völlens, an der Sckzaulelpolitik, die in dem rcpublikanijckwii Staat weit schlimmer ist, als sie in dem monarchischen jemals gewesen war Die Reibereien und die Feindseligkeiten, die zwischen den einzelnen Parteien herrschen, haben sich derartig verscl>ärft, daß sie eine unmittelbare Gefahr für das Land geworden sind, dessen Steuer Herr Poinearö hilflos in den Händen hält. Dabei ist cs in militärischer Hinsicht an der Grenze seines Könnens angclangt, denn da es eben über keinen gesunden und voll tauglichen Heeres- crsaß verfügt, muß es die Ansprüche an die Tauglichkeit seiner Mannschastcn derart herunterseßen, daß keine erst- klassige Weh rin acht daraus geschaffen werden kann. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb schweigen die Kriegshetzer und die Geldbcuteipatrioten keinen Augenblick, Tic harte Strafe, die das Reichsgericht über den Karikaturisten Waltz verhanät Hai, war ihnen ein willkommener Anlaß, gegen Deutschland vom Leder zu ziehen und sich dabei unsterblich läckgerlich zu niachen, Ter Gießener Anzeiger hat mit der überwiegenden Mehrheit der deutschen Presse das Urteil im Prozeß Hansi als viel zu hart empfunden, zumal der Reichsanioalt selbst zugestehen mußte, daß von Hochverrat keine Red«- sein könne und diese Anklage auch fallen ließ, aber die Art und Weise, wie jetzt in Frankreich für Hansi Stimmung gemacht wurde, das geht denn doch entschieden zu weit. Es ist schließlich eine Privot- sache, wenn „Damen" hem von den „prussiens" so übel mitgcspieltcn armen Hansi die Hände küssen, aber wenn' Leute, wie die Herausgeber der bonapartistischen „Auto- rite" wegen des Leipziger Urteils die Bcrtreter der deutschen Presse anpöbeln, dann muß man sich denn doch vcr- nmndcrt fragen, wie so etwas möglich ist. Der von diesen Vorkommnissen natürlich ebenfalls betroffene Vertreter der Köln, Ztg, gibt seinem Blatte über diese Vorkommnisse folgende Darstellung:
Die Brüder Cassagnac, Leiter der von ihrem Vater begründeten bonaixirlislische» Autorite, und wie dieser die bona- parlistischcii Bannerträger des Bonapartismus in Frankreich, wollen sich die deutschen Berichlerstitier in Paris vornehmen, um an ihnen für die Verurteilung HansiS Vergeltung zu üben. Sie halten sich dabei zunächst an diejenigen, die selbst oder deren Blätter nach ihrer Meinung diese Verurteilung mit Erörterungen begleiteten, die sie als Herausforderungen an Frankreich betrachte». Sic haben die sämtlich von ihnen bezcickmeten deutschen Be» richterstaller — bis jetzt sind cs ihrer fünf an der Zahl — deshalb brieflich und in seiigcdruckicn Ansagen wissen lassen, daß sic ohne weitern Auftrag und andere Verantwortlichkeit zu haben, als die ihres patriotischen Gewissens, ihnen gegenüber forlan nur das Gesetz anwenden würden, das ja auch für die Deutschen das oberste Gesetz sei, nämlich die Gewalt und diese deshalb aus eigene Faust zur Anwendung bringen würden, um ihnen die entsprechende Antwort zu erteilen. Dieser Drohung haben sie die Tai folgen lassen, indem sic zweien von jenen deutschen Jour
nalisten als Berichicrslailern des Berliner Lokal-Anzeigers, der ihr reionderes Mißjallen erregt bat. ihre Kärlellträger schickten. Diesr trafen nur einen von den beiden Deutschen zu Hause an, der ihnen erklärte. daß er nicht Berichterstatter des Lokal-AnzeigerS sei und im übrigen den gesuchten Ehrenhandel wegen seiner journalistischen Tärigkeil a b l e h n e. Den beides lemperamcziivollen Franzosen widersuhr bei ihrem Vorgehen auch das kleine Versehen, daß sie ihr patriotisches Faustrecht, das sic gegen die deutschen Bericht- erstatt« anläßlich der Verurteilung Hansis ausüben wollien, von letzteren auch einen verfallen erklären, der schon seit einem Jahr im Grabe liegt,"
Run dars man diele Sache ja nicht gar so ernst nehmen, denn die Autorite genießt in Paris das, was wir mit einem guten deutschen Wort „Eselssreihcit" nennen: sic durfte es sich sogar erlauben, von dem Präsidenten Fal lisres jahrelang in den schnödesten Ausdrücken zu reden, wobei ./widerlicher Gauch" noch einer der glimpslichstc» war. Immerhin ist es erfreulich, daß sämtliche Vertreter ausländischer Zeitungen in Paris gegen das von den Herren Eafsagnac beliebte Verfahren Protest erhoben, indem sie solgendcn Beschluß faßten:
Der Ausschuß der Vereinigung der ausivärtigcn Presse hat Kenntnis genommen von dem Briese der Herren Prooost de Launav und Jean du Breuil, worin diese als Kariellträgcr des Herrn Guy de Cassagnac von Herrn Fuchs Rechenschaft fordern sür einen am Samstag im Berliner Lokal-Anzeiger erschienenen Artikel, der zu dieser Stunde Herrn Fuchs nocl> nicht zu Gesicht gekommen ist. Tpr Ausschuß der Vereinigung der sreindcn Presse ist der Ansicht, daß es durchaus unstaithait ist, den Pariser Bcrichierstaiier einer Berliner Zeitung versönlich verantwortlich zu niachen sür einen Artikel, der in diesem Blatte ohne sein Zutun, ohne seine Mitwirkung und ohne selbst die Elemente sür die redaktionelle Abfassung geliefert zu haben, erschienen ist. Es handelt sich hier um eine grundsätzliche Frage, die sämtliche Berichicrsiaiier und Mit- arheiier aller Zeitungen der Welt berührt. Eine so unbegrenzte Ausdehnung der Gcmeinbürgschafi aller Mitarbeiter einer Zeitung entspricht nicht dem Wesen der Verantwortlichkeit, die der Presse aujzulegen ist.
Leider wurde diese einheitlich« Stellungnahme durch Herrn F, Stephan, den Vertreter der Deutschen Tageszeitung, durchbrochen, indem er in die Redaktion der Autorite ging und um Schonung bat, da er Familienvater sei und sehr mit Frankreich synrpathisiere. Auf eine ernste Vorhaltung des Vertreters des Berl Tagbl., des Herrn Dr, SB. Auburtin, hat Herr Stephan mit einer Forderung geantwortet, die natürlich abgelehut wurde, Herr Stephaii hat sich seiner Zeitung gegenüber zwar zu rechtfertigen gesucht, indem er sich darauf berief, daß sein Brief an die Herren Cassagnac vertraulich gewesen wäre. In der gestrigen Abendausgabe teilt aber die Deutsche Tageszeitung auf der ersten Seite kurz mit, daß sic nach Prüfung der Unterlagen ihre Beziehungen zu Herrn Stephan gelöst habe, Tic Sack>e ist somit äußerlich geregelt, aber es ist tief bedauerlich, daß so etwas überhaupt Vorkommen kann. Wie eine Ironie des Schicksals mutet es an, daß ausgerechnet der Vertreter des Berl, Tagbl,, eines Blattes also, dem die Tageszeitung jo häufig Liebedienerei vor dem Ausland vorgcworfen hat, den Vertreter dieses Blattes über seine nationalen Pflichten zur Rechenschaft zieht.
Gleichzeitig ist die Patriotenliga wieder an das Licht der Oefsentlichkeit getreten, um einen neuen Vorsitzenden zu wählen, den sie denn in dem Dichter Maurice Barres auch gefunden hat. Dieser sprach dann in seiner großen Antrittsrede mit Emphase von einer Verschwörung, welche die Tripleentente zerreißen und an ihre Stelle eine Allianz mit Deutschland setzen, das heißt Frankreich zum Vasallen machen wolle, der vor Kaiser Wilhelm auf den Knien liege.
Daß diese Worte den Russen gefallen haben, geht aus den Auslassungen der Nowoje Wremja mit deutlichster Klar
heit hervor, wenn sie sich bemüht, den Franzose» zu beweise», daß General Peydou Unrecht I>abc, der die dreijährige Dienstzeit als über die Krast Frankreichs gehend bezeichnet hatte. Frankreichs Vertcidigr ngSmaßregcln seien bisher ganz illusorisch geivescn, man habe Millionen gespart, um Milliarden zu verlieren. Ter nüchterne Teil der französischen Politiker habe daher auf Herstellung des dreijährigen Dienstes bestanden, um Frankreich vor einem neuen Agadir und vor neuen Verlusten an Larrd und Leute» zu betvahrcn. Aber leider seien die Lehre» der Vergangenheit, ivie es scheine, vergeblich geivesem Wie auf Bestellung aus Berlin bemühe man sich, die Ostgrenzc Frankreichs zu entwaffnen und sie ftir den tödlickren Stoß zu öffnen. Schon seien die Vertreter dieser politischen Richtung so mächtig geworden, hast sie einen Platz a» der Spitze der Landesver- leidigiingskommission errungen hätten, um aus ihr eine Kommission nationaler Entivassuung zu machen. Es gebe nur ein Mittel, um der drückenden Rüstungslasten ledig zu werden: man müsse eine Lage schasicn, die das weitere A,rwackscn „gepanzerter Fäuste" ziveckloS mache. Mit dem bestehenden System des europäisch)«» Gleichgewichts sei dieses Ziel nicht zu erreich)«». Im Gegenteil, cs führe zu krampfhaften Anstrengungen beider Teile, das unsichere und ewig schivankcndc Gleichgenücht zu ihrem Vorteile zu verändern. Das deutsche Gesetz von 1913 habe das russisel>e von 1914 nach sich gezogen, daS die jährlirl>c Einbcriisung von Rekruten »n> 130 (XX) Köpfe erhöhe und die russische Armee in Fricdenszciten aus 2 Millionen Mann bringe. Ein Ende sei »ichi abzusehcn und nur die Diplomatie, die von ihrer Routine lebe, freue sich dieses Gleichgewichts. „Wir warten auf Taten von seiten der Diplomatie. Wenn die Diplomatie der Tripleentcnte alle Staaten zweiten Ranges auf die Seite des Friedens hinübcrzieht, wird die Rivali- tät zwischen den beiden diplomatischen Kombinationen von selbst aufhören. Die Triplccntcntc verkörpert in sich den Gedanken des Friedens — der Dreibund den Gedanken des Angriffs. Vermag die Diplomatie der Ententemächte die Mächte zweiten Ranges zu gewinnen, so wird das militärische Ucbergewicht dieser Kombination so groß, daß auch für „Räuber" keine Chance übrig bleibt. , , ."
England dagegen rückt mächtig von Frankreich ab, um so entschiedener, als dort die Rede .Hnmberts wie eine Bombe eingeschlagcu hat. Es gab eine Zeit, wo man über dem Kanal geglaubt hat, daß das französische Heer dem deutschen weitaus überlegen sei. Das hat sich aber seit einiger Zeit wesentli cl>geäiidert. Es war einige Jahr« lang dort in den Blättern des internationalen Preßznsaiw mciilzanges das französische Heer, sein Material, seine Taktik, seine Führung, kurz alles, was damit zusammenhing, mit einem solchen Aufwand von Eifer und Lärm gepriesen worden, daß man an systematische Reklame denken mußte. Dieser Gedanke drängte sich um so mehr auf, als die ganze Lobrednerei vielfach ganz offen, aber mittelbar immer auf Kosten der deutsch)«» Hccrcscrnrichtungen betrieben wurde. Man ging dabei mit so viel Tatkraft und nur zu oft mit so auffallendem Mangel an Sachkenntnis zu Werke, daß der Beobachter der Dinge, der nur einigermaßen mit deutschem Verhältnissen vertrant war, nicht ohne Heiterkeit die Bildung einer neuen französischen Selbsttäuschung und Legende wahrnahm, die unwillkürlich-an das archiprst und den berühmten letzten Gamaschßniknopf der Marschälle vor dem deutsch-französischen Kriege gemahnte. Es muß dann aber doch allmählich von unbefangener fachmännischer Seite her eine bessere Einsicht in den englischen Hoereskreisen und sogar unter den klügeren Politikern zur Geltung gekommen sein, denn seit etwas mehr als Jahresfrist ist, wie der Köln. Ztg. geschrieben wird, die kritiklose törichte Ver-
Als da; Meer zum letzten Male im Nheinland stand.
Ein außerordentlich inleressantes Gebiet sür die geologische Wisscnschasi ist das Land rheinauiwärts von Bingen, das Mainzer Becken, denn bis dorthin rollten vor undenklichen Zeiten die Wogen des Miilclländischc» Meeres. Ter Geologe Gerb hat die einstige Mecresgrenze jener Gegend genau sestgclegt und dabei gesunden, daß im äußersten Winkel der Rheiitprovinz, da wo noch beute die idyllische Gebirgslandschaft des Badeortes Kreuznach durch ihre südlich üppige Vegetation den Wanderer überrasch!, in vorzeitlichen Tagen eine Küstenlandschast in das Meer ragte, die den ganzen Zauber der Riviera in sich vereinte, dasselbe Klima, dieselben Pstanzen, dieselben Tiere lullte, ivie heute die Kanarischen Inseln, In einem fesselnden Vortrag führte Gcib kürzlich aus der rheinischen Lchrcrvcrsammlung in Bingerbrück seine Zuhörer in die Urzeit jener interessanten Gegen) zurück, von der dem Kündigen die Steine und der Sand erzählen, aui denen wir Menschen von heute wandeln. Das Wissen des Gelehrten zauberte aus den unscheinbaren Uebcrblcibscln einer versunkenen Epoche der Erdgeschichte vor dem geistigeu Auge wieder jenen Garten Eden hervor, der damals die Höhen der Kreuznachcr Gegend bedeckte, als noch das warme Meer den Saum der rheinischen Berge bespülte und Lorbeerbäume und Fächerpaline in rheinischen Wäldern blühten. Zwar redet das Blatt der Geschichte von jenen urdcnklichen Tageri. aber doch hat sich der forschende Blick des nimnier rastenden Men- schcngcistes den Weg durch das Dunkel der Vergangenheit zu den Gchcin,Nissen der ersten Tage erzwungen. Wann stand nun das Meer zum letzten Mal in unserer Gegend? Damals, als der Wasserspiegel der Nahö, die bei Bingen in den Rhein fließt, noch 40 Meter höher lag, als heute. Die jetzige Nahe braucht 40 Jahre, um ihr Beil um einen Millimeter zu verliefen. Danach berechnet, ist es mindestens 3' , Millionen Jahre her, daß das^Meer im Rheinland stand. Die zerstörende Krast des Meeres^bröckelt ständig Gestein aus dein Untergrund ab. Die schweren Stücke läßt cs nahe der Küste liegen, sie bleiben scharfkantig. Die Ueincrcn Sieine werden weiter ins Wasser hinausgespült und hin und her bewegt, wodurch sic ihre Künten verlieren und sich rundlich abschleiicn. Das ganz ferne Geröll tvird über 200 Meter hinaus sorigespüli und bildet den Mceresschlamm, den wir Schlick nennen. Tiefes Gesetz der Sirandbildung erinöglichie die genaue Fetilegung^ der alten Meeresküste und gestattete auch einen Rückschluß^auf die Stellen, au denen Flüsse in das Meer nrüirdeten. Die Flüsse lagern nämlich an ihrer Mündungsstelle Geröllpariikelchen aller jener Gegenden ab, durch die sie stießen. Die Nahe bctördcrt so jährlich b Millionen Zentner Festland ins Meer, Wollten
n>ir die gleiche Menge mit der Bahn verschicken, müßten wir einen Güterzug haben, der 150 Kilometer lang ist Was die Nahe in einem Jahre schasst, bringt der Rhein natürlich schon in zwei Tagen fertig. Wo die Küste des alten Meeres war, siridgn wir Fels- gestade, nahe der Küste gelben Sand und weiter entfernt den Meeresschlick, der heute als grüner Thon in Erscheinung tritt. Der gelbe Mceressand ist weiter nichts als Porphyr, also abgebröckeltes und von den Wellen geschlissenes Material des Untergrundes, Aber nicht nur die Steine, sondern auch die Tiere bezeugen uns den Verlaus der alten Meeresküste, Bei Kreuznach fand man zahlreiche Austernschalcn, Wenn heute der Forscher mit Hacke und Spaten den Boden der Heimat durchsucht, feiert manch begrabenes Leben verklungener Tage seine Auferstehung, Da linden wir Muscheln in allen Formen, Famslienaustern mit Sck)alen, deren jede sünf Psund wiegt, Schnecken usw. Merkwürdigerweise sindcn wir die Verwandten der bei uns gefundenen Fossilien immer in den warmen Meeren des Südens, im Mittelländischen Meer, im persischen Golf usw. Aber auch Haifische lebten in unserem rheinischen Meer, vor altern dev Heringshai, der sünf bis sechs Reihen Zähne im Maul trug, im ganzen über 400 Stück, Harsrsch,zähne werden in großer Zahl gefunden, au der N e » m ü h l c bei Alzey kann man bc- auem in einer Vierielstundc 200 Stück auslcsen. Die Fische erhalten sich nur schwer, im Sand verwesen sie, nur der Schlamm, der sie von der Luit völlig abschließt, Hai einzelne Exemplare in die Gegen- toari herübergerettei. Aber etwas haben die Frsckie, das nicht verwest, die aus Kalk gebildeten GehöNiernchen, die an der Stelle der Ohren liegen und den Fisch beiähigen, in der Gleichgewichtslage zu bleiben. Wie uns das Druckgcsühl sagt, ob nur unseren Hut schiel oder gerade ausbabeir, so zeigt der Druck der Gehörsieinchen den Fisck)cn an, ob sie die richtige Lage im Wasser haben. Jede Fischart bat anders geformte Gehörsieinchen, und da Geologe Gerd nun solche Sieinchen in großer Zahl gesunden, ausgeschlemmi und unicr der Lupe bestimmt hat, wissen wir ganz genau, welche Fisch- artcn im rheinischen Meer vorkamen. Der Redner zeigte alle Tiere und Pstanzen jener Zeit in prächtigen Lichtbildern und Versteinerungen, Aus diese Art machten wir SBekannischafi mit den Seekühen, deren Hinterbeine iniolge Nichtgebrauchs bei zunehmendem Auienihali im Wasser verkümmerten und schließlich verschwanden. Wir sahen aber auch an Land das riesige Schreckcnstier, einet, SBorläufcr unseres Elefanten, mit nach unten gebogenen Stoßzähnen, das Mastodon, den Tapir, von den Pferden sogar das allerälieste. das noch fünf Zehen hatte und nicht größer wie ein Foxhnnd war. Mit Emzücken rutNe unser Blick aus den dichten Lorbecrwäldern, aui den üppigen Palmen, den Feigenbäumen, dem mächtigen Eukalyptus, dem oft zwanzig Meter hohen Mammutbaum, den viclar-
tigen Kicsern, die damals die Söcrgc, die als Inseln aus dem Meer ragten, bedeckten. Auch Zimtbaum und Kamvherbaum kamen vor. die wir jetzt nur noch in Japan und China linde,i. Im allgemeinen können wir sagen, daß die Kreuznachcr Gegend damals ganz das ?kussehen und das iklima der Kanarischen Inseln hatte. Die Alpen gab es damals noch nicht, sie sind erst sväier durch eine gewaltige Eruption aus dem Schoß der Erde auigcsriegen, sic trennten uns also nicht, wie heute, vom warmen Süden, Dasselbe Meer, das die Wüste Sahara bedeckte, bespülte auch die Rhein- laitde, daher die Verwandtschaft zwischen unseren Fossilien und der lebenden Flora und Fauna jener öiegendcn. Und wenn wir manche der Tiere und Pflanzen der rheinischen Meercszeit heute nur noch in Nord- oder Südamerika sinüen, so weist uns diese Erscheinung daraus hin, daß Nordamerika durch Island einst fest mit Europa verbunden war, Afrika durch die Kanarischen Inseln, das sagen- hasic Atlantis, mit Südamerika, Erst lange nach der rheinischen Meercszeit tauchte der Mensch auf der Erde auf, noch kaum 10 000 Jahre ist es her, daß die Menschen angcsangen haben, Geschichte zu machen, aber langsam zieht uns der Rhein wieder den.Boden, auf dem wir stehen, unter den Füßen weg. Und nach Jahrtausende,» wird er sein Werk vollendet haben, und dem Meer wieder den Weg in unsere Heimat weisen, das eines Tages wiedcrkommen wird, wie cs vor Millionen von Jahren gekommen ist.
— Deutsche Frauen, deutscher Wein verpönt. Bei dem letzten Großherzogsbankett in Waldshut erregte es, wie der „Badischen Nationalliberalen Korrespondenz" geschrieben wird, unter den Teilnehmern großen Umvillen, daß in dem allgemeinen Liede „Tcutschland, Deutschland über alles" der zweite Vers, der sonst lautet: „Teutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang" umgcändcrt war in den Text: ^.Deutsche Sitte, deutsche Treue, deutscher Mut und deutscher Sang". Einer, dem die Aendcrung gleichfalls mißsiel, ging der Sache aus die Spur und stellte fest, daß die Buchdrnckerei, die den Text hergestellt halle, denselben dem Karlsruher Liederbuch, Liedersammlung für die Schule, bearbeitet von L. Jäger, Oberlehrer, 2, Heft, 4942, Verlag von I. I. Reifs, Karlsruhe, entnommen hatte. Auf Seite 94 findet sich tatsächlich dieser verschandc.ie Text des schönen Vater- landsliedes vor. Die Korreivondenz bemerkt hierzu mit Recht: „Wir möchten in aller Oefsentlichkeit ansragen, welche Gründe für tün Herausgeber maßgebend waren, als er diese „Verunreinigung" des Textes vornphm? Will man auch schon in Baden mi! solchen Mätzchen kommen? Hält man es sür „unsittlich", wenn der Volksschüler den edlen Klang der deutschen Frauen besingt und sür „alkoholhaltig", wenn auch dem deutschen Wein sein Lob erklingt?"


