Nr. *46
Der Sietzeoer
erscheint täglich, oHger SomitagS. - D-üagr»: viermal ivSckxntllch SietzenerFmuüIe-dlÄ»«; zweimal wsch-iulcklr««- dlatt für tat Krtis Sieges (Dienstag >»,d Frei.ag): zweimal momitl. £o»V wirtschaftlich« »Otjraae, F«r»jr>rech - Anschläge: sür die Redaktion 1 tÄ, Verlag n. Erpedition öl Adresse sür Depeschen: Anzeiger Gießen, riimadme von Anjkigr» dir die Tagesnummer bis vorniittags 9 Uhr.
Erster Matt
*64- Zahrgaag
Donnerstag. 25 . Zuni *9*4
GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger sür Oberhesjen
Botaftonrdruik tmfc verlos i»rr vröhl'schr« Univ.-Vuch- und Sttinfcnidtrei B. Lange. Rebaftwn, Lrpedition und Druckerei: Schulftrahe 7. im
Aezuq-oreis:
monatlich 7öP*^ vierteljährlich Mk. 2.20; durch 'Abhole- u. Zweigstellen monatlicb 65 Pf.; durch die Post Mk.2.— viertel- jnlnL ausschl. Bestellg. Zeile,wreis: lokal 15M, auswärts 20 Bienniq. Chefredakteur: A. Goey. Verantwortlich sür den volit. Teil: Aug. Goetz; sü: „Feuilleton^, „Vermischtes* und^Gerichls- saal": Karl Neurath; sür „Stadt und Land-
Anzeigenteil: H. Beck.
Die Revolution der Briefträger.
Ter meuterische Aurstand der Pariser Briefträger ist eiuc Frucht am Baume jener Syndikatspoliftk, unter der die romanischen Staaten, vor allem Frankreich und Italien, aber auch England, in periodischer Wiederkehr zu leiden haben Wenn deutsche BerkehrÄbeamtc die Erhöhung ihres Wohnungsgeldzuschusses anstreben, so tun sie das durch zähe Lereinsarbeit und Propaganda, durch Eingaben, Bor slellungcn usiv. Ter Syndikalist «reift sosort zur schärfsten Masse, zuni Ausstand. Die Pariser Postbeamten erklärten zwar am ersten Tage noch, sie dächten vorläusig nicht an einen Ansstand, sondern wollten nur dem Senate, der ihre Forderung ablchnte, ihren Unwillen ausdrucken Aber kaum waren einige Stunden des Hin- und Herverhandelns verflossen, da verrammelten die Manif«stanten die Posthöfe, fuhren die Wagen zu Barrikaden aus, sängen die Internationale, riesen: Es lebe der Streik, nieder mit dem Senat! warfen die Postsäcke aufs Pflaster und traten wütend daraus herum Aus deni Unwillen war die Demonstration, aus der Temonstration der bewußte Ausstand und schließlich eine kleine Revolution geworden, lieber eine Million Briese und Rieseuderge von Paketen und Zeitungen blieben in den Post- gebäudcn liegen. Das Syndikat der Postbeamten erließ zwar zuerst eine Kundgebung, wonach die Manifestation des ersten Abends nicht vorher organisiert worden sei, sondern spontanen Ursprung gehabt hätte Aber das Syndikat beschloß auch sofort, die Manifestationen weiter zu organisieren. und, wenn nötig, solange sortzusetzen, bis die Briefträger Genugtuung erhalten. Durch diesen Beschluß im Zusammenhang mit dem meuterischen Charakter der Bewegung stellt der Ausstand der Pariser Briefträger den unzweideutigen Ausdruck eines brutalen und absoluten Sonder- cgoiSmus dar. Es wird vollbcwußt das öfsentlichc Wohl dem einer organisierten Minderheit geopfert. Wie stellte sich die französische Regierung dazu? Sie tat das denkbar Un- klügste, sie begann mit der „Revolution" zu verhandeln.
. Was könnte ich für Euch tun, meine Freunde?", so redete Bcrkehrsminister Thomson die Meuternden an und erhielte damit das, was er durch seine falsche und schwächliche Taktik nur verdient hatte, nämlich ein ohrenzerreißendesk Toben: „Keine Redensarten, unsere 4M Franks Gehaltserhöhung ivollen wir!"
Vielleicht hat der französische Minister in diesem Augenblick das wahre Wesen eines solchen Bcrkchrsbeamtenaus- standes erkannt: Es ist die Taktik rücksichtslosester Despotie. Eine Minderheit vergewaltigt das soziale öianze. Der alte vor kaum ztvei Menschenaltern endgültig überwundene politische Despotismus feiert seine Auferstehung im Wirtschaftsleben. Unstreitig hat auch jeder Beamte' das Recht, seine Arbeit uiedcrzulegcn, wann er will, vorausgesetzt, daß er sich nicht vertraglich an eine bestimmte Kündigungsfrist gebunden hat. daß dieser Vertrag weder erzwungen noch von dem Arbeitgeber seinerseits gebrochen wurde, und daß keine veränderten Arbeitsbedingungen ein Verharren bei der Arbeit unmöglich machten. Eine andere Frage bleibt es aber, ob die plötzliche Einstellung gerechtfertigt werden kann bei einer Tätigkeit, auf die ein größerer Teil des Publikums, ja die Gesamtheit angewiesen ist, also im Verkehrs-, Be- leuchtungs-, Wasserversorgungswescn usw., und nicht zum mindesten auch bei der Post. .Hier wird ohne weiteres die Allgemeinl»eit in Mitleidenschaft gezogen, und die Katastrophe oder auch nur die Verlegenheit, die dem ösfentlichen Leben dadurch bereitet wird, kann nicht gerechtfertigt werden aus dem wirtschaftlichen Interesse einer einzelnen Be- amtengruppc. Das ist eine Wahrheit, die jeder anerkennen muß, er mag über soziale Dinge und insbesondere über das Streikproblcm im übrigen Ansichten haben, ivelchc er will.
Das einfachste Pflichtgefühl, das Pflichtgefühl, das der Beamte der eigenen Organisation gegenüber stets verwirklicht, verlangt, daß er es die Gesamtheit nicht entgelten lassen darf, wenn er mit denen unzufrieden ist, die chm ein Amt übertragen haben. Das tut aber der Briefträger, der Eisenbahnangeftellte und seder Diener der Oessenüichkeit, der die Arbeit plötzlich niederlegt, sodaß an Ersatz nicht zu denken ist.
Schon die verschiedentlichen Eisenbahner-Ausstände soll ten der sranzösischen Regierung die Augen über ihre peinliche Lage geöffnet haben. Der Staat muß heute gegen solche Verkehrsausständc ebenso gerüstet sein, wie er sich gegen den Angriff äußerer Feinde vorbereitet. Die französische Regierung wird in solchen Fällen zeigen müssen, ob sie der Syndikatsdespotie noch gewachsen ist, ob sic, wie vor vier Jahren versprockzen (als sämtliche Südbahncr wegen Entlassung eines Angestellten in den Ausstand traten), das Militär unter der Hand und in kleinen Trupps dazu aus- gebildet hat, die wichtigsten Funktionen der öffentlichen Verkehrsanstalten im Falle großer Ausstände zu übernehmen. Am Bemntenausstand endet die Gerechtigkeit des sozialen Kampfes. Hier hat man zu wählen zwischen der össentlichen Ordnung und dem Interesse unzufriedener Angestelltenkategorien. Die Regierungen werden auch bei einer Briefträgerrevolution sich ohne Zögern zu entscheiden haben für die öffentliche Ordnung.
Paris, 24. Juni. Die gestern abend im Hauptpostamt ausgebrochenen Ruhestörungen trugen einen unleugbar meu terischen Charakter an sich. Die Briefträger bewarfen die Schutzleute, welche die Ordnung Herstellen und die Abfahrt der Postwagen erzwingen ivollten, mit Ziegeln und Eisenstücken. Ein Beamter und fünf Schutzleute erlitten erhebliche Verletzungen. Ms die Briefträger um Mitternacht das Postgebäude verließen, sangen sie revolutionäre Lieder und schrien: Rieder mit dem Senat! Der Syirdikatsausschuß der Postbeamten saßt« einen Beschlußantrag, in dem er erklärt, daß er diese Kundgebung nur billigen könne und entschlossen sei, die Protestkundgebungen so lange fortzusetzen, bis die Postbeamten Genugtuung erlangt hätten. Man glaubt, daß die Postbeamten keinen regelrechten Ausstand unternehmen und sich mit dem passiven Widerstand begnügen iverden. Es heißt, daß infolge der gestrigen Ruhestörungen über eine Million Briese nicht zugestellt werden konnteii. — Von den gemäßigten und konservativen Blättern wird es als sehr bedauerlich bezeichnet, daß sich der Handelsministcr Thomson darauf eingelassen habe, mit den meuternden Briefträgern zu parlamentieren. Diese seien dadurch zu ihrer Streikdrohung geradezu gezwungen worden.
Paris, 24. Juni. Ein durch Muniztpalgarden verstärktes Polizeiaufgebot umgibt das Hauptpostamt. Die Postbeamten sinnen aui Mittel, um sich Lebensmittel zu verschaffeii, und lassen aus den Fenstern Bindfäden berab, an welchen die draußen gebliebenen Kameraden Lebensmittel,anbin- den. Um die Verproviantierung der Eingcschlossenen zu verhindern, schneiden die Polizttbeamtcn die Bindfaden ab, ivenn es irgend möglich ist. Diese Vorgänge iverden von dem Publikum mit lautem Gelächter begleitet. Der Verkehr in der Umgebung des Hauptpostamtes zu unterbrechen. Das Ministerium erklärt, daß :>e Abfertigung der Post nach der Provinz regelmäßig statgesunden hat.
Heute nachmittag versicherte ein höherer Postbemnter den Briefträgern, daß der Minister ihre Abgesandten empfangen würde, falls sic den Briefesortierungssaal verließen. Die Briefträger wiesen dieses mü der Begründung zurück, daß dann 2 o l d a t c n an ihre Stelle gesetzt würden. Ter Beamte versicherte, daß dieses nicht der Fall sein werde, und fügte hinzu, dqß der Minister die Abordnung cnipiangcn würde, wenn die Unterbcamten die Arbeit unverzüglich wieder anwehnien würden. Tie Briefträger haben darauf nach einer Besprechung die Arbeit wiederauf genommen.
Sie Erweiterung des Nordoftseekanais und der Kaijer.
Kiel, 24. Juni. Heute nachmittag 4>,-> Uhr lief die „H o d e n z o ll e r n" mit dem Kaiser au Bord von Brunsbüttel konimend in die neue Holtenaucr Schleuse ein, um diese und den damit zugleich in den wesentlichen Teilen/ nunmehr fertiggestrllten Erweiterungsbau des Kaiser Wilhelm-Kanals dem Betriebe zu übergeben. Auf der Mittelmauer der Schleusenanlaqen hatten Staatssekretär Dr. Delbrück, die Spitzen der kaiserlichen Marine und der städtischen Behörden, sowie die an der Ausführung des Erweiterungsbaues beteiligten und aus diesem Anlaß mit allerhöchsten Auszeichnungen be- liehencn Personen und eine größere Anzahl geladener Zuschauer Ausstellung genommen. Auch die nördliche Seite der Mauer ivar mit zahlreichen geladenen Damen und Herren besetzt. Die Tock,ler des Präsidenten des Kanalanrts, Fräulein Hildegard Kautz, überreichte den, Kaiser einen Blumenstrauß.
Sodann richtete Staatssekretär Dr. Delbrück an den Kaiser eine Ansprache, in der es hieß:
Euerer Kaiscrl. und König!. Majestät melde ich allcrunier- tänigst, daß der Erweiterungsbau des Kaiser Wilbelm-Kanals soweit scrtiggcstellt ist, daß die Großkamviichifie Euerer Majestät den Kanal iörtan passieren können. Damit sind langwierige und schwierige Arbeiten zum Abschluß gelangt, die den Kanal den Anforderungen der heutigen Zeit, uich, Ivie wir hassen, der weiteren Zukunft anpassen sollen. — Annähernd 30 Jahre sind vergangen, seit diese Schisiahrtsstraße zwischen der Nord- und Ostsee von dem Hachseligen Kaiser Wilhelm dem Großen begonnen wurde iu,d voc 19 Jahren konnte sic dem Betrieb übergeben iverden. Das Profil des Kanals und die Abmessungen seiner Kunstbauten sind erheblich vergrößert worden, die neuen Schleusen sind dovpeli io groß als die alten und die die Schiiiahri hindernden Eiscnbahn-Trebbrücken sind durch eiserne Hochbrücken ersetzt ivorden. Tie Hochbrücke bei Levensau, an deren ProjekticriMg Eure Majestät allerhöchst veifön- lichcn Anteil genommen hat, konnte, wie diejenige bei Grünthal, trotz der Erweiterung des Kanalprofils dank der Kunst unserer Tiefbauer erkalten bleiben. Durch die Einsührimg des elektrischen Betriebes und moderner Motoren ist nicht nur die Tüberbeit und Schnelligkeit des Kanalbetricbcs erdöhl, sondern auch die Verbesserung des Verkehrs über den Kanal von einem Hier zum andarn und der wasserwirtschaftlichen Verbäliniise in den angrenzenden Gemarkungen möglich gewesen. Euere Majestät bitte ich untertänigst, die vollendeten Schleusen als erster zu durchfahren und damit den erweiterten Kanal dem Verkehr zu übergeben.
Der Kaiser ließ sich hieraus die Dekorierten vorstellen und richtete an einzelne kurz« Ansprache» sodann kehrte er mit dem Gcsolge aus die „Hohenzollern" zurück, die ffnnmehr aus der neuen Schleuse in den Kieler Hafen einsuhr und dabei ein quer über die Schleuse gespanntes Band durch- schnitt. _
Herzog Georg II. oo» Zachsen-Meiningen f.
Meiningen, 25. Juni. Das „Meininger Tagblatt" meldet amtlich: Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen ist heute nacht 2.25 Uhr in Bad Wildungen gestorben.
Der Herzog litt, loic noch in den letzten Tagen genieldet worden war, an schlveren asthmatische,, Erscheinungen und er hatte seine Kur in Wilduiigen abbrechcu und das Bett hüten müssen.
Das .hinschciden des alten Herrn wird im ganzen Deutschen Reiche herzliche Teilnahnie hervorrusen, denn Herzog Georg gehörte mit zu beit Rcichsgründern und hat von Anfang an den Reichsgedanken hochgchalten. Er wurde am 2. »lprii 1826 in Meiningen geboren als einziger Sohn des Herzogs Bernhards II. Nach Unibersitätsstudien in Bonn und Leipzig trat er i» die preußische Garde ein: 1854 kehrte er nach Meiningen zurück. Ta sein Vatcr dem Beitritt zum Norddeutschen Bunde widerstrebte und deshalb am 20. Sept. 1866 abdankte, so übernahm der reichsfreundlich gesinnte
vas Nauheimer Nurtheater.
Bei der Besprechung der Theater-Eröffnungsvorstellung in Bad-EmS ist Anfang dieses Monats daraut hingcwtesen worden, daß der Welibadeort Nauhcin, in Bezug aus seine Theaterverhält- nissc in bedenklicher Weise auch hinter kleineren Badeorten zurücksteht Wir finden beute auch in der „Frankfurter Zeitung" Klagen über die mangclbaficn Theatcrräumlichkeiten in Bad-Nanheim, wobei es wörtlich heißt:
Wenn in der lechen Zeit von Bad-Nanheimer Plänen für * ,-rtrl öffentliche Balten die Rede war, lv ist cs verwundere lui) dar -7,, stäupt bedürfniS Nickt mehr in den Vokoerarnnd getreten ist Es iväre dies der Bau eines Theaters. Die llnter- brinqnng KurthcatcrS iTt eine dcrackig prüiditioe, dal Eie in geradezu ickrciendem Mißverhältnis zu der sonst iv modernen Aunnackmnq des Badeortes steht. Mancher Kurgast, der hier zum ersten' Male eine Vorstellung beiuckt, wird baß erstaunt iein wenn er au-'- den vornehmen Säulengängen und Gartenwegen der Trmkknranlagen in den alten Kurhausiaal kommt uni, dort die Reihe gewöhnlicher schmaler Stuhle vor der bescheidenen Bühne ausgestellt stndet. San tue Stichle lerne Seitenlehnen habe» ein Mangel an Bcauemlickkeit, der nch bei den längeren' ThcaicrvorstclliiNgen noch störender als bei den Konzerten geltend macht ist für viele lchon emc rechte Beem- irächtiqunq des Genusses. Noch schlimmer aber Ist es, dal man von der dritten Stuhlreihe au überhaupt kern ganzes Bühnenbild mehr oor die Augen luckommt. Do nämlich die -tuhlreihen nach hinten zu nicht anstcigen, muß man Puttchen den Kamen der Vordcrleutc l>indnrch mühsam von der Buone Ivviel zu er- haschen suche,,, als möglich ist. Das ist aber immer Mir cm
Ausschnitt. Welcher Genuß, llW “J\ Mn 'TJM handelnden Personen immer mir drei oder vier "n/VNickstsfcwc bebalien 4°»!,' Wen» man bedenkt, wie bereitwillig ielbst kleinere Kurorte sür ein anständiges Ll^ater ge,orgt haben, ist hie lange Dauer dieser primitiven Nanheimer Zustande kaum begreiilick. „
— Die Eriolac der deutschen Wagner-Autküh-
,,, «„i'i Aus Paris wird berichtet: Die von der lBoston Overa Conrvanv unter der Leitung des amerikanischen L.i- rekior» dciiNi Russell oeranstallete Gastimeliaiwi, hat >n Paris Mil einem vollen künstlerischen „und auch wittichaitlichen g-rsolgc geendet, jo daß Russclt rntschloiien >>t, im wmmenden ^ahrc dn.
.^Pariser Saison" der Bostvner Over zu wiederholen. Zur allge- tneinen Ncberraschmig haben gerade die in deutscher Sprache gegebenen Töagner-Mifführupgen die größten Erfolge erzielt. „Frühere Versuche," so äußcttc fick, der amerikanische Direktor, „hatten uns für italicnijche Opern einen ziemlich sicheren Erfolg rrbaisen! lassen, aber daß in deutscher Svrache gesungene deutickic Opern cinc so enthusiastische Ausnahme finden würden, ging ielbst über liniere kühnsten Hoffnungen hinaus. Bar der Eröifnnng der Variier Saison suchte Mich jedermann davon abzubringen, in Patts die.Werke Wagners in ihrer Ilttvrachc zu gebtzn. Ich brauche jetzt nur hinzuzusügcn, daß. heute selbst die am mcisteu pessimistischen Ratgeber zum Sckiwttgcn gebracht sind." Bei der ftanzö- sischen Musikkritik l-aben u. a der Chor der Boston-Oper und die amerikanische Jnizenicrnngskunst höchste Anerkennung gesunden.
— Prcisanigabc. Das Thema der diesjähttgcn Alva-
rengaprcisansgabc der .Hnselandiichen Gcsellschait lautet: „Tie
Diagnose der Geschwülste des Rückenniarkes". Die mit Motto versehenen Arbeiten sinh bis zum 1. N/ai 1915 an den llniversitäts- prosefsor Geh. Med.-Rat Dr. Ewald in Berlin einzulcndcn.
— Ein Li an ardo-Porträt unter einer Madonna von Rasfacl. Bon einer überraschenden Entdeckung, die unter einer Madonna von Raffael geniacht wurde, weiß das Journal des Tebats zu berichten. Das Werk, das dem Tr. Pogor- jelski in Petersburg gchött, sollte van dem Restaurator der Petersburger Eremitage eine neue Lttmi'and erhalten. Bei dieser Gelegenheit photographierte man das Bild mit einem besonderen Apparat, der dem bloßen Auge unsichtbare Einzelheiten enthüll! und vergrößert, und so kamen alle „ Untermalungen des Werkes zum Dorjckzein. Zunächst wurde iestgoftellk, daß das Bild in seinem ettten Ttadffun ganz anders komponiert war und eine „sacra Canvcriazionc" nnt dem httligcn Joseph, de,- heüigen Anna und einem Engel dontellle. Unter ditter Komposition entdeckte man sodann emc ganze Reilic von gemalten Studien, flüchtig ikizzicttc Potträts, in denen man berühmte Pcriönlichkeitcu erkannte: Casttglione, Papst Julius II., Perngina und Timoteo Viti. Direkt », der Mitte der Lttnwand aber erschien eine Gestalt in größerem Format als die übrigen, die Lionardo da Vinci darstell!, drei Viettcl nach rechts genmidet, während aus der linken Seite des Bildes ihn ttne andere rikizze >»> Proftl zeigt, genau io, wie die Studie, die sich in Windsor bcftndet und die man Lionardo selbst zuschreibi. Die letzte tneser Studien in der Untermalung ist die des Plato aus der „Schule van Athen". Das Bild ist mit ttncm von Raffaels KryPIöNammen tümierr und von 4507 datiert Wenn
es wirklich ein Werk des Meisters ist, dann hätte man hier ein Porttät Livnardos von der Hand Raffaels.
— Edgar Allan Poe als Plagiator. Ti.' Ame- iikaner zählen Edgar Allan Poe, den Dichter des Grausigen, zu ilgen berühnttesteu Schriftstellern. Jetzt sucht einer sttner Landsleute, Joel Beuton, au seinem Ruhme zu rütteln und bctchuldigt Poe ganz offen des Plagiates in einer ganzen Anzahl von Fällen, Danach iBenwn hat ein ganzes Buch gegen Poe veröffentlicht-, hak Poe nicht nur feinen reichen, zuweilcil in ichwülstigen Ausdrücken arbeitenden Sprachschatz zum Teil aus seinem Landsmannc inid Zeitgenossen Thomas Hallev CbivcrS, mit dem er anichei- nend befreundet Ivar, geschöpft, fondcrn er hat von diefeni auch Mattve seiner Dichtungen oder gar die ganze Fabel übernommen. So belwuptet Bcnton, Poes Jsrafel je, ein Plagiat nach Jsrafelia oon Etivers, wogegen andere litcrariiche Kritiker allerdings cin- wenden, die Dinge lägen vielmehr umgekehrt: in diesem Falle sei Etivers der Plagiator. Weiter wird van Poes „Glocken" bc» l auviet, er sei ein Plagiat »ach Ehivcrs, allein, selbst wenn man zugibt, daß Poe sich an ChivcrS angelehnt habe, muß man ein- räumen, daß Poe das Aufgegriffenc umgewnndell, verschönert und bereichert, kurz ihm den Stempel seines eigenen lßcnies auf- gedrückt hat. Uebrigens ist Chivers nicht der einzige, bei dem Poe Anleihen gemacht haben soll. Die Werke von Chivers sind in Europa last »nbckaniit and außerordentlich ichwer zu bcichaffcn: dagegen sind die Werke des sprachgcwaltigen Engländers Macaula» in Europa im allgemcineu und natürlich »ach besser in der Heimat des Historikers, in England sehr bekannt, und io kann man sich nicht darüber wundi'rn, daß ein Engländer eine auffällige Ucbcrenistimmung zwischcil Macaula» und Poe auigciunden Irfii, die iit der Tat ei» Plagiat PoeS nachzuweiien ichttnt. Diese Ukbcreinstinimung besteht zwischen Poes „Tale oi tdc raggcd Mountains" und Macaulons „Warren Hastings" und zwar handelt es sich lMuptsächlich um die Stelle, die die Stadt Benares Ichildert. Es ist wirllich mehr als auffällig, daß der Dichter und der Historiker fast die glttchcn Ausdrücke zur Befchrttbung. die glcickum Phrasen, selbst die gleichen Bilder brauchen. Während man beim Vergleiche zwischni Poe und Chivers nicht immer weiß, wer eine Dichtimg zucttst geschrieben l>at, ist es bei dem Plagiatsvcrdackite Poe-Maeaulay durchaus cinivandffei nachzuweiien, daß es nur Poe fein kann, der „uachgedichict" hat, denn Macaulahs Arbeit über Warren Hastings erschien im Oktober 1614 in der Edinburg Review, während Poes Dichtung viel später hcrauskam.


