Ausgabe 
9.5.1914
 
Einzelbild herunterladen

Nr. M vierter

krscheinl täglich mit Ausnahme des Sonntag«.

DieSieheuer Zamtlienblätler" werden Sem .Anzeiger' viermal möchenllich beiqelegt. bat NreirblaN ffit den Krtis Stehen" zweimal wöchentlich. Dierandwirtschoftlichen scit- jragen" erscheinen monatlich zweimal.

Blatt Zayrgang

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Aberhchen

Samstag. y. Mat X9J4

Rotationsdruc? und Verlag der Brühl'jchea Universikäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« stratze 7. Expedition und Verlag: e^©51. Redaktion:12. Tel.-Adr.: Anzeiger (Äieyeii»

Neues Leben im

Von Generalleutnant j. D. von Reichenau.

Wie der Frühlings!,auch den 3aft in die Bäume treibt Blüten bringt und mit ihnen die Hornung au, Frucktertrag jo weckt jetzt ein neuer Geist frisches Hoffen und Leben i,n Heer Offiziere und Mannschaften werde, zum spart und damit zur Stählung ihrer Kräfte, zur Festigung ihres Willens im stolze» Wcttkampi gerufen, und der Ruf geht, loa-S für die '>( rmcc allez bedeutet, voll der Autorität der obersten Heeresleitung aus

Tie Einführung des Sports auf breiter Basis in die Armee berührt ihr innerstes Leben und rer sich damit vollziehende Wandel IN der Leben-e-auisassiiNg wird 'iiir die Steigerung des Wertes der Arinee hon io nachhaltigem Einfluß sein das, er sich als eine neue, segensreich: Phase in der Ausbildungsarbeit kennzeichnet. ES ilfl bedeutsam, das-, cs sich neben der Steigerung der Kraft auch Um d,c Herausbildung unschätzbarer ethischer Werte handelt.

Tic aus Befehl beS .Kaisers vom Kriegs,niniiterium erlassenen Bestimmungen über die militärische Teilnolnne der im Jahr" 1916 in Berlin abzluhaltenden inie,nationalen olvnivischen Wett- kämpie u,rd über die Vorbereitung dazu besagen, dass Vertreter der Armee eine erfolgreiche Turchsül.runa der Wettkämpfe au, deutschem Boden irrt vaterländischen Interesse fördern l ei en müssen

Die Bestrnimungen cnlhallen eine lange Reihe van Einzel- wiordnungen im Sinne sportlicher Tätigkeit, wie sie in ihrer Gesamtheit bisher für den Betrieb der Gminastik in der Arme- noch nicht Maßgebend gewesen sind. Leu, Geist dieser Bestimmun gen kann aber Nur entsprochen werden, wenn es sich in der ganzen Armee regt, wenn zunächst alle, die Anlage und Neigung zu kür- verlrchcr Betätngimg in höherem Grade beiiscn, in die trainierende Tätigkeit einkreten. Rur io ist die Möglichkeit gegeben, die Tuch tigsten herauSzusrarden, die bei den internationalen Wettkämpfen für den Ruhm der Armee wie des Vaterlandes eintreten Tonnen.

DaS hierin zum Ausdruck gelangende strebe» durchbricht die bisher «och vielfach gehegte Ansicht, das, die größere, durch die spart" lichen Uebnngen bedingte Bewegungzsreih.'it, die Disziplin und de» Zusammenhalt der Armee schädigen könnten, zumal wenn Cfiisierc und Mannschaften sich gemeinsam am Spart beteiligen. Zum Glück aber ist nun die Ueüerzcugung erwachsen, daß der Sport neben dem günstigen Einfluß auf die Kräftebildung aum da« Band zwischen Ossizier und Mann stärkt und überdies die dienstliche Freudigkeit hebt, was ja auch nach bisheriger Auffassung mit allen Mitteln erstrebt werden muß. Ter Osiizicr aber ver­mag seine Autorität nicht besser zu Wahlen, als wenn er in i"inc» Leistungen seine Untergebenen übcrtrifit. Das vermag der Ossi­zier aber sportlich zu erreichen, da Zeit und Mittel ihm eine gründ­lichere Ausbildung erlaube» und seine Einsicht ihn über den Wert körperlicher und seelischer Ertüchtigung nicht im Zweifel lassen kann. Je allgemeiner diese Auffassung wird, desto deut­licher spricht der Geist aus den neuen Bestimmungen zur Armee.

Zu den allgemeinen Bestimmungen hat mit Genehmigung des Kaisers das Krieg-Ministerium Ergänzungeit erlassen, die sich aus die unter dem Protektorat des Kronprinzen stehenden Osfizier- wettkämpse im laufenden Jache beziehe». Durch sie ist che Mög­lichkeit gegeben, Erfahrungen zu sammeln, che für die olympischen Wettspiele verwertbar sind

Unter den ErgänzungSbcstimmungen darf diejenige als über­aus wichtig bezeichnet werden, die von der Erweiterung deS Ver­ständnisses für die einzelnen Tvortzwcigc handelt. Zu chesem Zweck sollen unter erfahrener Leitung AuSbildungSkursc abgc- halten werden. Unter den hierfür ungeordneten Disziplinen verchcnt besondere Beachtung cheBelehrung i» bezug aus Lebensführung des Trainierenden."

In der Hercinbezichung der LebenSsührung in den Sport ist eine der grundlegendsten Bedingungen deS Gelingens gegeben. Bisher war von diesem Faktor in i cr Anne: in grunksäftsichem und wissen,'chastiimem Sinne kaum die Re'c. Und dock, hängt hier­von so vieles ab. Ungeeignete Lebensführung kann die trainierende Ausbildung illusorisch machen, schon deshalb, weil sie der Neigung zu kraftvoller Tätigkeit meist nicht günstig ist. ES gibt z.var sür jeden eine individuell beste Art der Lebensführung, bei der er körperlich und geistig am besten gedeiy., aber es läßt ,'ich doch auch ein allgemeines Prinzip für eie LebenSsührung aufstellen: Ha­der Einfachheit. Daß seine praktische Betätigung, zumal sür den Soldaten, überaus wertvoll ist, wird niemand in Abrede.stellen wollen, denn im Ernstfall wird tut Zeitalter der Millionen Heere Schmalhans öfters Küchenmeister sein. Wem aber die Einiach- hcit der LebenSsührung zur Gewohnheit geworden ist, der wird auch mit Ivcnigeni eher auSkommcn, und er roirt^ was besonders einflußreich ist, trotzdem seinen Humor und seine Svannkrast nicht verlieren. Das kommt wiederum in erster Linie für den Ossizicr in Bcirachi, denn an seinem Beispiel, an seiner Frische, an ferner Genügsamkeit imd an seinem Humor ist alles gelegen. Ißt er ein Stück trockenes Brot mit lachende: Mime, so werden eS seine

Leute auch tun. D'sliglb ist es gewiß nicht der letzte Vorteil des Sportbctriebs, daß er die Einfachheit der LebenSsührung geradezu fordert, bei der vor allem die stimulierenden Reizmittel ouSge- schloilen werden müssen. Darüber lassen Wissenschaft und Ersahrung nicht den leisesten Zweifel

Wird in der den Svortbesliisenen zuteil werdenden Belehrung daS Prinzip der Einfachheit eindringlich betont, so ist min aus dem besten Wege, die Leistungsfähigkeit bis an die Grenzen zu steigern.

Wie tief der Sportgedankc bereits im Heere wurzelt, ist aus einer neuen literarischen Erscheinung, auS d'r. als Beilage zum Militär-Wochenblatt lcrauSgegebenenSportlichen Monats­schrift iür die Armee: Sport im Heer" ersichtlich. Das dars als ein icrarisches Ereignis auch ichou deshalb betrachtet toerden. weil das Wochenblatt bei seiner Verbreitung in d'r Armee i» die Hände jedes Ofiizicrs gelangt. Geradezu überraschend ,mrkt der Inhalt des ersten, als Doppclnumnier erschienenen Heftes. Er zeigt, daß die Sportbewegung nicht an der Zentralstelle haften geblieben ist, sondern daß bereits die Armeekorps die Sportorganisationen in iltrein Bereich wirkiom ins Leben gerufen haben. Einzelne Liii zier-Sportvereine weisen bereits i;of>e Mitgliederzahle» aus. Be merkenswert ist auch die Mitteilung der kricgSministeriellcn Der iügung über die Einsetzung eines Ausschusses als technischer Beira! des ÄriegSmiitistcriiims sür die Vorbereitungen zur Olympiade Ferner weide» Namen und Trukoenteil von 65 Teilnehmern an dem am l. April d. Is beginnendm OIymma-BorbereitungSkursu- aufgesührt. ES solgeu Aussätze sportlichen Inhalts i-wie eine Mit teilung über die vom Kaiser gestistete Kaiser-Wilhelm-Plak-ettc sür dir Sieger in len Ol:m> i'-PrüsuiigSkäniv c >. So g-wiun! man bei Durchlicht der neuen Zeitschrift den Eind-uck einer kraftvoll einsetzenden sportlichen Lebensbetätigung in der Armee, inan fühlt sich in eine neue Welt versetzt, die mit neuen Begrifscn und An­schauungen arbeitet.

Trotz aller Anstrengungen kann aber der Sport erst die Be dcutung in der Armee gewinnen, deren er bedarf, wenn er so wei ausgedehnt und gesteigert wird, wie Menichennmlerial und Mittel es zulassen. In solcher Ausdehnung muß das Ziel der Sport bewegung gipscln. Denn Um die Armee zu einem homogenen Gon zen zu inochen, genügt die Heranbildung einzelner zu hst'e Leistungsfähigkeit nicht. Erst dann hat die Sportbeivegung ihre Ausgabe eriiilit, wenn sportliche Betätigung zu einer selbstvcr ständ ichen Pflicht sür alle geworden ist.

Es dar» dabei auch nicht vergessen werden, daß eine bau crnde und zweckmäßige trainierende Tätigkeit Schutz gegen Er krankongen bietet. Tie Folgen einer starken Herabsetzung der Wider standesähigkeit treten zurzeit in der französischen Armee zutage, die durch Krankheiten mitten im Frieden einen Abgang erleidet, wie er mitunter im Kriege kaum größer sein wird. Mögen auch besondere Umstände, wie gedrängte Unterbringung, neue »ich! völlig ausgctrockncte Kasernement' >>tid weit ach »de Etnsiellungcn schwächlicher Leute zu d m li-ften Krankenstand bergetrage» heb n, so dürfte der wcsent.ichstc Grund doch in einer konstitutionellen Schwächung der Gesamthlit als Ergebnis kultureller Mißbräuche und Perirrungen gesucht werden müssen. Wenn ihre ungünstigen Folgen in Frankreich schon stärker hervorzutreten scheinen als bei den übrigen Kulturnationen, so könnte das aus das größere Alter der französischen Kultur zurückzusühren sein. ES sind sehr deut Hebe Anzeichen dafür vorhanden, daß auch wir mit der Zeit äh», liebe Erscheinungen bei UNS erwarten müssen, wenn wir Nicht die Möglichkeit finden, den Ursachen der Degeneration schärser ent gegenzuwicken. Dazu gibt er aber kein besseres Mittel als die sportliche Betätigung, wenn sie ernst und konseguent genug aus- gesaß.t wird, um auch die Lebensführung im obenerwäh.ilen Sinne zu beeinflussen. In dieser Ausfassung geht die Bedeutung des Sports weit über seinen nächsten Zweck, die Beteiligung an den olympische,, Wcttkämvsen, hinaus.

Wir alle können Nur wünschen, daß der Geist lcbcndtg bleibe» möge, der jetzt eine neue LebcnSbetätigiinq in der Armee bewirft hat. Möge der Sport iür sic zu einer Lebensausgabe werden, deren Ergebnisse ihr wie der ganzen Nation zum Segen gereichen!

Gictzcncr Strafkammer.

Gießen, 8. Mar.

Wegen gefährlicher Körperverletzung wurde der Weißbindergesellc K. M. von Hausen zu einer Geld strafe von -10 Mk.. verurteilt. In der Wirtschaft von W. mischt sich der Angekiagte in einen Wortwechsel, der zwischen einigen Einwohnern von Hausen über die Anlage der Kanalisation und der Wasserleitung stattsand; im Verlaus dieses Wortstreites wart er dem Tae.löhner Z. ein Bierglas an den Kops, so daß blutend. Verletzungen an der Stirn und an der Nase entstanden Er be­hauptete, in Notwehr gehandelt zu haben, Z. habe zuvor ciuen Stuhl in drohender Haltung zum Schlag erhoben und ihn a» der Kehle gciaßt. Das Gericht kam aber aus Grund der Zeugen aussagen zu der Ansicht, daß von Notwehr nicht die Rede sein

löiinte, weshalb das freisprechende Urteil erster Instanz, das Notwehr annalmi, ausgehoben wurde

Zurückgcwirsen wurde die Berufung bei Holzarbeiters B. auS Maulbach. Im Dezember vorigen Jahres lyitic cr einem seiner Kameraden, mit dem cr zusammen im Walde arbeitete, mit einem Reisigknüvvel einen Schlag versetzt, nachdem er ihn durch einen Stotz zu Boden geworfen hatte, dies war nick» allzu schwer, da cr, cbensg. wie die anderen dort tätigen Waldarbeiter, durch vielen Alkoholgenuß starl aiigcirunten war. Ter Schutzbet,auplung des Angeklagte», ei habe den Schlag nur geführt, weil er gesehen habe, wie der Der letzte nach scincin Messer in die Tasche gegrisien habe, konnti kein Glauben beigcmessen werden. Es hatte deshalb bei dem erst- instanz!ichen Urteil, das den Angeklagten zu 30 Mk. Geldstrafe verurteilt halte, sein Bewenden.

Zu je 3 Mark Geldstrafe wurden die Landwirte H. E. aus Altenburg. H. O. aus Liederbach und F. Sch. aus Elbenrod verurteilt. Die Angeklagten bilden den Vorstand der Molkereigenossenschast Alsfeld; sie hatten einen Straf­befehl erhalten, weil sie ihren Arbeitern nicht Gelegenheit zum Besuche des Hauptgottesdicnstes an Sonntagen gewährt hatten. DaS schöliengericht harte sie srcigcsprochen. ES wurde sestgestellt, daß die Arbeiter Sonntags bi-s >2 Uhr beschäftigt wurden. Unter den Arbeitern besindet sich einer aus Leusel und einer aus Schwabens rod. Tie Straikauimer vertrat die Ansicht, daß den gesetzlichen Bestimmungen nicht Genüge geleistet werde, wenn diesen Arbeitern die Möglichkeit gegeben werde, den Ngchmittagsgottesdienst in Als- kseld zu besuchen, es. müsse ihnen vielmehr Gelegenheit gegeben werden, die Gottesdienste in ihrer Heimatgemeinde zu besuchen.

Wegen versuchten S i t t l i ch k e i t s v e r b r c ch e n s wurde der östsährige Landstreicher Th. H. aus Oiienbach zu einem Jahr Gcsängnis verurteilt. Es wurden ihm mildernde Ilmstände zugebilligi, die in seiner Angetrunkenheit gesunden wurden. ES bandelt sich UN, einen durch Älkoholgcnuß vollständig ycruntergc- kommcnen Menschen.

Wegen Vergehens gegen das B i c h i e » ch c n g e s c tz wurde der Landwirt L. F. in Hemmen zu 15 Mk., und sei» Vater wegen Belliilie zu 1 Mk. Geldstrafe feniricilt. Sie hatten aus Julda, also aus preußischem Gebiet, ein Kalb cingcsührt und eS in ihr Gehöft eingestellt, in dem sich noch anderes Klauenvieh befand, ohne das Kalb und daS andere Klauenvieh einer Quarantäne zu unterweisen.

Börscn-Wochcnl-ericht.

Frankfurt a. M., 8. Mm.

Die Börse ließ auch in dieser Wockie einen bestimmt ausge­prägten Zug gänziich verminen Da iede Gcsotgschait für eine Auswärtsbcwcgung fehlt, sieht sich die Spekulalion dazu gedrängt, nach unten zu arbeiten, um nicht ganz und gar untätig zu bleiben, nnc das Privatpublikum schon seit längerer Zeit. Obgleich die Abga­ben nur in vereinzelten Werten bisweilen größeren Umfang annah-e men, >m allgemeinen aber über bescheidene Beträge nicht hiiiausgin- geit, so genügten doch diese schon an manchen Tagen, um empfind­lichere Kursverluste herbeizuiühren, da die Ausnahmelust äußerst ge­ring geblieben ist. Wenn alsbald wieder eine Erholung eintrat, so ivar dies fast ausschließlich eine Folge der Deckungen und Rück­käufe derselben Kreise, die vorher die Abwärtsbewegung in (Hang gebracht hatten. ES sind dadurch starke Schwankungen entstanden, die an New Porter Verhältnisse erinnern und die cin- ,nal dadurch erklärlich sind, daß die Baissespekulation nach Be­lieben Vorgehen konnte, dann aber auch durch verschiedentlich vor­genommene Zwangsverkäuse. Tie Großbanken haben keine Ver­anlassung genommen, auSgleichcnd rin-ugrcisen. Trotz der An- grisse der Leerverkäufer hat das Publikum aber seine Ruhe und Besonnenheit bewahrt. Es hat immer »lehr den Anschein ge­wonnen, als ob man in Kapitalistenkreisen die letzten Vorgänge an der Börse sür künstliche Uebcrtreibungen hält, und zwar umso­mehr. als in dem allgemeinen Preisstaude bereits ungünstigen Möglichkeiten in weitgehendem Maße Rechnung getragen ist. Dies gilt namentlich von der Wirtschastslage. Einen gewissen Rückhalt geben immerhin di,' a»sgedchnten öffentlichen Bauten, die der Industrie sür die nächste Zeit Beschäftigung bringen. Das ergibt sich schon aus den gewaltigen Summen, die dabei in Be­tracht kommen. Abgesehen von dc» vielen Hunderten von Mil­lionen, die für militärische Bauten und Ausrüstungen auszuwenden lind, stellt die Ausführung dcr Eriocitcrung des Eisenbahnnetzes, sür die ebensalls viele Millionen beantragt sind, eine namhafte Beschäftigung in Aussicht und endlich ist auch daraus hmzulveisen, daß die zahlreichen Anleihen der Stabte zum großen Teil dcr Be- ichafsung von Mitteln für össentliche Baulen gedient ltzihen. Alle diese Elelder werden sich befruchtend in zahlreiche Kanäle des heimischen Wirtschastslebens ergieße». Das wird auch weiterhin den Geld Marktverhältnissen zustatten kommen, wenn hier auch in nächster Zeit init einigen größeren Bewegungen zu rechnen ist schon mit Rücksicht auf die jetzt zu tresfenden Vorbe­reitungen zur Entrichtung des Wehrbeitrags. Die noch bevor-

Fra»rgii-rrunSschau.

Die deutsche Etudentin »or cinem Jahrzehnt »nd heute.

In dem neuesten Hefte der bei Eugen TiederichS in Jena er- scheinenden Monatsschrisl ,.Die Tat", das aanz den akademrichen Fragen geividmet ist, und rin sehr reichhaltiges und inlerenanies Material zur Beurteilung der akadcmiichen Probleme der Gegen­wart liesert, teilt Levin L. Schücking Beobachtungen über die t^utschen Stndcmtiiinen mit, die er in zehnjähriger Zuiammcnarbeit mit Studentinnen gesammelt hat, und die in mancher Bezieyung als typisch betrachtet werden dürfen. Zwischen dcr deutschen Stu­dentin von heute »nd der vor einem Jahrzehnte besteht »ach ihm ein großer Ilnterschied. Tie Studentin vor zehn Jahren glaubte in sehr vielen Fällen ihrem äußeren Menschen ivenrg schuldig zu sein. Ihre gründliche Verachtung aller Aeußerlichkeiten schul den Ent­setzen einslößenden Typ der Studentin mit dem Strudelkopi, der schlechtsitzendcn Bluse von unbestimmter Farbe, den sckstotterlchtcn Röcken und der mehr als naturgemäßen Fußbekleidung. Dieser Typ Studentin schwänzte niemals das Kollegs Daß sich die männlichen Kollegen über sie lrpstig machten, das verschlug diesen Studentinnen schon darum wenig, weil sic damals zumeilt fünf bis zehn Jahre älter waren, als ihre männlichen Kameraden; die Philologinnen hatten bereits fast durchweg unterrichtet, die Neusprachlerinnen schon im AuSlande sich Kenntnis erworben. Ihre Reise und Bil­dung machte das Arbeiten mit ihnen zum Vergnügen, sie emp­fanden freudigen Stolz darüber, daß sie als die erste Generation in der langen und ehrwürdigen Geschichte dcr Universitäten die alma Mater sie zu sich gerufen hatte, und waren von dem Ehrgeiz erfüllt, sich der Gleichberechtigung würdig zu erivm'en. Ihre Leistlingen stellten damals die der Studenten tatsächlich meist in den Schatten. Wenn man in dieser Zeit, so bemerkt Schücking aus seiner Praris, in litcraturhistorischen Urbungen Berichte verteilte, so konnte man unbedingt darauf rechnen, namentlich in physio­logischer Zergliederung, in Fragen dramatischer und kompositio- neller Richtung und dergleichen wahrhaft Mustergültiges von ihnen zu bekommen, wogegen die Arbeit der Studenten stark abfiel. Der Geist in den Kreisen dieser Frühstudentinnen hatte etwas Mhrcndes, selbst Ergreifendes. Daß sich ihnen die noch vor wenigen Jahren undenkbare Möglichkeit des llniversitätsbesuches aufgetan hatte, cmpsanden sic beglückend, sic betrachteten ihre Studienzeit a!s einen Spätsommer ihrer Jugend, in dem etwas von der Fröh­lichkeit und harmlosen .Ausgelassenheit ihrer Backfischjahre wieder

auflebte und an den altüberlieserten trockenen Lernstoff gingen sie mit wahrer Begeisterung heran.

In all dem hat sich heute vieles geändert. Die derwiichartige Kleidung gilt längst nicht mehr als Zeichen besonderen wissenschast- lichen Ernstes. Geiällig gekleidet, ohne durch die Extravaganzen der Mode auszufallen, weiß sich die Studentin in der Regel in den Rahmen dcr Universität gut einzupassen. Der wichtigste Unter­schied gegen früher aber liegt in ihrer Verjüngung. Sic erwirbt ihr Reiiezcugnis etwa wie der Mann, »nd die Studienzeit erscheint ihr nickt mehr als ein besonderer Glücksfchl, sondern als etwas, was üblich und-gewöhnlich geworden ist. Sic ist dem Studenten heute weder an Vorbildung noch an Lebenserfahrung überlegen, Und damit ist auch übcrhaupl ihre frühere Ucberlcgenh-eit unsraglich weggesallcn. Es studieren heute auch Frauen, deren Intelligenz in den Jahren der Pioniere zweifelsohne nicht iür zureichend an­gesehen worden wäre. Die Studentin besucht auch heute noch ihre Vorlesungen pünktlich, aber aus denr Gebiete der produktiven Arbeit werden besondere Leistungen von ihr immer seltener. ES fehlt ihr, daS ist auch schückings Ersahrung, an der Selbständigkeit und dem wissenschaftlichen Wagcmutc. Dafür hat sie allerdings andere schätzenswerte Eigenschaften: so ist sie z. B. die geborene Inter­pretin, und oft hält in nnssenschastlichen Fragen ihr gesunder Men­schenverstand sie davon zurück, sich in Spitzfindigkeiten zu ver­lieren, eine Gefahr, der der Student leichter erliegt. Dem Examen steht die heutige Studentin ruhiger und gefaßter gegenüber als ihre Vorgängerinnen, die im Examen oft völlig den Kopf verloren. Die Studentin von heute kann eben mit weniger verbrauchten Nerven arbeiten.

Die Französin und das Stimmrecht. Bei den kehlen französischen Wahlen hat bekanntlich eine Pariser Zeitung, daS Journal, den Versuch gemacht, durch eineinofitziellc" ?ll>- stimmung die Stellungnahme der Französin zur Frage des Wahl­rechts der Frau zu erkunden. Allenthalben wurden.Wahlbureaus eingerichtet, in denen die Frauen in dcr üblichen Form ihre Ssimme abgeben sollten. Allerdings trug der Stimmzettel nicht den Namen einer Person, die gewählt iverden sollte, sondern die Worte ^pJch wünsche zu stimmen". Das Ergebnis dieses Versuchs liegt nunmehr vor. Nicht weniger als 140 572 Französinnen haben ihren Zettel abgcacben, und aus allen Teilen des Landes wird berichtet, daß der »iifgebotenc Wahlavparat. dcr sich'ganz in den Fornren des offiziÄlen hielt, mit Vorsitzenden, Beisitzern und.Stimmzettelvr»

teilern, ausgezeichnet gearbeitet hat. Nur in ganz verschwindenden Fällen Ivurde dcr Stimmzettel von Frauen beiiutzt, um gegen das Unternehmen zu protestieren. Einige dieser Feindinncii des Frauen­stimmrechts haben auch ihre.Gründe nicht verschwiegen. Die.Frau müßte beim Herde bleiben, und cs wäre nicht ihre Aiisgabe, Politik zu treiben.Sie ivürdc ihre entzückende Weiblichkeit, die geschützt werden muß, verlieren, und das wäre wirklich schade", schrieb die eine, während die andere sragtc.-Und was würde aus der Suppe, während die Frau zur Wahl ginge?" Aber es ivaren nnc 2l Frauen, die so den Wunsch ausdrückten, nicht zu wählen.

Der mißglückte H u n g c r st r c i k. Zum .Hungerstreik genügt nicht Begeisterung und auch nicht Fanaiismus, er erfordert eine Willcnskrast, die nicht ein jeder dauernd ausbringcn kann. Das hat in diesen Tagen zu ihrem Kummer eine New Porker Poli­tikerin erfahren müssen, die durch ihre siammenden Reden einen großen Einst,,ß erlangt hat und besonders jetzt in der Arbeits- losenbeivegung eine große Rolle spielt. Miß Beckcv Edelson wurde in der vergangenen Woche verhaltet, weil sie in einer Rede sehr verächtlich über das in Veracruz gehißte Sternenbanner sprach. Im Untersuchungsgefängnis inszenierte die svrachgewaltige Dame, die natürlich Sussragette ist, nach bcrühmteu englischen Mustern den Hungerstreik. Den ganzen Freitag hindurch und bis zum SamStag abend genoß sie keinen Bissen. Allein der GesängniS- direktor scheint ein Psychologe zu sein und faßte MI stillen den Plan, die Hungerkur der ihm anvertrauten Gefangenen zu unter­brechen, ohne Gewalt anzuwenden und zur ZwangSernährung zu greifen. Ter findige Direktor besorgte zwei Schachteln der leckersten Schokoladenpralinss und ließ diese duftende Svcndc zusammen mit einer in einem Eiskübel gekühlten Flasche Milch in die Zelle ber Miß Edelson stellen. Dann überließ er die Gefangene dcr P,r- sllchung und ihrem Schicksal. Nur allzuschnell trat der Erfolg ein. Ein paar Stunden lang trotzte die Ausgehungerte zwar der Ver­suchung, aber aus die Dauer war der Duft der Schokolade stärker als ihr Zorn, sic versuchte einen Praline, dann einen Zweiten, und im Handrimdrehen waren beide Schachteln leer gegessen, worauf auch die Milch zu ihren. Recht kam. Als dann am Sonntag vor­mittag ein gar appetitlich duftendes Beefsteak mit Bratkartoffeln in die Zelle getragen wurde, war es mit den, Hungerstreik zu Ende Miß Edelson ist nun einstweilen auf freien Fuß gesetzt; aber ihre Erfahrung hat sie nicht klüger gemacht und sie fährt fort, den Hungerstreik mit flammenden Worten anzupreisen.