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Erster Blatt
M. Jahrgang
Samstag. 21 . Juni IM
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Bototions6nuf und Verlag der vrühl'schrn Unw.-Such- uni» Steinönuferei B. Langt. RfOattion, Lrpedition und vrnckerel: Schnlsttahk * ® ,irt *' nb,: ~ ae?
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mcmotIiA75iM,oierte[- jährlich Alk. 2.20; durch Abhole- n. Zweigstellen monatlich 05 'Ui.; durch die'Uosl Alk. 2.— viertel« fährt. ausschl. Bellellg. Zeilenpreis: lokal I5Us, auSivärts 20 Pienniq. Chefredakteur: A. Goetz. VeranNvortlich für de» polit. Teil: Auq. Goetz; für .Feuilleton*, .Vermischtes* und »Gerichts- saal": Karl Neurath; lür .Stadt und Land'"
' r. Änzeigentell: H. Beck.
Die heutige Nummer umsaht 18 Seiten.
politische Wochenschau.
Gießen, 27. Juni.
Tes Heimganges Georgs II. von Sachsen-Meiningen, gedanken alle Deutschen mit ehrsurchtsvoller Teilnahme ^er 89jahrige Greis hatte im rüstigen Mannesalter die Glanztage der Reichsgründung miterlebt und mar der deutschen Fürsten einer, die an Bismarcks Werk mit Be- geisterung mitgearbeitet haben. Er hatte aber nicht nur diese Verdienste eines sürstlicksen Herolds des Reichs- gedankens. Von der „Geschichte Fluten" schiffte er sich nach dem großen Kriege ins Reich der Musen, und lme er dem Pathos eines Schiller reines, ernstes Verständnis entgcgen- brachte, so hat auch er, um das dem Schöpfer „Wallensteins" gewidmete Wort anzuwenden, „geübt und vollgehaltig das bretterne Gerüste nicht verschmäht". Die Bühne nämlich, aus der er den Geist unserer großen Klassiker lebendig lverden ließ. In der Geschichte des deutsck>en Theaters gesellte sich an die Seite der großen Weimarer Zeit die ebenso würdevolle Tätigkeit der Meininger. Georg II. hat dem deutschen Reiche hohe Kulturgüter geschaffen, denn sein Bühuenstil, die Belebung des Historischen, hat die besten Geister unserer dramatischen Literatur dem Volke nahe gebracht. Der kunstsinnige Fürst war eine krastvolle, geschlossene Persönlichkeit, die den monarchischen Gedanken förderte wie kaum ein anderer. In der Fricdcnsepoche des neuen Reiches rauschten durch ihn die Fittiche gemeinsamen Kunststrebens über alle deutschen Stämme, und im Auslande zeigte sich nach den Kricgsjohren auch deutsche Kultur als Siegerin. Wohl durste die strenge Regiekunst, wie sie am Hofe Georgs II. geineistert wurde, nicht verknöchern; es war so natürlich und notwendig, daß eine neue Generation über dem malerisch und pathetisch einstudierten Zusammenspiel auch die höchste Kunst des -<hauspielers wieder in den Vordergrund gehoben haben wollte: „Der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten," das eigne Urteil deii Meister sein zu laiscn, das Werk des Dichters damit zu beseelen, zu vertiefen. Daneben lassen sich die Meininger Errungenschaf, ten nimmermehr ganz beiseite schieben, und ihr Rüstzeug ist auch heute noch unentbehrlich.
Ist es im staatlichen Leben, in der Politik, nicht ebenso? Wir streben nach Fortschritt und Freiheit, aber über dem ^ Einzelnen steht das Gedeihen der Gesamtheit, und es würde ein schlechtes Kulturbild abgeben, wenn die „ersten Helden" der Parteien das Bramarbasieren über die Bescheidenheit der Statur und über das gemeinsame positive Schaffen stellen ivollten. Freilich, mit dem bloßen Schlagwort „Bismarck- Block", das Herr Lizentiat Mumm im „Tag" geprägt hat, um den Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien wirksamer einzuleiten, ist es nicht getan: dieser Regiebefehl scheitert einstweilen noch an der mangelirdeu Einstudierung, und wir möchten den Name» unseres größten Staatsmannes denn doch nicht der Gefahr aussetzen, beim wahrscheinlichen Zusammenbruch eines noch nicht reifen Vorhabens Schaden nehmen zu lassen. Ter «chrei aus einer Kulisse heraus bewirkt noch keine Einniütigkcit. Ob es unserem, leider in Trauer versetzten Reichskanzler einmal gelingen wird, die erlösende Tat zu vollbringen, müssen wir noch immer ab- warten.
Unser Großhcrzog Ernst Ludwig, ebenfalls ein treuer Förderer der Künste, hat uns eine kleine Uebcrraschung bereitet, indem er einen neuen Orden stiftete, dem er den
Name» „Stern von Brabant" verlieh. Ta in unserem Hessenlande bisher von Ordensschacher keine Rede sein ~ T 1 ?* e , un ^ * n dep Art der „Dekorierung" eine getvisse Solidität waltete, indem nach entsprechenden Fortschritten in der Laufbahn und bei einer bestimmten Altcrsreise das Erforderliche veranlaßt wurde, so wird man die Entschließung des Landesherrn von übelwollenden Gesichtspunkten aus nicht betrachten können. Es ist ein recht sympathischer Gedanke unseres Großherzogs, daß er, unterstützt von seiner Gemahlin, erneut die Werke der Nächstenliebe und der Volkswohlfahrt zu fördern gedenkt. Daß in der Stif- tungsurkunde auch der Name der heiligen Elisabeth genannt wurde, deutet sicherlich auf besondere gute Absichten des Großherzogs hin. Der auch durch die Kunst verklärte Name von Brabant führt uns auf den Ursprung unseres hessischen Fürstenhauses zurück, und es waltet ein edler historischer Sinn in der Stiftung. Gewiß, Orden und Ehrenzeichen sind entbehrlich sür Männer, die den Lohn ihrer guten Werke in sich selber finden, allein wir dürsen auch hier bedenken, daß dieGem einschast des Volkes solcher durch die Ueberlieferung geheiligter Aeußerlichkeiten bedarf. Wer wollte nicht mit gehobenem Gefühl der Stiftung des Eisernen Kreuzes für Tapferkeit gedenken, und wer wollte über die Verleihung der Rettungsmedaille, die auch ein Bismarck mit Stolz getragen hat, die Achsel zucken! Wenn der „Stern von Brabant" für Werke der Wohltätigkeit und Nächstenliebe bestimmt ist, so dar f er eine gewisse Lüsternheit erwecken, und eine besondere Bürgschaft dafür, daß-auf die Charaktere und Persönlichkeiten bei der Beleihung gesehen wird, liegt in dem Satze der Urkunde: „Tie Ernennung der Ordens- mitglieder hängt allein von Uns und Unseren Nachfolgern in der Regierung ab. Gesuche um Verleihung des Ordens werden nicht angenommen." Keine Schematisierung und Bureaukratisicrung, das ist e i n Trost für diejenigen, denen das Ordenswcsen eine große Nebensache ist.
Ueber das kirchliche Ordenswesen in Hessen ist bei der gestrigen Abstimmung in der Zweiten Kammer doch anders entschieden worden, als vor einigen Tagen noch vermutet worden war. Der Stein des Anstoßes, den der Abgeordnete üpirell-Jngelheim noch in letzter Stunde dem Zentrum in den Weg geschoben hat, gebot, unter dem Eindruck der Protestkundgebungen des evangelischen Bundes, der Mehrheit des Landtages einen Umweg über die Aus- schußanträgc. Die Schulen der Englischen Fräuleins sind künftig an einen Gesetzesparagraphen gebunden, ivonach der Mitgliederbestand vom 1. April Ivl! «estgehalien werden soll und darüber hinaus weitere Lehrkräfte nicht eingestellt werden dürfen. Dann wurde aber demAntrag zugestimmt,dem bestehenden Orden (Kapuzinerorden) neue Niederlassungen in Bcnsheim und Osfenbach, und unter der gleichen Voraussetzung, d. h. mit Genehmigung des Ministers des Innern, eine Niederlassung des Ordens der Benediktiner in Mainz zu gestatten Ebenso wurde zugcstimmt, daß unter Zustimmung der Landständc an den bischöflichen Knabenerziehungs- anstolten in Klein-Zimmern und Trais als Lehrer, Leiter, Erzieher oder Vorstände im Bedarfsfälle auch Personen an- gcstellt werden, die einem nicht ausschließlich dem Unterricht sich widmenden Orden angehören. Das Gesetz wurde im übrigen nach der Fassung deS Ausschusses angenommen. Tie Entschließung Dr. Osanns, nach der mit der Annahnie des Gesetzes keinerlei Festlegung für das Schulgesetz erfolgen soll, ivurdc angenommen, ebenso das Ersuchen an die Regierung, alle drei Jahre eine Denkschrift über die Entwickelung des Ordenswesens vorznlegen.
Bei den Abstimmungen ivarcn keine Parteibeschlüsse maßgebend; das beweist auch z. B. die verschiedene Stellungnahme der fortschrittlichen Abgeordneten, die durch den Gegensatz zwischen der Auffassung des Ausschußbcrichterskat- ters Reh, ihres Parteigenossen, und des ebenfalls fortschrittlichen Abg. Korcll in eine schivicrige Lage geraten waren. Große Schlußbetrachtungen sind ziemlich überflüssig. Wenn das Zentrum im Landtag die Mehrheit bildete, würden liberale Wunsche wohl strikte abgewiesen werden. Die Zweite Kammer hat immerhin berechtigten Wünschen der katholischen Bevölkerung Rechnung getragen. Wenn das Zentrum nun etwa durch stürmische' Agitation den konfessionellen Frieden gefährden wollte, müßte ihm für die Zukunft noch schärfer als bisher entgegengearbeitet werden.
vcr neue Herzog von Sachsen-Mciningen.
Erbprinz Bernhard, der jetzige Herzog, ist am l. April 1851 geboren. Er hat die Universitären Heidelberg und Leipzig besucht, nahm am Krieg gegen Frankreich mit dem Infanterie-Regimen! Nr. 05 teil, socht bei Wörth und war als Ordonnanzoffizier in mehreren Schlachten, so bei Sedan und Orleans, anwesend. 1882 kam er zum Großen Generalstab, 1887 wurde er Kom- inandeur des Kaiser-Franz-Regiments. Nackidem er als Ge- ncralleutnaut Kommandeur der 2. IKardcdivision und dann der 22. Tivision geworden war, wurde er 1895 Kommandierender General des 6. Armeekorps in Breslau. In dieser Eigenschaft gab er einen viel beachteten Erlaß über Soldaten Mißhandlungen heraus. Später wurde er Generalinspekteur der 2. Armeeinspeklion. 1905 schied er aus dem aktiven Ticnst aus und wurde zum Generaloberst mit dem Range eines Generalscldmarschalls ernannt. Die Universität Breslau hat ihn auf Grund seiner hellenistischen Studien zum Ehrendoktor Phil. hon. c. ernannt. Vermählt ist Herzog Bernhard mit der Prinzessin Charlotte, der ä l t c st c n S ch w e st e r des Kaisers. Die Tochter, das einzige Kind des neuen Herzogspaarcs. ist mit dem Prinzen Heinrich XXX. Reuß j. L. verheiratet.
Meiningen, 26. Juni. Das „Meinrnger Tageblatt" schreibt: Herzog Bernhard hat folgendes Telegramm des Kaisers erhalten:
Ich ncbme an dem Hinscheiden Deines treuen Vaters den wärinsten Anteil. Empfange mein herzlichstes Beileid zu dem schweren Verlust, den Du mit Deiner Familie und den sachjen- ineiningischen Landen erfahren hast. Zu meinem schmerzlichen Bedauern ist cs mir nicht möglich, dem Verewigten persönlich die letzte Ehre zu erweisen, und ich habe meinen Sohn, den Kron- Vrinzcn, mir meiner .Vertretung bei der Beisetzung beauftragt. Gott, der Herr, iäncke Dir Kraft aus der Höhe zu dem übernommenen Herrschcramt und lasse Dich regieren zum Segen Dernes Volkes und des deutschen Vaterlandes.
Die Kieler Woche.
Kiel, 26. Juni. Ter Kaiser ging heute an Bord sevier Segelnacht „Meteor", um an der Scewettsahrt des Kafferlichcn Wchtklubs aut der Kieler Förde tcilzunchmen. Als Tegelgäste waren aut den „Meteor" geladen: Prinz Heinrich von Preußen. Großadmiral von Tirpitz, der grvßbritannilchc Botschafter Edward Gosche», der großbritannische Vizeadmiral George Warrcndcr mch die grobbritannischen Kapitäne Dainpier und Hnghan. Tic Pachten der A. I. Klasse starteten um 10,20 Uhr in der Strander Bucht und zwar „Meteor", „Hamburg 2“ »nd „Germania", Um 10,35 Uhr starteten die alten großen Pachten zu einem Handicap, um 10,40 die Pachten der 19-Meterklassc ebendaselbst, während der Start der mittleren Pachten bei Heikendors begann. Das Weiter 'ist schön, es weht ein irischer Segellwcnd aus Westen. Zahlreich
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Neue wertvolle Zünde auf dem Nömerkaftell Saalburg.
! 'Aus Bad Homburg v. d. Ö„ 26. Juni, wird uns geschrieben: Die Ausgrabungen auf dem Römerkastell Saalburg und dem Zuginantclkastell bei Idstein i. T. förderten „ach einem Berichte des Direktors des Saalburgmuscums. Baurat Heinrich Jacobi, in letzter Zeit nuedcr äußerst interessante und wertvolle Funde zutage. Durch genaue Beobachtung von Ausgrabungsergcbnissen ist Baurat Jaeobl zu einem sür die Geschichte der Saallmrg äußerst wichtigen Ergebnis gekommen, nämlich zu dem sicheren Nachweis, daß das letzte — jetzt wieder gutgebaute — Kastell erst im Anfang des 3. Jahrhunderts unter Kaiser Caracalla errichtet worden ist. Damit ist eine vorher schon mehrfach igehegte Vermutung zur Gewißheit geworden. Baura! Jaeobl bat ferner am Limes ein römisches Zwischen kastelt sestgZtcllt und auf dem Zugmantcl nicht weniger als 28 Keller, Gruben und Massivbauten, sowie 6 Brunnen ausgr- graben und bearbeitet. Die Zahl der den, Erhrcich enthobenen! Einzelfunde ist geradezu erstaunlich: aut der saalburg 86, aut dem Zugmanlkl 348 Silber- und Bronzemünzen, unter den Zuqmantel- wüirzeu ein Gesamkinnd von 140 Silberdenarcn aus der Zeit von etwa 200—350 n. Ehr., die Ersparnisse eines Soldaten, die dieser offenbar bei einem germanischen Uebersall, NM sie zu retten, in hie Erde vergraben hatte. Ferner ans beiden Kastellen Hunderte von Gewandnadeln, 'Anhängern, Schmuastücken der verschieeensten Form, Waffen, Werkzeuge und Geräte aus Eisen, Lcdcrzeug, Gegenstände aus Horn und doli. Tausende von Tongefaßcn und Tonscherben, vielfach mit Tüpferstemveln und Kritzelschristen, ein Kollektion,nd von 26 kegelförmigen Tongewichten usw. Von ganz besonderer Wichtigkeit sind zwei Funde von Mühlenteilcn, einer, von der Daalbnrg, der andere vom Zugmantcl. Auf der Saalburg sand sich ein Mühlstein mit der lies eingemeißclten Jnschrrit: Eontubcrnrum Brittonis, d. k. Korporalschait mit Brrtto. 'Danach hatte also jede Korvvralschait der Kaüellhesatzung ihre eigene dand- urüble in ihrer Mannsäzastsbaracke. Reicher war der Fund aut dem Zugmantcl Hier lnnten sich von einer Mühle für Großbetrieb die beiden großen Mühlsteine mit durchgehender Achse und der »c drehenden Trommel erhalten. Es war keüie erhebliche Muhe, hierzu da» nötige Schwungrad mii Zahnübersetzung zu rekonstruieren, ,o daß nun eine vollständige Ivicdcr t^rgestellic große Getreidemühle aut der Saalburg zu sehen ist. Der Fund ist bis jetzt einzig >n s c rrkc r Art.
Grenzqänge und Grenzfeste.
'Als in, Mittelalter und bis tief in die Neuzeit hinein die Gele noch der vielen 'Akten und Gcmarkungskarien entbehrten, :den Streitigkeiten um die Gemarkungsgrenzen. Festlegungen er und Veränderungen alter Flucht- und Ackerlinien nicht aur
grünen Tisch, sondern an Ort und. Stelle durch sogenannte Grenz- gängc erledigt. Die Grcnzgänge gehörten zu den bedeutungsvollsten Gepflogenheiten der alten Gerichte und Ortsvcrwaltungcn. In ieier- lichem Zuge gingen die Gerichtsherren, die Stadtvcrtretcr und die Bürgerschaft im Spätherdst jeden Jahres an der Gemarkungsgrenze entlang, jede Grcnzsteinvcrsetzung wurde sofort berichtigt, jeder Stein untersucht undstede Beschädigung scstgestellt. Der ganze Akt ging ohne Schreibereien vor sich, der ganze Verlaus der Grenze war dem treuen Gedächtnis der Grenzgänger seit Jahren unverlierbar eingeprägt. Im Lause langer Jahre gewannen die trockenen einförmigen Begehungen eine feierlichere Ausgestaltung., Man verband mit ihnen farbenfrohe Umzüge mit Musik, Gesang, Prozessionen, Tanz und festlichem Schmaus und schuf aus diese Weise IN inanchen Städten und Dörfern Feste, die ein wahres, volkstümliches, und die guten alten Gepflogenheiten veredelndes Gepräge trugen.
Tie neuzeitlichen Gerichte haben mit ihrem ausgedehnten Akten- uitb Kartenkram den Grenzgänger! den Untergang bereitet und damit eine schöne Sitte beseitigt. Nur in verschiedenen wenigen Orten hält man noä> an den geheiligten Ucberliescrungcn verklungener Jahre,linderte fest und feiert den Grenzgang nock» in den Formen mittelalterlicher Tradition. Das gilt in erster Linie von dem Städtchen Biedenkopf. Hier hat sich die Sitte des Grcnz- ganges zu einem Volksfest enlwickclt, das bis heute seine Anziehungskraft unvermindert bewahrte. A l l c sieben Jahre ist in Biedenkopf Grcnzgangsscst, und das Fcstjahr führt den Namen Grenzgangsjahr. In diesem wommcr, im August, ffndet das Feit abermals statt. Es ist Brauch, daß während des Grenzgangsjahrs kein anderes Fest gefeiert wird. Seit Wochen schon wird das diesjährige Fest vorbereitet. Tie Burschenschaften und Männergesellschastcn sind organisiert, diese wählen ihre Vorsitzenden, besonders den Männcroberst, den Leiter des Festes. Drei sonderbare Gestalten sind mit dem Fest verbunden: der mit Teer gefärbte Mohr und die beiden Wcttläuscr. Das Fest wird vom Donnerstag bis Samstag gefeiert. Der erste Tag beginnt mit der Paradeaulstellung und einer Ansprache des Bürgermeisters aus dem Marktplatz. Tann geht es nach Ludwigshütte, wo der Grenzgang beginnt und am Waldsestplatz endet; hier ist sür Er- srischungeu und Belustigungen gesorgt. An den beiden andern Tagen ivird in gleicher Weise die weitere Grenze begangen. Nachmittags ist Volksfest aus dem „Seewasem". Sonntag abends klingt das Fest mit dem Abbringcn der Fahnen in des Obersten Haus aus.
— Neue Briefmarken. Zum 20. Geburtstage der Groß- hcrzogln Marie Adelaide von Lurcmburg sind am 14. Juni drei neue Wertzeichen der Lu rem bürg-Serie, die jetzt bekanntlich das Porträt der jungen Großherzogin zeigt, zur Ausgabe gekom
men. Die drei neuen Marken sind eine grüne 12>/» Centimes, eine grauschwarze 15 Eentimes und eine blaue 25-Centimcs-Marke. — Die britischen Salomon-Jnseln lmben eine neue Halbpcnny- ?Aarke und eine Einvennp-Marke ausgegeben, aus denen statt des sonst erscheinenden Wortes „Postage" die Apffchrist „Postage and Revenue" austaucht, — Bon Surinam ist eine 5- Eents-Marke mit einfarbiger Grundierung herausgekoinmen, — Für den Brief- verkcbr nach dem Ausland bat die Türket eine neue lp«-Piaster- Marke ausgegeben, die zur Unterscheidung von den Inland-Marken im Ueberdruck einen blauen Stern zeigt. — In der großen Internationalen Briefmarken-Ausstellung, die im Zusammenhang mit dem 6. „Philatelistentag" der deutsäien und österreichischen Marken- sammler im August in der Stadthalle zu Kassel italtsindct, wirb auch König Georg von England ausstellen. Und zwar zeigt der Monarch seine berühmte einzigartig vollzählige Sammlung von Bclagcrungsmarken von Mascking, die während der Umschließung der Stadt durch die Buren ausgegeban wurden und den Ausdruck „Mafeking Besiegcd'" tragen. Da die Marken sofort nach Aushebung der Belagerung und Schluß des Krieges eingczogen wurden, repräsentieren die wenigen noch vorhandenen Exemplare einen hohen Sammelwert,
— Ein unlicbenswürdigcr Druckfehlerteufel hat vor einigen Tagen in der Setzerei einer Zeitung in Französisch- Lolhringcn ein Gastspiel gegeben. In der Hast und Eile, mit denen eine Zeitung sertiggcstellt werden muß, kommt cs ja nicht selten vor, daß dein Setzer Berschen unterlaufen, Titel vertauscht und Zeilen „verhoben" werden. Aber der jüngste Streich des Druck- iehlcrtcuiel» geht doch ein wenig zu weit. In der Eile verwechselte der Setzer die Titel und die letzten Zeilen von zwei Notizen. Das Ergebnis war das folgende:
Eine schöne Hochzeit.
Zwei schlecht beleumdete Burschen, ein gewisser Albert G. unh Paul S., belustigten sich gestern morgen in der Avenue de la Grande Arnipe, den Hund des Herrn Z., des geschätzten Ingenieurs, zu quälen. Sie banden dem unglücklichen Tiere einen Tovi an den Schwanz und steckten ihm Frösche in die Ohren. Eine große Anzahl von Freunden war zur Beglückwünschung des Paares cin- getroffen und brachten ihre schönsten Wünsche dar, denen wir uns aus vollem Herzen anschließcn,
, Zwei Cretins.
Gestern wurde in der St. Augustinus-Kirche die Trauung des Herrn Joseph Hispano mit dem Fräulein Helene de Pont-Mirabeau vollzogen, der Tochter des Lldmirals und der Madame de Pont- Mirabea», gcb.^ Rand. Diese beiden Idioten Ivurdcn von einem Schutzmann auf die Wache gebracht, wo ein Bcrsahrcn gegen sic emgeleilet wurde. Wir wollen hoffen, daß sic in eine Bcsserunas- anffalt geschickt werden, um dort über die Sinnlosigkeit der Tat, die pe begangen laben, eine Woilc Nachdenken zu könnni.


