Ur. 125
Drittes Blatt
164. Jahrgang
Erschein! täglich mi! Ausnahme des Sonntag?.
Die „Sufcmr LamssienbläNer" werden dem «Anzeiger' viermal wöchentlich betgelegt, das „Kreisblatt für den Krtis Sieben" zweimal
wöchentlich. Tie „canfwittschastlichen Seit-
fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejjen
Samstag. 30. Mai 1914
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'ichcn Unrversital? - Buch- und Eleindruckerci.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- flraße 7. Expedition und Verlag: ^SS>E<1. Redaktion: 12. Tel.-AdruAnzeigerGießen-
3m preußischen Herrenhaus
«in« am Freitag beim Justizetat «tat Bvrck zu Wartenburg mit den Sozialdemokraten ins Gericht ioegen ihrer Kundgebung gegen den Kaiser im Reichstage. Dabei ließ er es nicht bewenden bet einer Verurteilung dieses Verhaltens, iondern sordene das Einschreiten des Staatsanwalts aus Grund des d 95 des Strafgesetzbuches Ter vorherigen Genehmigung des' Reichstags bedürfe es Nicht, da die Kundgebung ber.'Us nach Schluß der Tagung geschah. Gras Borck ist der lleberzeugung, daß hier eine MateltatsbeliNdignng vorliege, daß die Tat böswillig und mit Ueberlegung geschah und die Absicht der Ehrverletzung klar zutage liege. Wesentlich anderer Ansicht ist indes der Iustizminisler Tr. Beseler, so sehr auch er die sozialdemokratische Rüpelei verurteilt. Zunächtl hält er es für fraglich, ob der Tatbestand der Maiestätsbeleidigung tatsächlich vvrliegt Rach seiner Merniurg hat die ftlmbgcbiing noch vor dem tatsächlichen Schluß der Sitzungsperiode statlgesnnden, so daß sie also unter die Immunität fällt. Tie Gerichte würden höchstwahrscheinlich zu einer Freisprechung kommen. Ter zuständige Staatsanwalt habe das strafrechtliche Einschreiten abgelehnt und er, der Iustizminisler, sei Nicht in der Lage, ihn zu einer anderen Stellungnahme zu veranlassen. halte es vielmehr für das einzig Richtige, das Einschreiten zu unterlassen. Tas ist auch unsere Meinung Es hieße nur Wasser aut die Mühlen der Sozialdemokraten leite», ihnen den Prozeß zu machen mit devi Erfolge, daß sie sresgesprochen ivürden. — Beim Kultusetat wendet sich Staatsiekretär a. T. Tr. Tern - bürg gegen den Erlaß des Provinnalschulkvllegiugis voi, Berlin, wonach in Zukunft das Setzen der Schüler unterbleiben soll. Er erblickt darin eine übertriebene Rücksichtnalnne aus die Enipsind- lichkeit ter Schüler, eine Berzärtlichung, die ihm sehr bedenklich zu sein scheint. Tor Kultusminister von Troll zu Solz bemerkt hierzu, daß die Gelehrten in dieser ^Sache verschiedener Meinung seien, er habe absichtlich dazu leine Stellung geiivminen und den Schulen selbst die Entscheidung überlassen. An zahlreichen weiteren Wünschen und Anregungen fehlte es nalürlickierweise auch in diesem Lause nicht Ein Antrag Professor Tr. Bus, aut Einsetzung eines Ausschusses »ur Neuregelung der Vorbildung der Studierenden beiderlei Geschlechts wurde a» den Unterrichtsausschuß verwiesen, ebenso ein Antrag Frhr von Bissing, der Mittel für die Einführung der Sexualpädagogik in die Lehrerausbildung und für die Unterstützung der Bestrebungen der Lzchrerschast zur Bekämpfung der Geschlecküskanlheiten verlangt, tmd ein weiterer Antrag von Vissing aus Unterstützung von Kinderhorten. Verschiedene andere Anträge wurden abgelebt».
Im weiteren Verlaus der Verhandlung ertvarb sich Frhr. von B i s s i » g das Verdienst, einer sozialdemoiratischeir Ente, die man im 'Abgeordneten Hause hatte aufsliegen lassen, den Garaus zu machen, indem er erklärte, daß Generalteldmarschall v. d. Goltz vom Jungdeutschlandbund keinen Pfennig Gehalt beziehe. Die Summe, die man ihm angedichtet hatte, belief sich aus 20 000 Mark Tagegen erhält der Geschäftsführer General a. T. Jung BOOO Mark, die als durchaus angemessene Entschädigung für seine Arbeit im Interesse des Bundes gelten dürfen.
Das preußische Herrenhaus beabsichtigt nach dem Fronleichnamsfeste (11. Juni! noch ein bis zwei Sitzungen abzuhalten, um kleinere Vorlagen und die Besoldungsnovelle zu beraten Der genaue Termin hängt von den Arbeiten des Abgeordnetenhauses ab: wird die Besoldungsnovelle erst am Ist. Juni dem Herrenbause überwiesen, so wird das Plenum erst am 15. oder 16. Juni zuiammentreten. da der Finanzausschuß des Herrenhauses die Besoldungsnovelle erst beraten will, wenn sie in der Zweiten Kammer definitiv erledigt ist. Die Vertagung kann unter Umständen also erst am 16. Juni stattsinden. In diesem Falle würde der Landtag erst am 13. November tvieder zusaminentrcten.
Ijccr und Flotte.
Metz. 29. Mai. Generaloberst v. Erchhvrn, Generalinspekteur der 7. Armeeinspektion, ist heute morgen aus dem Exer- hiervlatz in Freseall gelegentlich der Eskadronsbesichtigung beim Husareirregünent König Humbert von Italien <l. Kürhessisches) Ür. Ist mit dem Pferde gestürzt und hat sich daber eine Muskelzerrung am Oberschenkel zugezvgen.
Au» Stadt und Cauo.
Gießen, 30. Mai 1914.
** Di e Kaiserparade des 18. Armeekorps wird in Meiern Jahre erheblich größer sein als sonst. Es werden sämtliche Truppen des 18 Armeekorps — also 9 Infanterie , 2 Eisenbahn , 4 Kavallerie-, 1 Feldartillerie
Regimenter, 1 Fußartillerie-Regt, 2 Pionierbataillone und I Trainbataillon — und außerdem vom 11. Armeekorps das zweite Bataillon des Thüringischen Fußariillerte -Regiments an der Truppenschau leilnehmeu.
** Fremdes Militü r. Ter Nachtrah des 1. Bataillons per 160er, welches in Tiez a. d. Lahn in Garnison liegt, kam gestern von dem Truppenübungsplatz Senne hier an und mußte einige Stunden in unserer Stadt verweilen, bis die Mannschaft Aiischluß aus der Lahnbahn halte. Die Leute, welche die Feldunisorm trugen, kamen in die Stadt hinein, wo dieselben wegen ihrer Große und Strammheit Aussehen erregten.
** (Eie Ferien unserer Schulen beginnen heute vormittag und dauern für die Volksschule 14 Tage, für die höheren Schulen nur 8 Tage.
** (Eie Frauen und d > e Wirtsbauskonzess io n. Auf Einladung der hiesigen Ortsgruppe des Vereins für Frauenstimmrecht hielt Pfarrer Grein- Kaschen gestern abend im Saale des Hotel Schütz einen Vortrag über daS vom Bunde Teutschcr Fraucnvereine geforderte Gemeindebcstimtnungsrecht, einschließlich der Frauen, hinsichtlich des Ausschanks und des Kleinhandels mit alkoholisckum Getränken. Ter Redner nahm die Eingabe an den Reichstag zur Rcsorm des Schankkoii- zessionsweiens, wie sie der Heidelberger Entschließung zusolge von der durch die (Generalversammlung des Bundes Deutscher Fraucnvereine in Gotha eingesetzten Kommission in Umlaus gesetzt worden ist, zum Ausgangspunkt seiner Darlegungen und Wies aus das ungeheure Elend hin, bas allenthalben durch den Mißbrauch des Alkohols entsteht. Die Bewegung hiergegen sei keine Tegenerations-, sondern im Gegenteil eine Regcnerationserschci» »nng, bedeute doch die Besrciung von den Rauschgetränken zwar nicht die Erlösung aus aller, so doch aus vieler 'iiot. Als wick>- tige Waise in diesem Kampfe cmviahl der Redner das G e » meindebestimmungsrecht, wonach die Entscheidung über den Ausschank nicht länger dem behördlichen Bureaukrattsmus, sondern allen unbescholtenen Männern und Frauen der betresscn- den Gemeinde übertragen werden solle. Pfarrer Grein konnte zum Beweise der Brauchbarkeit solcher Bestimmungen aus die Vereinigten Staaten von Nordamerika Hinweisen, wo 42 Millionen Menschen unter einem srciwilligen Alkoholverbot gedeihen, aus viele englische Kolonien (Kanada, Südasrika, Australien), aus Island. Schweden, Norwegen, Dänemark, Holland, England, die Schweiz, ja selbst aus Italien und Rußland, tvo überall mehr oder weniger wirksame Maßnahmen gegen den Alkol>ol ergriffen worden sind. Nur Frankreich und Belgien seien Teutschland gegenüber hinsichtlich der Alkolwlbckämpsung noch rückständiger. Die Novelle zur Gewerbeordnung, die den Reichstag rm Herbst beschäftigen werde, bringe mit der Etnsührung der Bedürsmssrage für das ganze Reich keinen grvßcti Fortschritt. Möge die deutsche Frauenwelt cinsehen, daß es sich hier um die ureigenste Sache der Frau handele und daß alles getan werden müsse, die reichsgesetzliche Etnsührung des Gemenidebc- stimmungsrechtes durchzusetzcn. Nachdem in angeregter Aussprache verschiedene Möglichkeiten der Betätigung allseitig beleuchtet, auch aus das ernste Thema einige heitere Schlaglichter geworfen worden Waren, Wurde svlgende Entschließung Widerspruchslos airgenommen: Die zum Vortrage des Herrn Pfarrer Grein-Koickzen sin Verein für Frauenstimmrecht zu Gießen versammelten Männer und Frauen schlreßen sich nacichrücklich der mit Millionen von Unterschriften an den Reichstag eingereichten Petitron an, in der verlangt Wird, daß durch die bcvorstcheirda Novelle zum 8 33 der Gewerbeordnung I. der Handel mrt Fla- sckzenbieren und Likören der Bedürfnissrage imterworfen nnrd und daß 2. Konzessionsgesiiche künstighin vier Wochen vor der Erteilung der Konzession öffentlich bekanntgegcben und dem et waigen Einspruch der erwachsenen Männer und Frauen der Gemeinde resp. des in Frage kommenden Bezitl's unterworfen werden. Kreis Büdingen,
v. Lind heim', 28. Mai. Die Entlassung des ersten Kursus 1914 der landwirtscktzistlichen Haushaltungsschule fand heute in seierlicher Weise statt. Eine ässentliche Prüfung in allen esiigesühr- tcn Unterrichtsgcgenständcn, sonne eine prachtvolle Ausstellung konservierter Früchte und weiblicher Handarbcstcn gab den erschienenen Gästen Gelegenheit, die hohe Bedeutung der Haushal- tungsschulc kennen zu lernen. Einsprachen wurden von Pfarrer Bär als Vertreter der hiesigen Ortsschulkommission, van Geheimrat Müller als Regierungsvertreter, von Oekonomierat Loithiger als Vertreter her Landwirtschastskaniiner sür das Großherzogtum Dessen, sowie von der Schülerin Frieda Pfeiser aus Vilbel gc- l alten. Ta mit der Entlassung dieses Kursus die Feier des 25jährigen Bestehens der Anstalt verbunden war, so wars
Pfarrer Bär in seiner Festrede aitch einen Rückblick aus die Geschichte der hiesigen HausbaltungssckMle. Mit der Verteilung der Zeugnisse und der Geschenke,'welätz- die Landwirtscktzistskammcr den scheidenden Schülerinnen überreicktzm ließ, nahm die Feier ihr Ende. Verherrlicht wurde dieselbe durch klangvoll vorgetragcnc Chöre der Schülerinnen.
Kreis Fricdbcrg.
w Bad-Nauheim, 28. Mai. Das heutige erste Künstlerkonzert der Kurkapelle stand durchweg unter einem sehr günstigen Stern. Große Erfolge errang der beliebte Heldetilenor des Frankensurler Opernhauses Robert H ü 11, der die Bildnis-Arie des „Tamino" aus „Zauberslöte", die tzhralserzählung aus „Lohengriu" und eine Anzahl Lieder sang. Professor Win der st ein brachte eine Neuheit von Massenet — „Scenes alsaciennes" — die wegen ihres liebenswürdigen heiteren Inhaltes und prächtiger Wiedergabe mit starkem Beifall ausgenommen wurde.
t. Ober-Esch bach) 29. Mai. Am Donnerstag gegen 7 Uhr nachmittags wurde die Leiche eines Unbekannten hier in der , ,ähe der Wartehalle der Elektrischen an einem Baume erhängt ausgefimden, Der Verstorbene, der etwa 18 bis 20 Jahre alt ist, hatte ein Portemonnaie mit ea. 6 Mark Inhalt, eine Taschenuhr und ein Vereinsabzeichen beschrieben mit Turnerschast Frankfurt a. M. bei sich. Im Innern des Hutes sind die Ansangsduchsbaben seines Namens „G. W." angebracht. Wahrscheinlich handelt es sich um Selbstmord, jedoch ist es ausfallend, daß der Tote beide Hände in seinen Rocktaschen stecken halte. Das Gericht wird lxeute unter Zuziehung des Kreisarztes Augenschein und Leichenschau vornehmen.
Sport.
Sw o r t v c r e i n Merkur. Bei den Auswahlkampsen iu Wetzlar errangen Mitglieder des Sportvereins „Merkur" folgende Preise: Kugelstoßen: Strantz^den 1. Preis mit 9,73m und Stnubach den st. Preis mit 9,09 m: Specrwcricn: Strantz den 3. Preis mit 32,16 m: 1500-m-Lauscn: Siegel den 3. Preis. — Am zweiten Psingsttag spielt aus dein Trieb die Liga-Ersatzmannschast des Kasseler Fußballvereins gegen die >. Mannschaft des Sportvereins „Merkur". Nach Beendigung dieses Spieles treten die 2. Mannschaften des Ballspieiklubs Wetzlar und des Spanvereins „Merkur" gegenüber.
Gericht»saal.
Hannover, 29. Mai. In der Verhandlung des Göttinger Bankprozesscs verkündete der Vorsitzende derStraf- kammcr folgendes Urteil: Punkt3 der Anklage, den Differenz- Handel bctressend, wird zur loeiteren Derkiandlung UNO Entjchci-- dung abgetrennt. Die Angeklagten Reese und Riepcnhau-- s c n werden unter Freismechiing im übrigen wogen Berge Heus gegen 8 314 des Handelsgesetzbuches in drei Fällen zu einer Geldstrafe von 500 Mark bis 2000 Mark, und wegen Vergehens gegen 8 315 Zisser 2 des Handelsgesetzbuches zu einer Gelüttta/e von je 100 Mk. verurteilt. Der Angeklagte Kcruffmanar wird sresgesprochen. Soweit eine Verurteilung ^erfolgte, haben die Angeklagten die Kosten zu tragen. Bei der Strafzumessung berücksichtigte das Gericht als strasmildcrnd, daß die Angeklagten noch unbestraft sind, rnib daß sie das, was sie getan baden, im Interesse der Bank und der Gesellschaft taten. Aus diesen Gründen sei nicht aus eine Freiheitsstrafe, sondern ous eine Geldstrafe erkannt worden.
Liftschiffahrt.
Die Flugervedition nach S ü dw c sta s er ka, welche die Automobil- und Aviatik-Akt.-Ges. iu Mülhausen, mit Subvention des Roichskolonialamts unternommen hat, war am 5. Mai i» Swakopmimd eingetroisen, das Flugzeug selbst mit dem Reserveslugzeug und den Zubehörteilen am 18. Mai. Wie heute ein Telegramm meldet, hat der Pilot Willy Trück nach einem Probeslug zur Orientieruilg über die Lustverhältnisst bereits mehrere Flüge von einer Stunde Dauer und länger ausgc- sührt. Er hat hierbei selbst Karihsh in verschiedenen Höhen überflogen, wobei er trotz der dünnen Lust in den Kolonien schon zu 1400 Meter ausgestiegen ist. Nach den bisherigen Etsahrungen steht fest, baß die Einführung von Flug- zeugen in den Kolonien demnächst spruchreis sein wird.
Ausstellung im oberhessischen Aunstverein.
Gießen, 30. Mai.
Da stützt sich aus das regcnblaukc Dach der Nachbarhäuser schwer ein bleüvesßsarbiger Himmel, der boshaft uns die Pfingsten stören will und neidet mir die Iwlde Stimmung, die wundersüße, die sich von Landschasisbitdern eines Prangenden in meine secte therübermatt. Und neidet mir die holde Stimmung, die mich die Atlnatur in Kaisers .Künstlerseele rein und warm genießen läßt. Ich rieche diesen Dust der Farben, diesen herben, weicltzm heimatlichen, fühle diese Lust um meine Sehnsucht streichen und dieses Licht in meiner Adern blaue Bäche fließen. Und das ffnornge und Massige der Landschaft härtet meine Sehnsucht, meine Freude zu höherem Wut, der mich das oitmals in mir hrcn wende und weinende Verlangen itaä, Wirklichkeit der Dichterwelt vergessen macht und mir cs zeigr, wie man in, e t g n e r Welt das Unzulängliche des Lebens meistert und frei von allen Wünschen, allzumenschtichc», sich in ihr glücklich ihrer Sonn entgegenwirst. So weiten sich die Bilder zu einem großen Ganzen, einer sreud- hewölkten, tichldurchsvnnlen Welt, während draußen — dieser Bleiweißsarbsgc stumpf durchs Fenster gafft und Rcgeniaden un- abläßlich zieht, die mich nicht kümmern. — —
Ein Malerpori des Landschaftlichen — dieser RichardKai - scr-München, der sich längst durchgesetzt, Heimatrecht in Viünchner und Berliner Galerien erworben und — was das Köstlichste! — sich viele Freunde, ehrliche, seiner Künst gewonnen hat. Es ist auch nicht das erste Mal, daß diese Wände seine.Werke zieren und trotzdem oder — wenn man will — deswegen begrüßt man diesen Meister immer wieder auss herzlichste. Eine ausgedehnte Sammlung seiner Landschaften, die erschöpiend sein Wirken darstellen, bat diesmal der Kunstverein zusammengebracht, Und all diese Bilder, ob Alvenszenen, die in sich schon das Grandiose bergen, vb rm Grün gesättigte Hügelländer oder ebene Wiescnslächen, ob hochragendes Stadtbild, Törser oder einsam verträumte Weiler, Bilder, die mit wenig Ausnahmen durch irgend ein Wasser beseht Werden, zeigen schon in der Wahl chres Landichaits-Ausschnittes den ,Dichter" Kaiser, dem alles Nüchterne fremd ist, der eng mit der Natur verwachsen. Und welch emen Reichtum an Natur-Eindrücken verraten diese Bilder! Wie Kstlüh gibt er sich zusammcn- gedräilgt in ihnen! Da sehen wir immer wieder das Motiv einer Baumgrupbe oder mbe an einer Straße, einem bcrtvrcnen Weiher obgcwandelt, die dem klinstlerilchen Vermögen des Malers, Stimmungen zu schaffen, durch die Einfachheit des Gegenständlichen schwierigere und dock ebenso manmgialtig wie glücklich gelöste Ausgaben stellen. Und .mü der seelischen AumohiNL- und Um-
sormungssähigkeit des Malers gehen eine ungemeine Farbensteude, die sich malerisch ganz in eigner Wesenheit ausdrückt und damit die Hauptnote seines Malertums ausmacht, und eine hochentwickelte, aber auch persönliche Technit Hand in Hand. Für die Kaiserschi- Farblichkcit sprechen vor allem das in der zeichnerischen Kwast und Sorgsalt so erccllentc „Eastcl Toblino" mit der hervorragend gearbeiteten Wasserspsegelung, der „Märztag" und die ganz prächtigen „Pappeln". Tie verraten auch im Kompositioncllen seines Gefühl sür Bildtoirkung, ebenso wie das Gemälde „Im Vorfrühling" mit dem brauntonigen Astgewirr der die Mitte betonenden Bäume »nd die „Weiden am Bach". In den W-'rken „Weiher in der Eiselmaar", „Eiieldorst und „Aus dem Chiemgau" fällt mir vor allem die plastische Vordergrundmalerci auf. Leine Technik krönen aber die krastvolle Farbensprache, die eigenwillige Behandlung der Valeurs, die aber doch dem Beschauer bei größerem Abstand aus kaum glaublichen Austrag der Tone, ans dem Gemisch der Farben- und Formelemente Wirkungen von lauterer Schönheit entwirren und ausbauen, sowie die zeichnerische Gestaltungskraft, die fest, zmveilen auch knorrig konhiriert und am peinliche Durcharbeitung des rein Zeichnerischen bedacht ist. Tie Darstellung von Baumwuchs, Wasser, Atniosphäre, der schwierigen Lichtwirkungen ist virtuos, die Gestaltung in Blick und Hand keck: alles — eine genialische Freilichtmalerei, die das Kleine überwindet und im Monumentalen der aus Gießener Privatbesitz entliehenen, groß abgeniessencn „Ahendstimmnng" zeigt, daß Richard Kaiser ein „Prangender" unter den Malern ist, — •
Neben Kaiser behauptet sich gut E. P a u l - Düsscldors, der mit drei Werken vertreten ist, Bildern, die in der Divergenz der ausgewcndeten technischen Mittel und der Bildwirkungen in Erstaunen setzen. Die „ziehende Herde" mit hartem Aneinandersetzeir der Farben, die sich distanziert zu sprühendem Leben zusammen ballen, wird Übertrossen von zwei Hymnen, die her Künstler aus Frühling und Sommer singt und deren Weisco, er malerisch dem Wesen dieser Jahreszeiten anpaßt. Ter ,Lenzmorgen" gibt eine zart-lustige Stimmung, als wenn über die Valeurs ein Schleier gezogen wäre. Ein ungewöhnliches Können osscnbart die sehr lockere Malweiie (man sehe die virtuose Behandlung der blattlosen Bäume im Mittelgrund, die der dnslize Nebel weich erscheinen läßt). Und eine geradezu prachtvolle Leistung verkörpert die „Sommerlust". Stark in den Farbwerten, großzügig, säst ruppig ihre malerische Beharrdlnng, schwer und satt in diesem dicken Grün »nd Blmi, in dem Leuchten der weißen, gelben und roten Töne. IV Bilbwirkung erfordert großen 'Abstand, gibt aber dann auch tar.ächluh euic „sommerlust" voll Leben in der Natur, den Menschen und Tieren, voll Natürlichkeit, Anmut, Bewemma.
— Außer diesen beiden haben H. Ma y-Düsscldors ein stächig gemaltes, in den Gesichtsausdrückcn meisterliches Bild „Tausend und Eine Nacht" und Ascan Luttcroth -Hamburg emc Anzahl Gemälde ausgestellt, Ueher die Werke des Hamburger Malers, denen ich ob ihrer süßen, semininen Schönheit ohne Fehl fast gram sein könnte, mag ich in diesem Zusammenhang nicht berichten. Ich mochte mir die Freude an der herb-männlichen Rünstlerschast eines Kaiser und Paul bewahren, um so mehr bewahren, da draußen der Bleiweibsarbige noch immer seine Regensäden zieht.
^ GeorgMarguth
— Ei» Brunnen-Entwurf des Kaisers, In Bad Lombnrg ist gegenwärtig die Frage der endgültigen ?lusgestaltung des Eliiabethenbrunnens aktuell, dessen Wasser die Kaiserin bei ihrem Kuransenthalt stets zu trinken vilegt. Die Quelle ist im vorigen Jahre neu gefaßt und weit ergiebiger geworden, und die Stadtverwaltung wollte zur Erlangung eines künstlerischen Brunnen-Entwurfes einen Wcttbcioerb ausschreiben. Als der .Kaiser kürzlich davon hörte, nahm er sich selbst der Sache an und machte Angaben sür einen Entwurf, der aus seinen Wunsch vom Bildhauer Dammann in Berlin, der auch der Schöpfer des kürzlich in Bad Homburg errichteten Brüning-Brunnens ist, ausgearbeitet wird. Der Kaiser wünscht den Brunnen in Form eines griechischen Altars, aus dem die Quelle hervorsvrudelt. Darüber breitet eine Nnmphe segnend ihre Hönde, Tie Quelle /oll in die Achse der Brunnenallee verlegt werden, weil dort das Bauwerk mehr zur Geltung kommt. Wie erinnerlich, hat der Kaiser seinerzest den Emwurs sür den Pavillon der Kaiserin-Augustc-Viktoria-Quelle in Bad Homburg selbst gezeichnet und an der Aussührung des Bauwerks großes Jnteresle genommen,
— Die Frühlingssestspiele des Darmstädter Dostheatcrs brachten, wie uns von dort geschrieben wird, am sünsten Wend „Carmen" unter Nikischs Leittmg, Danr der wundervollen musikalischen Beseelung wirkte die Aarssührung fast wie eine Neuschöpsung und stempelte sie mehr als die Darstellung zu einer wirllichen Fesworstellung, Carmen sang Mar- guerste Sylva-Paris darstellerisch hervorragend, gesangluh nur durchschnittlich, Robert von Scheidt-Franksuri als Escamillo be- stiedigte indessen kaum. Gertrud Genersbach als Micaöla bot eine gesanglich überragende Leistung, Das ausoerkauste Haus spendete begeisterten Beiiall, Tie Neuinszenierung schus rcizvotlc Bühnenbilder voll Srinimung und seiner Eharakteristil,


