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Der «ietzemr Anzeiger

erscheint tätlich, sicher Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich

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I weinial wöcheni l.ürei;- 'lattstrdenrireirSiehen (Dienstag und Freiing); zweimal nionail kand- wirtschofMch« Seitsragen Ferniprech - Anschttifi«: sür die Redaktion 112, Verlag ». Expedition 51 Adresse für Depeschen: Anzeiger «ictzeu. Annahme von Anzeigen sür die Tagesnummer bis vornrittags 9 Uhr.

Erster Blatt

IH Jahrgang

Zrettag, \ 2 . Juni X9|4

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger sür Oberhessen

Rotationr-nxk » Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steinöruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchnlprahe 7. An»i,-nt-n: tz? BeL

ve»ug»pret»:

monatlichTbPs., viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 6b Ps.; durch die Post Mk.S.viertel- jährl. ausschl. Beitellq. Zeilenvreis: lokallbPs, auswärts 20 Psenniq. Chesredakteur: 21 Goetz. Verantwortlich sür den polit. Teil: Ang. Goetz; sür .Feuilleton', .Ver­mischtes' und.GerichtS» saal": Karl Neurath; sür .Stadt und Land'

Die heutige Nummer umsaflt 12 Seiten.

Da$ Verlegenheitskabinett Ribol-Velcaste.

Der am 7. Februar 1842 geborene, also im Alter von bereits 72 Jahren stehende Alexandre Ribot hat sich stets als ein sehr wandlungsfähiger Politiker erwiesen und wird heute zu den gemäßigten Republikanern gerechnet. Unter 'Napoleon war er Monarchist und kaiserlicher Beamter. Als er dann >.m Jahre 1878 in die Kammer gewählt wurde, war er der Wortsührer der Mittelpartei, die schon damals stark klerikalisierende Neigungen zeigte. Gehörte Ribot doch zu den Gegnern des Gesetzes, welches die Trennung von Kirche und Staat durchsührtc. Als er 1892 zum erstenGial Minister­präsident wurde, wußte er sich mit einigem Geschick durch die Schwierigkeiten des Panamakanals hindurch zu winden, und während der Drcyfus-Afsäre war er krampshast bemüht, es weder mit der Rechten noch mit der Linken zu verderben. Seinehistorischen" Verdienste bestehen darin, daß er als Ministerpräsident im Jahre 1895 einer der Mitbegründer der Allianz mit Rußland war, während er zu einer Zeit, als in Frankreich die Engländerseindschaft noch an der Tages­ordnung war, von den Nationalisten als Ribot, l'Anglais verspottet wurde. Bei der letzten Präsidentschastswahl war er ursprünglich Gegenkandidat gegen Poincarö, den er jetzt aus der Klemme ziehen soll.So klammert sich der Schisser endlich noch am Felsen fest, an dem er scheitern sollte."

Wenn man das Kabinett Ribot als das der großen Namen bezeichnen will, so muß man dabei außer auf den Ministerpräsidenten auch aus Bourgeois und Delcasss Bezug nehmen. Der am 29. Mai 1851 geborene Leon Bourgeois hat seit dem Jahre 1890 zuerst in verschiede­nen Ressortministerien eine Rolle gespielt und war auch schon einmal, wie jetzt wieder, Minister des Aeußeren, nämlich im Kabinett Sarrien vom 14. März bis zum 7. April 1906, also nur drei Wochen; aber schwere Wochen, denn sie sielen in die letzte Zeit der Algeciras-Konferenz. Seine Hauptrolle hot er als Vertreter Frankreichs auf der zweiten Haager Konferenz gespielt, und er gilt auch heute noch, wie er es damals war, als ein Vertreter friedlicher Anschauungen, so­weit man das von einem Popularitätshascher und das ist Bourgeois überhaupt erwarten kann. Im übrigen ist er im Gegensatz zu seinem Ministerpräsidenten Antiklerikaler, freilich der milderen Färbung, und er wurde bisher zu den Radikalen gerechnet, die ihn jedoch schon in letzter Zeit zu den unsicheren Kantonisten zählten. Die Friedensfreunde werden es vielleicht als Ersolg bezeichnen, daß man das Portefeuille des Auswärtigen Herrn Bourgeois und nicht Herrn Theophile Delcasss anvcrlraute, den Herr Ribot zum Kriegsminister gemacht hat, und der hof­fentlich nichtwie einst im Mai" seinen Ehrgeiz darin sucht, ein Minister des Krieges zu sein. Es ist allgemein bekannt, wie der am 1. März 1852 geborene Delcasss, während er 1898 bis 1905 das Ministerium des Auswärtigen leitete, ' mit König Eduard gegen Deutschland konspirierte, und seine Deutschseindlichkeit har er beibehalten, als er 1911 Marine- minister und dann Botschafter in Petersburg wurde. Auch als Kriegsministcr dürste er in Worten wie in Taten dafür sorgen, daß Frankreicherzbereit" ist.

Wenn er Zeit dazu haben sollte! Aber das ist noch mehr als fraglich, denn man wird dem Kabinett Ribot, welches von der Rechten mit Jubel begrüßt und von der gesamten Linken schon jetzt heftig besehdet wird, schwerlich eine lange Lebensdauer zusprechen können. Zwar verspricht Ribot, der

bisherige Gegner der Einkommensteuer, deren Durchführung, aber wenn die Radikalen, Radikal-Sozialisten und Sozia­listen ihre Ankündigung wahrmachen, dann muß das Ver- legenhcitskabinctt Ribot über das Problem der Militär­dienst z e i t fallen, und erst wenn die ncugewähltc Kammer den erneuten unvermeidlichen Kampf um diese brennende Frage ausgefochten hat, wird die Grundlage für eine end­gültige Kabinettsbildung gegeben sein. So ist die Krisis in Frankreich nicht gelöst, sondern nur vertagt, und die scharfen Gegensätze zwischen rechts und links in Sachen des Dreijahrs­gesetzes eröffnen nach wie vor die Aussicht auf ihre Erweite­rung zu einer Präsidentschaftskrisis.

Paris, 11. Juni. Der neucrnanntc UMerstaatssekretär des Krieges Margaine hat seinen 2lustritt aus der Gruppe der geeinigten Radikalen angcmeldct. Die Anhänger des Ministeriums Ribot sprechen die Hoffnung aus, daß.das Beispiel Margaine bei manchen Mitglieder» der Gruppe der geeinigten Radilolen Nachahmung sindcn werde. Die 57 Mitglieder zäh­lende Gruppe der Linksrcpublikancr faßte einen Bkschluß- antrag, in welchem sic sich u. a. für die Ausiechterhaltnng des! DrrijahrgesetzeS und für die Schaffung einer rein republikanischen Mehrheit aussmicht, welche cs der Regierung ermöglichm soll, ihre 21ufgabcn ohne den Beistand verdächtiger Stimmen dnrchzu- führen. Den Mitgliedern der Gruppe wurde für die morgige Debatte zwar vollständige Freiheit gelassen, doch glaubt man, daß dieselbe einmütig für das Ministerium stiimnen wird.

Die geeinigten Sozialisten beschlossen, bei der Ab­stimmung über die Tagesordnung, die im Anschluß an die An- frage über die allgemeine Politik der Regierung der Kammer vorgelcgt werden wird, gegen die Regierung zu stimmen. Die geeinigten Sozialisten wollen jedoch bei der 2lussprache keine systematische Obstruktion treiben.

Grohherzog Adolph Friedrich f.

Berlin, 11. Juni. Der Grotzherzog von Mecklenburg- Strrlitz ist heute nbend 8 Uhr 17 Minuten gestorben.

Großhcrzog Adolf Friedrich von Mccklcnburg-Strclitz hat ein Alter von nahezu 66 Jahren erreicht. Er war am 22 . Juli 1848 zu Streich geboren und unter der Leitung seines in den letzter! Lebens; ahren erblindeten Vaters und seiner Mutter, der Groß- hcrzogin Witwe Auguste Karoline, geborenen Prinzessin von Groß­britannien und Hannover, ausgewachsen. Sein Vater, Großhcrzog Friedrich Wilhelm, starb, ohne je politisch hcrvorgetrctcn zu sein, im 85. Lebensjahre am 30. Mai 1904, sein jetzt verewigter Sohn hat also genau 10 Jahre auf dem Thron von Mecklenburg- Strclitz gesessen.

Der Erhgroßherzog wurde fern von allen politischen Bcrin- slussmigen erzogen. Er machte die übliche militärische Laufbahn durch und brachte es in der preußischen Armee zum General der Kavallerie. Am 17. April 1877 vermählte er sich mit Elisa­beth, der Tochter des verswrbenen Herzogs Friedrich von Anhalt und seiner Gemahlin, Prinzessin Antoinette von Sachsen Alten- bürg. 2lus seiner Ehe gingen vier Kinder hervor: Herzogin Marie, geboren am 8. Mai 1878 in Neustrelitz, vermählt in Paris seit dem 22 . Juni 1899 mit dem päpstlichen Comte Georges de Jamc- tcl; Herzogin Jutta, geboren am 24. Januar 1880, vermählt unter dem Namen Militza am 15. Juli 1899 mit dem Kronprinzen Tanilo von Montenegro, der jetzige Großhcrzog und ein zweiter Sohn, Herzog Borwin, der in jungen Jahren durch eigene Hand starb.

Tie Regierung 2ldolf Friedrichs ist, abgesehen von dem Ber- fassungskamps in dem Lande, dessen staatsrechtliche Verhältnisse genau wie in dem verwandten Mecklenburg-Schwerin überaus verwickelt sind, politisch bedeutungslos verlaufen und hat fast die gleiche Entwicklung genommen, wie in dem benachbarten, häufiger genannten Schwerin. Ter Großhcrzog, der in völliger Ucbereinstimmung mit dem Großherzvg Friedrich Franz seinem Lande eine Verfassung zu geben bemüht war, sah seine 'Absichten an dem Widerstande der bevorrechtigten Ritterschaft beider Länder scheitern. Er war am 14. April 1909 bereit, zu den dcreitrl

bewilligten zwei Millionen sür Rückstände der Verwaltung noch weitere zehn Millionen Mark der künftigen Staatskasse zu über­weisen, wovon mindestens süns Millionen sür allgemeine Zwecke übrig geblieben wären. Allein die Vesiassungsvorlage der Regie- rimg wurde abgelchnt und später von der Regierung zurückgezogen.

Der neue Großhcrzog.

Ter nunmehr aus den Thron seiner Väter gelangte Grvß- herzog Adolf Friedrich Georg Ernst 'Albert Eduard wurde mit 17. Juni 1882 in Neustrelitz als drittes,Kind seiner Eltern ge­boren und wurde 1899 als Oberleutnant ä In suite des schon ge­nannten Grcnadierrcgimcnts Nr. 89 gestellt; er ist Ritter des hwarzen 'Adlerordens. _

Das Zosammenlreffen des Kaisers mit dem Thronfolger von Oesterreich-Ungarn.

DasWiener Fremdenblatt" schreibt:

Der Besuch Kaiser Wilhelms aus Konopiicht gibt neuerlich die vertrauten und herzlichen Beziehungen kund, welche zwischen ihm und dem Erzherzog Thronfolger bestehen In ihnen findet das Verhältnis aufrichtiger und treuer Freundschaft, das die beiden Monarchen und die beiden Hcrischerfanulivn eint, seiire Bekrästigung und das Bündnhs, in wctchent die beiden Reiche un­erschütterlich zueinander stehen, seine harmonische Ergänzung und VertiesilNg. Wenn Kaiser Wilhelm beim Erzherzog Franz Fer­dinand zum Besuche erscheint, wcmi der erlauchte Hausherr von Konopischt und sein kaiserlicher Gast in freundschaftlichem ®fi- sainmcnfcin ihre herzliche Jntimüät ausdrücken, so wirb damit der Welt neuerlich der Charakter der Allianz der beiden Kaiser­reiche vor Augen geführt: als eip Bund, an dem ebensosphat dis Vernunft wie das Gefühl Anteil haben. Es ist ein wirklicher Frenndschastsbcsuch, den der deutsche Kaiser seinem Freunde^ dem Erzherzog Franz Ferdinand, auf dem vom Blütenzaubcr des Früh- lings erfüllten Konopischt abstattet. Aber dieser Freundschaslsakt und die gemeinsame Freude an den Wundern der Natur und an den Erfolgen fchafsendcr Tätigkeit ist ohne weiteres zugleich eine Bekundung der Beziehungen, in denen sich Persönlichkeit und Po­litik zu einem festen Bunde vereinigen. Und wenn Erzherzog Franz Ferdinand seinem hohen Gast die Frcnndschaftshand zum Will­kommen reicht, begrüßen auch die Völker Oesternnch-Ungarns den bewährten Freund und Bundesgenossen freudigen Herzens.

Der Kaiser hat mit Gesotge am Donnerstag abend U Uhr 5 M nuten im Sonderznge von der Fürstenstation Wildpark aus die Reise nach Konopischt znm Besuch« des österreichischen Thronfolgers angetreten. _

Abflauen des albanischen Ausstandes.

Durazzo, 11.Juni. Im Lager der Aufständi­schen in Schiak befinden sich gegenwärtig nur Banden mit den Führern, die in Erwartung künftiger Ereignisse gegen Entlohnung unter den Waffen geblieben sind. Die übrige Bevölkerung ist zum größten Teil in ihre Dörfer zur Feld­arbeit z» rückgekehrt. In Tirana besinden sich nur etwa 300 Mann unter den Waffen, mit denen die übrige Bevölkerung, die glcichsalls die Feldarbeit wieder ausgenom­men hat, nicht gemeinsame Sache macht. Die unter den A u s - st ä n d i s ch e n ausgcbrochene Uneinigkeit tritt auch hier zutage, die Hoffnung auf eine Verständigung zwischen den Aufständischen und der Regierung ist somit immer noch vor­handen. Dem im Kampfe gegen die Rebellen durch eilten Schenkclschuß verwundeten albanischen Oberleutnant Meld B e y ist vom F ü r st e n der Orden vom weißen Sterne Skan- derbergs verliehen worden.

Au» Hessen«

Aus dem Gesetzgcbungsausschuß.

rb. D a r m st a d t, 11. Juni. Ter Gcsetzgebungsaus- schuß der Zweiten Kammer hielt gestern nachmittag eine dreistündige Beratung über die vom Abg. Korell-Jngelhcim ge-

Neue Ausgrabungen in Aegypten.

lieber die Ergebnisse der neuesten englischen Ausgrabungen im Niltal erstattete Prof. Sayce in einer Versammlung der Mit­glieder des Egyvt Exploration Fund einen interessanten Bericht. Durch seine Grabungen in Kerma, das ein wenig südlich vom dritten Nilkatarakt liegt, konnte Tr. Reisncr, alle bisherigen Anschauungen über die frühe Geschichte, des sudan umitoßcn. Es erwies sich, daß schon zur Zeit der 5. und b. Dynaittc der nördliche Sudan von ägyvtischen Truppen besetzt: war und daß ein lebhafter Handel bestand vom Blauen Nil vis zum Roten Meer.

In Meroe, unter dem sechsten Nilkatarakt, stteß Prot. Garstanq aus ein Observatorium, das sich auf dem Grunde einer unterirdischen Badeeinrichtung befand. An den Wanden waren noch die Berechnungen der Asttonomen zu sehen. Hier 0 t ein afri­kanisches PoNIveji ans Licht gezogen: die Rurnen um-

sassen einen bcttächtlichen größeren Raum als die von Memphis und schließen eine ganze königliche Rcsldenzttadt ein, von mach- tiqcn , T 15 Fuß dicken Mauern umgeben. Dieter Milttt- punkt der eigentlichen Stadtanlage umfaßt zwei Paläste, ostcntliche Däder und Gnmnasicn Auch die einzelnen Straßen,uge, die von Bäumen umrahmt waren, sind noch srchibar, am ttlutzufer dehnten sich Kais und Landungsstellen ans. Die L-tadt war das große Industriezentrum des alten Attika. Prof. Sayce vergleicht cs mit Birmingham oder Liverpool. Besonders die Eisenindu­strie war m>t zahlreichen Fabriken vertreten: große Schmelzofen wurden ausgegrabcn. und .genug Metall wurde hier bearbeitet, um das ganze nördliche Slsrika damit zu versorgen. Unter den vielen interessanten Fundstücken, die hier gemacht wurden, fallen in erster Linie Tassen und Schalen aus Brsguitware aut, eine 2lrt unalasrcrten Porzellans, aber dicht durchsichtig a.as chi­nesische Bisqnitfabrikat ist nicht älter als 200 D. Chr wahrend haä Geschirr von Meroe schon aus dem 3. vorchristlichen Jahr­hundert stammt. Ta bekannt ist. daß die Chinesen Handelsreisen bis nach 2lbessinien unternahmen und daß Tonwarcn sich unter den Handelsartikeln befanden. ,'o kann man wohl schließen, daß sie die Ware von Meroe nachgeahmt haben und sie aut ihren Handels- weqen znm Roten Meer lind dann nach China brachten. Uebcrhaupt führen die neuesten Aüsgrabungen, die auch durch die gleickz- zeitiqcn deutschen Funde unterstützt werden, zu dem Resultat, daß das alte Aegypten in seiner Kultur durchaus nicht so isoliert stand wie man wohl siüher angenommen. Durch Handel, diplo­matische Beziehungen und kriegerische Verwicklungen stand der Staat zu den Ländern ringsumher in einem nahen Verhältnis. Die Zivilisation war also bereits damals zu Formen des Ver­kehrs fortgeschritten, die den heutigen verwandt sind, und wir stehen in dieser Beziehung den Menschen des allen Aegypten viel

näher, als etwa den so viel mehr voneinander abgeschlossenen Län­dern des europäischen Mittelalters.

WedckindsStcin der Weiscn". Anis Berlin wird uns geschrieben: Ter Wedckind-Zyklus in den Kammer­spie l c n hat nun mit einer Aufführung desStein der Wer- s e n" seinen Abschluß gesunden. Als Nekromant erscheint Wede- kind in diesem Vorsviel, das nun zum ersten Male über eine deutsche Bühne ging: als ein alternder faustischer Zauberer, dessen srcndlosc und abstraktionsgcsegnete Einsamkeit noch einmal die Gestatten stören, die dem Meister Feind und Freund, Verführung oder Verachtung waren. Sern sunger Schüler, der Famulus, haßt ihn und läuft davon: sein Jugendfreund, ein feister, weinseliger Prälat, droht ihm mit dem Ketzergericht: das durch Phantasie und Zauberei herbeigeruiene Weib Lamia, eine versesprechende Lulu, begehrt für ihre Gunstbezeigung sein Unglück, seine Blind­heit: ein fahrender Ritter, ein genußsüchtiges Junkerlern, begehrt feine Geheimnisse und Schätze, nur um schalen Sinnesgemiß dafür zu erfüllten; und selbst sein letzter Tröster, sein Humor er erscheint in Narrentracht kehrt sich wider den Meister und trägt und doch tätet. Mit dem geraubten Stein der Weisen an erschießt ihn mit dessen Zaubcrarmbrust, deren Sehne keine Pfeile der Kavve zieht der Humor lachend hinaus und zurirck bleibt nur der leblose Leib des zaubernden Wcltbeherrschers. Man spürt, es sind Gleichnisse, denen die Vaterschaft an diesen Ge­stalten zufällt. Selbst die Symbolik, unter der sie ihre Blutlosigkeit verbergen wollen, ist brüchig, formt sich zu keinem Ganzen. Nur wo der Humor Wedekind lächelt, in der Gestaltung deS derb mit Satire durchsetzten Prälaten, sindet seine Phantasie Fleisch und Blut: sonst ragen ringsum die kalten Mauern unsinnlichcr Slllcgotte. Dazu kommt, daß der Vers wieviel scharte Sentenzen hier und dort auch aus ihm hervorwachien nicht Wedekinds stärkste 'Lusdrucksform ist, Musik und Sinnlichkeit sind nicht seine Stärke. So blieb man kühl, aber voller ?lchtung sür diesen Menschen, der sich und sein Schaffen so ernst nimmt und gerade dort, wo er scheitert, am ehrlichsten ringt. Es gab Beifall, der weniger diesem Werke als dem Dichter galt. Den Abend beschloß eine Ansfühtting desKammersängers", in der Wedekind die Titelrolle spielte und durch seinen schweren Ernst, im Gegensatz zu anderen Darstellern dieser Rolle, beinahe an die Grenze des Tragischen hinaufführte.

Pros. Dr. Phil. Frenzel (Berlin) ist am 10. Juni im 87. Lebensjahre gestorben. Dr. Fren^l war der Nestor der deutschen Journalisten. Schon früh betätigte er sich auf schrist- stcllcrischem Geriete. Zuerst Miiarbeitcr an Gutzkows Unterhaltung am häuslichen Herd, war er dort von 18631864 Redakteur, dann leitete er von 18661867 m-it R. Prutz hie Zeitichrfft Deut­sches Museum. Seit Juni 1862 hat er als Feuilletonrcdaktcur

imd Thcaterkritikcr derNational zeitung" jahrzehntelang im Tagesdienste der Presse gestanden. Vor einigen Jahren, als die Nationalzeitung" eine 2lendcrung ihrer Richtung vornahm, die Frenzel charaktervoll nicht mitmachcn wollte, zog er sich vom Redaktionstischc zurück. Frenzel gehörte zu den Gründern des Vereins Berliner Presse.

Preisausschreiben über bic Fortbildung des Oberlehrers. Tie wissenschaitliche und praktische Weiter­bildung der akademisch gebildeten Lehrer an höheren Schulen will ein soeben erlassenes Preisausschreiben fördern. Eine höchstens 4 Bogen starke 'Abhandlung soll das Wesen und die Wege der Weiterbildung für unsere Oberlehrer darlegen sowie Einleitungen und 'Azzregnngen geben, wie sich die bisher gebotenen Möglichkeiten für die Weiterbildung nutzbar machen, umgestaltcn und (Msbauen fassen. Als Preise sind 500, 300 und 100 Mk. ansgesetzt. Die Arbeiten sind bis zum 15. Oktober 1915 an die Verlagsbuchhand­lung Quelle u. Meyer in Leiyzig einzusenden. Tie Beurteilung haben übernommen die Herren Geh. Oberrcgierungsrat Tr. Nor re nberg - Berlin, Geh. Regicrnngsrat Dr. K l a t t - Berlin, Gymnajialdirektor E. E r y t h r o p c l - Tüsseldvrs, Prosessor Tr. P. Trautwcrn»Berlin.

Eine Forschungsreise in die Cordilleren. Eine interessante Forschungsreise zur wirtschaitlichcn Erschließung der Cordilleren hat Dr. C. E. Hassens, der durch seine Reisen und Arbeiten über Siam bekannt geworden ist, im Aufträge des Landwirtschaftsministeriums der Republik Argentinien soeben voll­endet. Seine Exvedition, die vom Januar bis zum Mai 1914 dauerte, hatte das Studium der Cordilleren in den Tettitorien Rio Negro und Neugnen zur Aufgabe und wurde z. T. zusammen mit der Kommission des nordamerikanischcn Geologen Bailey Willis ansgeführt. Es gelang, reichliche Sammlungen anzu- legcn, die nun in Buenos Aires verarbeitet werden und die Unter­lage gewähren sollen, um eine weitgehende wirtschaftliche ?lus- nütznng der an Nattirschönheitcn wie an Naturschätzen so reichen Zone der Cordillerenseen dnrchzuführcn.

Kurze Nachrichten aus! Kunst und Wissen­schaft. An Stelle des an das Wiener Bnrgthealer berufenen Dramaturgen des Dresdener Schausvielhau sc s, Dr. Arthur Holz, wurde der Feuilleton-Redakteur des Mannheimer General-Anzeigers". Tr. Eckert nach Dresden He­rnien. Zum Präsidenten der Großen Berliner Kunst­ausstellung 1915 wurde Pros. Karl Lanahammer, der diesjährige Vosiitzende, wiedcrgewählt. Zweiter Vorsitzender wurde Fritz Burger. Felix Holländer wird zum I. August in den Verband der Reinhardt-Bühnen »nrnckkehren, um dort als Re­gisseur und Dramaturg zu wirken. Gestern schon begab sich Hol­länder. wie dieBoss. Ztg." erfährt, in Gemeinschaft mit Reinhardt nach Agnetendorf, um mft Gerhart Hauptmann über die Inszenie­rung einiger seiner Dramen zu beraten.