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Kr. 136

Zweiter Aalt

164. Jahrgang

Erschein! täglich mit Aufnahme deS Sonntagg.

Tie4i«s>»ner Hnnistenblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigeleg», das Kreisblatt sstr den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Tiermidwirtschasllichen Zeil­sragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Samstag. 13. Juni 4914

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitäts - Blich- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» stratze 7. Expedition und Verlag: Rebaktion:^-4OI12. Tel.-Adr.: Anzeiger Gießen.

hessische Zweite Kammer.

rb Tarmstadt, 12. Juni.

Am Regserungsnsche: Staat-minister Tr. Ewald, Minister beS Innern n. Lam bergt, StaatSrat Süiscrt, Finanz- minister Tr. Braun, Siaatsral Lorbachcr.

Präsident Köhler erössnet die Sitzung um IN», Uhr Ta- Laus jetzt die Beratung über den Antrag Ulrich u. Gen betreffend

die nationale Einheitsschule

sort. Abg. Bach Natl. rührte aus: Schon bei .früheren Ge­legenheiten habe ,ch ausführlich mich zu dieser Frage'geäußert, ich glaube aber als Fachmann doch verpilichtet zu fein, hier iwch einmal meine und des Allgemeinen Deutschen LchrervcreinS ^An­schauung im Zusammenhang näber darzutegen, ichon weil von den andern Rednern der Kernpunkt nur wenra gestreift worden ist. Ter Gedanke d:r natiinrlea Einheitsschule ist nicht voll einzelnen Parteien auSgegangen, sonoern wurde oor hundert Jahren in der Zeit der Rot geboren uno Männer, wie Scharnhorst, Pestalozzi, Fichte, Lordenberg, Stern u. a. große Männer seinerzeit traicn dasür ein. Zum zwcitennral wurde die Forderung im Jahre 1818 erhoben Leute bat zwar ichon ein großer Teil der Kinder minder­bemittelter Eltern Aussicht, IN Höhere Schulen zu kommen, aber nur durch Stipendien und andere Wohltaten ES muß aber ,eder SlaarSbürger das Recht haben, auch ohne Wohltaten die größt­möglichste Brldimg zu erwerben. ES daN nicht eine Gliederung nach sozialen und sonstigen Grundsätzen lestgchalten werden, son­dern es muß eine Organisation geschissen werden, die allen irrt Staate die Möglichkeit zur Erreichung der höchsten Bildung ge­währt lind diese erblickt die Krestr Lehrcrbersammlung und der Allgemeine Deutsche Lehrerverein mit seinen 130 000 Mitgliedern in der Schäftung der nationalen Ernbeit-ichulc. Als Grundlage haben wir die allgemeine Volksschule uns dann kommt die Vor» schule. ES wird schwer sein, die Anhänger derselben zu bekehren, ober eine Notwendigkeit iür die Berbctraltung derselben besieht nicht. Ich bestreite, daß die Vorschule eine bessere Grundlage sür die höhere Schule bildet, die Volksschulen können eS ebensogut fertig bringen, den döbercn Schülern da- richtige Material beizubringen Schon setzt tritt eine aroße Anzahl von Volksschülern direkt IN die höheren Schulen ein ES ist nicht richtig, daß die Kinder der Vorschulen nur einen geringen Prozentsatz zu den Vorschülern bilden Tie Vorschulen beschränken sich aus die größeren Städte und trotz der Vorschulen ist z. B. in Tarmstadt und Marntz auch da- Prinatichulwesen emporgebtübt Redner erklärt, daß er für Aushebung der Vorschule rer, aber keine zwangsweise obligatorische ollgemeine Volksschule verlange, sondern daß man aus lcheralen Ideen heraus es jedem

überlassen müsse, die vom Staate geforderten Mindestkennlnisie zu erwerben. Ta- sei auch der srandpunki des Allg. Lehrervereins, während allerdings ein Taft, der Lehrer die Zwangsschule fordere, ein Standpunkt, den Redner nicht teilt. Für die nationale Ein­heitsschule trete nicht nur die Sozialdemokratie ein, sondern auch in.der natumaltiberalcn Partes seien Leute vorhanden, die für die Einheitsschute eintreten, z. B der Abg. Brandenburg. Auch der ZenlrumSsübrer Dr. Spahn ist Anhänger- der allgemeinen Volks­schule. KLbg. Uebel ruft: Aber aus konfessioneller Grundlage!) TaS ifl nicht gesagt Lerr Spahn steht auf demselben Standpunkt .me wtr. Et: will' allerdings konfessionelle Schulen, aber inner­halb Orr Konfession die allgemeine Einheitsschule. lRuf: Min, er nMI>ic kouiessionelle Schule.! Auch Landgerichtsdirektor Dr. Laar­mann habe sich für diese Einheitsschule erklärt. In dem Sinne, wie er tRedner> eben dargelegt und nfte cS der Standpumlkt des Allg. Deutschen LehrervereinS ist. werde man auch der Forderung der Einheitsschule auch hier zusiimmen können. Im einzelnen spricht sich der Redner für eine weitere Verminderung der Klassenireguenz ans UNS erklärt, er würde es begrüßen, wenn beim fremdsprach­lichen Untcrrichl allgemein mit dem sranzösischcn Unterricht be­gonnen würde und zwar erst mit dem zehnten Lebensjahr, nachdem der Schüler in der deutschen Sprache usw. eine richtige Unterlage erhalten. Es sei überhaupt eine Verirühung auf allen Gebieten ein- getrcten. Der Re ner ersucht zum Schluß, denPunkten 1, Einführung der nationalen Einheitsschule aus Grundlage der allgemeinen obli­gatorischen Volksschule: Punks 2, Aushebung sämtlicher Vorschulen, und Puntkl 5, die Zahl der Schüler auch in den Volksschulen auf 40 zu beschränken: des Ulrichschen Antrags zuzustimmen, ohne sich mit allin Einzelheiten decken zu wollen oder den Organisatlonsvor- schristcn vorgressen zu wollen.

Vizepräsident K o r c l l - "Angenrod teilt mit, daß Abg. So» rcll - Ingelheim einen Eventualantrag zu Punkt 5 eingcbracht hat, worin bestimmt wird, daß die Zahl der Schüler mit den For­derungen der Pädagogik-in Uebereinstimmung gebracht wird.

Abg K o re ll - Ingelheim >Frs. Vv > führt aus, es erübrige sich iür ihn, noch de» ausgezeichneten Ausführungen des Abg. -Bach nocki in längere Erörterungen esnzugeben. Er sei besonders mit dessen AuSsülniingen über den religiösen llnterricht in den Volks­schulen volltommen einverstanden.' Er stimme besonder- auch dessen Ausiüsrungen bezüglich des Religionsunterrichts in der Volksschule zu. Den, Punkt deS Antrags Ulrich!, die Schülerzahl in den Klassen aus höchstens 40 zu beschränken, werde er znstimmen, er habe seinen Antrag nur iür den Fall der Ablehnung gestellt. Redner richte mit die Regierung die Anirage, wie es mit den Erleichterungen sei, welche der Herr Staatsrat vor drei Jahren zum Uebergana von VolkSschnlern in die höheren Schulen zu- gcsagr habe Wenn die Einführung der Resormschule vor zehn Jahren von den Interessenten abgelehnt wurde, so sollte die Regierung letzt wieder einmal Umfrage halten. Gegen die Ein­heitsschule sollte man doch nationale oder konfessionelle Bedenken nicht geltend machen. Abg. Uebel habe bemerkt, man mache hie ganze Schulsroge zunr Tummelplatz für parteipolitische Erörte­rungen und gebrauche nur immer Schlagworte. Er habe sich aber mit seinen Parle,ireuNdrn lediglich im Rahmen pädagogischer Gesichtspuntte an der Erörterung dieser Frage beteiligt. Ter Abg. Hebet sollte auch dann wenigsten- von Schlagworten an­derer sprechen, sein Wort von der Kulturkampsstimmung. das au- der freisinnigen Ecke naltc. sei doch da- denkbar abgegriffenste Schlagwor, Freilich geh! das Zentrum aut die ganze Frage nicht gern ein. denn sein Ideal über die Schule steht ,a längst unwandelbar fest. StaatSrat Süssert sagte, daß bei Aushebung der Vorschulen die ktci,lereren Realschulen in ihrer Existenz be­droht würden, aber mir, d,c wir ans dem Lande wohnen, können! unsere Kinder nicht in die Vorschule schicken: wir wollen uns aber nickt zu viel sozialen Nutzen von der Aushebung der Vor­schulen versprechen. Aber wenn die Kinder der Reichen mir den ärmsten drei Jahre lang zusammen sind, dann werden doch etwas Eindrücke fnr'S Leben verbleiben Jedenfalls sollte energischer in der Aushebung der Vorschulen vorgegangen werden. Abg. Ulrich hat hier vorgetragen, daß ihm nichts harten geblieben sei von seinem ReligionSnrrierrrcht. Ta- tut mir leid. Das liegt aber nicht an der Religion als UnterrichtSswif, sondern an der durchaus verkehrten Form, in der dieser Unterricht früher erteilt Ivnrde. Leute haben die ReligionSIehrcr das heiße Bemühen, aul die Anschauung und das Gemüt einzuwirken und mft Wärme dos zu lehren, was der Religionsunterricht dauernd dem Kant« mitgeben soll Redner erinnert daran, daß auch Finanzminister Tr. Braun! früher die Forderung nach der Einheitsschule als gut und brauch­bar bezeichnet habe. Er geht dann noch au! einige AnSsührungen deS StaatSratS Süffert naher sin und emvsichlt zum Schluß bta

Annahme der Punkte l, 2 und 5 und, ialls das Land Bedenken gegen den letzten Punft haben sollte, die Annahme deS von ihm gestellten Eventualantrags.

_ Abg. Ioutz lwild) ist der Meinung, daß man aui den höheren Schulen zu viel lernt, was man später im Leben nickt brauchen kann. Tic gründliche Ausbildung des einzelnen Schülers leide unter der großen Schülcrzadt: die Kinder würden auch oft zu frühzeitig aus der Sckiulc entlassen. Zu bedauern sei die gesell­schaftliche Zerrissenheit im Volke. Ta könnte und müßte die allge­meine Volksschule viel tun.

Abg. Dorsch lBbd.) betont die Notwendigkeit eines besseren Ausbaus der Volksschule. Mit der Beschränkung der Schülcrzahl in den Klassen müsse man vorsichtig zu Werke gehen, denn die schwachen Gemeinden dürsten nicht zu stark belastet werden. Ter Redner srcut sich, daß "Abg Ulrich gerade das Wort national Einheitsschule und den deutschen Unterricht so stark unterstrichen habe^ Das stehe im wohltuenden Gegensatz zu dem Verhalten der Sozialdemokraten im Reichstag bei der Vioe la France-Debatte. (Heiterkeit und Widerspruch! Ter beste Untcrrichl in der deutschen Sprache bleche aber Stückwerk, wenn er nickt Land in Land mit dem Unterricht in der deutschen Geschichte gehe. Erfreulich sei auch die Erklärung der "Abg. Bach und Korell, daß auch in der Einheitsschule der konseftionellc Unterricht beibchalten werden müsse. Dagegen glaube er vom Abg. Ulrich, daß dieser nicht nur die konsessions sondern auch die religionslose Einheitsschule wolle. Ten evangelischen Pfarrern könne bei dieser Gelegenheit nicht der Vorwurf erspart bleiden, daß sie zum Teil nicht mehr auf dem richtigen Platz ständen: sie hätten den Begriff der Freiheit den alten guten Grundsätzen gegenüber zu sehr ausgedehnt.

Vizepräsident K o r e l l - Angenrod teilt einen soeben cinge- gaugenen Antrag des "Abg. Tr. Osann mit, worin die allge­meine deutsche Volksschule unter Beibehaltung deS konfessionellen Religionsunterrichts verlangt wird.

Abg. Tr. Osann natl.) begründet seinen Antrag und betont, daß dieser allen, die aus dem Boden deS konsessionellen Reli­gionsunterrichts ständen, die Zustimmung zu der Einheitsschule ermöglichen sollte. ES.sei unbedingt eine freiheitliche Gestal­tung deS Unterrichts und eine stärkere Berücksichtigung der In­dividualität des Schülers erforderlich.

Abg. U r st a d t tf. Vp. i wendet sich gegen den Vorwurf der Inkonscaucnz, der ihm in der Vorschulftagc gemacht worden sei. Er sei sür die Abschaffung der Vorschulen, aber nicht aus einen! Schlag: man müsse sie allmählich eingchen lassen. Wenn der Herr StaatSrat Süssert die Unmöglichkeit des Ueber^angs von BolkSschülern in die höheren Schulen mit dem hohen Schul­geld begründe, daS dann erhoben nxnche, so erinnert: er an dem Antrag, zur Erleichterung des AufsteigenS 50 000 Mk. bereit zu stellen. Er hoffe, daß dieser Antrag das nächste Mal ange­nommen werde. In der Frage der Einheüsschulc sei da- Urteil des Laien ebenso wertvoll wie das des Fachmanns: es sei keimt schultechnische, sondern eine schulpolitrsche, eine Weltanschannngs- srage. Daß der Herr Staatsrat von einer so demokratischen Idee nichts wissen wolle, begreife man leicht, nachdem er behauptet habe, in den unteren Schichten sei die Zahl der JnteUigenzen! geringer, als in den oberen. Zahlreiche Intelligenzen verküm- dnerten ans Mangel an Ausbildung. Er widerlegt dann die Ein- wändc gegen seinen Antrag: das Latein in der s-exta des Gpurna- ftumS und der Oberrcalschnle ah,uschassen. Er bittet, wenigstens mal an einer schule den Versuch zu machen. Dem Abg. Uebel be­merkt Rehncr, er mache keinen Unterschied zwischen katholischen und evangelischen Privatschulcn. Er halte sie überhaupt nicht sür wünschenswert, wenn sic aber entständen, wolle er sie nicht verboten haben, obgleich gerade die katholischen, von Ordens- geistlichen geleitete,i Privatschulen im bewußten Gegensatz zur staatsschule gegründet seien. Wie Abg. Bach, so wolle auch er keinen Zwang zum Besuch der allgemeinen Volksschule. Redner tritt zum Schluß entschieden sür die Beibehaltung der reinen Staatsschule ein. Wegen dieser Anfragen könne man ihn nicht einen Kult nennen. Er und seine Freunde dächten nicht daran, in die inneren Angelegenheiten der kath. Kirche und in das rel. Gewissen der Gläubigen einzugreifen. Das Zentrum sei der Angreifer, sie seien in der Verteidigung. Zum Beweise dasür, daß die kath. Kirche nach der vollständigen Beherrschung des Schulwesens strebe, verliest er Stellen aus einer mit bisch. Abs. erschienenen Schrift und sordert Landtag und Regierung aus, diesen Bestrebungen gegenüber an der Staatsschulc festzuhalten.

Abg. Ulrich (Soz.) führt aus, es müsse auS der reinen Staats­schulc niit Notwendigkeit die allgemeine Volksschule ohne Konsession und Religion entstehen. Es habe gar keinen Sinn, Konzessionen an diejenigen zu machen, die den Religionsunterricht als einen wesentlichen Bestandteil der Erziehung betrachten. Mit dem Verlaus der Debatte könne er sehr zufrieden sein. Denn nur der Abg. Uebel habe sich seinem "Antrag gegenüber ablehnend verhalten. Redner polemisiert darnach sehr wertschweissg und auSsallend gegen Staats­rat Süssert und mehrere Abgeordnete, wobei er vielfach mit Wort­spielen operiert, wie: Lerr Staatsrat Süssert, ist Ihnen denn bei dem Loch desl Abg. liebet nicht . . . anders geworden? Weiter führt Redner aus, auch die Lehrer würden schließlich zu der Ueber- zeugung kommen, daß die Einheitsschule konscssionstos sein müsse, weil sie sonst keine Einheitsschule sei. Er empsindc Genugtuung darüber, daß sich auch die Mehrheit der bürgerlichen Redner sür die Einheitsschule ausgesprochen habe. Dann wendet er sich gegen denl Abg. Dorsch und dessen Kritik der Haltung der sozialdemokra­tischen ReichStagSsraktion und der Bwe-lv-France-Afsäre des Abg. Mandel, wogegen der Redner den allein wahren sozialistischen Pa­triotismus lobt, dessen praktische Betätigung ost mit Linsen, Grau­pen und Erbsen in Berührung bringe. (Heiterkeit.l

Der Präsident ersucht den Redner, nicht gar zu weit vom Thema abzuschweisen.

Ter Redner läßt sich aber nicht stören und sucht darzulegen, daß der Nationalismus der Sozialdemokratie größer sei als jeder an- dere, was vielfach Gelächter heröorrust und den Präsidenten wieder­holt veranlaßt, ihn zur Sache zu rusen, besonders auch, als Redner von seinem in der Jugend genossenen Religionsunterricht erzählt.

StaatSrat Süssert wendet sich gegen eine Reihe von Aus- sükrungen der Vorredner. Dem Abg. Bach bemerkt er: Wenige Klar- best über die ganze Sacke herrscht weniger bei uns, als bei Ihnen! Ta- einmütige Votum der Kreter Lehrerversammlung sei sür ihn nicht überzeugend. eS stehe sogar >m Widerspruch mit einer anderen Entschließung derselben Lehrerversammlung. Zudem komme auch bei solchen Resolutionen die Meinung einer großen Miicherheit nicht zum Ausdruck. Die Einheitsschule sei in letzter Linie dock, eine päda­gogische Frage. Abg. Bach behauptet, der Frankiurter Beschluß sei ein weißer Rabe, aber auch in einer allgemeinen Lehrerversamm­lung in Breslau hat sich eine starke Minderheit direkt dagegen ausgesprochen Tie ganze Frage ist aber allmählich zu einer Stan- de-sragc gemacht morden und das ist bedauerlich. Der Abg. Bach tue ihm Unrecht, wenn er behauptet, daß Redner nur einen Teil der Frage einscftig beleuchtet habe. Er habe aussühr- lich alle Punkte beleuchtet, aber allerdings dabei vermieden, mit Utopien oder Schlagwörtern zu arbeiten. Das Verlangen nach einer deutschen Einheitsschule scheitert schon daran, daß wft 25 Einzelstaaten haben, von denen jeder Gott sei Dank seine Eigenart bewahrt hat. Wir lassen den Staaten in allen Punkten ihre Selbständigkeit, nur in der Schulsragc soll sie ihnen ge­nommen werden! Die Behauptung des Abg. Bach, daß in Mainz ein Volksschüler, der in eine höhere Schule übertreten wollte, znriöckgcwiesen worden sei, während ern schlecht benoteten Bolksschüler ausgenommen wurde, bezwoffelt Redner. Aber selbst

iveiin ei» Direktor einen solchen Fehler gemacht haben sollte, sei es doch verkehrt, einen einzelnen Fall so zu vcraUgcmeinern. Ti« Abschaffung der vorhandenen Vorschulen ivürde nur dazu führen, daß an Stelle der jetzigen gut bewährten Vorschulen vielleicht minder leistnngssähige Privatschulcn träten. Daß auch die Volks­schulen befähigt sind, die Schüler sür die hoderen Lehranstalteni »orzubercite», bezweiselt Redner nicht. Dem Abg. K'orell-Iiiqel» hetni bcincrkt er, daß sein Antrag überftüssig sei und denFor­derungen der Pädagogik" jetzt schon Rechnung getragen werde, ober sie scheiterten bisweilen an den cnorinen Kosten: die Lehrer- vcrmehruiig erforderte hohe Sumnieii, iür die keine Deckung vor­handen fei. Er erinnere aber nochmals daran, daß die Zahl bei Klassen mit hoher Schülcrzahl ganz außerordentlich zurückging und daß seit 1010 1871 neue Schulstellen geschaffen wurden, weit mehr, als das prozentuale Anwachsen der Bevölkerung. Man arbeite ,n der Frage zu stark init Schlagworten. Die Regierung tue alle«, was möglich sei, um auch die höhere Schule den Minder­bemittelten zugänglich zu machen. Redner teilt fjierju die van der Regierung geschaffenen Erleichterungen mit. Wenn er Gegner der Einheitsschule sei, so sei er deshalb noch lange kern finsterer Reaktionär. Er halte die Forderung der EinhcrtSschule durch- auS nicht iür eine wahrhaft liberale, da dach der Zwang hier keines­wegs den demokratischen oder liberalen Grundsätzen entspreche Was setzt unter dieser Bezeichnung verlangt wird, müsse doch erst einmal erprobt werden. Ter Antrag Osann fordere bezüglich deS konfessionellen RcligwnSunterrichtS etwas schon Bestehendes, daS niemand bestreite, und mit dem Verlangen der nationalen Einheitsschule aus Grundlage der obligatorische» Volksschule gehe er noch über die Forderungen der "Abg. Ulrich und Urstadr hinaus wegen des Begriffsobligatorisch". Er erinnere daran, daß auch Engen Richter ein Gegner der Einheitsschule tvar . Tic Regierung tvolle auch die Kinder der unteren Klaffen zur Betätigung am Jungdeutschland-Bund deranziehcn, der wie eine Bombe inS so­zialistische Lager cingeschlagen habe ^Leitcrkeit und Beifall). Ter Redner geht noch aui eine Reihe weiterer Einzelheiten ein un!> ersucht zum Schluß nochmals, die sämtlichen Punkte des Ulrichschen Antrags abzulehnen.

Abg. Wolf-Stadecken lBbd hält sich sür verpflichtet, davor zu warnen, daß von den Parteien bei den kommenden, Land­tagswahlen die Stellung zur Schulsrage als "Agitationsmittel verwendet wird.

Slbg. Uebel (Zir.t konstatiert, daß die Mehrheit des Hauses von einer konfessionslosen Einheitsschule nichts wissen toill Dem Antrag Dr. Osann erklärt er, nicht beistimmen zu können, weil dann nach Durchsührung der Einheitsschule sür konsessionelle Schulen im Lande lein Platz mehr sein würde. Zum Schluß wendet sich der Redner noch schars gegen den Abg. Ulrich.

"Abg. Dorsch ^Bbd. spolemisicrt gleichsalt- gegen den Abg. Ulrich. Um 3 /i2 Uhr nimmt der Abg. Bach üaS Wort zu einer längeren Entgegnung aus die Ausführungen des StaatS- rotS Süffert. Da zcftweürg nur 810 Wgeocdnete im Saal sind und zahlreiche Mitglieder das LauS zu verlassen im Begriff waren, so wurde aus Antrag des "Abg. Molthon beschlossen, die Wsffmmung über den Antrag Ulrich erst ov, Dienstag vor­zunehmen. ^

Aus die Ausführungen des Abg. "Loch erwiderte auch StaatSrat Süffert noch mit längeren »reist sachmännischen oder schnl- technffchen Bemerkungen, bis endlich um 2 1 , Uhr die Redelistc erschöpft war und^ die Sitzung geschlossen werden konnte.

Die nächste Sitzung wurde Mif Dienstag vormittag 10 Uhl anberanmt.

X>cMtfci?cs Reich.

Eine neue Eisenbahnverbindung nach An­halt Entlastung der Strecke Berlin-Halle. Die Verbindung von Berlin nach Anhalt wird jetzt durch die Linien Berlin Halle und Berlin BelzigGüsten unter­halten. Die legte Linie dient hauvtsächllch auch dem Verkehr mit Personen.zügen und ist nur mit je einem Schnellzug in jeder Richtung ausgestattel. Der Hauptverkehr nach Anhalt wird jetzt über Wittenberg, Bitterfeld, Halle geleitet, um nach Dessau, Zerbst, Köthen und Bernburg weiter geleitet zu werden. Die gesamte Post geht über diese Linie. Bekanntlich soll die Anhalter Bahn in den nächsten Jahren entlastet wer­den. Zunächst wird ihr der Verkehr genommen werden, der ihr ursprünglich den Name» gab, der Verkehr nach Anhalt. Zu diesem Zwecke wird die Linie BerlinWannsee Belzig ausgebaut und hinter Belzig bei Wiesenburg eine neue Bahn nach Roßlau gebaut, die eine direkte Schnellzugverbindung BerlinDessau schafft. Der gesamte Personen- und Postver­kehr von Berlin wird später über WannseeBelzigRoßlau nach Anhalt geleitet und in Dessau an die übrigen anhaltini- schen Linien gute Anschlußverbindungen geschaffen werden. Der Verkehr nach Anhalt wird dadurch von der Anhalter Bahn genommen und aus einem viel kürzeren Wege dorthin geleitet. Der Umsteigeverkehr nach Dessau Roßlau sällt sväter in Bitterfeld fort. Durch die neue Bahn Roßlau Wiesenburg wird auch eine neue Verbindung zwischen dem Uäming und LeipAg geschaffen.

Das Duelt im Heere. Die amtlicheNordd. Allg. Ztg." schreibt: In der Presse ist mehrsach erwähnt worden, daß bei einzelnen Bezirlstommandos den Offizieren des Beurlaubten st an des eine "Abhandlung zugängig gemacht ist, die sich mit den Pflichten der Offiziere'bei Ehren­händeln befaßt und die unter anderen folgenden Satz ent­hält:Allgemein salisfattio ns unfähig sind nur Personen, welche durch ehrengerichtlichen Spruch aus dem Lssizierstande entfernt sind, oder durch richterlichen Spruch der bürgerlichen Ehrenrechte nerlustig gingen, oder nrelche durch frühere notorische Verletzungen der Ehrenpflichten iAblehnung des Duells usw.) der allgemeinen Achtung ver­lustig gingen." Die Pressemeldung ist. wie nunmehr sest- gestetkt ist, richtig: es toird aber gleichzeitig daraus hin­gewiesen, daß es sich lediglich um eine Privatarbeit han­delt und daß der Inhalt in mehreren wichtigen Punkten, insbesondere bezüglich des angeführten Satzes nicht der Auf­fassung der maßgebenden Stellen entspricht. Die HeereSver Wallung wird, wie wir hört*,,, das Erforderliche veranlassen

Erledigte Reichslagsmandate. Im Reichs­tage sind drei Mandate erledigt: l. Coburg lbisher Quarck, nl.), Labiau-Wehlau (bisher v. Massow, kons.), 17. Württem- berg (Ravensburg) (bisher Leser, Ztr.).

Aurlanv.

Internationaler Pressekongreß. In Ko­penhagen wurde am Freitag vormittag der 16. Inter- nationale Pressekongreß im Festsaal der Universi­tät feierlich eröffnet. Unter den Anwesenden befanden sich außer zahlreichen Delegierten der Ehrenpräsident des Kon­gresses, der Minister des Innern Rode, der Minister des Äeußern Scavenius und mehrere andere Minister, sämtliche