W*> Zweiter Blatt
Er?chri»> tätzlich mir Ausnahme des Sonntag;.
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D>- „«ießener Zamistenblätter" werden dem .Anzeiger' viermal loöchentlich beiqelegt, da? „IlrrirdlaN shr de» Kreis Kietze»" zweimal wöchentlich. Tie „candwiNschaslllchen Seit-
fragen erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Mittwoch, 24. Zuni
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität - Buch- und Sleindruckerei.
R. Lange, Gießen«
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e=@51. Redaktion: 12. Tel.-Adr«: AnzeigerGießen.
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Sin englischer Zlottenbesuch.
. -3 Juni Das unter dem Kommando des Vize
admirals George Warrcnder stehende englische Ge chwader „t demc morgen 9,15 Uhr cingetrossen Das Ge- lüMiader setzt l>ck> zusammen aus den Linienschiffen „King George V. als Flaggschitf, „Eennmon", „Aiar" und «uda cwus . sonne den Kreuzern „Southampton", „Birmmgham" und Nottingham . Hör Friedrichsort salutierte das Geschwader die deutsche Landes,laqgc ,mit 21 Schuß, welche die Str°ndl'a.tcr,cu erwiderten. Tie wchlslc verbleiben hier bis zum 30. Juni, «olche Flotten besuche haben die Bedeutung von Höf- lichkeits- und Freundschaftskundgebungen zwischen den Nationen, und der englische Flottenbesuch zur Kieler Woche dar, als eine besondere Freundlichkeit gegen den deutschen Monarchen bewertet werde». Aber man soll derartige Kiind gebungcn auch nicht überschätzen, darf bon dein Flotlcn- besuch in der .Kieler Förde nicht etwa ein Ende der Flotlcn- rivalität erwarten. Muß man sich doch daran erinnern, daß säst unmittelbar nach dem englischen Flotteubcsuch in Swinemünde die Verschlechterung der deutsch-englischen Beziehungen und parallel damit die Flottenvcrstärkungen rin setzten. Seitdem ist allerdings der Traht zwischen Berlin und London wieder repariert worden, und das soeben er folgte Zustandekommen des Abkommens über die Bagdad bahn und die Anatolischen Bahnen zeigt immerhin, daß das Werk der Verständigung zwischen Deutschland und den, Britenreiche zwar nur ruckweise, aber doch immerhin vorwärts geht — wenn nicht unterdessen wieder ein Rückschlag erfolgen sollte.
Diese Einschränkung und eine durchaus zurückhaltende Bewertung der englischen Visite sind schon deshalb geboten, weil der gleichzeitig erfolgende englische Flottcn- besuch im Zarenreiche erkennen läßt, daß man im Britenreiche zumindest die Parität gewahrt wissen will. Ja, die russische Presse tut sogar so, als ob der Besuch des ersten englischen Panzcrkreuzergeschwaders, das am Dienstag in Kronstadt eintraf, während zwei Panzerkreuzer direkt nach Petersburg fahren, wo der Zar dem Flaggschiff einen Besuch abstatlen wird, einen Akt von ganz besonders weittragender, von weltpolitischer Bedeutung dar- stcllc. Hierbei ist nun sreilich wohl der Wunsch der Vater de? Gedankens. Sir Edward Gren hat ja gelegentlich der Mitteilung, daß England jetzt die gewaltigen Oelquellenin der neutralen persischen Zone mit Beschlag belegt, höflich aber deutlich aus den hier vorhandenen Interessengegensatz zwischen England und Rußland hingewiesen; auch gleicht die Bersich«rung7 daß das Britenreich mit dem Zarenreiche entweder Freund oder Feind sein müsse, mehr einer Drohung als einer Schmeichelei.
Ter „Daily Graphic" schreibt:
Wenn dem britischen Flottenbesuch durch die Kieler Woche etwas mehr Nachdruck verliehen wird, so entspricht dos nur den Erfordernissen der internationalen Lage und den Wünschen Englands. Es ist wünschenswert, sich darüber klar zu werden, daß die gegenwärtigen Beziehungen zwischen de» beide» Ländern ausgezeichnete sind, daß die souveräne und Staatsmänner wünschen, daß sie so bleiben mögen und daß selbst aus dem Gebiete der energischsten Rivalität ein natürliches Gefühl gegenseitiger Bewunderung und Kameradschaft sich vereinige. Ist der deutsche Kaiser nicht ein britischer Wmirai, und zwar einer, aus den olle britischen Seeleute mit Recht swlz sind?
Kiel, 23, Juni, Der Generalinspekteur der Marine, Prinz Heinrich von Preußen besuchte heute vormittag den englischen Admiral an Bord seines Flaggschisses, Als der Prinz das Schiss verlieb, feuerte dieses einen Salut von 19 Schuß ab. Danach besuchten der Ehes der Marinestation der Ostsee und nach ihm der Flottenchef ?ldmiral Jngcnohl das Flaggschiff, Als die Admirale sich von Bord begaben, salutierte das Flaggschiff mit je 17 Schuß. Ein zahlreiches Publikum hält die Strandprvmenade besetzt, um das interessante Bild, welches der Kricgshafcn mit den beiden Flotten darbictct, zu genießen, ,
hessische Zweite Kammer.
rb, Darmstadt, 23. Juni.
Am Regicrungstischc: Staatsminister Dr. Ewald, Minister >es Innern v. Hombcrgk, Staatsrat Lorbachcr, Finanz- ninister Tr. Brau».
Präsident Köhler cröiinct die Sitzung UNI 10' . Uhr. Die Nitglieder iind iast vollzählig versammelt, die Tribüne meist von geistlichen imd Lehrern beider Kvnsessioncn dicht besetzt. Die all- semcinc 'Aussprache über die Regierungsvorlage, bctr. die Revifio» der Orbcnsgesetzgebung
vurde heute am vierten Tage fortgesetzt. Zuerst wendet sich der übg Dorsch lBbd.), der erklärt, nur sür seine Person zu sprechen, ,egen die Behauptung, daß sich die Kammer bereits mit der Ab- timmung über den Antrag Dr. Schmitt seslgclegt habe. Man sei ich damals über die Tragweite des Antrags gar nicht klar genesen und habe nur formell zugestimmt. Auch er wumcke. da« 'ine möglichste Verständigung zwischen den beiden Konsesnonen^ein-- reten möge Aber der Friede werde viellach von katdvlilcher seite lestört, besonders von den jungen Priestern, die durch das Mainzer Lriesteriemiiiar gegangen sind. Er mühe auch daran erinnern, datz n der Wettcrau die' katholische Wählerickast gelchloslen ,ür den ozialdemokratisckien Kandidaten Busold cingetretc» ist, trotzdem jbm >in so loyaler Mann, wie Gras Oriola, qegenüberstand ferne Ge- oährung größerer Rechte an das Institut der Engluchen .rraulei» 'mpsehle sich schon deshalb nicht, loeil dgmit der bevoritehenden Revision des Bolksschulgesetzes vorgegrisscn werden würde.
Abg Dr Osann (Ntl.) führt aus: Die ganze wichtige An- lelegenbcit läßt sich niä't aus Grund eines erwachen Parte,pro. iramms erledigen, wie dos Abg. Ulrich orrsuchl^hatz t,e e.nt chcidunq darüber wird nicht als eine politische -achc ange,ehe» neiden können sondern sic ist eine Sache des Gewincns: cs mutz ^ dringendste Stfteben sein, jeder Konsess,VN volle Gerechtigkeit mderioMen -u iaisen Meine Fraktion will i»c Wahrung des kvii- lliionellen" Frieden " und volle Gerechtigkeit gegen die katholische »irGe und deren Emruviunacn als Grundsatz sür ihre Enttchewunq ststaebalttn wffcn Die eingehenden Verhandlungenwaren auch ler Oeffentlichlen gegeni.ber not.g- «iÄt <dhbbM
»ei vielen anderen evangelischen Männern and Frauen ch die Sorge zutage getreten, ob durch d,e Vorschläge »er Regiemma nicht der konscsswnellc Fauche gestört und crichultert werde ^Die Oesscntlichkeit bedurste auch der Aufklärung über die imd den Inhalt der Vorlage. Das Jnemandergregen der Ktzevonl875 Ä 1895 m,t den jetzigen Vorschlägen ist mAt SSt Hm Es wäre voricühmtcr gewesen, zunächst die Ni den Ge ctzen nredergcicgten Grundsätze der Oe,sen,l,chke,t rn den Vorder stellen io z 3 und 4 des Gnctzes von 487-,: D«c bestehenden Nilcherlassungen oder Ans-°l-cn von Orden oder ordens-
ähnlichen Kongregationen stehe» unier Aussicht des Staates, uno weiter, daß aus Gründen des üssentlichen Wohles oder Ivegen Ungehorsams gegen die Vorschriften des Gesetzes oder der Ver> wallungsbehordeii bereits bestehende Niederlassungen oder An Kalten aujgclöst, daß neue N-evcrlassungen nicht zugclas en und die beuchenden neue Mitglieder nicht gusnchnicn dürsten. Durch die Hervorhebung dieser Grundsätze, an denen die Regierung jesthält, würden manche starke Bedenken zurückgcirctcn sein, auch dadurch, daß die Regierung ihre ablehnende Stellung zur Zulassung des Jesuitenordens stärker betont hätte. Tie im Ausschuß sestgesctzlc Erklärung von Regierung und 'Ausschuß (die wir wörtlich zum Abdruck brachten.; genügte vielen evangelischen Kreisen nicht, da in der Regierungsvorlage dre Zulassung eines weiteren Ordens in die Hand der Regierung gelegt ivurde. Tic fetzige Ver Handlung hat aber verschiedene schwerwiegende Verbeiierungen gegenüber der Vorlage und den Ausschußbeschlüssen gebracht. Mit Ausnahme der Sozialdemokratie, die ja das ganze Gesetz ab lehnt, haben die Bestimmungen über die sich ausschließlich der Krankenpflege widmende» Orden am wenigsten Widerspruch gefunden "n meisten Wilarspruch ian» aus prinzipiellen Gründe» die Erweiterung der Unterrichtsor-c >, und zwar das Institut der Englischen Fräulein. Die naiionallibecalc Partei hat die simultane Volksschule in Hessen geschaffen, oder dach mit der Regierung schassen Helsen und sie hat den Grundsatz des sür alle Bekenntiiislc gemeinsamen Unterrichts zu allen Zeiten festgehalten. In den etwa tausend Gemeinden Hessens hiben wir nur noch 37 evangelische und 39 katholische Konsesfinnsschnlen, die durch örtliche Verhältnisse bestimmt werden. Neue Konfesiionsschulen können sich nicht bilden. Aber auch die höheren Schulen sin» bei uns simultan. Wir hoben keine evangelischen, keine katholischen Gymnasien oder Realanstaltcn. auch den Unterricht in diesen Anstalten genießen die Kinder beider Konsessionen gemeinichaftlich. Und diese Maßnahme hat sich seit den 10 Jahren ihres Bestehens trefflich bewäkak.Und doch ist Gegenstand eines inneren Kampfes in mir gewesen, ob die Ausnahme von der Simultanschule in Gestalt der Schule der Englischen Fräulein unterdrückt werden kann. Ich würde dagegen stimmen, wenn cs sich um Gründung einer neuen Konfessionsschule handelte. Es dreht sich aber um bestehende, seit langen Jahren bewährte Unterricktsanstaltcn, deren Leitung selbst ihre Gegner, wie die Abgg. Bach und Münzer, höchstes Lob gezollt lnben. Schmer ist die Gcwissensffagc zu entscheiden, ob man den Eltern, die gerade sür die Erziehung ihrer Töchter diese Schulart ausgewäblt haben und aut diese religiöse Unterlage entscheidendes Gewicht legen, diese Fürsorge für ihre Töchter unmöglich machen darf. Die Folge eines solchen Gewissenszwanges würde sein, daß. man <>ie Doch:er nach auswärts, gar kn äüger- heutsche Kiosterschulen 'schicke» wird. Das wäre doch keine Forderung nationaler Erziehung und ich glauve niesen Gewissenszlvang von, liberalen Standpunkt aus, nickt übernehmen zu können, külit einer Einichränkung: Für die Bewerberinnen um'd'en Lehrerinnen- benut erscheint mir die dock eliiseillge Vorbildung der^önstitute der Englischen Fräulein nicht geeignet. Die staatliche Schule in Hessen ist Ne Simulionickule, wer an ihr angestellt werden Ivill, ffiutz sich auch bezüglich seiner Vorbildung den Anforderungen der Sinrultanschule unterwerfen. Dos Anivachsen der Zahl der Englischen Fräulein ist auffallend. Die von der Regierung angegebenen Zahlen finden Anfechtung und Mißtrauen von solchen, die aus außerarmlichen oder doch aus kirchlichen Quellen^ herrührende Zahlen haben. Ist sür den Abgeordneten hier die Frage des Gewissenszwanges gegen die Eltern entscheidend, so kann die Beschränkung auf den Stand vom 1. April 1914 nicht maßgebend sein. Haben diese Schulen eine der Bevölkerung eiitsprechende Entwickelung genommen, so erscheint es als llnbilligkeit jetzt ein Hemmnis auszustelten. Die Erhöhung des Schulgeldes in der Gleichstellung mit den höheren Schulen des Staates oder der Gemeinden bcrbeizusühren, erscheint mir nicht annehnibar, gerade das geringe Schulgeld gibt vielen Eltern die Möglichkeit, ihren Kindern höhere Bildung zukommen zu lassen. Tic geplante Vermehrung der Orden, die sich ausschließlich der Seelsorge widmen, hat in der evangelischen Bevölkerung nicht geringe Aufregung heroorgerusen. Wir begrüßen es, daß über den Jesuitenorden volle Klarheil geschaffen worden ist und daß in dem Gesetz selbst sestgelegt wurde, daß dieser Orden nur durch ein Gesetz unter Mitwirkung der Landstände genehmigt werden könnte. Durch Benennung der beiden Orte sür neue Niederlassungen der Kapuziner und dem einen Ort sür Benediktiner ist jedes Weitergehen über diese Grenze gesetzlich aus- geschloisc». Kann so noch mit der Gefahr einer „Verklöstcrung" Hessens gesprochen werden? Wir haben .zurzeit zwei Niederlassungen männlicher Orden mit zusammen ll Mitgliedern. Wenn in dicienl beschränkten Umfang die drei neuen Niederlassungen gebilligt werden und zudem die Frage des dauernden vermehrten „Bedürfnisses" scharf geprüft wird, darf wohl die Gefahr der Ver- klösterung als beseitigt gelten. Die landständische Genehmigung halte ich Prinzipiell sür richtig und will sie auch bei den Anstalten in Trais und Klein-Zimmern Vorbehalten wiffcn. Angesichts der seither mangelnden Staatsaussicht und der widersprechenden Berichte halte ich aber auch einen Antrag für nötig, haß die Regierung im Zeitraum von drei Jahren zu drei Jahren eine Darstellung der Entwickelung der Orden und ordensähnlick>en .Kongregationen, der aenehmigten Niederlassungen nach Umsang, Zaht usw. in einer Tenkschrist dem Landtag zugchen läßt, dannt auch jeder Interessierte Einblick in die Sachlage nehmen kann. Der Redner wendet sich zum Schluß noch gegen die Ausführungen einzelner Vorredner und erklärt, man sehe aus der Stellung der untereinander dissericrenden Fraktionsmitglicdcr, wie sich hier ein jeder frei nach seinem Gewisse» und seiner innersten Ucbcrzeuqung entschlossen ha!. Es wolle niemand neue Kämpfe mit religiösem Hintergrund entstehen lassen, die der Gesamibcvölkcrung nur zum Schaden sein würden.
Tic Slussprache wird hieraus einige Minuten unterbrochen.
Präsident Köhler begrüßt den anstelle des Abg. Diehl (Alzey —Gau-Odernheimi neu cingetretcnen Abg. Justizrat E a l - mann (NU ), der daraus den vorgeschriebenen landständischen Eid ablegt.
Bei Forisetzung der Aussprackü legt Abg. T ch ö n be rq e rlNU.j dar, daß er nicht in der Lage sei, der Vorlage zuzustimmen. Tic setzigc Aussprache habe ihn nicht zu cincr .ülenderung seines Standpunktes veranlassen können.
Minister v. Hombcrgk weist zunächst den Vorwurf zurück, daß die Regierung nicht früher in die Aussprache cingegrisscn und dadurch den Anschein erweckt, als ob sic kein besonderes Interesse an der Vorlage habe. Er habe gleich in längerer Rede den Standpunkt der Regierung dargeleqt und dann gebot die Rücksicht aus das Haus, daß zunächst alle Erstredner ihre Absicht äußerten. Tie Aussprache wurde beeinflußt durch das Einwirken des Evangelischen Bundes in War! und Schritt, dem er seine Stellung keineswegs verarge, da er nur seiner Satzung gemäß gchandcli habe. Sein Standpunkt bedingte eine Kampresstcjlung, während doch die Regierungsvorlage das Ziel verfolgt, den Frieden zu erhalten und zu fördern. Jeder Friede sei ein Kompromiß. IN dem jeder Teck etwas zu Gunsten eines anderen opfern muß Auch wenn diese Vorlage Gesetz werden sollte, sind die Orden in Hessen viel schlechter gestellt als in Preußen, wie dies Abg. Dr. Schmitt näher aussührtc Man habe im Hause nicht eine Ablehnung des ganzen Gesetzes beiürwortet, sondern sich an> die Aenderung einzelner Punkte bcschiänkt. Er gebe zu, daß das Volksschulgeietz aut her Simultanschule basiere und das Schulgesetz die Beseitigung der Konsessionsickickc bezwecke. Die jetzigen Bcsttmimolgen über dir
schulen der Englischen Fräulein ständen aber einer Revision des Bolksschulgesetzes nicht entgegen. ES sollten \a keine neuen Anstalten zugelassen werden, aber man dürfe den alten ihre Existenz nicht unterbinden. Der Minister weist dann daraus hin, daß sich 1910 von den in Mainz ausgcbildcte» Aspirantinnen der Englischen Fräulein 13 der staatlichen Prüfung m Darmitadt unlcr- warscn und taß von diesen 9 im hessischen Schuldienst verwendet nmrden. Bclresis der angeregte» Zulassung des Beno- diktinerordens müsse sich die Regierung die Entscheidung Vorbehalten, bis sich das andere Haus geäußert bat. Einer Gcsetzes- bestimniung, daß die Regierung alle drei Jahre eine Tenkschrist vorlege» solle, könne er nicht beitreten, dagegen würde gegen ein diesbezügliches Ersuchen an die Regierung nichts einzuwenden sein Ter Minister bittet zum Schluß im Interesse des konfessionellen Friedens, die Vorlage anzunehmcn.
Abg. Schot! sNil. ivricht sich im allgemeinen sür die Annahme der Vorlage aus. Es solle an den Grundlagen ^>cs Gesetzes von 1875 nichts geändert und die e-ouveränität des Staates voll aufrecht erhalten werden. Man müsse aber Gerechtigkeit üben und nenn das Jnstitui der Englischen Fräulein staatlich zugelassen wurde, so müsse man ihm auch die Existenzmöglichkeit gewähren. Er lwsse, daß die Vorlage den Frieden nickt stören, sondern fördern werde. Es würde doch um die evangelische Kirche schlecht gestellt sein, wenn sic durch diese Vorlage gefährdet werden könnte.
Abg. Tr. Ttevha n (natl. erklärt, er müsse es zurückwcisen, das: der Minister itM über seine letzie Rede sein Eiylaunen ausdrückte, er hätte es als selbstverständlich erachtet, daß der Minister gleich bei Beginn der Beraruiiq.eine ausdrückliche Erllärung über das strikte Festtialtcn am AufsichtSrecht des Staates geben würde. Der Redner ivandte sich dann gegen den Abg. Kvrell-Jngell>ei>n. der ihm Belehrung über die Üriackre» des Külturkampfcs geben wollte. Er, Redner, lzabc nicht über den Kulturkampf gesprochen, sondern über den damals sehr tiefgehend gewesenen politischen Gegensatz zwischen denjenigen Grupt-en, die später die liberalen Parteien bildeten und der Zentnimspartei. Ebenso unrickstig (et auch, was Abg. Korell bezüglich der Ausführungen des Frhr. v. Hcnl über das Zentrum behauptete. In den Wahlkämpfen von 1906/07 sei auch von freisinniger Seite das Zentrum als nicht national bezeichnet worden. Im Gegensatz zur nationalen Mehrheit, die nach der Wahl die Vorlagen der Reichsregierung ge- nehmigtc. Redner wandte sich weiter gegen den Abg. Ulrich, der gerade am allerwenigste» ein Recht habe, über die religiöse Anschauung des Redners sich in Sckstußiolgeiungen zu ergehen. Jin übrigen bespricht der Redner noch verschiedene der Ausschußanträgc, die er sür geeignet erachtet, den religiösen Frieden zu fördern. _
Abg. Korell-Ingelheim (Fortschr. Volksp.l ergeht sich in vorgerückter Stunde noch sehr aussührlick, über die einzelnen Hauptpunkte der Vorlage. Es müsse zugegeben werden, daß im Gegensatz zu der schroffen Agitation draußen im Lande dir Verhandlungen in der Kammer sich bisher ruhig abgcwickelt hätten. Den Kamps draußen führe besonders das ?Nainzer Journal in einer Weise gegen ihn, die nicht zur Hebung des religiösen Friedens dienen könne. Die Hauptpunkte der Vorlage drehten sich darum, daß die Volksnertretung diese Gesetzgebung ^n der Hand behalten soll und zweitens um die Schulsorderungen. Sein Antrag in Bettest der Englischen Fräulein sei durchaus gerechtfertigt: durch deren Institute würde zwerscllos eine ganze Schicht dem allgemeinen Schulunterricht entzogen. Vor allem wirkten auch die billigen Preise sür den Besuch des Instituts und die ganze Art der Rellame sehr sür den starken Besuch mck. Das Bedürfnis für dieselben werde viel zu sehr in den Vordergrund gestellt:, es bestehe zwar zweifellos. aber es werde künstlich genährt und durch die konkurrenzlos billigen Pensionen dieser Institute getrieben Wie durch seinen Antrag ein „brutaler Eingriff in die Elternrechte" geschehen soll, wenn die Zahl der Lehrkräfte aut den fetzigen Stand beschränk bleibt, könne er nicht verstehen. Eine Einschränkung der Schülcr- zahl finde auch an staatlichen höheren Schulen statt, was der Redner durch das Beispiel eines von Mainz zurückgewiesencn Schülers aus Ingelheim näher darlegt. Ter Redner weist dann eine Darstellung des Abg. Dr. Schmitt zurück, als ob er sich mit seinem srühcren angebiichen Versprechen im Wahlkreis AlzeN-Bingen, gegen alle Ausnahmegesetze einzutrctcn, setzt in Widerspruch gesetzt habe. Auch' gegen die Ausführungen des Abg. Dr. Stephan wandte sich der Redner und erllärte dann, daß der Weg, den er Vorschläge, ein Mittelweg sei, aus dem beide Teile aus dem Sttcit herauskommen könnten mit dem Gesühlc, daß es nicht Sieger und nicht Besiegte gibt. Dagegen würde die Zustimmung zu allen Ausschußanträgen bei der evangelischen Bevölkerung ein dauerndes Schmerzgefühl Hervorrufen. Es sei aus allen Ausführungen des Ministers immer ein Gran Wohlwollen mehr sür die katholische Kirche herausgekommen.
Ter Präsident konstatiert, daß noch drei weitere Redner zum Wort gemeldet sind, er bricht daher die Beratung >/-2 Uhr ab. Fortsetzung morgen früh 9 Uhr.
politische Tngcsschau.
Die badischen Genossen gegen die Reichstagsfraklion.
Auf der zu Freiburg i. Br. abgehaltenen Lniidesver- sammluug der sozialdemokratischen Partei Badens kam der Abq. Dr. Frank als Redner über die Rcichspolitik auch aus das SrHenbleibeu beim Kaiserhoch zu spreche». Genosse Frank sagte darüber u. a.:
Seit der Kaiscrhoch-Angelegcnheit bört man das Lied Samm- lungspolitik gegen die Sozialdemokratie besonders stark klingen. Ich habe in der Fraktion zu den 47 Abgeordneten gehört, die gegen die Neuerung gestimmt haben, wie sie beim Kaiser- hocki zum Ausdruck kam. , Bravo.) Bon 2Ibgeordnctcn kann man verlangen, daß sic nicht von Stimmungen abhänoiq sind, sondern die politischen Folgen überlegen, die ihre Handlungen zeitigen können. An dieser Voraussicht hat cs gefehlt. Es kommt nicht darauf an, was wir übtt einen Beschluß denken, sondern wie der Beschluß wirkt. Beschlüsse, die eines Kommentars bedürfen, sind versehlte Beschlüsse.
Es lagen zwei Anträge vor, cincr, der verlangt: der badische Parteitag erklärt sich ausdrücklich mit dem Verhalten der Fraktion beim Kaiscrhoch einverstanden, ein zweiter Antrag, der besagte: der badische Parteitag erklärt, daß kein Grund vorlaq, die frühere Praxis der Rcichslags- fraktion bei einem Kaiserhoch zu ändern. Ein dritter Antrag forderte, daß über den ersten Antrag namentlich abgestimmt werden soll. In der Aussprache kam auch Abg. Kolb zu Wort, der n. a. sagte, eS müsse scher rücksichtslos ausgesprochen werden, daß man solche Fehler, wie sie in der Kaiserhoch-Angelegenheit begangen nmrden, nicht mehr wolle. (Lebhafter Beifall.) Der Antrag, der er- erklärte, daß kein Grund vorlag, die Praxis beim Kaiserhoch zu ändern, wurde mit starker Mehrheit angenommen.
Unter der Ucbcrschrrft „Schikanöse Behandlung durch die reichsländischc Regierung" vcrössentlichtc der Pariser „Matin" folgende Nachricht:
, _ oO Lehramtskandidaten der Normalschule aus Douai und ver- Ichiedcnc ihrer Provisoren jmü am vergangenen Freüag bei einem


