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erscheint täglich, anßer Sonntags. — Beilagen: viermal wöchentlich «tehenerZamillenbläller: Zweimal wöchenll.lireir- tlattsSrde» «reis Siehen <Dienstag »nd Freitag): zweimal inonatl. ka»6> »irtschafiliche Seitfragen Ferujvrech - Anschlüße: iür d>« Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse s«r Depeschen: «nieiger «icßeu. Annahme von Anzeige» iür di« Tagesnummer bis vormittags S Uhr.
Elfter Blatt
164. Jahrgang
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Notationrdnick wb Verlag der vriihl'schrn Univ.-Vuch- und Zteindruckerei 8. Lange
Donnerstag, 4. Juni 49H
Bezngsvreis:
monatlich75Vs., vierteljährlich Mk. 2L0: dtirch Abhole- n. Zweigstelle:! monatlich 65 Ps.: durch diePost Alk.L.—viertel- jährl. ausschl. Bestcllg. Zeilenpreis: lokal >5Ps, auswärts SO Pfennig. Lhesredakteur: A. Goetz. Verantwortlich sür den polit. Teil: Aug. Goetz; sür .Feuilleton', .Vermischtes' nnd.Kcrichts- saal": Karl Neurath; sür .Stadt und Land':
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Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.
Das mohammedanische Albanerreich.
Ein vorzüglicher Kenner Mausens und der neuen Balkanpolitik schreibt uns:
„Neu-Turkia" nennen die mittelollnrnischen Ausrührer ihr Gebiet, das die Orte Sink, Kaivasa. Jsnnd und Pettiije, in wenigen Tagen oder Stunden vielleicht auch Durazzo umsaßt, ein Gebiet, das sich bis an die serbische Grenze hinzieht und die Gebiete von Tirana und Tibra entschließt. Ungefähr 100000 albanische Bauern sind es d-e wieder Türken werden wollen und in den genannten Distrikten die Halbinondflagge aufqepflonzt haben. Aris Lik met, der nach einer neuesten Meldung angeblich ermordete Führer der Ausstandsbewegung. hat mit den Spionen Essad Paschas täglich Konserenzen abgehalten. Man meiß, daß genau vor einem Jahre dieser selbe .gestürzte" Essad Pascha dieses mittclalbanischc Reich Neu-Turli zu- sammengeschmiedet hatte und seitdem beherrscht Hütte, lvenn ihn die Großmächte nick,! gezwungen hätten, es den, Neuwied er hcrauszugeben. Genau vor einem Jahre verständigte Essad Pascha dir vorläufige Regierung in Valona tele- graphisch, daß er in Durazzo eine neue Regierung gebildet habe, deren Wirkungskreis sich auf Zentral Mai,icn zwischen den Flüssen Dali und Schkuinbi erstrecken solle: die neue Regierung bestehe aus einem Senat, dessen Mtglieder aus den Städtchen Durazzo, üawaja, Tirana und Siak gewählt worden seien: der Präsident des Senates sei er selbst. Das war also schon Neu-Turkia. wie cs heute von neuem aus Wirren, Jntriguen und blutigen Gefechten erstehen möchte. Die mohammedanische Grundlage und der türkische Einfluß dabei ist unverkennbar und unbestritten. Nach den großen Verlusten, die die Türkei in den Balkan- kriegcn erlitten hat, können sich einflußreiche türkische Kreise erst recht nicht in den Gedanken einleben, daß ein in der Mehrheit mohammedanisches Jjand wie Albanien von einem christlichen Fürsten regiert und unter dem Schutze der europäischen Mächte vorwärts kommen könnte. Für diese Kreise gilt cs als Grundsatz, daß mohammedanische Völker auch künftig nur unter türkischem Einfluß gedeihen können Ein Verzicht auf diesen Grundsatz bedeutet nach ihrer Meinung ein Preisgeben des türkischen Staatsgedankens. Infolge der letzten Konflikte mit Griechenland, infolge der endgültigen Ucbergabc wichtiger Inseln im Aegäischen Meere haben sich auch türkische Staatsmänner in verantwortlichen Stellungen (man nennt sie nur noch nicht) diesen Ideen angeschlossen. Man hofft bei künstigcn Verwicklungen aus dem Balkan nicht nur aus die Hilfe der Bulgaren, sondern auch auf einen starken albanischen Rückhalt. Schon von Skutari aus versuchte man mit einer Armee von Agenten Stimmung für einen mohammedani- ,chcn Fürsten zu machen. Die albanischen Adels-
'amilien lvurden bearbeitet für eine gemeinsame Aktion gegen die Beschlüsse Europas. Warum, suchte man ihnen einzureden, . sind die Gebiete Albaniens, die in der Londoner Konsercuz zerhackt und zerstückelt wurden, nicht mit türkischer Hilfe zurückzugewinncn? Warum läßt sich aus dem in seiner Mehrheit mohammedanischen Albanien nicht wieder ein zum türkischen Reich gehöriges auto nomes Fürstentum bilden? Als dann die Kandidatur des Prinzen Wied von den Großmächten durchgedrückt wurde, ließ man in Konstantinopc! viele hervorragende Albanesen,
die sich vorübergehend mit spezieller Erlaubnis der türki lchen Regierung dort aushielten, in die jungtürkischc Komitee zentrale rufen und verlangte von ihnen die Unterschrift zu einer Erklärung, worin sie sich für einen mohammedanischen Fürsten und gegen den Prinzen zu Wied hätten aussprechen lallen. Wer sich dieser Zumutung nicht fügen wollte, wurde mit sehr unzarten Mitteln über die türkische Grenze ge schasst. Ekrcm Bey Blora, aus der in Palona ansässigen bekannten Patrizierfamilie Blora, der vor nicht langer Zeit in Berlin weilte, hat diese türkischen „Umtriebe" jedem erzählt, der es wissen wollte. Diese Umtriebe sind seitdem energisch und systematisch iveiter geführt worden, und man hat sich dabei aus nichts anderes verlassen, als aus den albanischen Volks- und Rassencharakter, aus die nationalen Eigenschaften Freiheitslicbc, Rachgier und Gastfreundschaft, und um Neu Turkia wieder zusainmenzuschmieden, bedurste es nur eines ganz kleinen politischen Programms mit den drei Forderungen: Tragen der Waffe, Steuersreiheit und völlige Entlastung vom Militärdienst. Diese Psychologie ist durchaus die richtige. Marquis di San Giuliano, der italienische Minister des Aeußern hat sie schon herausgefühlt, ehe die Großmächte an die albanische Retorte gingen, indem er während einer Balkanreise schrieb: „Die Albaner sind vollkommene Individualisten und Anarchisten. Sie haben weder Mar Stirner noch je irgendein anderes Buch gelesen, aber sie haben sich den ersten Teil seines Grundsatzes „Ich bin der einzige" mit großer Unbesangenhcit angeeignet. Ihr outricr- tcr Individualismus ist ein derartiges zersetzendes Element, daß dort die Bildung einer Zentralgewalt ohne die Unterstützung der türkischen Regierung oder einer fremden Macht undenkbar erscheint." Den fremden Mächten ist es nicht gelungen: vielleicht gelingt es jetzt mit der Parole „Nen- Turkia!"
Die Belagerung von Kruja.
' Durazzo, 3. Juni. Ueber die Einnahme von Kruja wird noch gemeldet: Nachdem die Aufständischen die Stadt angegriffen hatten, zogen sich die fürstcntreuen Behörden mit 55 Gendarmen nach einem kurzen Feuergesecht in die Festung zurück, >vo sic belagert wurden. Ein neuer Kampf fand nicht statt. Tie Belagerer habe:i die Stadt von der Wasserversorgung abgeschnitten. Ten Behörden sowie drciß-g Gendarmen wurde freier Abzug ^gestattet. Diese sind unbehelligt in Durazzo angelangt.
Pom internationalen Kontrollansschutz.
Durazzo, 3. Juni. Ter internationale Kontroll- aus schuß hat von den Aufständischen einen Brief erhalten, in tvelchcm diese ihrer Verivunderung über die Ankunft der Malissoren in Durazzo Ausdruck geben. Der Ausschuß beriet über die Lage und stellte fest, daß die Landung der Malissoren die Erledigung ihrer Aufgaben erschwere. Der Präsident des Ausschusses hatte darüber eine Besprechung mit dem Fürsten.
ras Grotzherzo'Spoar von Hessen in Mün en.
München, 3. Juni. Der Großherzog und die Großherzogin von Hessen trajcn heute nachmittag 3>/< llhr zum ossiziellen Besuch am bayerischen Los auf dem hic iicn Lauptbahnhos ein. Der dem Grollerzogspear zuget iltc Ehrendienst war dem Tonderzng bis Augsburg cntgegengesahren, wo er iich dem Groyherzogspaare pvrstelltc und cs nach München geleitete. Zu der Begrüßung am Nauvtbahnhoi waren erschienen der König, welcher bayerische General uniform trug, Prinzessin Franz in Vertretung der Königin, welche sich wegen ihres Besuch ns einige Schonung auferlcgcn muß, der Kronprinz und die Prinzen des königlichen Hauses, der
M i n i st c r p r ä s i d c n t, der bayerische Gesandte am großherzoglich-hessischen Lose, der Stadtkommandant, der Regierungspräsident von Obcrbamrn, der Polizeipräsident, ferner in Vertretung der Stadt Oberbürgermeister Dr. von B o r s ch t und Bürgermeister Dr. von Brunner, die Vorstände des Gcmeindctollc- giums, sowie eine Ossiziersabordnung des bayerischen Infanterie- Regiments Großherzog Ernst Ludwig von Hessen. Bei der Einfahrt des Sonderzuges spielte die Musik der aui dem Bahnsteig autgenellten Ehrenkompaanie des Jnsantcrie-Lcibregiments die Königshymne. Ter Großherzog, welcher die Uniform des bayerischen 5. Infanterie-Regiments trug, und König Ludwig begrüßten sich herzlich mit Kuß und Händedruck. Prinzessin Franz begrüßte die Großherzogiu. Nach der Vorstellung der Gefolge und der zum Empfang Erschienenen schritten der König und der Großherzog, gesolgt von den Prinzen, die Ehrenkomvagnie ab, sowie die Vereinigung chentaligcr Angehöriger des 5. Jnsanteric- Regimcnts. Nach dem Vorbeimarsch der Ehrenkomvagnie und der Fünscrvcreinigung begaben sich die hohen Herrschaften in den Königs-Salon, Ivvraui nach kurzem Cercle hie Abiahrt nach der Residenz erfolgte. Auf de» Einzugsstraßen bereitete ein zahlreiches Publikum dem König und seinen Holum Gästen lebl-afl: Kundgebungen. In der Reiidenz erwartete im östlichen Thronsaake des Königsbaues die Königin mit den Prinzessinnen die hoben Gäste, wobei die Königin der Großherzogin die Prinzessinnen vorstellte Rach dem Empiang in der Residenz fuhren der Großherzog und die .Großherzogiu nach dein Wiitelsbacher Palais und statteten dort dem König und der Königin einen längeren Besuch ab. Später fuhren der Großherzog und dir Großherzogiu bei den Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses zum Besuche vor, sowie auch bei dem Prinzen Ernst vo» Sachsen-Meiningen. Ilm '/»ö llhr abends fand in reichen Zimmern der Residenz Familien- tasel und gleichzeitig in Trier-Zimmern Marschalltascl für das Gesolge und den Ehrendienst statt, lim 8 Uhr abends ist Fcst- vorstellung im Hof und Nationaltbeaicr.
vcutscBc» Ncictz.
Zur Beschleunigung der Reichstagswahlvrü- fungen. Aus Berlin schreibt man uns: Durch de» Schluß des Reichstags ist die Entscheidung über 29 Wahlpriisungen, die teils vom Ausschuß noch nicht beraten waren, über tue teils noch Erhebungen schweben, bis zum nächsten Jahre hinausgeschobeit worden. Die Arbeiten des Ausschusses müssen in diesen Fällen von neuem beginnen. Da die Errichtung eines besonderen Wahl- Vrüiungsgerichtshoses zurzeit nicht möglich ersännt, wäre es angebracht, die Beweiserhebungen zu beschleunigen Man greift mit diesem Mittel keine bestehenden Rechte an. Bet Beweiserhebungen ist es üblich, daß die Zentralbehörden ihre Aufträge dem Regierungspräsidenten, dieser dem zuständigen Landrate und dieser dem zuständigen Gericht« überreicht. Dieser Jnslanzenzug erlordert sehr viel Zeit. Viel schneller ginge es, wenn die Zentralbehörden sich direkt an die Gerichte wenden oder der Reichstag dieses Recht erhält. Es wäre dies kein außerordentliches Vorgeben, da ern Präzedenzfall bereits beim Reichsvcrsichcrungsamt besteht, dos alle Erhebnngsanträgc direkt den betreffenden Dienststellen zukommen läßt.
WerdennachdemSchlußdesReichstags „kleine Anfragen" noch beantwortet? Am 15.-Mai hatte der >Abg. Basscrmann angciragt, wiciveit die Verhandlungen mit Luremburg über die Anrechnung von Invaliden- und Hinter- blicbcnenbeiträgc gediehen seien. Tic Antwort sollte schriftlich erfolgen. Ta ste bis heute ausgcblieben ist, scheint die Regierung die Meinung zu vertreten, daß durch den Reichstagsschluß die An- sragc nicht mehr besteht, also auch nicht mehr zu beantworten ist. Seit Einführung der Einrichtung sind 16 3 Anfragen gestelli worden, hiervon sind fünf nicht beantwortet ioorden._
Auslanv.
Eine englische Ehrung des deutschen Boi- schastcrs in London. Aus London wird vom 3. d. M. berichtet: Ter Ehrcndoktorgrad des bürgerlichen Rechtes wurde heute nachmittag deni deutschen Botschafter, Fürsten
Neue medizinische Erfindungen.
— Keimfreie Lymphe. Prof. Dr. Ernst Fried- beiger hat in der letzten Sitzung der Berliner Mcd:- iinische» Gcsellschast eine neue Erfindung vorgelegt, die sür die Pockenschntzimpfung von weittragender Bedeutung sein düriie. Es ist ihm nämlich gelungen, die Lvmphe keimfrei zu machen, indem er sie in Ouarzgesäßcn den ultravioletten strahlen einer O-uarz- lampe aussentc. Durch diese Bestrahlung wird die Lvmphc völlig frei von Bakterien, während die Impfung an Kaninchen genau so angegangen ist, wie bei gewöhnlicher Lymphe, also ihre Wirksamkeit behält. Tie sterilisierte LvMvbo wird, in Glasröhren eingcichmolzen, sehr lange haltbar sein, was ebenialls einen großen Fortschritt bedeutet. Ueber die praktisch: Anwendung beim Menschen und über die Dauerwirkung des durch sie erzeugten Schutzes muß die Fortsetzung der Versuche noch genaue Ausschlüsse geben.
ks. Eine neue Art der Narkose. Tie amerikanischen Fvrsckur M c l tz c r und Auer in New Bork beschäftigen sich seit längerer Zeit mit Versuchen über M a g n c s i u m s a l z e a l s Betäubungsmittel. Durch Tierversuche haben sic leltge- stellt, daß eingespritzte Magnesiumsalze eine,, narkoseahnlicb.m Zustand Hervorrufen, der nach Ablaut einiger Stunden ohne schäo lühe svolgen überwunden wird. Um nun sestzustellen, ob dmZe neue Art der Narkose auch auf den Menschen anwendbar sei. haben sie zunächst die Magnesiumsalze zusammen mit Aether angcwendet. „Sie spritzten nur ein Drittel der zur vollständigen Lähmung c^r- sorderlichen Menge Magnesiumsalze ein," so berichtet per bei IXio Spanier ift Leipzig erscheinende „Prometheus",„und mtzkn dar,ins schon bei Einatmung eines Zehntels der sonst nötigen Aelhcrme.ige tiefe Narkose eintreten. Bei den so behandelten Tieren konnten beliebige Eingriffe ohne ivahrnchmbare Schmerzäußerungcn erfolgen) Tie nunmehr versuchte Anwendnna bitter Methode mit den Menschen scheint sehr erfolgoersprecheftd Bei dem mit geringer Magneftumseinspritzung vvrbehandeltcn Patienten koirnte vollständiqe Narkose mit einem Fünftel der sonst üblichen .terher- menge otme schädliche Folgen erzielt werden. Diese neue Methode wird, wenn sic sich bewährt, die Getahren der bisherigen Narkolc I erheblich verringern." _
— Ausgrabungen atrt Goslarcr Kaiserhaus. Aus dem Harz wird uns geschrieben: Auf dem großen Platz vor dem, berühmten Kaiserhause in Goslar sind in neuelter Zett wiederholt Grabungen ausgeführt worden, die den Zweck baden, nach Ueberresten von alten Mauern und dergl zu lorlchen. Jener Platz wird „.Kaiserbleek" genannt, soviel wie Kaycrblent>e. Er ist eine der bedeutsamsten geschichtlichen Stätten DeutsÄands, denn aus ihm erhob sich einst die Residenz zweier deutscher Kacsergeschlechter tm, Mittelalter, daZ clarissimum regni domicilium, das heule
in wiederhcrgestellter Form als Kaiserhaus jeden Fremden, der nach Goslar kommt, zum Beschauen anlockl. Aber aus dieser „Kaiserbleck" stand einst noch mehr, wovon heule nur noch die Ueberliefcrung Kunde gibt: der T o m zu Goslar, von Kaiser Heinrich III. yestisiet, von Payst Viktor II. im Jahre 1050 geweiht. Von diesem berühmten Bauwerk, das 1819 wegen Bau- sälligkeit abgebrochen wurde, steht heute nur noch die herrlich«: Tomkapelle, umrahmt und beschützt von mächtigen Bäumen. Tie aus dem Tome stammenden Kunstschätze und Altertümer haben in dieser einzigartigen Kapelle Aufnahme gesunden. Auch das Kaiserhaus hat seine Kapelle, die St. Ulrichskavelle, die noch heute erhalten ift und den Sarkophag mit dem Herzen Heinrich III. birgt, das zuerst im Tome beigesetzt war. Hier ist also in Wahrheit historischer Boden, und es ist zu verstehen, wenn man neuerdings durch Nachgrabungen sestzustellen sucht, was sich an denkwürdigen Igstorischcn Bauresten noch -unter der Erde besindet. Durch die Grabungen ließen sich die Grund- und Kcllermaucrn, die in größerem Umsange an der Südseite der „Kaiserbleek" ausgesun- den wurden, stellenweise noch mit Teilen der Geivölbc, in einzelnen Mauerzügen bis zu der Stelle verfolgen, wo sich einst der Tom erhob. Sie sind, weil sie zum Teil tief unter der Oberfläche liegen, wieder zugedeckt worden, nur das Fundament eines früheren Trepveniurmes dicht vor dem jetzigen Treppenturm der Ulrichskapelle ist sichtbar. Im vorigen Jahre sind unter der Leitung des Regierungsbaumeisters Tr.-Jng. Hölscher, Tozent an der Technischen Hochschule zu Hannover, wieder weitere Ausgrabungen aus der Kaiserbleek vorgenommcn worden. Gestützt aus das Ergebnis dieser Arbeiten, hat man jetzt aus der der Stadt zugckehrten Nordseite des Platzes die Ausschachtungen von neuem ausgenommen und ist, innerhalb und nördlich der Frritrepvenanlage, aui größere, bisher unbekannte Mauerreste gestoßen. Mehrere Grundmauern, darunter eine von etwa 1* , Meter Stärke, eine steinerne Türschwelle und ein Stück Steinpflaster sind bisher freigelegt. Vielleicht lassen sich von diesen und den noch solgenden Ausgrabungen wichtige Ausschlüsse über das Gebiet der alten Kaiscrvfalz erwarten.
— Das Fainrlienweihscstsptel tm Hause Wagner. Der Zwist im Hause Wagner wird nun auch dte Siraj- gerichtc beschäitigen. Wie man aus München meldet, teilt Hot- kapcllmeister Franz Be idle rin einem ostencn Schreiben mit, daß er die „München-Augsburger Slbendzeituug", die das Material zum Konflikt >m Hause Wagner veröflentlichte, wegen ver- lcumderiicher Beleidigung verflagen werde. Beidler gibt als Grund an, das Blatt fahre fort, seine Frau und ihn selbst mit Schmähungen zu überhäufen und neuerdings Unrichtigkeiten zu verbreiten — Am gestrigen Mittwoch wurde am Landgericht Heidelberg has Urteil in dem Ehescheidungsorozeß des Geh Rat Thode verkündet. Däe Ehe wurde sür geschieden erklärt und als schuldiger Tail .Geh, Rat Thode erkannt, »eine nunmehr geschiedene Frau
ist eine Tochter Hans v. Bülows und seiner ersten Gattin, der Cosima Wagner.
-- D i e erste musikalische Volksbibliothek, die unter der Acgide von Dr. Paul Marsov ins Lehen gerufen wurde, ist jetzt, wie uns aus Leipzig geschrieben wird, eröitnet worden. Sie soll, ähnlich wie die Volksbücherei, den großen Messen Gelegenheit bieten, sich kostenlos mit den großen Werken unserer klassischen »nd modernen Meister, sowie mit allen wichtigen aus sie bezüglichen Scliitziien, Biographien. Erläuterungen und Abhandlungen vertraut zu machen. Tie Bibliothek, die in den Räumen des Jugendheims untergebracht wurde, hat bereits einen ansehnlichen Bestand an Musikalicn und Büchern, die in der Hauptsache durch Schenkungen der Stadtverwaltung und Privater aufgebracht wurden. Allen voran haben sich die beiden großen Leipziger Häuser Breitkovs und Härtel und Peters durch wertvolle Beiträge um diese gemeinnützige Gründung verdient gemacht.
— Drahtlose Ncbelsignalc Eine interessante neue Erfindung, dte berufen erscheint, bei der Verhinderung von Tamoserkatastrovhen eine Rolle zu spielen, kündigt ine von der Marconi-Gesellschast herausgcaebene Zeitschrift „Wireleß World" in ihrer neuen Nummer an Es handelt sich um einen drahtlosen Apparat zur Erzeugung von Nebelsignalcn. Seit einiger Zeit haben die Sachverständigen mit diesem Apparate, dessen Signale sehr lveitreichend sind, praktische Versuche angestellt. Bei Gourock an der Küste wurde eine drahtlose Kontrollstation eingerichtet, von der Signale am Fort Matilda und an einer Boje in Roseneath Patch überwacht werden. Ter drahtlose Telcgraphie- avparat ist mit einer automatischen Acetylen-Kanone verbunden, die genügend Gasvorrat enthält, um 400 Stunden hindurch jede Minute 3 Blitzsignale und 3 Knalle abzugeben, die also insgesamt, ohne neu geladen werden zu .müssen. 70 000 Signale abgebcir kann. Tie Schwierigkeit bestand bisher darin, zu verhindern, daß die Signal-Kanone durch die drahtlosen Meldungen vorübcr- fahrendcr Schisse in Tätigkeit gesetzt wird. Diese Gefahr ist nun überwunden. Ein ähnlicher Apvarat für Nebelsignale im iEisen- bahndienste ist ebenfalls ausgearbeitet und schcmt berufen, den bisherigen Nebelsignaldienst zu verdrängen.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen- schast. Der Redakteur Dr. vhil. Hermann Schönleber in S t u t t g a r t ist zum stellvertreiendcn Mitglied der Sachverständigenkammer sür Werke der Literatur sür Württemberg, Baden und Hessen ernannt worden. — Zwei Berliner Größen feierten am gestrigen Mittwoch ihren Geburtstag, den 75. der bekannte Literat Paul Lindau, den 60. der bekannte Handclsjurist Ge- cheimrat Max Kemp ne r. Für Paul Lindau tand um l llhr mittags eine Feier statt, an der die bekanntesten Schrisfltellcr und Theaterleute teilnahmcn. Max Kempner hat sich den Ehrungen durch eine Reise nach Holland entzogen.


