Hc. 124 Drittes Blatt M. Jahrgang
Erscheint täglich mit Aufnahme deS Sonntags.
Die „Siehener .familiendtätter" werden dem
.Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da? „Itici-dlatt sür den Kreis «iehen" zweimal
wöchentlich. Die „Landmirlschaftltchen Seit
feagrn" erscheine» monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejsen
Zreitag, 29. Mai j9l4
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei.
. R. Lauge, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition rmd Verlag: ^^bl. Redaktion: 112. Tcl.-Adr.:An§cügerGießen.
Brüsseler hosgeschichten.
Z. Brüssel, im Mai.
Neda, die Brüsseler Zeitungen von der belgischen Königin Elisabeth, so nennen sic die Hobe Frau „unsere atimulige Königin". Dieser Beinanie ist ihr geblieben, lind wirklich, die Liebe dieser deutschen Prinzessin zu Kunst und schönen Dingen, ihre freundschaftlichen Begebungen zu Malern, Bildhauern und Mnsikcru, dieses gar nicht ofsjzielle Verhältnis zu hervorragenden Künstlern und (belehrten, das alles hat in Belgien die Kreise der Intellektuellen für die Königin gewonnen. Man weist, hast sie bei keinem interessanten Konzert sehlt, dast sie gern in der dunklen Loge sitzt, wenn in der Königlichen Over irgendein bedeutendes Werk einikudiert >vird Kommen Sainl-Saens oder Richard Strauß nach Brüssel, so werden sie an den Tisch der Königin geladen, die >a selbst eine talentvolle Geigerin ist. Und als sic eines Sommers in ihr Ardenncnichlost zum Ausruben ging, da bat der König den „rosten Emile Verharren, dast er sich für eine Zeit zu lriner Familie gesellen Niöge^ Die Königin Elisabeth geht gern in die Ateliers der Maler. Sie iveist, was ein irder gerade aus der stassetei hat. Tie hat sogar einem der grötzten belgischen Künstler, dem merkwürdigen Eugen LoermanS, den Mut zum Leben wiedergcichcnkt Dieser Maler, der taubstumm au» die Welt gekommen ist, der trotz seines Gebrechens sür die Farben und die Gestatten des Flamlandes den bunteste» Ausdruck genwnncn hat, lvar auch augenkrank geworden. Und so dunkel hotte sich vor seinem Blick alles zugeschlosien, dast er sogar ans Sterben dachte. Er trug sich ernsthaft mit Selbstmordgedanken. Da kan, die Königin Elisabeth zu ihm, um ihn zu trösten. Sie hat zu der bald neunzig- lährigrn Mutter deS Malers alle Trostnwrte gesprochen, deren sic in ihrer Bewegtheft habhast werden konnte Die Mutter ltzit daraus ihrem Sohne alles getreulich wiederholt in jener Zeichen- ivrache von Land zu Land, die eine jahrzehntelang geübte Ge Ivohnhcit zwischen Mutter und Sohn geworden war. Und Locr- manS bekehrte sich ivahrhastig zu grüsterem Mute. Und er ist auch belohnt loorden. Den» bald daraus retteten ihm geschickte Aerzte das Augenlicht. Ter alte StobbartS, der gern das iailigc, flämische Land und daraus das herrliche fette Vieh malt, gehörte jaltrelang zu den glühendsten Bewunderern der Königin. Einmal lvar sie zur Eröffnung einer Kunstausstellung gekommen. Ttob- bartS sollte sic begrüsten. Er tot es in seiner ungebundenen, herzlichen Weise, indein er die Land der Königin sehr kräftig drückte. Da wurde chm bei der Unterredung der Zhlindcrhut lästig, den er in der Linken hielt. Er wollte jhn zu Boden stellen Doch die Land der Königin gab er noch nicht frei. Er bückte sich und zerrte mit der sehr kräftigen Rechten die Königin auch zu sich hinab, zum grasten Schrecken der Zuschauer, zum großen Vergnügen der Königin selber.
ES sind aber nicht nur gestrenge, klassische, sehr hossähige Künstler, die an den Brüsseler Los geladen werden. Die Jungen nnd die Neuerer werden auch angenommen, sofern sie nur Talent haben. To wurde jüngst der vielumstrfttene Gustave van de Woestnnc, ein Mystiker i» Farben, der sogar einmal die Benc- diltinerkutte getragen batte, beauftragt, das Porträt des Königs Albert zu zeichnen. Und der seine Bildhauer Rousseau, Belgiens zartester Meister deS Marmors, hatte die Büste der Prinzessin Maria Joses» zu modellieren. Dieses jüngste Kind am Brüsseler .Lose ist nun stets sehr lustig, von unverwüstlicher Plauüer hastigkeft. Das Mündckieu ist nur mit allergrößter Mühe zum Stillstand zu bringen, lind als der Bildlmuer seine Erde aus packte, war cS erst recht schwer, dieses fröhliche Wesen ein wenig stillzuholten. Endlich gelang es, endlich wurde die kleine Pein
zessin überredet, dast sic sich nicht regle. Und sic must ivvhl sehr stolz gewesen sein, dast sie sich selber so zu zügeln unisttc. Denn nach einer Weile bat sic sich eine besondere Gnade sür ihre Artigkeit aus: „Must ich noch immer den Aiund halten? Darf ich letzt ctlvas sagen?" »ragte sie. Man erlaubte es ihr, und sie sagte: „Er ödet mich schrecklich an, dieser Lcrr Rousseau!"
Vereinsnachrichten-
— Langsdorf, 27. Mai. Dieser Tage besuchte der Junq- dentschlandbund Hungen den Turnverein Langsdorf. In eincin ersten Vortrag sprach Lehrer Bert über die Frage: ,W a s ist's mit I u n q d e u t f ch l a n dUnberufene und berufene, vor- urtettsvolle und unbe'augene Stimmen ivurden in ihrer Stellung ob lür oder wider die Iungdeutschlandbeivegimg untersucht. Der Redner sprach die Ueber:,eugung aus, das; man der Jugend, beson- ders an 'reien Tagen, gediegene Beschäitiguu.z geben muß, die een jungen Geschlechle einen festen halt a»,erzieht. Die Entwicklung des Kindes und die Geschichte, besonders die große BeireiungszeU vor hundert Jahrcn mit ihren Helden körperlicher und geistiger Krait, lehren die Berechtigung und zugleich die 'Jlrt der Jugendarbeit, wie sie sich nicht nur auf die Stählung des Körpers beschränken soll, sondern auch nicht zum geringsten Teile ans die Formung der Seele bedacht sem muß. vier setzt Jungdentschland als umfassender Verein mit seinem Streben ein, ganze Menschen zu machen. — Tie sich nun ergebende Frage: „Wie treiben wir I n n g d e u t s ch l a n d ?* wurde im zweiten Vortrag von Lehrer Bürstlein beantwortet. Tie Arbeit muß vielseitni sein. Da will der Körper seine Betätigung haben. Praktisches Turnen, Geländespiele, die der lriegeriscl» beaulagten Germanenart recht Zusagen, Märsche und Wanderfahrten mit ihren Abenteuern unterwegs und ihren poesievollen Rasten bringen hier Abwechslung. Für die geistige Seite, die besonders an Tagen und in Zeilen ungünstiger Witterung aus ihre Rechnung kommt, sorgen die Zusammenkünfte aus der Pereinsbude, wo Karten gelesen, Sviele gespielt, ail Rätseln und Spässen Humor und Dentkrast erprobt iverden. Dann wird eine schöne Lektüre vorgenommen und hiil und lvieder eill Vortrag an'' beliebigem Gebiete angehört. — Die den Vortragenden dankenden und die Bersalnmlung ermahnenden Worte des 1. Vorsitzenden im Turnverein, Herrn Bender, nnd der Beifall der Zuhörer bewiesen den Sinn unserer Nachbarn für die Jugendbewegung.
Gerichtsiaal.
Büdingen, 25. Mai. l Schöffengericht.i Der Landwirt A. K. von Büches, der gegen einen amtsrichlcrtichen Ttras- bcschl wegen Ucbertretung des 8 360, 2 Tlr.-G.-B. rechtsgültig Einspruch eingelegt hatte, wurde zu 5 Mark oder 2 Tagen Last verurteilt. Er war am 23 . Februar If. IS. mit einem besonders mutigen Pscrd, das längere Zeit im Stalle gestanden halte, durch die Ortsstrastc von Büches galoppiert, so dast der freie Verkehr gefährdet war. — Die Strafsache gegen K. W. von Büdingen Ivcgen Diebstahls wurde wegen nicht erfolgter Ladung des An gellagten ausgesetzt. — Der Schmied I. B. ans Ttradonic -Oesterreichs, z. Zt. hier in Haft, wurde wegen Bettelns zu drei Wochen Hast und Uebcriveisung an die Landespolizeibehörde verurteilt unter Anrechnung der erlitteircn Untersuchungshaft. — Der Steinbrnchspächtcr und Metzger H. N. II. und der Svczerei- händler I. Sch., beide von Wals, wurden wegen Beamteir- bcleidignng zu je 60 Mil. oder je 12 Tagen Gefängnis nnd der weitere angeklagte Taglöhner Eh. E. daselbst zu 30 Mk. oder 6 Tagen Gesängnis verurteilt. Zugleich Ivnrdc dem beleidigtnr
Gemcftrderal und den, Gr. Bürgermeister Nos von Wolf hie Bc- sugnis zugcfprochen, den entscheidenden Teil des Urteils binncir I Wochen nach Rechtskraft durch Aushang an der Ortstafel zu Wolf aus die Dauer einer Woche össentlich bekannt zu nwchcnt. Die Angeklagten hatten am 2 . Februar I. IS. in d>w sriebettchtzir Wirtschaft in Wolf gelegentlich einer össentlichen Bcrpachttrng von Grundstücken in ösjentlichcr Wirlschast in Anwesenheit eines größeren Personenkreises über Bürgermeister und OScineftrdcrat raiioniert und geichinwit. Irgend eine Veranlassung z» ihrer schlimmen Kritik hatten die Angeklagten nicht: von Wahrung berechtigter Interessen kann umso weniger die Rede sein, als die Absicht der Beleidigung aus der Form und ans den Umständen, unter denen sie geschah, überall klar hervorgcht. Der Metz-Heck nnd Viehhändler L. £>. von Düdcshcim »utöe infolge rrditsgi'U - tiger Einlegung des Einspruchs gegen zwei amtSrichterlichc Stvai- bcschlc wegen Bichs.»Ges.-Ucbcrtretting zu ie 2 Aurrk oder je einem Tag Last verurteilt. Er hatte zwei Ziegen nach Düdelsheim ohne Ursprungszeugnisse verbracht »nd dort geschlachtet und verkauft Da der Angeklagte nicht mir Metzger, sondern aiirtl Viehhändler ist, und es gleichgültig sein »rust, in welcher Absicht cr das Bich laust, musste besteheirdcr Vorschriften gemäß Verurteilung erfolgen. — Die Privalllage B. St. von Eckarts- Hansen gegen Joh. PH. R. Ehefrau daselbst wegen körperlicher Mißhandlung wurde durch Vergleich erledigt. — In der Privat klngrsache des .Kaufmanns K. Ei. von Büdingen gegen de» Bäckermeister OS. F. daselbst wegen Beleidigung wurde das Verfahren wegen Nichtcrschemcns der Parteien unter Belastung des Privat- klägcrs mit den Kosten eingestellt.
LingcsanSt.
(Für Form nnd Inhalt aller unter dieser Rubrik stehe:. Arttkel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber teinerlei Verantwortung.)
— Gießen, 27 . Mai Jede praktische Neuheit wird mit Freuden vom Publikum begrüßt, io auch die M a r k c n Automaten an der hiesigen Ttadtvost. Leider ersüUen sic »'doch nicht zu jeder Zeit ihren Zweck, man hart sic gewöhnlich nur tagsüber benutzen, lvcnn die Post geöffnet ist, wenn man dann die Marken nämlich nicht am Automaten bctomnrt, so erhält man sie am Schalter. Kommt man aber abends gegen 9 Uhr oder Sonntags UNI > ;3 Uhr, so ist mit Sicherheit zu rechnen, hast die Automaten leer iind. Viele Einwohner wären der Kaiserlichen Post dankbar, wenn die Automaten kurz vor 8 Uhr nochmals ge- süllt würden.
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ätiile Sodener [Dineral-Pastlllen sind seit fast 3 Jahrzehnten beoährl bei Büsten, Beiserlreil, Katarrh der bullinege elc. p ächte Sodener Mineral-Pastillen — und nur
ö. rUU5 diese! werden aus den bekannten, non alters
® - - —* her zur Kur uerordneten Gemeinde - Beitquellen
0o. 3 u. 18 des Bades Soden o.Taunus geirannen, ächte Sodener (Dlneral-Paslillen müssen Sie verlangen, wenn Sie die wirksamen Salze der genannten Beilquellen haben wollen.
^ UeberaO zum Preise dod 85 P|g. pro Sdiadilel za babeo.
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