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Itr. 102 Zweiter

Erscheint täglich mit Ausnahme des Soiiiilcgs.

DieSietzener §amil>eubläNer" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da; Urcirblatt für den Kreis Sießen" zweimal Ivöchenllich. Diekandwirlschastllchen Zcit- skagen" erscheinen monatlich zweimal.

Blatt 164. Jahrgang

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gderhesfen

ramrtag, 2. Mai 1914

Rotationsdnick und Verlag der Vrubl'lchcn Universität; - Buch- und Steindruckeret.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Ervcdilion und Druckerei: Schul- siraße 7. Expedition und Verlag: bl.

Redaktion:^^II2. Tcl.-Adr.:AnzeigerBicben.

rin» rieften.

AuS dem Fiiianzailsschuß.

rb. Tarmstadt, 1. Mai. Ter Finanzausschuß der Zweiten Kammer setzte heute seine gemeinsamen Beratungen mit der Regierung fort, sür welche die Herren Finanzminister Brau n, Minister des Innern v. H o m b c r g k, Ttaaisrat Tr. Becker u. a. erschienen waren. ES wurde zunächst über den Antrag deS Abg. So Herr, betr. die Gehalie des Lehrpcrsonals in Bingen, beraten, welcher besonders die Aushebung des städtischen Statuts vom Jahre 1906 bezweckt, worin die Lehrcrgchaltc scstgestellt waren. Tie Regierung hatte dieser Aushebung srüher Wioersvruch entgegengesetzt. Nackzdcm jetzt aber durch die neue Lehrerbesol i nngsorünung sür die Heimchen Bolksschuilchrcr höhere Gelialts lätze cingeiuhrt worden sind, glaubt auch die Regierung gegen diese Auihcbung keine Bedenken mehr erheben zu sollen: sic er­klärte sich bereit, dem Antrag Soherr entsprechen zu wollen, und der Finanzausschuß ist ebenfalls damit einverstanden ES wird hierdurch allerdings eine Belastung der Staatskasse von etwa 12 000 Mk. cintrctcn. welche zu bewilligen der Finanzausschuß ^stimmte. Tic im Dienst beiindlichen Lehrer der Stadt werden nach dem alten Gehaltsregulatio weiter behandelt, lvcnn sie Hier­lurch bessere Gehaltssätze haben. Für die künitig anzustellenden Lehrer gelten die Sätze der neuen Besoldungsordnung. Tic Anträge des Abgeordneten -chott, betreuend vcrdübcrwachuumskosten bei der Reblausbckämpsung und betr. das Finanzamt Wöllstein konnten nicht zur Verhandlung kommen, weil der Antragsteller sich in dem heute vormittag bei Rieder-Saulheim verunglückten! Eisenbahnzug besand. Ter Abgeordnete telegraphierte an den AuSschutz, daN er nicht verletzt sei, aber nicht rechtzeitig nach Tarmstadt gelangen könne. Ter Antrag des Abg. W o ls-Sta­decken, der dahin geht, betr. die Kreisverme siiugSämler Heu Grund- buchämtcrn anzugliedern, wurde, da er sich mit der Organisation des Gcometerweicns befaßt, dem parlamentarischen Ausschutz für Bcreinsachung der Staatsverwaltung überwiesen, in weichem die Frage der Neuregelung des gcsainten Berincssliugswe cus bc- lzairdclt wird. Gegen einen weiteren Antrag des Abg. Woll über die Erhebung der Ab und Zuschreibgcbührcn bei Grund­stücks-Übertragungen hatte die Regierung Einwendungen erhoben und den gegenwärtigen Zustand sür den tüchtigen bezeichnet. Eine Abstimmung über diesen Antrag fand noch nicht statt. Weiter bcichäiligic'sich der Ausschiß noch mit e.nem Antrag des Abg. W o l s - ctadccken, der dahin r gt, die Kotzen der Kellerkontrolle von den Gemeinden aus den Staat zu übe, nehmen. Gegen diesen Antrag wandte sich die Regierung, indem sic t-aranf I.inwies. dan feie K osten für die Nahrungsmittel Polizei nach allgemeinen Grund­sätzen von den Gemeinden und nicht vom Staat zit tragen seien. Dieser Standvunkt sand bei berschiedenen Ausschustmitgriedern Widerspruch: besonders trat neben dem flniragstcllcr der Abg. Molt Han sür die llcbcrlragnng dieser Kosten aus den Staat ein. Es wurde geltend gemacht, daß cs sich hier um allgemeine polizeiliche Kosten handle und den Gemeinden nicht wohl zugc- mutet werden könne, diese Kontrollkostcn, in welchen sich auch die Gehalte sür die Kontrolleure befände», aus ihr Konto zu übernehmen. Eine Abstimniung über den Antrag erfolgte noch nicht. Tic Regierungsvorlage, betr. die Verleihung der Rechte von Zirnlstoatsdienern an die Reallehrcr wurde genehmigt.

Einer längeren Besprechung unterzogen wurd? die Regie­rungsvorlage, betr. die Tienstbezügc der staatlich bestätigten Forstwartc lKominunaliorslwartc). Für die Kommunalsorst- wartc sollen die Sätze des Gesetzes von, 17. Jon. 1901 dem neuen Beanrten-Besoldungsgesetz entsprechend geändert ivcrden. Tie Kommunalsorsiworte haben bekanntlich im allgemeinen 70 Proz. der Gehalte za beziehen, ivie die Tomaniaiiorstwartc ES wurd: allseitig anerkannt, datz die Altcrszulagc, die in der Besoldungs­ordnung für die Dontinialsorstivarie in Höhe von 200 Mart be- willigl worden ist, auch bei der Ol.I, altSbestin,:nung für die Kom- niünalsorstwartc angercchnct werden solle, lieber die Frage, ob eine Erhöhung der 70 Prozent stattzusindcn habe, wurde im Aus­schuss ein Beschlus; noch nicht gesagt. Die Vorstellung der Gen­darmerie-Leutnants Gärtner, Weitzel und Ploch wurden sür er­ledigt erklärt, nachdem deren Wünschen betr. ihrer Pensionen entsprochen nwrden ist. Es wurde schließlich noch die Frage der Gewährung von Darlehen an Mitglieder dev Hess, landw. Gcnosscnschaste», Antrag Reh, verhandelt, der dihin geht, an einzelne Mitglieder, die sich iniolgc der Krisis in Bedrängnis bc- sindcn, bare Tarlchen zu gewähren. Bon verschiedenen Seiten wurde dargelegt, das; iift die Summen, welche notwendig wären, lvcnn diesen Wünschen entsprochen würde, nicht übersehen liehen, was auch von her Regierung betont wurde. Tie Beratung über diesen Punkt wird am nächsten Dienstag fortgesetzt werden._

Ans den Afichstagsansschiisseri.

:: Berlin, 1. Mai.

Ter Budgetausschutz

fetzte heule die Beratung des M i l i t ä rv o r an sch l a g s lort. Ein Zentrumsmitglied wandte sich gegen eine Forderung uir die Ausknnstsstclle im Interesse der Z i v i l v e r s o r g u n g verab- schiedetcr Ossi ziere, da c-5 sich hierbei hauptsächlich wohl um die unerwünschte Vermittlung von Stellen in der.Rüstungsindu­strie Handele. General von Lang ermann bestrill das. E» handle sich darum, den pensionierten Offizieren beratend beizu- stehen. Während ein Konservativer die Einrichtung als dringend notwendig erachtete, äußerte ein Fortschrittler grundsätzliche Be­denken und verwies die verabschiedeten Offiziere am den Weg der Selbsthilfe. Tie Schätzung des Äausmannsitandes wäre bei der Besördernng zu Reserveoffizieren mehr am Platze. Ein Na­tionalliberaler bestritt die Zurücksetzung der >tausleute der der Beförderung zu Reserveossizieren : sie ersolge keinesfalls überall im Reiche Ten Offizieren fehlten vielfach alle Beziehungen zum nrirtschaftlichen Leben, und es sei daher berechtigt, wenn^die Regierung auch nach der Verabschiedung für n.e wrge. Ter Kriegsminifter erklärte das sr'ir eine Ehrenpflicht. General v. Langermann wies darauf hin, daß bisher ob Offiziere durch die Auskunstsstelle in Zirilstcllen gekommen, seien, davon nur höchstens zwei in Stellen der sogenannten Ruitungsmduftrie. Verschiedene Mitglieder beklagten, daß der Kriegsnnnrster nicht genügend mit dem Ausschuß -usammenarbeite und wohlgemeinte Vermittlungsvorschläge Zurückweise. Wenn der KriegSminifter die Verwendung vensionierter Offiziere in seinem eigenen Resfort, z. B in der Prciseabteiluna, ablehnc. so könne er sich nicht wun- dcrn, wenn auch außerhalb seines Ressorts wenig L-timmung dafür vorhanden sei. Ter K r i e g s m i n i st c r erklärte sich gern bereit aus zweckmäßige Permittluugsvorschlöge cmzugehen, aber mit der vorgcschlagenen private» Stellenvermittlung se, bereits ein Bersuck gemacht, der gescheitert sei Ein Nationallibcralcr gab zu daß sich dicker Weg bisher wenigstens als nicht gangbar er­wiesen habe Schließlicki waren auch Mitglieder des Zentrums und der Fortschrittler geneigt. Zuschüsse für eene vrivatc Dekmitilungs- stelle zu bewilligen unter der Voraussetzung, daß jede Bevorzugung von Firmen unterbleibt. Die amtliche Einrichtung lehnten sie nach wie vor ab. Der Kriegsminister erklärte sich bereit, aus den Boden dieses Porschlages zu treten und die Einrichtung einer privaten Vermittlungsstelle zu versuchen. Nach Auseinandersetzungen zwi­schen der Perwaltung und den Sozialdemokraten über den Fall Lettow wandte sich ein Nationallibcralcr gegen die zu weit gehende Forderung, daß verabschiedete Ofsizicrc überhaupt nicht in die so­

genannte Rüstungsindustrie cintretcn dürsten. Es wäre unbcrech- ligt, diesen Herren die Ausnutzung ihrer Fähigkeiten ganz zu ver­bieten: es genüge, wenn die vom Kriegsministcr zugesichertc Nicht- bcvorzugung der belrcssenden Firmen gcwäheleistct sei. Aus so­zialdemokratische Angrisse erwiderte der K r i c g s m i n i II e r , daß IN der Armce keine Politik getrieben werde, daß man aber vftichl- gemäß das Eindringen der Sozialdemokraiic in das Heer verhin­dere. Ein Fortschrittler bemertte. daß mit dieser Aussasiung die Tätigkeit des Gcneralck Krim und die Beteiligung aktiver Ossi- zicrc an seinen Vorträgen und Agitationen nickit übercinstimnic Tic Mchrfordcrung sür die Auskunftsstelle wurde dann gegen die Konservativen und die Nationalliberalen abgelehni: die Anregung eines Ausschusses sür e-ineprivate Versichern ngs stelle foH bei einen, anderen Titel aiisgenomnien werden.

Generalmajor Wild von Hohenborn machte Miileilungcii über die Fehlstellen im L s s > z i er k o r ps. Ihre Zahl ist sehr zurückgegangen, die Zahl der Fahnen,unkcr hat stark ,iige»omi»cn, die Kriegsschulen sind ii der Lage, den Abgang vollständig zu decken. Ter gewaltig gestiegene Bedarf an ll n t e r o s! i z i c r c n ist cbcnialls schon zum große» Teil gedeckt Tie Fehlstellen wer­den bald ganz ausgeglichen sein. Ter Mitberichter st alter bedauerte den Mangel an Tanilätsoisizicrcn: man

sollte bis zur dritten Leiung eine Besserung der Lage versuchen. Ter K r i e g S in i n i st c r erkannte die stckotwendigkcit an, dem Mange! abzuhelien. In kürzester Zeit hoffe er, mit einer Bor» tage kommen zu können, bezweifle aber, daß das Problem nur iinanzicfter Art sei. Auf die Ansragc eines Fortschrittlers er- Itärtc der Kriegsminifter, daß die HeercsverwalliiNg eine neue Heeres Vorlage nicht in Arbeit habe. Eine absolute Bindung könne sie natürlich nicht e,»gehen, denn wenn große Per aiideriiiigeii außerhalb Tcuischlands oder in der Technik auiirrten, so müsse dem Rechnung getragen werden. Vom Zcnlrum wurde die neue Agitation des Wchivcreiiis scharf kritisiert. Ter Rckrutcn- ersatz sei crschövst. Ter Kriegsministcr erklärte das für einen Irr­tum: noch in diesem Jahre habe man wählen können: 38 000 voll­ständig dienstfähige Leute seien übrrggcblieben.

Ter LpionageauSschutz. trat heute wieder zusammen, um die zweite Lesung des Gesetzes über den Verrat militärischer Geheimnisse zu beginnen. Ta die Erklärungen der Regierung zu dem grundlegenden Paragraphen 1, der den Begriu de" militärischen Geheimnisses scststcllt, nicht zu Protokoll gegeben waren, bcaniraglen Zentrum und Sozialdrmo- Iratic die Vertagung. Man habe, solange dfcic Erklärungen nicht im Bericht authentisch porlicgen, kein genügend klares Bild, um die zur zweiten Lesung eingcgangcnen AbändcrungSanträge der Fortschrittlichen VoliSvartei zu beraten. Tic anderen Parteien widcrsvrachcn: gleichwohl wurde die Vertagung mit 12 Srimmcn der Sozialdemokraten und des Zentrums gegen 9 Stimmen der anderen Parteien beschlossen.

Eine Arbeitslos« »Zahlung des Deutschen Lechniter-veibändes.

Ter etwa 30000 Mitglieder umsassendc Deutsche Techniker- Verband hat unter feinen Mitgliedern eine interessante Sta­tistik veranstaltet, die geeignet ist, Helle Streiflichter aus die Lage des Arbeilsmarktes zu wersen. Tic Art der Zählung sollte weniger eine Uebersicht über den Unifang, als über den Charak­ter der Stellenlosigkeit geben. Bon den Verbandsmitgliedern waren in München 10 Prozent, in Berlin 8,2 Prozent, in Ham­burg 7,6 lProzent, also säst ein Zehntel der Angehörigen dieser ältesten Organisation der deutschen Techniker, in den größeren Städten stellungslos, lieber den Eharokter der Arbeitslosigkeit entwickelte die -Zählung ein geradezu betrübendes Bild. Im Bau gcwerbe wurden von 37 Prozent der Stellungslosen Arbeitsmangel und von 10 Prozent Konkurs oder GcschästSausgabc als Ursache der Arbeitslosigkeit angegeben. In der Industrie sind die ent­sprechenden Zahlen 37 und 16. Von den Stellungslosen in der Industrie waren 29 Prozent über 10 Jahre alt, woraus man schließen kann, daß bei schlechter Konjunktur die älteren Angestellten zuerst abgeschoben werden. Tic durchschnitt­liche Tauer der Arbeitslosigkeit ist aus 120 Tage, bei den über 10 Jahre alten Angestellten aus l12Tage ermittelt worden. Tic Broschüre des Teutschen Techniker-Verbandes, der diese Zahlen entnommen sind, konstatiert, daß diese Zahlen noch über jene der arbeitslosen Holzarbinter und Bauarbeiter hinailsgehen und den Tcchnilcrstand an die Spitze der Beruse bringen, die unter der Ar­beitslosigkeit zurzeit am härtesten zu leiden haben. Bemerkenswert ist, daß die Arbeitslosigkeit bei den Ledigen geringer und bei den Verheirateten großer ist, und daß die Dauer der Arbeitslosigkeit bei höherem Alter znnimmi. Einen Beweis sür die Ersolge der Organisation erbringt die Zählung durch die Tatsache, daß die Organisierten iin Turchschniti 38 Tage, die Unorganisierten jedoch 19? Tage ohne Stellung waren. Ten Einwa'ld, daß er sich bei den Stellungslosen um Arbeitsscheue handele, die nirgends aus- halten und der Arbeit aus dein Wege gehen, widerlegt die Statistik dadurch, daß säst 10 Prozent der Angestellten mindestens 1 Jahr, oft bis 10 Jahre, in Einzeliällen sogar 1520, ja sogar über 30 Jahre in der letzten Steilung waren. Auch die Bemühungen um die Erringung einer neuen Stellung zeigen, wie ernst es den Stellungslosen darum zu lun war, sicheine neue Position zu cr- ncrbcn. 11 Prozent baben mehr als zwanzig Mal einen ab­schlägigen Bescheid erhalten, 21 Personen mehr als 50 Mal, 13 Prozent mehr als 100 Malz und 2 Prozent mehr als 200 Mal. Eine besondere Tabelle zeigt, welche Auswendungen die Arbeitslosen machten sür Porto, Fahrgelder, Inserieren usw, um eine neue Stellung zu bekommen. Es gaben ans: 81 Ange­stellte bis zu 10 Mark, 169 Angestellte bis zu 20 Mark, 127 Angcstellie bis zu 50 Mark, 55 Angestellte bis z» 100 Mark »nd 37 Angcstellie über 100 Mark In der Statistik des Technilcr- Verbandcs gaben 211 Angestellte, genau ein Drittel, aus den Frage­bogen a», daß sic unter Mictsschwierigkeiten zu leiden hätten und 181, das sind 29 Prozent, berichteten, daß es ihnen am Nötigsten zum Leben schlc. Tie Statistik ichließt mit der Wiedergabe einiger Clendöbilder, die zeigen, wie in den Kreisen der stellungslosen! Techniker sich alles das vereinigt finbet, was man sonst Mir unter den Krei en der Elendesten anzutrcf cn .gewöhnt ist: Auswanderung, Mitarbeit der Frau und der Kinder, Liienbarungscid, Etzniissionen, Jnanspnichnahme der städtischen Svciseanstalten und des Pfand­hauses, der Herberge zur Heimat und der Armenuntcrstützung. Die Broschüre kommt zu dem Schluß, daß angesichts solcher Zustände die Selbsthilse des Einzelnen und der Verbände nicht mehr genüge und daß die Staatshilsc in Form einer staatlichen Bcr- sichcrmig gegen Arbeitslosigkeit Platz greisen müsse.

Ans Stadt und lkanS.

Gießen, 2. Mai 1911.

Was der Mai bringt.

Run ist er endlich gekommen, der Monat Mai. Wenn auch der erste Tag kalt und unfreundlich war, so harren wir solches- Wetter nötig, damit der Erdboden den ersehnten Regen in sich ausnchmen konnte. Schon heute ist die Sonne wieder ge­kommen. Seligen Liebenssrühling feiert die Natur, und auch in der Mcnschenseele ruft sic neues Leben, neues Lieben aus:Blüh' aus, geirorner Christ!" Selbst im trockensten Herzen will sich ein neues Blühen regen: selbst der grämlichste Krittler verschmäht es nicht, durch die mailichen Wiesen und Felder zu spazieren

Kleistciis Frühling in der Tasche": aber die Jugend wird mai- toll. ES ist der Monat der Wunder: in vollem Märchenzauber prangt die Natur, aber selbst die Stcinwüsten der Großstadt über­schüttet der vcrsckiwendcrischc Monat mit einer Fülle reizvollster Gaben. Es ist der Monat der Freuden. Wenn in der WalpurgiS- nackit die Hexlein ihre große JabreSvcrsammlung aus dem Blocks- bcrgc abgchaltcn haben, daun hat der alte Volksglaube vollen Kehrau - g:niack>t mit allen düsteren Kobolden und llnholdcn, und er wendet «ich lichten Maiscsten und munteren Mailänzen zu: »nd die ck'riulicke Kirche hat diese alt>iermanisck>e Maistimmung klüg­lich übcrnominen und in den Mai daS Fest der Himmclsahrt des Herrn gelegt. Und schon lockt mit ver>ührerisck>eu> Tuitc die sorg­lich gekühlte Maibowle, und das erste Gericht leckeren Spargels wird mit gebührender Andacht empsangen.

Ja, gut hat cs die Natur mit dem Maimonat gemeint. Ter Hausgarten prangt im herrlichsten Blütcnschmuck: zarte, süße Honigdüste weht der Frühlingswind von den großen lilasarbenen und weiße» Dlütentraubcn der Fliederbüschc herüber: neben ihnen crsckließl der Goldregen seine wniidervollcu Blülciiiraiibcn.Gold­regen! O seht. Wie herunter er iällt Und doch an den Zweigen S.ch schwebend erhält!" So besingt Johannes Trojan das sallende Gold seiner gistigen Blüten. Unter den Bäumen strecken Birken Maien, wie der Baum bei den Mai- und Frühlingssestcn heißt und Buchen, die lange zurück waren, ihre glänzenden Blattiprcitcn aus, und einer unserer statllichstcn Laubbäume, die Kastanie, trägt anstelle der häßlich-n, bralinlich-grüncii Gebilde, die noch vor kurzem über de» Blattschirmen standen, weiße Blüten­kerzen. Rein weiß sind die Blüten, wie man beim genaueren Zu­sehen bemerkt, nicht, sondern die einzelnen Bliimenblättchen tragen gelbe Sasimale, solange sie an der srischcn Blüic sitzen; aUmählich verstirben sich diese Farbslcckcn, und wenn der Wind die ivelken- dcu Blüicnblättchci, von der vcr>velkenden Risve zu Boden weht, sind sic rot geworden. In Wald. Flur und Feld beginnen die Blumen einen förmlichen Wettlaus im ?l»sblühcn: im Walde blühen noch die letzten Allemonen zwischen den zarten grünen Blättchen des Waldmeisters, der allmählich seinen würzigen Duft verliert, der dem Menschen so oiigeiichm ist. sür die Pslanzc aber -ein Schutzstoss ist, kommen gegen das Ende des Wonnenionats die kleinen weißen Blüten hervor, die Walderdbeeren blühen aus, die Gänscsingerkräuter erschließen ihre Blüten, und die Maiblumen öffnen ihre Blutenknospen. Was sind eigentlich Maiblumen? Neucrdinas trag: nur noch das Maiglöckchen diesen Namen: srüher aber bezcichnel- man zwei andere. >>nn nahe verwandte Pflanzen cchenio, und stellenweise ist dies' Bezeichnung noch üblich. Es sind der Weißwurz, auch Siegelblume geuanut, »nd die Schattenblume, die wie ihr lalcini'cher Ariname Majanihemum hssolium besagt, nur zivei Blätier hat. die aber, ihrem Namen zum Trotze, gar nicht so feiten deren drei hervorbringt. Jetzt öisnen auch das Bingelkraut, Goldnesscln, viele Ranunkeln und Habichtskräuter ihre Blüten, an einigen, beiondcrS günstigen Stellen wagen sich schon Glockenblumen die bis spät in den Herbst hinein blühen mit ihren Blüten hervor, und vollends am Bache, aus der Wiese und im Sumvsc taucht ein wahres Heer von Blumen des Mai's aus: die Wasscrvrimcl mit ihren weißen Blüienirauben, der Wasserhahncn- suß mit seinen Ncinen weißen Blüten, der vrächtigc Sumpfticbcr- klee und viele andere. Aus sandigem Waldbodcn, namentlich im Kicsernwalde, recken sich die goldene» Blüten eines sonderbaren Gewächses, der WolsSmilch. empor, ja im märkischen Kiescrnwaldc sind >m Mai große Flächen davon sörmlich wie mit Gold übersät. Was inan bei dieser Pslanzc sür die goldenen Blumenblätter hält, sind, wie jedem Botaniker geläusig ist, Hochblätter, über denen die kleinen unscheinbaren Blüten mit den rotgelben Nektarien stehen.

Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus": also heißt es bekanntlich in unserem klassischen Mailiede. Ter Monat Mai £ ringt die Unruhe, die große Sehnsucht ins Blut, und die Reiselust beginnt zu gären. Noch liegen sreilich die großen Ferien sein, aber wie vieles lockt nicht bereits die reiscsrohcu Seelen! Ist doch der Mai derjenige Monat, wo die großen Ausstellungen ihre Psorien össnen. Köln ladet zu der Ausstellung deutscher Qualitätsarbeit ein, in Leivzig wird die mit Svanniing erwartete Internationale Buch - gewcrbeausstellung crössnet, und in Tarmstadt soll das bisher arg vernachlässigte deutsche Kunstschasse» von 1650 bis 1800 zur An­schauung gebracht werden. Wen es aber noch weiter in die Ferne zieht, den laden in diesem Monate die große Baltische Ausstellung zu Malmö und die Jahrhundert - Jubiläumsausstellung zu Kristtania ein. Das sind die großen Feste der Arbeit, die der dies­jährige Mai uns bringt.

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** Ter Großherzog und der Frack. Man schlecht demFrkst. Generalanzeiger" aus Hessen:Ein hessischer Schul­mann und Prosessor hatte an Großherzogs Geburtstag einen Or­den erhalten. Er sollte nun, wie dort üblich, dem Landcssürsten in Audienz seinen Tank abstattcn. Monatelang verschob er diesen Höslichkcftsakt, denn er hatte keinen Frack. Ter Herr Professor ist nämlich Gegner vom Frack. Er ist, nebenbei bemerkt, Gegner von mancherlei, vor allem von Alkohol »nd von Fleisch; er läßt seine Kinder nicht impsen, auch keine Schule besuchen, und vor allem trägt er keinen Frack: auch nicht bei solchen außergewöhnlichen Gelegenheiten. Tenn er ist prinzivienireu. Ta kam ihm ein retten­der Oftdanke. Er fragte beim Hosmarschallamt an, ob er nicht im gewöhnlichen Gehrock seinen Besuch bei hem Landessürsten ab- stalten könne. Es dauerte nicht lange, so kam vom .Hosmarschall­amt tclegravhisch die Antwort, Sc. Königliche Hoheit würde den Herrn Prosessor auch i»! Gchrock emvsangen. Am kommenden Emv'angrtag wird nun der Audienzsaal des Großherzoglichen Residenzschlosscs zu Tarmstadt den Sieg des Gehrocks über den Frack begrüßen können."

** Fabrik und Handwerk. Eine wichtige Entschei­dung zur FrageFabrik oder Handwerk" ist kürzlich von dem vrcußischendandclsminister getrossen worden. Ei» Kürschnereibctrieh in Berlin mir einem Jahresumsatz von 800000 Mark und 10 Arbeitern wurde als handwerksmäßig angesehen und zu den Handwerkskammerbeiträgen veranlagt, welcher Aussasiung der tzandelsministcr beigetreten war. Ter von dem Bctriebsinhabcr gegen die Veranlagung erhobene Einspruch war von dem Lkber- Präsidenten aus Grund eines lstutachtens des Inständigen Ge- werbeinspektors zugunsten des Bctriebsinhabcrs cntsckncden ivorden. Der Mimstcr hat jetzt die dagegen gerichtete Beschwerde der Hand­werkskammer als berechtigt anerkannt. In den Gründen dieser Ent­scheidung wird u. a. ausgeführt: Tie Absatzorganisation »nd die damit verbundenen kausmännischen Einrichtungen der Firma gehen über das im Handwerk übliche Maß hinaus, doch ist dabei zu berücksichtigen, daß die besondere Eigenart eines Kürschnercibe- iriebes, der sich mir der Verarbeitung wertvoller Pelze beschäftigt, ein über enge örtliche Grenzen binaiisgebendcs Absatzgebiet und eine entsprechende Organisatton verlangt, sosern er sich zu einiger Be­deutung entwickeln will. Grundsätzlich unvereinbar mit dem Be- griss des Handwerks ist eine solche Organisation nicht, wenn sic auch nicht die Regel bildet. Ter Handelsminister zählt dann die hand­werksmäßigen Merkmale des Betriebes aus, zu denen hauvtsäch- lich daS Vorwicgen der Handarbeit und namentlich die Be­schäftigung von gelernten Kürschnern gehörten, und sähet dann fort: Unter diesen Umständen ist die Enttcheidung über den Cha­rakter des Betriebes wesentlich abhängig von der gesamten Organi­sation Tabei ist die Organisation des Absatzes von geringerer Be- deutung, als die Organisakion des A r b e i t S p r o Z e I s e s. a.lcse muß aber als handwerksmäßig bczeickniel werden Tie ArbettSwelie in dem Betrieb der Firnpi entspricht im allgemeinen der >m