Ausgabe 
30.6.1914
 
Einzelbild herunterladen

Ur. (50

Drittes Blatt

©tfdjeinl täglich mit Ausnahme deZ Sonntags.

DieGictzener Laniillenblätler" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Dielandwittschastltchen Seil-

fragen" crschcmen monatlich zweimal.

(64. Jahrgang

Genrral-Anzeiger fiir Oberhessen

Dienstag. 50. Juni (9^

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'Ichcu UnwersitätS»Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- l'traßi 7, Exveditio» und Verlag: s-^öl. Redaktion: 112. Tct.-Adr.:Anzeig«rGießeio

Die Düppel-Feier.

Sonder bürg, 29, Juni. Der zweite Tag der Düp- pelfeier begann morgens mit einem Dreikampf der schles­wig-holsteinischen Jugend. Um 9 3 / 4 Uhr bewegte sich der Festzug zu dem Düppcldcnkinal. Dort begann die Feier mit einem Feldgottesdienst. Graf von Häselcr hielt eine Rede, in der er des hochseligen Königs Wilhelm I. ge­dachte, ivelcher nach dein Sturm hierher eilte, um die siegreichen Truppen zu begrüben und ihnen seinen Dank auszusprechen.

Hierauf hielt Prinz Heinrich von Preußen eine Rede, in der er zunächst betonte, daß jedes Volk und jeder Staat das Recht habe, jene Degebeuhciten zu feiern, welche fiir das Volk die geschichtliche Grundlage schufen. Er drückte seine große Freude darüber aus, die Veteranen hier begrüßen zu können. Der heutige Tag soll uns an die Zukunft mahnen und daran erinnern, daß das, was die Veteranen mit ihrer selbstlosen Hingebung, ihrer Aufopfe­rung und ihrem Todesmut schufen, festgchaltcn werde. Er hasse, daß in Zukunft deutscher Geist und deutsches Wesen bis an die Grenze unserer Nordmark durchdringen werde.

Sodann begrüßte der Prinz die erschienenen Abord- nungen, die sremdherrlichen Offiziere, ferner die Kameraden von Oesterreich und schloß mit dem Rufe:Die Düppcl- stürmer leben hoch!" Nunmehr wurde eine große Menge von Kränzen an dem Denkmal niedergelegt, worauf die Veteranen die Schlachtfelder besuchten, um dann nach Son- derbnrg zurückzukehren. Prinz Heinrich trat dann die Rück­fahrt nach Kiel an.

Am ^Nachmittag fand ein gemeinsames Festessen für die Offiziere und Ehrengäste im Knrhause und für die Veteranen in den Festzelten statt. Während des Festessens erhob sich Oberpräsident von Bülow und sagte: Gleich euch szu den Veteranen gewandt) sind auch wir jetzt königstreue Diener und wollen gute Wacht halten an der Nordmark des Landes, die uns anbefohlen ist. Von den Düppelstürmern wollen wir lernen, daß nicht Mutlosig­keit den Kampf bis zum Siege führt, sondern allein der altpreußische Glaube, daß Preußens Könige immer siegen und alsdann den Sieg behalten. Das mögen sich diejenigen gesagt sein lassen, die ihre Hand noch immer ausge st reckt halten nach unserem Lande, die von Düppel nichts gelernt haben.

Nachmittags erfolgte ein Huldigungszug der Jugend vor den Veteranen nach Arnkiel, wo eine Feier stattsand, bei der Generalfeldmarschall Graf Häseler eine Ansprache hielt.

Die Düppelgedächtnis-Ausstellung, die am Samstag in Sonderburg eröffnet worden ist, sohl an die Tage vor 50 Jahren erinnern. Zahlreiche wertvolle Aus­stellungsgegenstände sind aus dem Besitze des Kaisers, des Prinzen Friedrich Leopold, des Sohnes des Siegers von Düppel, t>e§ Prinzen Friedrich Karl, sowie aus den großen Bildevgalerien in Berlin, vom Prinzen Heinrich von Preußen, der Familie des Herzogs Friedrich von Schleswig- Holstcin-Sonderburg-Glücksbnrg, sowie von Familien vieler anderer hervorragenden Persönlichkeiten, die an den Ereig­nissen von 1864 beteiligt waren, hierher gssandt worden. Außer zahlreichen Bildern und Erfimerungsgegenständen wie Uniformen, Modellen von Schissen und Schanzen und von Professor Dettmann-Königsberg für die Ausstellung Waffen der damaligen Zeit ist besonders zu erwähnen ein gemaltes Kolossal-Gemcilde vom Düppel-Sturm

vereinsnachrichten.

^..Hausen bei Gießen, 28. Juni. Das 3. Bundesfest des Turnerbundes Lahn-Dünsbcrg fand heute hier in Verbindung mit dem 50jährigen Jubelte st unseres Turnvereins statt. Der Besuch aus den 36 Bundesvcreinen war außerordentlich stark. Gestern abend 8 Uhr fand sich der Turnverein auf dem Friedhof zu einer Gedächtnisfeier zu Ehren der verstorbenen Gründer und Mit- gliebrr ein: der erste Sprecher hielt eine Ansprache und legte einen Kranz nieder. Um 9 Uhr war auf dem Fcstplatz Vorseier, Lehrer Zöller begrüßte die Gäste, Gcsangsvorträge und Musikstücke wechselten mit turnerischen Ausstlhrungen. Unter Leitung des Bun- destnrnwarts Schmidt- Launsbach wurden Keulenschwingen, un­ter Leitung des Vereinsturnwarts Z a h r t Pyramiden und lebende Bilder vorgcführt. Heute vormittag begann das Einzclwettturnens welches Bundesiurnwari Schmidt leitete. Um 1 Uhr wurde der Fcstzug ausgestellt, an dem etwa 40 Vereine teilnahmen. Nach dem Umzug hielt der Vorsitzende Lehrer Z ö l l e r die Festrede, der Bun- desvorsitzcnde Daubcrt - Wieseck übcrbrachte namens des Bundes herzliche Glückwünsche: Frl. Happel überreichte die von den Frauen und Jungfrauen gcstistete Fahnenschleise. Die beiden noch lebenden Gründer des Vereins, Förster Karl S ch l a g und Chrissian Frei­tag, sowie die langtährigcn Mitglieder Jakob Schlund, Konrad Müller und Hch, Engelhardt erhielten Ehrenurkunden. All- gemeine Freiübungen unter Leitung des BundesMrnwarts Schmidt schloffen sich an. Montag finden noch turnerische Ausführungen des hiesigen Turnvereins und der Schulkinder, sowie Wettspiele für Turner und Schüler statt. , _ _ _ .

_ Alsfeld ,28. Juni Am Samstag, Sonntag und Mon­tag findet hier das 7 5 jährige Sfistungsjcst des Gesangvereins

^iederfianz^ ^tU ^ 2 3, Juni. Das Bezirksiest des Kricger- veroinsbezirkz Lauterbach-Schlih wird in dielem Jahre am So»», tag, den 12. Juli, in ailliiunioi) abgehalten. _

xuMchiffahrl.

Der Lustjockey.

Bei den rastlosen Fortschritten und den wachsenden Sport- eistimgen der Flngkunst konnte es nicht mehr ausbleiben: auch der nngsport wird zur Sportunternchmung, und vom grünen Rajen ntlciht er seine Organisationsformen. Im Rennwesen sind uns ic einzelnen Faktoren längst allgemein bekannte Begriffe ge­weden, wir kennen den Rennstaltbcsitzer, kennen den Rennstall nd auch die Jockeys, die die Farben ihres Stalles und ihres Herrn nur Siege führen sollen. Nun müssen wir lernen, auch den sport- ebendcn Besitzer einesFlugmaschinenstalles" in unseren Gc- ichtskreis aufznnehmen: und ihm folgt aus dem Fuße di? neueste fischcnnmg des Flugsports: der Lustjockey. Das alles ist schon a, war schon seit langem im Keimen und tritt jetzt im Znsammen- ang mit dem großen 200000 Mark-Preis für den ersten Flug ach Amerika in die Erscheinung. Für diesen Preis hat Herr !aris Singer, ein Mitglied der in der Nähmaschinen-Fndustrie ekannicn Familie, seinen Lustjockey in aller Form angemeldet, Wien Luftiockcy Auguste Maicon ^

Wer ist Auguste Maicon? Ein Mitarbeiter der Daily Mail at dem Flugv"schlnenstallbesitzer diese Frage vorgclcgi und von em reichen Sponssreunü die charakteristische Antwort erhalten:

Nun, ich Hope, er ist der Mann, der den transatlantischen Preis gewinnen ttnrb. Er ist ein junger Mensch, 21 Jahre alt, Süd- sranzoie, und sozusagen mein Lustjockey. Er glaubt, den Flug über den Ozean ausführen zu können, und ich habe mich einver­standen erklärt. Er wird voraussichtlich im kommenden Frühjahr ltarten: ich^ habe ihn zu dem Wettbewerb angemcldet, weil letzt, nach dem -tode des armen Hamei, nur ein Bewerber gemeldet i>t um- ich ein wenig zur Hebung des Sportcharaktcrs des Wett­kampfes beitragen möchte." Ais Herr Singer gefragt wurde, was lern Lnstiockey bisher geleistet habe, erklärte er:Er war bis- Ixr durch Mangel an Geld im Handicap. Seit zloei Jahren cr Ur 1 (otenjnmniy und ist mit Farmanscheii und Eaudron-

I^f't .Vierdeckern geflogen. Jeder Kenner, der ihn stiegen sicht, halt ihn für einen ganz ungewöhnlich tüchtigen, ja für einen bnltanten Piloten, .zu Südsrankrcich hat er bereits eine ganze Rerhe von Passagierslügen absolviert, macht auch Sturzstüge und alle die ncueiteu und Vertvegenslen Experinrente. Tabei ist er ein lehr kaltblütiger und konzentrierter Mensch, Ich, der ich älter und vorstchtiger bin, muß immer wieder seinen Eifer zügeln. Vor einigen Atonalen kain er zu mir Uiid schlug mir vor, für mich zu fliegen und um Preise zu kämpfen. Ich sagte ihm:Ich habe hier unten her Cap Ferrat einen kleinen eigenen Flugmaschincn- ltall und einen Hafen für Wasserflugzeuge. Sie werden zu mir kommen imd hier wohnen. Ich werde Ihnen genügend bezahlen und Ihnen die Hälfte von allen Prcisgeldern, di- Sic erobern, abgeben. Und wenn die andere Hälfte höher wird, als die Kosten', t>ic_ Sie mir verursachen, sollen Sie auch die Differenz erhalten." Seitdem stiegt er jeden Tag, unternimmt mit meinen Ange­hörigen imd Gästen Vergnügimgsstüge oder bringt sie im Flug­zeug nach Mentone und Nizza. In den nächsten Wochen wird er eine Reihe von Meeresstügen absolviereii, und wenn ich es ein­richten kann, schicke ich ih.i auch nach Cowes." Dann erzählt der Flugmaschincnstallbesitzer, daß der Royal Acro-Klub ihm zum Borwurs machte, daß er keinen englischen Piloten genommen habe. Meine Antwort ist:Zeigt mir einen besseren Mann, und ich will ihn engagieren," Wenn nur einige große Sportssreunde sich als Eigentümer und Flugmaschinenstalibcfitzcr dem Flugsport widmen wollten, könnte daraus ein Sport entwickelt werden, der den Pferderennen nicht nachstahen würde." Singers Lustjockey überzeugt, den trancatl-nttschen Flug von Ncustind and nach Ir­land ohne Etappe in 20 Stunden absolvieren zu können: Maicon wnrd dabe, einen Zwei ccker benutzen, der mit einem koO HP.« Motor ausgerüstet wird. Der Lustjockey möchte den transatlanti­schen Flug am liebsten mit einem Flugzeug ohne Schwimmvorrich­tungen unternehmen, aber sein Stallhcrr ist dagegen und erklärt das für wahnwitzig.

Erfolg ei nessranzösischenlenkbaren Luftschiffs.

T o u l, 29.. Juni. Das lenkbare LuftschisfAdju­tant Vincenot" bat mit einer ununterbrochenen Fahrt von 35 Stunden 20 Minuten den Dauerweltrekord gebrochen.

Ein Taa in vuraz-o.

In diesen Tagen, kurz nach der Verhängung des Belagerungs­zustandes über das non deu Nebelten bedrohte Durazw, i l Raymond Recoulp in Europas jüngster Hauptstadt eingctroffeu, und zwischen den Zeilen seiner iinFigaro" erscheinenden Eindrücke lebt die Ver­wunderung des Fremden, der an eine Statte der Unruhe und der Erregung zu kommen wähnt und statt dessen ein satt verschlafenes gemütliches Städtchen betritt. Schon bei der Landung enivsängt den Gast türkische Behaglichkeit. Ta liegt das Hänschen, in dem die mit der Prüfung der Bässe betrauten Polizeibeamten ihre Tätig­keit entsalten. Natürlich, natürlich: irgend etwas ist an jedem Passe auszusetzen. Und wie einfach ist dein Mangel abzuhelien. Man drebt einen halben Medschidieh zwischen den Fingern, und alles ist t;t schönster Ordnung. Ein paar Schritte weiter ist die Zollabfertigung. Ein ziveiter balber Medschidieh ersvart hier sämt­liche Plackereien. Soiort rmternimmt der Fremde emen Rundgang durch und mit die Stadt. Ach. nach einer Viertelstunde hat er alle Wege dnrchmessen. alle Häuser gesehen, ja mehr noch, ist allen Be­wohnern Tnrazzos begegnet. Es ist unmöglich, im Verlaufe eines halben Tages nicht jedem Menschen wenigstens zweimal zu begegnen. ,9113 ich zu inSchloff" koinme, um mein Einfübrnngsschreibrn ab­zugeben, kommen gerade die kleinen Kinder des Fürsten Wilhelm vonr Spaziergang heim. Das kleine fünf-oder sechsjährige Mädchen trippelt vergnügt um den Wagen, in dem sein Baby-Bruder liegt- Die beiden Posten aber präsentieren das Gewehr. Ein vaar Minuten später sehe ich den Fürsten in Begleitung des englischen Hauptmannes Armstrong und des holländischen Obersten Tomvson ansreiten; ec will die Verteidigungslinien und die neuen Befestig­ungsarbeiten besichtigen. Dann, am Abend, da die Bevölkerung von Durazzo zum Halen hinabströmt, spielt die Kapelle des öster­reichischen SchlachtschiffesAdmiral Teaeltboi* vor den Fenstern des Schlosses. Oesterreichrsche und italienische Marineoffiziere in weihen Uniformen wandeln umher. Am Schlofflor erscheint die Fürstin mit zwei Gesellschaftsdamen: reizend sieht sie ans in ihrer hellen Toilette und dem breitrandigen Strohhnt. Sie geht dicht an der Kapelle, die einen Wiener Walzer spielt, vorüber und wandelt durch den Garten. Aber der Garten ist klein schnell ist sein Ende erreicht. Dann nimmt sie unter einer Weihbuchenlecke Plast, ein halbes Hundert Dieter von den Spasiergängern entfernt, d.e sich über die niedrige Balustrade beugen, um die Fürstin zu betrachten." Alles ist da, jedem begegnet man aus der Straffe. Jin Verlause weniger Minuten hat Reconly alles ans der Straffe den Unterrichtsminister kennen gelernt, dann den llnterstaatssekretär des Innern, der ihm den gewünschten Passierschein aussiellt» Dann Turkhan Pascha: .Alan hat hier alles immer gleich beisammen." Nur der österreichische und der italienische Gesandte wohnen im eigenen Heim, alle ailderen Diplomaten weilen im Hotel- »Und in was für einem Hotel! Ein vaar armselige Zimmer, in denen man zu zweit oder zu dritt schläst. Eine Remise. die auch als dlutomobilschupveu dienen könnte, ist der Speisesaal. Hier ist ein Tisä) für die Diplomaten reserviert Der rumänische Gesandte sitzt als Doyen am Tische,ide, dann der französische Gesandte, der deutsche Geschäftsträger «sw. Aul Nachbarliche sitzen die Offiziere der holländischen Gendarmerie. Ein dritter Tisch gehört der Kon- trollkommission. Alle aber. Diplomaten, Offiziere und Konnnissions- niitglieder, erhalten die gleiche entsetzliche Kost, die sie obendrein noch gegen die Atückenich'värme zu verteidigen haben. Nachtleben kennt Durazzo nicht, nicht einmal einen Kinematographen. Selbst die holde Weiblichkeit fehlt. Und wenn junge unternehmungslustige Herren der ^eaue^e äoree der Ehrgeiz packt, einmal mit einer Dame das Mabl zu sich zu nehmen, im RestaurantZur Stadt Wien^, dann bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihr Gluck mit einer Einladung an die Hebainine zu versuchen, eine sehr brave und an­scheinend höchst artige Wienerin. Die Posten der Rebellen siebt man dabei mit blohein Auge -l Kin. vor der Stadt: aber die Rebellen scheinen ebenso wellig Lust zu Angriffen zu haben wie die Krieger von Durazzo zum Gegenangriff."

Dieneue Zrau" und die alte Germanin.

In der heutigen Frauenbewegung steht die Dichterin Olive S chr e in e r, durch ihr Wesen uno Werk an erster Stelle. Sie ist nicht nur die größte poetische Kraft, die die englische Literatur in Südafrika hcrvvrgebracht hat: sie hat nicht nur m ihrer Geschichte einer asiikanischen Farm" und dem viffanä-m Leben- bckdPeter Halkcl von Maschanaland" unvergleichliche.u.'

einer Hcimatskunst aus demBeldt" gesck>affen, sondern sie ist auch durch iljrc edle Persönlichkeit zu einer Macht im Kampt gegen Unrecht imb Unterdrückung geworden. Wie sic im Burcnkrieg mi: flammender Entrüstimg gegen die Engländer nustrat, so fichk i:c seit vielen Jahren Tür das Recht der Frau, In einem großen Werk Ivollte sie das letzte Wort in diesem Ringen des modernen Weibes sagen: über ein Vierteljahrhundert hafte sic daran gear­beitet und gestaltet. Da kam der Bnrenkricg: Soldaten übcr- sicien ihr Haus, erbrack>cn die Schublade ihres Schrechtisches, zerrten das Manuskript ihres LcbcnÄvcrkcs heraus und steckten den Hausen gelockerter Blätter ins Feuer, sovaß sie nachher nur noch die verkohlten Reste fand. Nur ein Bruchstück dieses großen Buches hat sie noch einuml geschrieben, in dein sie mit dichtcrisckier Kraft und biblischem Pathos das Herabfinken des Weibes zum nutzlosen Parasiten in der modernen Kultur und sein Recht aus Arbeit darstellt, Diese SchriftTie Frau und die Arbcft", wohl das bedeutendste Dokunieni der neueren Emanzipationsliteratur, er­schein: nun im Verlag von Eugen Ttedertchs in Jena in deutscher Uebcrsctzung. Besonders interessant ist darin, daß Olive Schreiner in derneue:: Frau" eine Nachfolgerin der allen Germanin srehl, Air, die wir diese heutige Beioegung leiten, find von jenen alten, alten teutonischen Frauengcschleckitcrn, die vor zwanzig Jahr­hunderten an der Seite ihrer männlichen Gefährten ihren Weg durch Europas Wälder und Moräste bahnten, die mit den Eim» bern nach Italien, mit den Franken nach dem Rhein, mit den Warägern nach Rußland und den Alemannen nach der vvchwetz zogen, die Tlandinavicn bevölkerlen und in Eiigland eindrangen, deren Priesterinnen ihre Altäre in den deulsck>en Wäldern hatten, über Krieg oder Frieden entschieden. In »ms fließt das Blut eines Fraueiigeichlcchtes, das niemals gekauft und verkauft ward, das keinen Schleier trug und dessen Füße nie gebunden waren, dessen verwirklichtes Ehcideal die Kameradschaft der Geschlechter war und die Gleichheit in Pflichten und Arbeit, das dem ge­liebten Mann zur Seite stand in: Krieg wie im Frieden, und dessen Kinder Mannheit aus Mutterbrüsten saugten und schon tm Mnttcr- leibe ein mutiges Herz über sich schlagen sühllcn. Wir sind Frauen! einer Rasse, deren Stanmiesidcal keine griechische Helena ist, die von der Hand eines Mannes in die eines andern überging wie Gold oder Blei, sondern jene Brunhild, die Sigurd in Helm und Brünne gekleidet auffand, die Walküre, die ihm den Rat gab,den tiefsten, der jemals einem lebenden Manne ge­geben ward", sind die ihn,auiries, große Talen zu vollbringen", die, als er slarb, den Holzstoß hoch auftichtetc und sich neben ihn bettete mit den Worten:Des Helden hei tgste Ehre zu teilen, ver­langt mein eigener Leib, , ," Und siehe:: wir auch heute nicht physisch aus dem Schlachtfeld neben unseren Männern und geht der Marsch auch nicht durch Wälder und Moräste, so ist es doch der alte Geist, der ungetrübt durch zwei Jahrtausende sich in uns rührt, nur in tieferer und feinerer Weise: es ist noch der Rui des freien nor­dischen Weibes, der heute die Welt durchNingt, Wenn auch heute für uns alle das Schlachtfeld in Laboratorien und Werkstätten, im Gerichtshof oder Studierzimmer liegt, im Bersammlungssaal, aus dem Markte oder der politischen Arena, toenn wir auch mit der Feder anstatt mit dem Schwert, mit dem Kaps, nicht mit dem Arm känipsen, so stehen wir doch den Männern, die wir lieben, zur Seile,mit ihnen im Kampfe zu wagen und im Frieden i« leiden", wie es einst die Römer von nnieren alten nordiiche» Frauen geschrieben. Diese Frauen, von denen uns die alten Schriftsteller erzählen, daß sie barfuß und weiß gekleidet dem nordischen Heerbann auf dem langen Marsch nach Italien Vvran- schriiten, sic waren von dem Gedanken beseelt, ihr Volk in ein Land zu führen, in dem die Sonne wärmer scheint und reichere Früchte gedeihen: und wir heute glauben, ein Land zu erkennen, das in herrlicheres als in leuchtendes Sonnenlicht gebadet ist und reichere Früchte trägt, als die Sinne erfassen können, ,

S'i.ort,

An der 12. Hügel-Rcqatta in Essen beteiligte sich

auch die Gicßcner Rllder-Gescllschait 1877, Wir lesen darüber:

Bei einem Rennwetter, wie man es sich schöner nicht wün­schen konnte, gestaltete sich die heutige 12, Hügel-Regatta zu einem Ereignis, das nicht nur Groß-Esscn nach der Ruhr zu in Bewegung sttztc, sondern auch aus dem weitesten Umkreise der Besucher so viele brachte wie selten zuvor. Die Unterlegenen wußten ja wieder allerlei am Fahrwasser auszusetzen, aber deshalb waren diesmal doch die Besten vorn. Wasserivorl Köln, Rhenus- Bonn und Germania-Düsseldors fuhren eindrucksvolle Rennen. Auch die Gießcner R.--G, 1877, ein seltener Gast aus der Rn^x, gefiel durch ihre schöne Ruderarbeit, Im Großen Einer siegle die arößere Kraft des Dortmunder Hanseaten Emil Nickel über die flotte, saubere Technik des Gießeners Carl Jödt.

Junior-Vierer, 1, Germania-Düsseldorf 7,31 Min,, 2. R -G, Gießen 7,31 Vs, Scharics Rennen über die ganze Strecke, Großer Einer, 1. Emi! Nickel <Hansa-Dortmund) 8,6 s /r, Min, Carl Jödt <R,-G, Gießen^ ausgegeben. Der Dort­munder hat das Rennen von Anfang an sicher, Jödt rudert einen schönen Stil, cs fehlt ihm aber an Nachdruck, Gast-Vierer: I, R,-G, Gießen 7,26 Min., 2, R.-V,-Magdeburg 7,5lVs, Am Bootshaus legt Hamm in knapper Führung vor Gießen bei schärfstem Kamvf, dem der Steuermann Magdeburqs in I' 2 Längen Entfernung zusehcn muß. Aus den letzten 500 Mir, hält Gießen durch einen mächtigen Spurt gut aus und führt mit 1 Länge, als der zweite Schlagmann im Hammer Boot erschöpfi über seinem Ruder zuiammcnbricht _

LanSwirtscbaft.

"Der MittelöeutscheKa «tuchen- u n d G e f 1 it c e U zu cb t - B e r b a n d hielt am Sonntaq in Dorlar lei Gastwirt Schäier seine Hauvtverfammlnnq ab, welche der Verbandsvorsitzende, Bahnassistent K l ö 4 - Wieieck. leitete. ?lls neuer Verein wurde der Kaninchenzuchtverein Launsbach ansiienominen. Der Vorsitzende K!ös erstattete Bericht über die Verbandsschau zu Leibqeftern. Die Herbst «AuSstellunq wurde dem Verein Dorlar überlraaen. Tie nächste Verbandssitzuutz soll in Dutenhosen abaehalteu werden.

UntocrfUStsmctcbricbfcn.

Der Geheime Kirchenrat Professor Dr, Ernst T r o c l t s ck in Heidelberg hat einen Ruf als Ordinarius in die philo­sophische Fakultät der Berliner Universität erhalten.

Professor Dr, Ferdinand von Wolss in Danzig ha: den Rui als Ordinarius der Mineralogie und Geologie an die Universität Halle angenommen,

Der Oberlehrer am Königin Carola-Gymnasium :n Leipzig Lic, iheol,, Dr, vhil, §>ans P r c u ß ha: einen Ruf als etatmäßiger außerordentlicher Prosessor der Kirchengeschichte au der Untversiiät Erlangen erhallen: er soll dort das bisher von dem nunmehrigen ordentlichen Professor der Kilchcngeschichie Pros, Dr, theol. Her­mann Jordan inncgchabte Extraordinariat einnehmcn, Hans Prcuß ist 1876 in Leipzig geboren.

Kleine Tagerchronik.

Beim Baden in der Oder sind an: Sonntag in Franko -rt an der Oder vier Personca: ertrunken, nnd zwar ein Pionier des Tetegraphen-Bataillons Nr, 2, ein Gefreiter des Grenadier Regt" Nr, 12, die mibeauffichtigt badete::, ferner beim Pseröcschwcinmen

dcr 21jährige Befitze--Hn Klein, und ein icclwlätzcnui Schul­kunde namens Thun beim Luden au verbotener Stelle,