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Erstes Blatt r m
(64. Jahrgang
Dienstag, 7. Juli 19(4
General-Anzeiger für Oderhejsen
Rokationsdnick bhä vertag der Vrühl'fchrn Uaiv.-Buch- »nö Zteinäruckerri R. Lange. Redaktion, Erpcdition und Druckerei: Lchulstrahe 7-
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monatlich7öPi.,viettel- ’ä'jrlirf) 'JJlf. 2.20; durch 2' bfjole- u. Zweigstellen monatlich 00 Pf.; durch diePost ü'tt.2.— viertel- jährl. ausichl. Bestellq. Zeilenpeeii: lotallöPs, auswärts 2ti Pfennig. Chefredakteur: A.Goeq. Berantwortlich für den polit. Teil: Aua. Goetz; fiu- .Feuilleton", ,Ver- miichtcs'uud.Gcrichls- jual": Karl Neurath; für .Stadt und Land": Kurl Beadt; für den Anzeigenkell: H. Beck.
Enthüllungen des türtischen Zinanzministers.
„Ewig dankbar" müsse dir Türkei den Franzosen sein, so verkündet der Finanz,ninister Tsänuvid Bei in der kur tischeil Kanuuer Tiefe Erklärung enthält ein starkes Scttft- lob iufasern. als Tschawid Bei cs selbst ivar, der die neuen sranzösrich-türlischen Verträge vor zwei Monaten mit Tou- niergue in Paris paraphiert lzat. Don den deutsch- lür kr scheu Derhandlungeu, die nun schon sechs Monate dauern, enthüllt Tschawid nur die Konvertierung der vier- prozentigen Ldltganoncn der Bagdadbahn in sünsproze» tige und die Herabsetzung der Bauiosten von 270000 Franks für das Kilometer aus 220000 Franks Don den deutsch- französischen Derhandlungeu erwähnt der Finanz- nivrrster des Sultans nichts; sic silld aber schon in März d I. im Berliner Auswärtigen Ami paraphiert worden Nachdcui nun Tschawid Bei in Paris mit fast allen seinen Wiiirjichtm ans Ziel gelangt ist, besteht gar kein Grund, die Ein-eltzetten des Abkommens zu verheimlichen, durch das die ganze Bagdadlxth,, voll .Ha,da, »Pascha bis zu ihrem End Punkt bei Wasra in das ausschließliche Interesse des den, scheu Kapitals irbergeqongeu ist, während andererseits DepHchland seine Zusiiminnng zu den türkischen Zoll erbölhungen und den anderen Finanzmaßnahmen gibt, sür die Dschawid Bei die Genehmigung der Mächte nachgesucht har. Die Deutsche Bank, die das Aiissckzeißei, der französischen Kapitalisten von der Beteiligung an der Bagdadbahn erwirkte und dafür ihre nordaiiatvlischen Konzessionen hingab, hak erreicht.»>vas sie ivotiie. Ader die deutsche Tiplo- inotte hat wieder cinniol aus dem für uns so loichligcn Gebiete nftrtschostspolitifcher Entfaltung weniger erfolgreich ab geschnitten.
Die Rede des Finanzminifterr.
Konstantinovel, 4 Juli. Tie türkische Kam
mer begann am Samstag in Anwesenheit sämtlicher Dättgliedcr des Kabinetts die Beratung des
Budgets. Der Finanzminister Tschavid Bcv erstattete em erngehendrs Fiuanzcrvoie. Der Minister erklärte, das es idem inngrürkrschen Kabinett gelungen sei, trotzdem das vorauf- ae«Mteue Kabinett kein Geld auftreibeti kannte, Geld zu finden. Die Älledereinuahiue von Adriaiwvel habe den Europäern ioicder IDenrauen zn der Türkei cingeflößc sodann beschäftigte sich der Frnanrvnnistrr mit der in Paris abgeschlossenen geoßeil Anleihe, sür die die Türkei Frankreich etmg inürde erkenntlich sein müsse. Eingehend befvrach der Minister tadann die unitschaftlichcn Der- lhandiungcn mit Frankreich, wobei er einige bisher unbekannte Ernzelheiten anfühtte, so die Zustimmung Frankreichs zur Ein- sührnng von Abgaben aus den Konsum von Kolonialwaren, die Entsendung von Delegierten nach Konstantrnovel. tvelche die Slus- gabe baden sollen, einerseits den auf die Rechtsprechung bezüglichen Teil der Kaottularionen abzuändern, und andererseits aus der.Grundlage des internationalen Rechtes einen Handelsvertrag mit der Türkei abzufchließen. ,
Bei der Auszählung der Frankreich gewährten E i I c n b a h n - kouz.e.ssioncn hob der Minister hervor, daß die Eisenbahngesell» schaff fttr die Linie Sm h rna — Kassasva das Vorrecht für die Zweigtellie erhietl, ioelchc Soma-Panderma mit Brustä verbindet imd daß der Gesellschaft sür die syrische Eisenbahn das Vorrecht für die Leine von Hams—Mesopotamien eingeräumt wurde. Ter Minister erwäbme ladatin dos ranzösnch-deutschc Neberciakomitrcn bezüglich der iBagdadbahn und sagte, die Franzosen, die aus die Bereüigung an diesem Unternehmen verachteten, erhalten als Gcgemoert tür ihre Bagdadbahnobligalionen Titres rm Betrag von drei Millionen Psund Sterling, die bei» zweiten Abschnitt der mit deutschen und österreichischen. sowie ungarischen Banken abgeschlossenen türkisäse» Anleihe darstellcn. Somit gäbe cs keüie schwebende Frage zwischen der Türkei und Frankreich. Tas türküch-iranzonsche Abkommen sei von änßerordentlich-polili- scher Bedeutung, da Frankreich die Verpflichtung übernommen habe, an der Pariser Börse künftig türkische Anleihen, die für öftentliche Arbeüen, für die Ausgestaltung des Armee- und Marine- niatrrials bestimmt und deren Erfordernis im Laufe der nächsten
zehn Jahre aus 2 231 Millionen geschätzt wird, zur Konvertierung znMlaften.
^ Tschavid Be» erinnerte daran, baß imter dem frühere» Sultan die Konzession zur Ausbeutung der Petrolcumjelder in Mesopotamien der Zivillifte eingeräumt worden sei, die ihrerseits dieses Recht der Deutschen Bank abgetreten habe. Diese habe jedoch von der Konzession keinen Gebrauch gemackn. Jntolgc des Abkommens der Deutschen Bank mit bei Anglo Pcr- sian Oil Companh würden die Petrolcumscldcr in Mesopotamien zitier neuen Gruppe abgetreten werden, a» der otto- manrjchc Staatsbürger oder die türkische Regierung beteiligt sein würden An der 'Lxliftalztt au» dem Schatt-el Arab und Euphrat, welch' letzterer bis MeSkene schiffbar gemach; werden solle, von wo eine Eisenbahnlinie bis Alerandrette werde geben können, werde die Türkei mü zwanzig Prozent beteiligt sein. Englund sei seine Eisenbohnkonzcision Smyrna— Aidin verlängen worden.
I» Erörterung der deutsch-türkische» De r handln n g e n führte der Minister aus; Die schwierigste Frage sei die der Bagdadbahn. Im Lause der Verhandlungen, die seit sechs Monaten dauerten, habe die Pforte im Prinzip der Konvertierung der vierprozenttgen Obligationen der Bagdadbahn in süniprozemige zugestimmt; die .Einzelheiten seien noch Gegenstand von Verhandlungen. Tie Worte habe dagegen die Herab- setzung der ursprünglich mit.270 000 Francs pro Kilometer test- gesetzten Baukosten verloitgt. Nack» langen Perhanblungen sei es gelungen, die Baukosten aut 225 000 Francs herabzuietzcn. ES erübrige sich noch, den Enrissionskurs der künftigen 'Anleihe der Bagdadbahn festzusetzen. Ter Direktor der Teutschett Bank lxrbe hierüber in Berlin mit den dortigen Finanzkrcisen beraten lind er hoffe, daß nach seiner Riickkehr alles geregelt sein werde,
Drr Minister erörterte hieraus die Zweig l i nie», die deutschen Konzessionären eiiigeräumt tverden sollen, und gab weiter Ausschluß über die russisch-türkischen Verhandlungen. deren Absckluß die Bereinbarung mit den Mächten krönen soll. Gegen gewisse Vorteile, habe Rußland seine Zustimmung gegeben, zum Teil aus sein ausschließliches Vorrecht zu verzichten, das es 1900 bczügliäz des Baues von Eisenbahnen vom Schwarzen Meere aus erlangt habe. Dank deni Verzichte Ritßlands, der mit der Unterstützung Frankreichs erzielt worden sei, sei es mögliä; gewesen, Konzessionen sür französische Eisenbabnlinien an, Säiwarzen Meere zu reservieren. Ter endgültige stlbichluß des türkiich-ruiiischcn Abkommens hänge von den Verhandlungen zwischen der Türkei imd Deutschland ab. Da diese iuxO Tort» dauerten, sei er, der Minister nicht in der Lage, sich näher darüber zu äußern; er müsse ledach auf leben Fall den guten Willen Rußlands anerkennen
Alle diese Vereinbarungen würden die Beziehungen der' Türke: zu den Aiächten befestigen. Dank der Inangriffnahme dieser Ver- tmndlungen sei cs möglich gewesen, die Unterslützung der Mächte in der Frage der Zugehörigkeit Adrianovels sowie in anderen kFragen zu erlangen. Die Erhaltting der Integrität der Türkei sei hiermit zu effiem Fofter d-r cirroväitchen Politik geworden. Ter Mniifter schloß, indem er auf das Verhalten Frankreichs nach 1971 tzinwics und die ottomanische Nation anffordertc, mit Ciiv und Selbstverleugnung zu arbeiten, denn mir auf diese Weise werde sic' Herrin ihrer Geschicke werden und die jetzt dem fremden Kapital eingeräumten Untcrnchmungcil wieder an sich nchmetl können.
Ter Schluß der Bede des FinanznrinifterS machte auf die Kammer tiefen Eindruck.
K o n st a n t i n o v e l, 6. Juli. Der Finanzminister setzte sein Exvos« über das Budget fort und führte bei der Marine aus, daß noch 890 000 Pfund für den Dreadnought „Sultan Osman" zu bezahlen feien. Tie Türkei werde in den nächsten 10 Jahren 8 0 M i l - l i o n e II Pfund für Eisenbahnen, Häfen und Bewässerungs-Arbeiten und 10 B! i l l i o n c n für Munition, Beicstigungen und Kriegsmaterial benötigen. TaS Budget werde in 10 Jahren 50 Millionen betragen. Diese Ziffer flöße Besorgnis ein. Man müsse aber bedenken, daß die Schienenwege und die Be wässerungsarbciten in ?lden und Mesovothomien eine gewaltige Tr Höhung der Einnahmen bewirken würden. Er sei fest überzeugt, daß der Türkei eine glänzende Zukunft bevorstche, nur Itküsse man an ihreni Fortschritte arbeiten.
Die hoswirren in Cesterreich.
Wien, 6. Juli. Der Kaiser empting heute vormittag den Grafen Berchtold in 1» - ständiger Audienz und daran anschließend den gemeinsamen Finanzminister
v.BilinSki. — Die Rückreise des Kaisers nach Bad Jscktl ist auf morgen festgesetzt tvorden.
E>» Handschreiben de > Kaisers.
Wien, 6. Juli. Tie „Wien. Z." v'röffenlticht nachstehendes H a n d s ch r c i b c u des Kaisers au seinen S b e r- hosmeistcr; „Lieber Fürst von Nlontcnuovo! Im Vollbesitze meines Der traue»» seit einer Reihe von Jahren au der Spitze meines Hofstaates stehiiid haben Sic stets in Ucbcrcinstlmmung mit meinen Intentionen unermüdlich mit ganzcni Erfolge Ihres verantwortungsvollen Amtes gewartet. In den jüngsten Tagen da> das .Hinscheiden meines geliebten Neffen, des Erzherzogs Franz Ferdinand, mit toetchcm Sic andauernd vertrauensvolle Beziehungen verbanden, ganz außerordentliche Anforderungen an 2 ie.^ lieber Fürst, herantrete» lassen und Ihnen neuerlich Ge legcnheit geboten. Ihre aufopfernde Hingebung au meine Person und an mein Haus in hohem Psaßc zu bctvähren. Ich ergreife gern diesen Anlaß, Sie meines wärmsten Tankes und meiner vollen Erkenntlichkeit für die ausgezeichneten treuen Dienste zu oersickzern. Wien. 6. Juli FLanz Josef M. P.
Der österreichische .Hochadel.
Wien, 6. Juli. In einer Bersamnilung des Katholischen Bolksbnndes hielt Erbgraf von Traulmannsdorss eine anfseheuerregendc Trauerrede anläßlich der Ermordung des Tl)ronfolgcrpaares, deren Spitze sich gegen den Eberhos- mcister Fürsten Älontcnnovo richtete, dem kleinliche Engherzigkeit bei dem Arrangement der Tranerfcicrlichkciten vorgcworscii wurde. Schließlich wurden Hnldigungsdcpeschen an bei, Kaiser und den jetzigen Thronfolger Karl Franz Josef abgcsendct..
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Budapest, 6. Juli. Tic Polizei von Zimonv ver- hastete einen aus Seraieivo zugereisten Serben namens P o p o w i t s ch, dem die Mitschuld an der Scrajewoer Bluttat zugeschrieben wird.__
Aus Albanien-
Rom, 6. Juli. Die Agcnzia Stesani meldet aus T u - razzo; Am 5.Juli ist eine Abordnung ans Argvrokascro hier eingetrosfen, um den Fürsten zu ersuchen, Maßnahmen znm Schutze von Arghrvkaskro zu erchicisen. Wenn der Fürst dies ablehnt, will sich die Stadl mit den Epiroten verbinden. — Trei Unterhändler sind im Aufträge der sranzchz« scheu Gesandtschast abgcrcist, um über den Ucberfall aus die Wohnung eines französischen Bürgers in Jsni Erkundigungen cinzuziehen.
Du razzo, 0. Juli. Die Meldung auswärtiger -'iAöif“ ter, daß Jssa Bolstinap getötet worden sei, ist unrichtig. Jssa befindet sich gegenwärtig in Duraz.zo. — Nach bisher ' unbestätigten Meldungen haben die Epiroten Koritza angegriffen und eingenommen. Nach heftiger Gegenwehr wurden Regierungstruppen, die holländischen Offiziere Schmol- ler und Matinkrotb und der in atbanischcii Diensten stehende frühere österreichisch-ungarische Offizier Ehillardi gefangen genommen.
Durazzo, 6. Juli. Die Aufständischen haben S t a r g j a nach heftigem Kampfe mit den von Koritza herbeigeeilten Streitkrästen der Regierung c i n g e n o ni m e n.
London, 0. Juli. Im Oberhaus lenkte Lord Laming ton die Aufmerksamkeit auf die in der letzten Woche von dem Staatssekretär Grey betreffs Albaniens abgegebene Erklärung und fragte an. welche Schritte unter- nommen worden wären, um die Unabhängigkeit Albaniens zu sichern, und welches die augenblickliche Stellung des Obersten Philipps ioäre. Viscount Mo rieh betonte in seiner Erwiderung, daß der Gegniftand, den Lord Lamiugton zur Sprache gebracht habe, eine ganze Reihe von internationalen Fragen in sich schließe. Die britischen Interessen in Albanien seien gegen jede Olefahr durch die britischen Kriegsschiffe geschützt.
Altersweirheilen von Hans Thoma.
Aleistrr Hane- Tboma ist nicht nur Maler, sondern, wie be- konm, auch Schrittstelter und sogar Redakteur — nämlich als Mitberansqcber der „Süddeuttchen Monatshefte" in München. In deren nächstem Hefte veröffentlicht der Künstler nun eine kteine Sammlung treuer Aphorismen, die er „Allerlei Möglichkeiten" überschreibt linder erklärt diesen bescheidenen Titel mit einem Vorworte, darin sich der ganze Mann spiegelt. „Es ist möglich iso sogt erh daß, n>enn ich diese Bettachttmgen in jüngeren Jahren geschrieben hätte, ich sic loobl als Gennßheitcn bebauptet haben wittde; aber im 75. Jahre kommt eine große Unsicherheit nicht nur in die Beinr. sondern auch in den .Kopt des Menschen. Bei jeder Erwägung mag dami >oobl der Zweifel auftauchen, ob es doch auch nicht anders fein könnte. Ta hilft man sich und braucht Redensarten wie; cs ist möglich, es kommt vor, cs kann sei», man darr verminen, cs scheint und dergleichen. Man gebraucht solche Botte csteichkam als Stäbe, nni den beweglichen Tüin der Oledankcit zu stützen Dem Alter ^gehört der stützende Stab, der Jugend Wehr sei der scküitzende -tock. Man deutet gen, ,cden tzstuiland, m den Zeir und Leben uns hincinführt, zuni Oluten — und da dünkt mir. daß der Zweifel on den „Geivißheiten" in Regungen der Seele begründe, ist, die ahnungsvoll der Befteiung vom irdischen Staub und erdenschweren itzedanken entgrgen- flattern mochte"
Der Ton, den die letzten Worte anschlagrn, klingt in des Meisters Altersiveishciicn dann sott. Es sind last durchweg ticT emvfttndene Gedanken religiöser Sttmmung. Wir teilen einige der keunzeicbnendsten dämm mü;
„Es ist möglich, daß einer vor Gott beniütig knüm und ihn an- beten will, wenn er dabei gegen seine Brüder hochmüttg bleiben, IniO) sie hassen darf. — Es soll Leute geben, denen es leicht scheint, tftott über alles zu lieben, denen es aber- schwer wird, ihren Nächsten zu lieben wie sich selbst. — Es ist möglich, Hünen Nächsten 'U lieben, wie sch, selbst, tvenn man sich nullt über alles liebt.
Eine Möglichkeit bestcbt. daß einer, der in einer Lebens- toeisheft bankerott gemacht Hai, den Bettelswlz abwirft iinü fich IN das Attirendaus Gottes wisitchmcn läßt. Es fchcint notwendig. daß nurn einen Höllenlärn, wachen muß. n>mn man der nitleu Fricüeiisstw.ui^ des Himmels Gehör verschaffen will. Wenn das Himmelreich IN dft soll Wurzel fassen, mußt du^ das ■ Sperrgich Wekdccuschauikng dwruhen lassen- — MoMherwerse ist
das Gewisse» das Gewisseste, was die Menschen über die Tiere erhebt. — ES ist möglich, daß im Herzen eines qeivavvncten Kriegers mehr Friede herrscht, als in deni eines ichalmeienden Schäfers. -— Es scheint manchmal, daß zu dem Taktschlaqe des Herzens, mft dem wir unauftialtsam durchs Leben marschieren ftrüffen, eine liebliche Melodie ertönt, eine himmlische Weise, wie ein Friedeusklang ans der etvigen Heimat, der wir cntgegen- wandern. Möchten wft diesen Heimatklängen recht oft lauschen lönnen, sic sind das Rauschen vom Ouell» der Poesie, es ist der Atem Gottes, den er Adam cmgchaucht hat."
In einer kleinen Hnndegcschicktte gibt Thoma eine feine Lehre über den Bttkchr mit.Tieren. Er spricht davon, daß der Mensch unter bestimmt,w Umständen die Sprache der Tiere versteben könne und erzählt; „Ein junger Hund, ein pchnauzer mit intelligenten, Kovf und Nugen Augen, mit nngesmtztem Tchweir und Obren, die ein ausdruckssähiges Olcbäroenspirl ermöglichen, hat mir eine Zcitlang viel zu schaffen gemacht; ich wollte das tnimtere, Nuge Tier zu dem erziehen, wie ich cs brauchen könnte. Bor allem wollte ich ihm das ungestüme Bellen abgewöhnen, womit er jeden iftnkömntling belästigte, ich stellte ihn mit der Peitsche NI der Hand zur Rtche und verbot ihm sein Bellen. Er wedelte mit dem ganzen Körver und iah mich treuherzig furchtsam an — m diesem Augenblicke kam die Gabe, die Tiersprachc zu verstehen, über mich — „Herr Professor", sagte das Vieh, „wenn Sie da: Bellen nicht dulden wollen, so hätten Sic sich keinen Hund aiischaffeil sollen, iür Sie hätte ein schas genügt." Iw mußte dies ruhig einstecken und die Peitsche aucki. Flock reichte mir zur Bcrsühiiung das Pfötchen und aus einem leisen Winseln ervangs wie eine uralte .Klage, init der er mich dattuu beneidete, daß ich den Vorzug einer Hand habe und er nur Pfoten"
Schließlich fehlt es in diesen Alters,ocisheiten auch nicht an ein paar Kcrnwotten über Kunst. Hier find sic: „Cs könnte sei», daß ein Volk seine .Kunst selber und nur sür sich machte, ohne lxinach zu tragen, wie sic seinem Nachbarn gefällt. — Kunstwerke können nur in dem Lande, dos sie Hervorgehracht hat, ihre volta gute Wirkung ousüben; durch das Herausreißen aus ihrem Boden tverden sie zur Ware, welche dem Pieistbietenden gehört. Kunstwerke sind ttN Reichtum des Volkes, der tmrdi f.in Geld auf» arwdgcn werden kann, ia sie sind als geilttgc Werte in gewissem Sinn eilii Gegensatz, znm Geld,"
— Das Münchner Künstlcrtheatcr crössiiete seine diesjährige Spielzeit mit Shakespeares „Sturm". Ter Anstakt war rtwas sehr stark naturalistisch, indem sich in die szenischen Sturmgcräusche das Brausen eines wirtlichen Gewitters, außerhalb dcS Bühnenhauses, mengte, das sich durch d'en Zaubcrstab des Prospcro nicht bannen ließ und eine Uutcrbreckiung von einer halben Stunde hervorrics. Aber nicht die genngstc Stimmungsstörung trat ein, da schon äußerlich beim Fortsctzcn der Vorstellung der Charakter des ersten starken Bühnenbildes noch einmal vor Augen trat i» der ganzen cillfachen, plastischen Schönheit, die dieser rinzigartigen Bühne eignet: Links und rechts im Dämmer zwei große Felsstückc, dir als seitlicher Abschluß währrnd des ganzen Stückes erhalten blieben und hinten Meer, weit hinaus. In dieses dunkle Gemisch von blau und braun war hochausraqend die Gestalt des Prospero gestellt, in rotem Mantel leuchtend, und neben ihn hingcknict Miranda in goldenem Gewand. In ruhigem gemessenen Fuß wuchs dann das Werk hervor, mehr Mysterium als Schauspiel, mit tvundcrvoll'en echt Shakesvearesche» Rüvel- izcircn und Verwickelungen, getrieben von den Pulsschlägen, die ihm dns Wirken Prosveros und seines Geistes Ariel verleiht Bis zu einem gewissen Grade werden bei einer Tarstrliung mtistischer Begebenheiten Unvollkommenheiten bleiben. Was aber an Vollkommenheit erreichbar ist. das wurde geleistet. Tic genialen Leiter des Düsseldorier Schausvielhausrs; Louise Tumont und Gustav Lindemann haben im Verein mit ihren schauspielerischen Kräften und den im Münchener Künstlertheatcr liegenden Jm- vulsen mit einem heiligen Ernst in wochenlangen Proben eine Wiedergabe vorbereitet, die als ein richtiges Festspiel im Tinno der alten Künstlerthcater-Traditton angesehen werden dort. Tas ist vielleicht das Bedeutsamste an dem Ereignis, daß diese Aufführung nach sahrelangen Abweichungen zu dem ursprünglichen echten Künstlertheater, wie es 1908 gegründet worden ivar, energisch zurücksührt. Darüber ist der Jubel allgemein sehr groß, denn nur aus diesem Wege kann man hassen, daß der schon gewonnene Einsluß wieder gesteigert, ia, daß die Idee selbst in ihrer Aus- iührung gesteigctt werden kann. Mit größter Svannniig sieht daS ganze künstlerische Deutschlüirb nun nach diesem außerordentlichen Anlang den angekündigten Aufführungen der „Iphigenie" und des „Peer Gynt" entgegen, neben denen noch einzelne andere Werke, mie z. B. „Die gelbe Jacke" aus dem Spielplan crschei- ncu sollen.


