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Nr. 113

Der Sietzerer Anzeiger

erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich StebenerFamiltendtätter; zweimal,vöchenttRieir- diattsürdeniireir Gießen (Dienstag und Freiiag): zweimal monatl. !an> wirtschaftliche Zeitfrage« Fernsprech - Anschlüsse, mr die Redaktion 112, Verlag n. Expedition öl Adreffe iür Depeschen.

Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen iür die TogeSiiuiiiiner bis vormittags S Uhr.

Erstes Blatt

164- Jahrgang

Freitag. 15. Mai 1914

»zeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

NotallsnsdriiS und Verlag der Srühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei R. Lange.

VeznqSvrciS:

monatlich75Pf.,vierlel- jährlich Mk. 2.20: durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.- durch diePost Aik. 2. viertel« jährl. ausjchl. Bestell^. Zeilenpreis: lokal 15Pf^ auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den polit. Teil: Aug. Goetz; fürFeuilleton",Ver­mischtes" und^Äerichts- scial": Karl Neurath; fürStadt und Land":

. ^ - .. . . _ . . Ai , u . _ Kurt Bendt; für den

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Ai,zeigen,et: H. Beck.

Die heutige Nummer umfaht 14 Seiten.

DeutscheUmtriebe" aus Haiti.

faste doch der Staatssekretär in der qestrigcrr Auslandsbesprechung des Reichstages:Feine Beobachter werden vielleicht erkennen, daß man uns und andere Mächte mit ungleiche,n Maß mißt. Bald von Ost oder Wdst oder von beiden Serien werden wir mit Androhungen und Be- chrohungcn beworfen/' Als neuestes Beispiel für seine -tragen hätte Herr v. Jagow die Verleumdung erwähnen i und zurückwelscn) können, die sich dieTimes" jetzt spalten­lang ans Washington kabeln läßt. Danach habe Deutschland mit Haiti eine Anleihe abgeschlossen, wofür die Republik ihre Zolleinl'ünfte ^verpfändet und Deutschland erlaubt habe, die Molen von Saint Nicolas als Kohlenslation cinzu- - richten. Man kann es den Herren im Auswärtigen Amt aufs Wort glauben, wenn sic die Anfragen der Presse dahin beantworten, daß die Nachricht selbstverständlich aus freier Erfiudung beruht. Das Deutsche Reich hat nicht die mindeste Neigung, die Zoll- oder Finanzkontrolle über Haiti an sich zu bringen. Tatsächlich aber waren es die Vereinigten Staaten, die bereits vor einiger Zeit an dieses Mittel dachten, um endlich Ruhe im Lande der ewigen Revolution zu schaffen, lind als der Plan der Union bekannt wurde» verlangten mehrere Staaten Europas, darunter auch Deutschland, eine Beteiligung an der Finanzkontrolle. Kaum war diesest Wunsch ausgesprochen, da wurde es wieder sehr still in Washington, und man hat von finanzieller Einmischung auf Haiti nichts mehr gehört. Als im Januar "dieses Jahres durch den neuen Änsstand der schwarzen 'Gentleman wieder einmal die deutschen Interessen auf Haiti schwer gefährdet wurden, schritten die Deutschen ebenso wie die Amerikaner vor Port au Prince ein. Der Kreuzer .V i n e t a", der bereits zur Heimreise besttmmt war, landete 80 Mann und 2 Maschinengewehre. Der Präsident der .Negerrcpublik, Orcste, flüchtete sich an Bord des deutschen ikreuzers, um den Nachstellungen der siegreichen Aufstän­dischen zu entgehen. Alles ging dabei nach Brauch und Völkerrecht. Gegenüber den in der Stadt Port au Prince ausgcbrochcneii Unruhen mußten die dort ansässigen Europäer und Amerikaner, die Bankinstitute, die fremden Vertretungen uiid öffentlichen Gebäude geschützt ioerdcn, und in diesen Schutz haben sich die Deutsclien mit den Amerikanern redlich geteilt. Daß dieDineta" mit ihren 650 Mann Besatzung das "größte aus der Reede liegende Schiff war, ist ein Zufall getvesen. Deutschland hatte .nicht die mindeste Absicht, die Aklion zur Vorbereitung eines stär­keren Einslusses zu benutzen. Die Verleumder gehen ja so loeit, zu behaupten, Deutschland habe einen Druck aus die Richter des internationaleu Schiedsgerichts ausübcn wollen, das über die Ansprüche zu entscheiden hatte, die von deutschen Rcichsangehörigen gegen die Republik erhoben werden. Es ist bekanntlich ein Tribunal von drei Richtern, Deutschland und Haiti erhielten je einen Beisitzer, während der König von Belgien den Obmann und Vorsitzenden be­stimmte; als deutscher Schiedsrichter wurde der Hamburger Rechtsauwalt und fortschrittliche Reichstagsabgeordnctc Dr. jur. Andreas Bluuck ausgesandt. Die Kriegsschiffslandung, das Schiedsgericht, dje Entsendung des deutschen Richters, alles war nicht mehr als recht und billig und entsprach durchaus den Handelsintercssen aus Haiti, die größer sind, als man gemeinhin glaubt. Der ganze Handel des außer­ordentlich fruchtbaren und an natürlichen Schätzen reichen Juscllandes liegt in den Händen von Ausländern, die bei­nahe die einzigen Weißen unter den zwei Millionen Haiti- uegcrn sind. Tie Deutschen besitzen fast alle Import- und

Exporthäuser, sowie die Bankhäuser der Hauptstadl. Ein wenig ist auch Frankreich beteiligt, noch weniger England. Vier oder fünf Handelshäuser int ganzen Lande gehören den Amerikanern. Während die Lebensmittel allerdings zum großen Teil aus den Vereinigten Staaten eingeführt werden, besorgt Deutschland in immer wachsendem Maße den übri­gen Import, besonders den der allgemeinen Bedarfsartikel. Aber auch der Export (Hauptprodukt Kaffee), der meist uach Frankreich geht, wird von deutschen Häusern vermitte t End lich haben die Deutschen (besonders zwei Banken in Port au Prince) viel Geld in Minen und Eisenbahnen stecke». Wer kann cs, wer darf e§ ihnen wehren? Nicht ein Anhaltspunkt wird zu finden sein, der darauf hindcutct, daß Deutschland diese Handelsinteressen auch nur einmal zu einer politischen Einwirkung mißbraucht hat. Vielmehr haben uns die Schere­reien mit der unruhigen Ncgerrepnblik, die peinlichen Aktio­nen, die immer wieder die Gefahr internationaler Reibungen heraufbeschwören, wiederholt auf den Gedanken und zu der Forderung gebracht, daß ein anderer Staat, nämlich die so nachbarlich gelegene Union, das Problem Haiti zu lösen habe. Die Bereinigten Staaten hätten vor allem die Pflicht und das Recht, eine aincrikanisck>e Schutzhcrrschaft über Haiti ein­zurichten, wie sie schon über Kuba und die Philippinen aus- geübt werden. Ter Schwerpunkt der amerikanischen Politik liegt nun mal neiierdiugs im Golf von Mexiko und im karibi­schen Meere, und statt die schlechte Laune über den Miß» ersolg des mexikanischen Abenteuers an uns ausxulassen, täte die amerikanyche Presse besser, für eineSanierung" Haitis gccignete internationale Vorschläge zu machen.

Aus Hessen.

Heimatschutz,

In eincni Aufrufdcs Hessischen-Bundes sürHci - ma t s ch u tz heißt cs:

Der gewaltige Aufschwung unseres WirischastslebenS in den letzten Jahrzehnten ist von segensreichen Folgen, daneben aber auch von unleugbaren Schäden für unsere Kultur begleitet gewesen. Erwachsen aus vielfach rücksichtsloser Verfolgung rein praktischer Ziele, äußern sich diese Schäden >im Verlust wertvoller Kulturgüter unserer Heimat und unseres Volkstums. Eine vieliach noch minderwertige Bauweise hat den Zu­sammenhang mit heimatlicher Art und Gediegenheit verloren. Den schönen Hausrat unserer Vorfahren scheu wir verdrängt durch iormenarmc Fabrikware. Das Bild unserer Heimat in der Land­schaft wie in Stadt und Dorf nnrd verunstaltet durch aufdringliche und geschmacklose Rcklameschilder. Ei» großer Teil imlerer Nie­deren Tier- und Pflanzenwelt ist in Gefahr, ausgerottct zu werden. Unsere Friedhöfe entstellen Massensabrikate an Stelle alter, handwerklicher und lünstlerisch wertvoller Grabmalkunst. D-ie Be­reinigungen und die Grablegung von Wägen und Wasserlinsen haben vielfach ohne Not in Feld und Wiese das alte Flurbild zerstört.

Es wäre töricht, die Entwicklung der Neuzeit aufhalten und die außerordentlichen Errungenschaften und Fortschritte im Leben der Gegenwart zurückdrängen zu wollen. Wir wollen vielmehr dem heutigen Leben und seinen Erfordernissen durchaus Rechnung tragen und uns von unhaltbarer Altertümelei frcihalten. Aber wir müssen darauf hinwirken, daß das gute Alte und Wertvolle nicht nutzlos hingeopsert, sondern in keiner Bedeutsamkeit geschätzt und gewürdigt wird. Zwischen den wirtschaftlichen Zielen und der sinn­vollen Pflege des Gewordenen kann und muß ein vernünstiger Ausgleich ersttebl werden.

Wir verkennen nicht, daß gerade in Hessen schon vieles ge­bessert worden ist. Seit Jahren ist die staatlich: Denkmalpflege be­müht, wertvolle Bauwerke und hervorragende Naturdenkmäler vor dem Untergang zu schützen. Die Staatsdaubehördcn, die Technische Hochschule, die Gewerbe- und Baugewcrkschulcn sind an der Arbeit, die heimatliche Bauweise und das Handwerk zu heben. Schon sind viele Berwaltungs- und Forstbchörden im Sinne des Heimatschußes tätig, nicht minder eine Reihe von Vereinen, wie der hessische Verein für Vogelschutz, die Vereine

für ländliche HeimatS- und Wohlfahrtspflege, für Kunstpflcgr und iür Volkskunde. Ebenso beginnt man in VerschönenmgS-, Verkehrs- und Wandervcrrincn den Heimatschutz zu fördern. Seine Ausgaben sind aber so wichtig, vielseitig und dringlich, daß cs nicht ansrcicht, sic als Nebenzwecke zu behandeln. Es ist vielmehr nötig, alle im Sinne des Heimatschutzcs tätigen Krästc zu cinheit- lichctn Handeln zusammenzusasscn.

Z» diesem Zweck haben wir den hessischen Bund für bcimatschutz ins Leben gerufen Er will unsere lx-ssischc Heimat in ihrer natürlichen und geschichtlich gewordene:! Eigenart schützen und erhalten. Der Hessische Bund iür Heimat- schütz erstrebt insbesondere den Schutz des heimischen Landschastz- bildrs, den Schutz der einheimischen Tier- xind Pslauzenwelt, sowie der geologischen Eigentümlichkeiten (Naturdenkmülex), im Verein mit der Denkmalpflege den Schutz der aus früherer Zeit überkommcnden Bauwerke, der Geräte und des Hausrats, der Straßen- und Flitrnamcn, die Pflege und Fortbildung der über­lieferten bürgerlichen und ländlichen Baulveisc und Handwerks­kunst, der Trachten, Sitten, Feste und Gebräuche.

Der hessische Bund sür Hrimatschutz ist als-selbständiges Vilich dem deutschen Bund bcimatschutz angeschlossen. Der Mitglicds- beitrag beträgt 3 Mk jährlich, für Behörden und Körverscha'ten 10 Mk. 'Den Mitgliedern wird die Zeitschrift des deutschen Bun - -des Heimolschutz unentgeltlich geliefert. Beitrittserklärungen und Zuschriften sind zu richten an den Geschäftsführer Rechtsanwalt Landzettcl-D-aruütvdt. Geldsendungen an öen Schatzmeister Bau­rat Wagn'cr-Darnlstadt, Licbi'gstraße 25,

rb. Darmstadt, 11. Mai. Der vierte Ausschuß der Zweiten Kammer hielt heute vormittag eine Berattmg ab, in der in Gegenwart eines Rcgierungsvcrtrcters, Regierungsrat Hechler, hauptsächlich über den Antrag Hartmann, bctr. den H ö ch st e r Klostcrsonbs wiederholt verhandelt wurde. Die Angelegen­heit kam auch heute noch nicht zum Abschlcust, da die Regierung die zugcsagte schriftliche Antwott aus die in dem Antrag erho­benen Behauvtungen noch nicht übersandt hat, welch letztere der Regicrungsvertrcter heute für stark übertrieben erklärte. Er sagte jedoch z», die Beantwortung zu beschleunigen. Weiter wurden in der Sitzung noch die Berichte der Ausschußbcrichtcrstatter ver­lesen und genehmigt, über die Vorstellung des Verbandes deutscher Granitwerke wegen der Schädigung durch die neuen Friedhoss­ordnungen sowie über die Vorstellung der Bürgermeisterei Crum­stadt wegen Verlegung der Gemeindcavotheke nach Goddelau und über den Antrag Hauck und Gen., betr. die Verwendung des Ur- kundcnstemvcls. Jnbetress der Vorstellung des Otto Stuvv zu Eich wegen Verlaus von Gemeindegelände erstattete Abg. U e b e l Be­richt über die von ihm vorgenommcne Besichtigung an Ort und Stelle, woraus die Vorstellung vom Ausschuß sür erledigt erklärt wurde.

Von der Lau d esor ganisation der hessi­schen Zentrumspartei. Am Mittwoch, 27. Mai, tritt das Landeskomitee der hessischen Zentrumspartei in Mainz imFrankfurter Hof" zu einer Tagung zusammen, die mit Rücksicht auf die im Herbste ftattfindenden Landtags- Wahlen von Bedeutung ist. Tie Tagesordnung lautet: Kassenbericht. Rückständige Parteibeträge. Bericht des Ge­neralsekretärs. Landtagswahlen. Wahl eines Mitgliedes zum Reichsausschuß der Zentrumspartei. Mitteilungen.

Der Kaiser in Wiesbaden.

Wiesbaden, 14. Mai. Der Kaiser horte heule vormittag den Bortrag des Chefs des Zivilkabinctts.

Zur heutigen Abcndtasel im Königlichen Schlosse waren geladen Generalintendant Graf v. Hülscn-Hacßler, der heute hier eingetroffen ist und Josef v. Laufs. Der zweite Abend der Fcstvorstellungen brachte eine hervorragende Ausführung vonLoh eng rin" unter musikalischer Leitung von Pro­fessor Schlar. Den Lohengrin sang Kirchhofs-Berlin, den Telramiind Bischofs-Berlin, die Elsa Fräulein Schmidt und die Ortrud Frau Cahier aus Wien. Der Kaiser gab wieder­holt das Zeichen zum Beifall.

Die Zrau aus der Zniernationaleu Ausstellung sür Yuchoewerbr und Graphik.

Dr. K. W c i ch a rdt.

Betritt man durch den Haustlcingang, von der Straße des 18. Oktober her, das Gebäude der Leipziger buchgetverbtichen Welt­ausstellung, immer wieder an dieser Stelle gebannt durch den Blick out die ansteigenden weiten Terrassen und Freitrepvcn, über denen am Ende, eine steinerne Fermate, der dunkle Felskolotz des Vötkcrschlachtdcnknwls steht, so zeigt sich bald zur Linken, anspruchslos aber anmutig, mit dem Halbrund seines vorgebautcn Säulen -Vestibüls zum Eintreten verlockend, das von der Berliner Architektin Emilie Winkel mann erbaute Haus der Frau. Man siebt es d:m weißen Hause mit dem arünen Dach zunächst kaum an, daß es eine große Ausstellung sür sich birgt, zahlen­mäßig aue-gedrückt eine Ausstellung von annähernd 2000 Num­mern. Und die Frauen dürfen in der Geschichte ihrer Emanzipa­tion dieses ihr Haus auf derBngra" mit Stolz verzeichnen: ist hier doch zum ersten Male innerhalb einer Weltausstellung dem schwachen Geschlecht" ein eigener Platz eingeräumt worden.

Es scheint sich wirklich aller Tckßväihe entledigt zu haben, dieses Geschlecht von Frauen: in Leipzig sind sie als erste und zur Eröffnung säst als einzige mit ihrer Ausstellung fertig geworden, womit denn schlagend erwiesen ist, daß die moderne Frau eine der verbreitetsten alten weiblichen Untugenden, die Unpünktlich­keit, gänzlich abgelegt hat. Auch ebenso gründlich wie vielseitig zeigt sich die Frau hier: das ThemaDie Frau im Buch­gewerbe und in der Graphik" nnrd in 25 Räumen be­wundernswert mannigfach und liebevoll abgcwandelt. Was für emsige und verständige Sammlerinnen die Frauen sind! So prä­sentiert sich das Schaßen der Frau aus dam Gebiete der sreicn Graphik in den letzten dreißig Jahren in Gestalt etlicher großer Privatsammlungcn kunstsinniger Berliner, Leipziger u. a. Damen. Wir wußten es im übrigen ja längst, daß die Fra« als Radiererin imd Holzschnciderin ebenbürtig dem MamWzur Seite steht: allein die radierten sozialen Dramen der Käthe Kvllwitz be­weisen es hier wieder, und der grüne Salon mit den 2300 gra­phische Blättern birgt auch sonst eine Füll« feiner Kostbarkeiten der deutschen, englischen und schwedischen Frcmengraphik. Als Türsüllung eines Schrankes fällt die Kopie dev Flora von Botti­celli in Nadclmalerei aus, eine kunstreiche Stickerei im Werte von 3000 SIL Der neue Wiener Frauenkllw stellt in niedrigem gelbem

Raum etwa hundert graziöse und oft kecke Blätter unter eigener Jury aus.

Ein großer, mit weißem, gelbverschnürtem Zeltdach über­spannter Saal umschließt die vielerlei kunstgewerblichen Entwürfe, die die Frau heute sür die Druck- und Textiltechntk, sür die Raum- und Kleinkunst, sür die Keramik, Spielsachen usw. liefert. Da sieht inan lusttge Silhouetten, zuml Teil in farbigem Papier, Exlibris aller Art. Bucheinbände und Borsatzvaviere, Ent­würfe sür Stoffe, Tcppichinuster, Stickereien usw. Bon nebenan lockt Klaviermusik: liier, im Musiksaal, werden täglich Komvositio- nen von Frauen und von hervorragenden Künstlerinnen bespielte Walzen vorgesührt. Bon den Wänden schauen die Bilder schassen­der und ausübender Künstlerinnen von einst und jetzt, und neben einer imposanten Sammlung neuzeitlicher Frauenkompositionen aus allen Ländern findet man manches vergilbte ältere Notenblatt von Frauenhand. Haben doch besonders die deutschen Fürstinnen des 17. und 18. Jahrhunderts und vor ihnen schon etliche fleißige Nonnen italienischer Klöster sich gern als Tondichterlnncn versucht.

Immer war die Frau eine Freundin des Buches und hier und da fürstliche Frauen wohl auch eitrige Büchcrsommlcrinnen. Die Komtesse Margarethe von Valois besaß eine Bibliothek von 18 000 Bänden. Mit Erstaunen aber sieht man hier imHaus der Frau" wie viel emsige und sostematisch sammelnde Bibliophilin- II e n heute unter uns leben.. Da sammelt die eine Musenalmanache, genealogische Kalender und Taschenbücher mit Kupfern von Chodo- wieckl, Bücher englischer Privatpressen interessieren die andere, Fraucnbücher aus der Goethe-Zeit eine dritte, Wieben andere sam­meln Schausviclcrinnen-Memoiren, Jllustrations- und Kostüm- ivcrke, Kunstrinbändc, Bücher von Frauen über Texttlwcrkc usw. Auch graphische Blätter, z. B. Napoleon-Karikaturen aus allen Ländern, reizen die SammeUust der Frauen: Jda Dehmel, die Vorsitzende dieser Abteilung, zeigt Handschttsten moderner Dich­tungen, solche ihres Mannes natürlich vor allem. Wer zur Biblio­philin nicht die Mittel besitzt, kann -Bibliothekarin werden. Mehr als 500 Frauen arbeiten heute an öffentlichen Bibliotheken in pngcsähr IM SttLftcn. Man sieht die Photographien von etwa ein Dutzend Büchereien und Lesehallen, die von Frauen geleitet werben. Ein Ausdruck der innigen Verbindung der Frau mit der Literatur ist schließlich die außerordentlich angeloachsene Prelle der Frauen. Im behaglich eingerichteten Lesezimmer desHauses der Fraix" hängen über 130 Frauenzeitschriften aus,.

Gar nicht abzusehcn ist, tvas die mit der Hand arbei­tende Frau sür das Buchgewerbe leistet. Tie sortiert, i» der Papiersabrikation, wie figura aut der Ausstellung zeigt, ungefähr 200 Kilogranrm Hadern am Tage, sic stelst in der Schristgießcrcl am Tcilpult, sic legt die Bogen an die Truckinaschme, sie salzt, klebt, koloriert Postkarten und last not least sic sitzt an der Schreibmaschine, sie ist Buchhalterin und leitet Bureaus. Don dieser wirk ich gewaltigen Frauenarbeit im Dienste der ,'.schwarzen Kunst" bekommt man hier mancherlei Proben und statistische Aus­stellungen zu sehen, doch wurde dieses Gebiet im Vergleich zur geistigen und kunstgewerblichen Tätigkeit der Fran etwas stief­mütterlich behandelt. Dafür schlt aber wohl kaunt ein Zweig ge­rade der künstlerischen Frauenarbeit: sogar zwei alte Mütterchen aus den: Erzgebirge sitzen eifrig über deml sogenannten Klöppel» bries, der kunstvollen ^pitzcnmustecvorlage, klavvern mit den Klöp- pclnadcln ,md weben die schönen Spitzen ihrer Heimat. Ganz außerordentlich reichhaltig ist die photographische Frauen­kunst vertreten, von ihren frühesten Aniängen bis zu den voll­kommensten Kunstphotogravhien, und noch ein Gebiet gibt cs, aus dem die Fran ohne weiteres mit dem Mann konkurriere» kann: das Reich der Reklame. Man mag die Suffragetten verab­scheuen, aber man imiß ihnen zugcstchcn, haß die Auswahl ihrer Votes sor Ivomcn"-Plakate, die hier a» einer Anschlagsäule ver­eint sind, Schlagkraft mit Humor vereint Und, um einer Weniger exzentrischen Reklamekunst zu gedenken: jeder kennt die entzücken­den Reklamen und Packungen einer bckaimten Hannoverschen Kakesfabrik: weiß man, daß eine Frau -Aeiinc Koken: di: Ur­heberin all dieser lusttgen, leckeren und wirksamen Entwürse ist?

Dreier bedeutender Abteilungen imHaus der Frau" sei we­nigstens noch mit einem Worte gedacht: da ist der geschichtsichc Rückblick aus die frühere Betätigung der Frau in Buchgewerbe und Graphik, belebt von hübschen Dioramen, welche die Aegvv- tcrin mit Paptzrusstanden so gut wie die sch-.istmalende Nonne oder Madame de Pompadour am Schreibtisch zeigen: da ist der große Musterverkaufsraum einer Frauenbuchhand'u:ig, ein höchst imposanter Laden, der die moderne Frauenliteratur aller Länder, vortrcsslich geordnet, seilhält, und da ist schließlich I einer der Clous" der gan-zen Ausstellung der wundervolle, von Fia Wille mit höchster Delikatesse in Formen und Farben lGrün als Hauptton, dazu Lila, Schwarz und Weiß' entworfene T ee­raum, mit einer kleinen Bühne, daraus musiziert und rezitiert wird, mit begucmen Sitzgelegen heuen um blumcn- und lampen-