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Nr. m

Zweiter Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

TieKjcßencr LamilienbiLUer" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kitis Sichen" zweimal wöchentlich. Diekandwirlschastlichen Seil- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

m. Jahrgang

Gktzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhejsen

Donnerstag, \\. Zum J9W

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts - Buch- und Stciudruckerei.

N. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: e^51. Rcdaktion:^d^ii2. Tcl.-Adr.:AnzeigcrGießen.

Zcntrumsverlegenheil.

Die Zentrumspresse ist ob der Indizierung ihres ba. vrschcn Parteiführers Wacker in grösster Verlegenheit. Sic stellt es so dar, als ob cs sich da.be: um die harmloseste Ge- sch-ichte der Welt handle;die Autoren verbotener Bücher" so schreibt dieGermania",würden, auch wenn sie dein Wunsche der Kirche, sich zu unterwerfen, nicht Nachkommen, nicht weiter belästigt". Demnach wäre eigentlich der ganze Hall schon erledigt, denn wenn .Herr Wacker nickst weiterbelästigt" wird, wozu braucht man dann von der Sache soviel Aushebens zu mack>en. Diese Argumentation hat doch mancherlei Löcher. Einmal ist der Index für einen Katholiken doch keine so geringfügige Sache, wie das das Berliner Zcntrumsblatt darstcllen will. Das geht schon aus dem Namen der Behörde hervor, die die Maßnahme ver­fügt hat. Sie heißt:Kongregation der für Aufstellung des Verzeichnisses der Bücher mit verderblicher Lehre und für deren Acchtung verordncten Kardinale." Herr Wacker hat also, das ist der Sinn der Indizierung, mit sei­ner Schrift eine verderbliche Lehre verbreitet, die durch den Beschluß der Kongregation geächtet ist,so daß hinfort nie­mand dieses Schriftchen in irgend einer Sprache wieder herauszugeben oder das Herausgcgcbene zu lesen oder zu­rückzubehalten wagen darf", bei Bcrnicidnng der von Fall zu Fall sestzuscßendcn Strafe. Wenn das für .Herrn Wacker keineBelästigung" ist, dann wirft das auf sein Verhält­nis zu Rom zum mindesten ein eigenartiges Licht.

Zum zweiten wird mit Herrn Wacker zweifellos das Zentrum mitgetrofsen. Das sucht zwar die Presse dieser Partei mit aller Dialektik zu bestreiten, sie findet aber da­mit von derKreuzzeitung" und wohl auch von der Deutschen Tageszeitung" abgesehen nirgends Glauben. Mit Recht wird, gegenüber dem Einwand, daß die Wacker- sche Schrift nur ein Teil der Broschüregegen die Quer­treiber'' sei, auch von derDeutsch-lÄangel. Korr." darauf hingewiesen, daß der Wackersche Aufsatz gerade das Kern­stück der ganzen Essener Kundgebung der deutschen Zentrumspartci gegen die Quertreiber ist.Wackers Auf­satz", so schreibt die genannte Korrespondenz, füllt die Seiten 12 42 des Heftes, tn hem vorher nur einleitende Ausfüh­rungen und nachher neben einigen Zustimmungserklärungen und telegraphischen Kundgebungen nur noch die nur sechs Seiten lange Rede des zweiten Essener Redners, Oberlandes­gerichtsrats Marx, und das Schlußwort des Vorsitzenden, Iustizrats Dr. Bell, stehen! Und hat mau nicht den Aus­führungen, die derFeldmarschall von Baden" tunntträ' ge­boten hat, begeistert zugestimmt alstrefflichen Ausfüh­rungen", die, wie noch einmal das Schlußwort des Vor­sitzenden bestätigte,ihre markante Bedeutung dadurch er­halten, daß sie weit über die Wände dieses Saales hinaus! im ganzen deutschen Vaterland« lebhaften Widerhall finden werden?

Es gehört eine sonderbare Dialektik dazu, wenn man es seitens des Zentrums ablehnt, diese Indizierung Wackers keinesfalls als eine Aktion gegen die sür die deutschen Katho­liken notwendige Abwehr der Quertreiber aufzusassen und darin eine neue Niederlage derKölner" zu sehen, die sie doch unleugbar ist. Diese Niederlage kann man auch nicht dadurch abschwächen, daß man mit derAugs­burger Postzeitung" und anderen Organen davir warnt, der Indizierung eine zu große Bedeutung beizumcssen, da diese doch keineswegs den Schriftsteller an den Pranger stellen oder bestrafen soll, sondern nurzum Schutze der Gläubigen" da sei. Man versucht hier, in bemerkenswerter Parallele zu der bekannten Münsterer Antiindexbewegung, die vor einiger Zeit von sich reden machte und den Index als überlebt ganz abgeschafst wissen ivollte, die Bedeutung einer kurialen Aeußcrung hcrabzuschrauben! Aber sollte dies nicht römi- scherseits wieder alsverkehrte Lehre" und Auslehnuni gegen die geforderte Abhängigkeit gedeutet werden müssen, d. h. also als das Verbrechen, das offenbar zu der Verurtei­lung der Wackcrschen Rede bzw. der Zentrumskundgebnng den Anlaß gegeben hat? Man kann die Kluft, die zwischen demnicht kirchlichen" Zentrum und dem integralen Rom besteht, nicht dadurch überbrücken, daß man Roms Urteil geringer cinschätzt, als es lautet, oder daß man von der ver­urteilten Schrift, mit der man doch innerlich übereinstimmt, äußerlich abrückt, sondern nur dadurch, daß man sich auch alspolitische" Organisation der römischen kirchlichen Autorität unterstellt. Das hat Rom als seinen Willen kund­getan!

hessische Zweite Uammer.

rb. D a r m st a b t, 10. Juni.

Am Rcqierungstische: Minister des Innern v. Sombergk, Staatsrat S ü s f e r t, Ministerialrat Dr. Kratz, später Staats- minifter Dr. v. Ewald.

Präsident Köhler eröffnet die Sitzung um 9.20 Uhr.

Das Haus setzt die Beratung über den Antrag Ulrich und Genossen, bctr. . , , ..... ,

die nationale Einheitsschule

Abg Ulrich (Soz.) legt die Notwendigkeit einer nationalen Einheitsschule näher dar. Es müsse darnach gestrebt werden, eine gemeinsame Grundlage der «Bildung für alle jungen Leute zu schassen- die Schule solle jedem offen stehen und die Möglich­keit zur Erreichung auch der höchsten Stellen schaffen, der dazu Talent und Befähigung besitzt. Die liberale Strömung in den 70cr Jahren habe dazu beigetragen, daß wir einem wirklich liberalen Schulprogramm nahcgekommen sind. Abg. Urstadt habe zugcstanden, daß alle Mttel- und Znnschcnstusen Fehler waren, aber dabei eine merkwürdige Konscguenz entwickelt. Die nationale Einheitsschule werde auch den Klassendünkel Herabdrücken und durch den Umgang der Söhne der Besitzenden mit denen des Arbeiters crnen gewissen Ausgleich der Gegensätze und eine größere Gleichberechtigung her- beisühren In den Beschlüssen des Kieler Lehrcrtages sei zum ersten­mal twr klare Gedanke einer nationalen Einheitsschule zum Aus- druck gekommen und cs sei erfreulich, daß wenigstens die berufenen Vertreter der Schule die Schwächen der gegenwärtigen Schulgesetz- aebunq anerkannt haben. Wir wollen nicht mit einem Sprung gleich alle Mißständc beseitigen, dazu sind wir Nicht Utopisten genug. Zunächst müßten die Vorschulen beseitigt und die Mittelschulen und höhere» Bürgerschulen eingeschränkt oder ausgehoben werden. Der Redner ging Hann auf zahlreiche Einzelheiten über das Verhältnis zwischen Lehrer, Schüler und Eltern näher ein und erzählte unter

der Heiterkeit des Hauses viel von seinen eigenen Erlebnissen als Volksschüler und Bäckerlehrling. Zum Schluß gab er noch eine detaillierte Begründung der einzelnen Forderungen seines Antrags, der immer wiederkchrcn würde, bis das Ziel erreicht sei.

. Staatsrat Süsser t weist in einer längeren Darlegung dar­aus hin, daß er schon vor drei Jahren sich ziemlich eingehend zur «achc geäußert und besonders die soziale Seite der Frage bc- lvrochen habe. Er könne auch heute kaum etwas Neues Vorbringen. Es ist insofern eine kleine Aendcrung eingetreten, als der Aus­schuß jetzt mit 4 gegen 3 Stimmen sich sür Punkt 2 des Eintrags, die Aushebung der Vorschulen, aussvricht, resp. vorschlägt, neue Vorlchulcn nicht zu errichten und Staatsmittel dafür nicht zu bewilligen. Ist allen anderen Punkten beantragt der Ausschuß auch diesmal wieder Ablehnung des 'Anteags. Tie Regierung prüft bei icdem neuen Voranschlag, ob sür die Ansteck>!crhaltung der Vorschule ein Bedürsnis vorliegt. Ihre Aulbebung würde auch lür die «tädte einen erheblichen Ausfall an Schulgeld bringen und >>c zu einem bedeutend größeren Autwand sür die höherem Schulen zwingen und eine Anzahl kleinere Realschulen direkt in ihrer Existenz gefährden. Abg. Ulrich wünscht die Aushebung der Vor­schulen, weil sie Nicht dem Gedanken der Einheitsschule entsprechen. Dieser Gedanke stammt aber nicht von der Sozialdemokratie, sau der» ist schon ein alter Traum von Pädagogen vor 100 Jahren. Wie Gpmnasialdirektor Müller in einem Buche mitteilt, ist der Pädagoge Wilhelm Bollmann zu Fricdberg schon im Jahre 1819 für die Einheitsschule eingetretcn und hat dasür eine längere Be­gründung gegeben, die der Redner verliest. Auch der Beschluß der Kieler Lchrecvcrsammlnng ist nicht neu, der Gedanke der Einheits­schule ist schon auf der Künigsbergcr Versammlung 1904 venti­liert worden. Das neueste zur Begründung des Antrags ist nun die Auswahl der Schüler »ach der Bcsähigung. Das ist ein idealer Gedanke. Wir leben aber noch) nicht in einem sozialdemokratischen Staat, sondern in einer Acra der Privatwirtschaft und haben mit den sozialen Verhältnissen zu rechnen. Und wer soll die Auswahl treffen? Wer soll die Kosten der Vorbereitung sür die wissen­schaftlichen und höheren Äcrusc tragen? Derartige Dorschristen lassen sich nicht gesetzlich sasscn, und dem Lehrer die Gewalt zu übertragen, über die Zukunft der Kinder im Eliernhausc zu be­stimmen, ist doch wirklich nicht wohl angängig. 2cm Verlangen des Antrags, den srcmdsprachlichen Unterricht bis zum 12. Lebens­jahre hinauszuschiebcn, I)at die Regierung stets ein bestimmtes Nein entgegengesetzt und sic wird das auch in Zukunst tun aus pädagogischen Gründen. Geschähe das, dann müßten wir die Ziele der höheren Schulen stark hcrabsctzen, und das können wir lchon mit Rücksicht aus die anderen Staaten nicht tun. Wir würden damit die ganze Sfultur unseres Landes auss Acußerste ge­fährden und dem deutschen Volke einen Stich ins Herz versetzen. lLcbhastc Zustimmung.) Weiter wird getagt, man muß die Ziele der Volksschule höher schrauben. Jeder, der mit der Volksschule zu tun hat, der weiß, daß alles geschieht, um den jungen Menschen mit einem tüchtigen Fonds von Kenntnissen auszustatten, ein Mehr loird kaum möglich sein. Die Reform­schulen bestehen bereits, aber auch diese sangen ihren Unterricht in der fremden Sprache bereits in der untersten Klasse an. Für die Einrichtung eines Rcsorm-Gymnasiums liaben wir einen Ver­such gemacht, aber keine Gegenliebe damit gesunden. Es ist nicht wahr, wenn behauptet «vird, unsere Volksschulerzichung sei keine nationale. Sie ist eine solche und wird es auch bleiben. Die Ausgaben der Schulen sind doch ganz verschieden. Die Volksschule soll praktische Menschen erziehen und für einen praktischen Beruf vorbereiten, die höheren Schulen sollen sür die wissenschastliche Arbeit vorbereiten. Ter Redner geht nun auf die einzelnen Aussührungen des Abg. Ulrich näher ein und betont: Wir brauchen intelligente und praktische Köpfe in allen Ständen und Berufen, auch in der Landwirtschaft, dem Handwerk und dem Arbeitcrstande, und zur Heranbildung derselben sind ausschlaggebend die sozialen Verhältnisse. Tic Eriahrungen, die man anderwärts mit der Ein­heitsschule gemacht hat, können auch nicht ermutigen. Die Schule ist doch vor allem eine Untcrrichtsanstalt. über der als wichtigster Fak­tor der Erziehung das Haus steht. Der Mestsch ist wesentlich ein Produkt seiner Umgebung und die Schranke», die in sozialpolitischer und religiöser Beziehung vorhanden sind, werden nicht beseitigt durch die Einheitsschule. Wenn die Herren, die jetzt tür die Ein­heitsschule eintreten/immer so ruhig uild versöhnlich reden wie heute, dann werden sich viel eher die Unterschiede abschleisen. Wenn man uns immer das Ausland vorhält, so sei bemerkt, daß gerade aus der Schrift eines Schweizer Pädagogen zu erleb?» ist, wie man auch dort recht schlechte Erfahrungen mit der Einheits­schule gemacht hat. In München, wo die Vorschule fehlt, ist der Erfolg der, daß die oberen Klassen der Volksschulen entvölkert und die unteren Klassen der höheren Schulen mit ungeeigneten Ele­menten überfüllt sind. Unsere höheren Schulen wirken gewisser­maßen auch sozial und sie werden zum großen Teil auch von Kin­dern aus dem Volk besucht. Wir haben seit 1910 in Hessen 1371 neue Schulstellen geschaffen und die Schülerzah! in den einzelnen Klassen ist ganz außerordentlich herabgemindert worden. Das spricht doch deutlich dafür, daß wir in unscrm Schulwesen erfolgreich vorwärtsschreiten. Ter Magistrat in Frankfurt hat sich eben­falls mit der Frage der Einheitsschule zu beschäftigen gehabt und er hat sich dahin ausgesprochen, daß er aus ernsten pädagogischen und sozialpolitischen Gründen diese Schulform entschieden ablelmcn müsse. Die Abschafftmg der Vorschule würde nicht ein soziales Reckst sein wie der Vorredner behauptet, sondern ein soziales Unrecht schaffen. Wenn ans den Vorschulen wirklich 2000 Kinder unter die 200000 Volksschüler zerstreut werden, so soll man sich doch nicht einbilden. daß dadurch ein sozialer Ausgleich herbeigeführt werden kann. Tie Absonderung der Jugend geht nicht von uns ans, sondern wird gerade von den Sozialdemokraten betrieben. Denn sie sind es, welche die Kinder der Arbeiter von der Orga­nisation des Jungdeutschlandbundcs scrnhalten. Wir waren be­reit, sie aufzunehmen, aber man hat es einfach abgelohnü, sie uns zu schicken. (Ruf: Da wären wir auch schön dumm!; Der Redner ersucht znm Schluffe seiner mit gespannter Aufmerksamkeit ver­folgten Rede nochmals, entgegen dem Antrag des Ausschusses auch Punkt 2 über die Aushebung der Vorschulen abzulehnen und dem Ausschußantrag entsprechend auch die übrigen Punkte des Antrags abzulehnen.

Nach einer längeren Pause führt Abg. u e b e l (Ztr.) aus, durch die vortrefflichen Darlegungen des Herrn Staatsrats erübrige sich sür idn ein beträchtlicher Teil seiner Ausführungen. Auch er müsse die Aussührunren des Abg. Ulrich entschieden ablehnen, die keinerlei neue Gesichtspunkte gebracht hätten. Der Abg. Ulrich habe nur oberslächliche Betrachtungen angestellt und sich vielerlei Inkon­sequenzen zu schulden kommen lassen. Mit keinem Wort wird jetzt in Deutschland mehr Mißbrauch getrieben, als mit dem Wortenatio­nale Einheitsschule". Nur wer die Schule zum Tummelplatz der Parteipolitik macken will, kann den sozialdeinokratischen Forde­rungen beitreten. Tie Sozialdemokraten wollen damit nur das staat­liche Schnlmonovol in der krassesten Form, eine staatliche Lmni- potenz des ganzen Erziehungswcsens, sowie die konfessionslose Schule und drängen dabei weiter aus Trennung von Kirche und Schule, wovon aber vorsichtiaer Wchse in dem Antrag nichts an- gcdeutet wird. (Heiterkeit und Lärm.) Es ist das Streben der Sozial­demokraten, das ganze nationale Leben in die Form der Einheits­schule hineinzuzwängcn. Das würde aber den Untergang alles Fort­schritts und Jeder ticseren Bildung bedeuten. Die sozialdemokra­tischen Anträge sind nicht sozial, sondern sozialistisch und geeignet, jeden Foetschritt aus dem Gebiete des Erziehungswcsens zu unler-

binden. Z» verwundern bleibt nur, daß sich zum Teil auch di< liberalen Parteien von dem Antrag blenden ließen, der doch den wirklichen liberale» Ansichlen gar nicht entspreche. Liberal ist die Einheitsschule jedenfalls nicht, sic liegt aber auch nicht im Interesse der sozialdeinokratischen Partei, selbst nicht sür ihren Zulnnsts- staat. (Heiterkeit.) Wenn man die Religion aus der Schule a»s- scheidcn will, so ist das im höchsten Maße unpädagogisch und be­weist nur, welche Stellung die Sozialdemokratie der Religion gegen­über einnimmt. Abg. Urstadt ha! sich zwar cbensalls mit Wärme für diese Einhcitsscknile ausgesprochen und sich dabei auf die Be­schlüsse des Kieler Lehrcrtages berufen. Aber er hat sie dock> ihrer bestrickenden Reize cntfloibct. Sein Ideal scheint eine direkte Spitze gegen die katholischen Privatschulcn zu haben/ und er sürchtct, daß katholische Schüler auch von katholischen Lehrern unterrichtet werden sollen. Tlnngegennbcr ist daran zu erinnern, daß der bekannte Jugenderzieher Tr. Kerschensteiner die Nichtbcrücksichtigung der Konscssion beim Unterrickst und die Aushebung der Prioatschulen als verkehrt bezeichnet habe. Abg. Urstadt scheint sich seinen ehe­maligen Parteifreund Schräder zum Vorbild genommen zu haben, der s. Zt. jeden Katholiken als unsähig zur BcUeidnng eines Staats- amts bezeichnet hat. Der Abg. Urstadt kann aus seinem Herzen keine Mördergrube machen und wir wissen cs ja und haben es gestern gesehen bei den Ordcnsanträgen. daß in der Freisinnsccke Knltnr- kampswind weht. (Widerspruch bei den Freisinnigen.) Ich glaube aber, daß die Zeit nicht mehr fern sein wird, in welckier der Frei­sinn in der roten Flut unlergchcn wird. (Bcisall und Gelächter.)

Als nächster Redner wird Abg. Bach aufgerusen. Da er aber erklärt, längere Aussührnngen machen zu wollen, wird die Ver­handlung abgebrochen.

Die Fortsetzung erfolgt Freitag, vormittag 10 Uhr,

Aus dem preußischen Abgeordnetenhaus,

Berlin, 10, Juni.

Tst Annahmc der preußischen Besoldungsnovclle konnte nach dem Verlaus der ersten Lesung und dem Standpunkt, den der Ausichnß, an den die Vorlage verwiesen wurde, eingenommen Hai, nicht mehr zwciselhast sein. Die bürgerlichen Parteien waren zwar von vornherein der Meinung, daß die Vorlage nicht weit genug gehe Und dali sie die berechtigten Wünsche zahlreicher Bcamtcn- gruppen »nbcrncksichligt lasse; nachdem aber die Regierung er­klärt hatte, daß die Vorlage, falls sie eine Erweiterung erfahren sollte, sür sic unannehmbar sei, standen die Parteien lediglich vor der Frage: Wollen wir in schöner, aber unpraktischer Konseancnz aut unseren Wünschen beharren und uns mit der Veranlwortung dasür belasten, daß das Gesetz scheitert und 171 000, sich inühsam durchs Leben schlagende Bcamtensamilien der GehaltSausbcsserung verlustig gehen, die ihnen andcrnsalls sicher gewesen wäre? Int Reichstage haben ja allerdings Zentrum und Sozialdemokraten: diese schwerwiegende Frage mit Ja beantwortet. Im illbgeordneten- hause aber konnte man sich zu dieser Höhe skrupelloser Verbohrt­heit nicht ausschwingcn, und auch das Zentrum zog hier vor, andere Wege zu wandeln als die Reichstagssraktion und sich mit dem Erreichbaren zu begnügen. Ja, selbst die SozialdcmokratlM, von denen es noch bis in die letzten Tage hinein hieß, daß sie auch hier das Prinzip der Uncntwegtheit Hochhalten würden» die jcdcnsalls im Ausschuß noch an ihrem ablehnenden Standpunkt scstgchaltcn, hatten sich im letzten Augenblicke noch eines besseren besonnen.

Das einzige, was die Parteien nach demUnannehmbar" der Regierung noch tun konnten, war die Fassung einer Entschließung, durch die in erster Linie die baldigste Vorlegung eines Gcsctzcnt- wurss gefordert wurde, durch den die bei einzelnen Kategorien von Beamten seit der letzten Besoldungsänderung hcrvorgetretencn Mängel, bärlcn und Ungleichheiten beseitigt werden. Und weiter sordert die Entschließung einen Gesetzentwurf durch den die Lage der Beamten mit kinderreichen Familien erleichtert und der Woh- nungsgeldznschuß in einer die bisherigen Unzuträglichkciten auS- schlicßcnden Weise geregelt wird.

Im einzelnen brachte die heutige Aussprache nichts Neues. Die einzelnen Redner bedauerten nochmals die Mängel und Unzuläng­lichkeiten der Vorlage, erklärten indes, um sie nicht zu gefährden, aut wcitergchendc Wünsche zu verzichten, und traten im übrigen lebhaft sür die Entschließung ein. Tic Vorlage, die bekanntlich schon vom l. April d. I. an wirksam sein soll, wurde nebst der Ent­schließung des Ausschusses einstimmig angenommen. Ein Antrag Aronsohn (Vpt.), in Erwägungen darüber cinzutrelcn, ob und inwieweit eine geordnete Krankenfürsorge sür Beamte erforderlich und durchiührbar ist, wurde dem BndgetauSschuß überwiesen. Das Haus überwies noch eine Anzahl Bittschriften zur Besoldnngsord- nnng der Regierung zur Erwägung rmd vertagte sich dann auf Freitag mit der Tagesordnung: Tritte Beratung der Besoldungs­vorlage und Fideikoininißgefetz.

Dem Abgcordnetenhause ist am Mittwoch ein An> trag der Sta a t s r e g i erung zugegangen, in eine Ver­tagung des Landtags bis zum 10. November d. I cinzuwilligen mit der Maßgabe, daß vier Ausschüsse ermächtig werden, während der Vertagung ihre Arbeiten fortzufetzen.

Der russische Getreidezosi.

Das russische Gesetz über die Erhebung eines Zolles aus Getreide tritt am Samstag, den 13. I u n i, in Kraft. Bisher war Getreide in Rußland zollfrei, während aus Mehl 45 Kopeken pro Pud brutto (5,94 Mk. für 100 Kilogramm) erhoben werden. Nach Finnland konnten sowohl Mehl wie Getreide zollfrei eingeführt werden. Künftig wird in Ruß­land ein Zoll von 30 Kopeken pro Pud brutto (3,96 Mk sür 100 Kilogramm) auf Getreide in Körnern, sowie auf Erbsen und Bohnen erhoben werden. Mit der Einführung dieses Zolles wird die deutsche Getreideausfuhr nach Ruß­land ihr Ende erreicht haben. Im letzten Jahre haben wir sür rund 40 Mill. Mk. Getreide, hauptsächlich Roggen, nach Ruß­land (ohne Finnland) geliefert, und im lausenden Jahre hat, in Erwartung des kommenden Zolles, diese Ausfuhr noch etwas z ugeno m men. Selbstverständlich ist aber unsere Einfuhr von rüssischem Getreide viel größer, und es muß hervorgehoben werden, daß es sich bei unseren Lieferungen nach Rußland zum großen Teil um Grenzverkchr und um Austauschsendungen gehandelt hat. Gerade durch den letzten Handelsvertrag haben wir Rußland besondere Zugeständnisse für seine Getreideeinfuhr nach Deutschland gemacht. Wir haben den Zoll aus russische Futtergerste bedeutend ermäßigt, und infolgedessen ist die Gerste-Einsuhr aus Rußland nach Deutschland gewaltig in die Höhe gegangen. Den Geircidezoll hat Rußland jetzt lediglich deshalb eingesührt, um die Getreideeinfuhr aus Deutschland zu unicrbinden. Ob die russische Landwirtschaft einen Vorteil davon haben wird, ist sehr zweifelhaft. Unbedingt nachteilig wird der Zoll auf die russische Getreidcmüllerei wirken. Auch die Kleie Ausfuhr Rußlands nach Deutschland wird darunter leiden.