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\64. Jahrgang

Eescheiut tigilch Ausnahme der Saantags.

DieOietzever Zaiiniienhlätter" werden den, »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, dar itrerrblatt für de, Urei; Sieben" zweimal

wöchentlich. DieLanilwirtschastlichen öeii Ir«-«»" crfche,nen monatlich zweimal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

JmiiiT

>och. 29. ApM M

Rotationsdruck und Verlag der Drühl'ichen Unwerßtäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: ^^k>I. Redaktion: 112. Tel.-Adr.:AyzeigerGieße».

Mb. Deutscher Reichstag.

84S. Sitzung. Dienstag, den 28. April.

An, Tische des Bundcsrats: Unterilaatsfetretär Kirchner.

Präsident Dr. Sacmpf eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 15 Min. mit einer Begrüßung der Aögeordneten zur neuen Arbeit, in der Hoffnung, dich fie erfolgreich sein wird. lBrisaL.)

Die Zmpssrnge.

Auf der Tagesordnung stehen Petitionen, und zwar cm erster Stdlc zcchdeicke Petitionen, die sich auf die Jmpffrage be- ziehLn.

Du: Kommission beantragt, alle Petitionen zur Berück­sichtigung zu uberweisen.

Gleichfalls zur Verhandlung gestellt ist eine Resolution Bock (Saz.). die den Reichskanzler crufsordert, eine paritätisch aus Jrnpf- freunden und Jmpfgegnern zusammengesetzte Kommission zur objektiven Untersuchung der ganzen Impszwangsfrage so rasch als möglich zu berufen. Eine weitere Resolution Dr. Pfeiffer (Zeutr.) verlangt eine ähnliche Kommission, deren Material dann dem Reichstag als Denkschrift vorgelegt Wertzen soll.

Ein konservativer Antrag will nur diejenigen Peti­tionen zur Berücksichtigung überweisen, die nur eine Kom­mission zur Prüfung der rechtlichen und wissenschaft­lichen' Grundlagen des Impfwesens verlangen. Die anderen wettergehenden Petitionen sollen nur zur Erwägung über­wiesen werden.

Abg. Bock (Soz.):

Der Impfzwang widerspricht dem Wesen des Jmpfgesehes. Altan hat sich über den Ton der Jmpfgegner beschwert. Kann man stch über die Erregung wundern? Der Impfzwang wird vorzugsweise von den preußischen Behörden ausgeübt. Das ist bezeichnend. Es gibt tausende von Aerzten, die Jmpfgegner sind. Der Impfzwang kann und darf nicht mehr aufrechterhalten werden. Der Schutz, den das Impfen gewährt, ist sehr zweifel­haft und dauert höchstens zehn Jahre. Krankheits-, sogar Todesfälle kommen infolge der Impfung vor, jedenfalls öfter, als die amtliche Statistik angibt. Reine Lymphe gibt es überhaupt nicht. Lymphe ist Gift, und das wird zum Schutz gegen die Pocken den Kindern eingespritzt, von denen bis an 85 Prozent ohnehin krank sind! London, das den Impfzwang seit 15 Jahren, seit Einführung der Gewissensklausel, nicht mehr kennt, ist die pockenfreieste Großstadt der Welt. Die Statistik des Kaiserlichen Gesundheitsamtes ist nicht einwandfrei. Professor Ehrlich-Hata (Heiterkeit) hat* erklärt, die Zukunft ge­hört nicht der Impfung und dem Serum, sondern dem Radium und den X-Strahlen. Wir verlangen die Gewissensklausel wie in England. Die Regierung soll in andere Bahnen ein­lenken; unsere Zahlen kann sie nicht wegeskamotieren.

Präsident Dr. Kaempf:

D«e letzte Bemerkung, die Sie dem Ministerialdirektor zu- riesen, ist unzulässig.

Abg. Dr. Pfeiffer (Zentr.):

Leider sind immer noch schwere Schäden am Körper der nationalen Gesundheit festzustellen. Mrnisterialüirektor Kirchner hat früher von dem verbrecherischen Treiben der Jmpfgegner gesprochen. Letzthin sprach er ihnen sogar die Vernunft ab. Da müssen wir doch protestieren. (Sehr richtig! im Zentr.) Den impffreundlichen Eingaben scheint die Regie­rung nickt fernzustehen. Das Reichsgesundheitsamt scheint die öffentliche Meinung etwas bearbeitet zu haben. (Hört! Hört!) Wir verlangen eine unparteiische Kommission! Die Regierung muß grtten Willen zeigen. Sie. darf sich nicht hinstellen und von vornherein erklären: I moag net! (Heiterkeit.) Bei den Jmpfgegnern handelt es sich um keine Eigenbrödelei, keine hysterische Fiktion, sondern um eine aus der Erfahrung ge­wonnene traurige Ueberzeugung. Gesunde Kinder sind erst durch die Pinzette des Jmpfarztcs elend geworden. Die Darlegungen des Geheimrats Kirchner lassen die wichtige Frage offen, wie lange eigentlich der Impfschutz wirksam ist.

Eine ganze Reihe von Aerzten haben sich auch gegen die Kirchncrscl)en Darlegungen gewandt. Wenn hervorragende medi- zinischc Autoritäten sich gegen die Jmvfung erklären, dann darf doch die Regierung nicht einfach darüber hinwcggehen. (Sehr richtig!) Bei der Schaffung des Gesetzes ist an ein Zwangsgesetz nicht gedacht worden. Ich richte an den Vertreter des Rcichsjuftiz- omis hier direkt die Frage, ob in dem Jmpsgesetz von 1874 ein Zwang inbegriffen sein soll. Es schiert stch niemand um die vielen Ausländer, die ungeimpst in Deutschland leben. Das ist nicht konsequent. Die Untersuchungskommisston kann nur dann erfolgreich arbeiten, wenn sie paritätisch aus Jmpssreunden und Jmpfgegnern besteht. Herrn Gehcimrat Kirchner mochte ich Zu­rufen: Geben Sie Ihrem guten Herzen einen Stotz und stimmen Sie der paritätischen Kommission zu. (Beifall.)

Abq. Krahmer (Kons.):

Die ganze Jmpffrage ist in erster Lin,e eine medi­zinische Frage. Da aber auch unter den Medizinern me Meinungen über die Impfung geteilt sind, beantragen wir die Einsetzung einer Kommission, die erst einmal eine Klärung unter den Fackleuten herbeiführen soll. Wir können h,er nicht für die eine oder andere Richtung Stellung nehmen.

Abg. Fftchbeck (Vp.): ^ , .

Es handelt sich um keine politische Frage. Leider qt bei cken Wablen vielen Kandidaten geradezu die Frage vorgclegt »norden: Wie siebst du zum Impfen? Eine Minderheit meiner 'Fraktion ist impsgegnerisch. Die Mehrheit will aber am Jmps- xesetz nicht rütteln. Die Einführung der Gewis,cnsklausel Ware richts anderes als die Beseitigung des Impfzwanges. Wir shließen uns daher dem Anträge der Kommission nicht an.

Ministerialdirektor Dr. Kirchner:

Im Jahre 1911 hat die Reickstagskommission U ebergang zur Tagesordnung beantragt. Jetzt verlangt sie Berück­sichtigung dieser Petitionen. Was ist seitdem geschehen? Sind Tiusend- von Kindern zugrunde gegangen? Haben wir eine Pickencpidcmie gehabt? Richts ist geschehen. Die Pocken haben ahcnommen. Im Jahre 1913 waren in ganz Deutschland ncun- zckn Pockcnerkrankungen mit zwölf Todesfällen. Als ich hier iin RtchStaa pflichtgemäß meine Stellung darlcgte, da bm ick draußen im Lande von den Jmpfgegnern in der empörendsten Weye ver- leundct worden. Es wurde sogar an den Kaner telegraphiert, ich hätb gelogen. Von Dr. Wagner sind zwei schmähliche Broschüren ver^fentl'.ckt worden, in denen meine Ehre m ruckpchtslosester Weic angegriffen wurde. Ich wurde ein oberflächlicher, unwissen­der Mensch genannt. Man sagte, ,ch ginge mtt dem Schutzmami-- helm durchs Land, um die Kinder dem Tode zu überliefern. Das ist eine fabelhafte Verhetzung. Man veranastigt die Leutc mit Redensarten, daß sie damit chrc Kinder zur Scklachtbank führtm Namentlich Herr Wegner reizt durch agitatorische Reden die Levölkerung zum Widerstand gegen dre Staats-

9C Wittenberg mußte der Landrat persönlich auf die Leute einwirken, um den Widerstand zu brechen. Dieser, der jetzige Regierlngsprästdent v. Zedlitz in Köslin, hat dasselbe gesagt wie ich Dejenigcn. die die Leute so aufhetzen, handeln wenig richtig. Ich sage, ich halte es für verbrecherisch, nicht im gesetzlichen Sinne, vohl a»er im menschlichen, (Unruhe bei den Soz.) Wir sind aewin feine Götter und fehlerfrei, aber man darf diese armen Leute nchr zum Widerstand gegen die. Amtsgewalt aufl^i-ene

daß sie ihre Kinder verstecken und sie sonst der Änpfung entziehen.

Wir lasten uns jetzt jedesmal genau berichten, und schließlich bleibt uns nichts anderes übrig, als die Kinder zwangsweise zum Jmpf- arzt zu rühren. Der Arzt muß über die Impfung entscheiden, sonst muffen wir schließlich auf die ganze Impfung verzichten. Ich hätte den Aufdruck »verbrecherisch handeln" vielleicht nicht brauchen, sondern mich vorsichtiger ausdrücken sollen, aber es gibt doch keine ausreichende Vcranlastung. mich jetzt vor dem ganzen deutschen Volke zu prostituieren. Das ist mir die ganzen Jahre so gegangen. Ich habe ja das traurige Vergnügen, das Blatt der Jmpfgegner alle Monate lesen zu müssen. Da wird mein Name immer mit den tollsten Prädikaten genarmt. Ter Minister hat eingehend mit mir darüber gesprochen, ob wir nicht klagen sollten. Wir haben darauf verzichtet, denn solche Sachen richten sich selbst. Wer seine pflichtgemäße Ueber­zeugung vertritt, kann die Leute reden lasten, was sie wollen.

Diese Art und Weise hat aber schließlich nur den Zweck, me Reichsregicrung einzuschüchtern. Wir würden uns zu jedem Entgegenkommen bereit finden, wenn uns irgend ein ver­nünftiger Grund vorgehalten loürde. Der ?lbg. Bebel hat übrigens unsere Ansicht geteilt. Ich habe ihn bei einer früheren Debatte genau beobachtet. einer der Abgeordneten von

dem sozialdemokratischen Anträge sprach, bemerkte er zur Ge­schäftsordnung, dcc Antrag sei kein sozialdemokratischer, sondern lediglich ein solcher einiger seiner Freunde. Er ist also von den Unterzeichnern des Eintrages abgcrückt, und die Mehrzahl seiner Fraktion hat damals gegen die entsprechende Petition gestimmt. Und wie verfuhr man mit Bebel? Da wurde eine Abhandlung geschrieben:In t^rannos!" mit einem Gedicht:

Dem Frecheitslöwcnl Darin hieß es: Bebel, der einst der Freiheit Fahne schwenkte, sei jetzt altersschwach geworden und huldige dem Preußensäbel. Wenn ein Abgeordneter hier pflichtgemäß seine Ansicht vertritt, soll man ihn nicht mit der­artigen Gedichten verfolgen. (Große Heiterkeit.) Die Rede des Aba. Bock hat mich sehr enttäuscht. Das ist alles schon vor drei Jahren gesagt worden. Um es zu widerlegen, müsse ich meine ganze damalige Rede von zweieinhalb Stunden wiederholen. (Heiterkeit.) Früher waren die Pocken auf der ganzen Erde und auch in Deutschland verbreitet, und jedes Jahr hatten wir Epidemien. Das ist nicht mehr der Fall, dieser Tatsache kann man nicht widersprechen.

Seit zwanzig Jahren ist im Heere ein Todesfall an Wind­pocken überhaupt nicht mehr vorgekommen. Meine Zahlen srnd bemängelt worden, sie sind aber wahr! Der Redner weist die Angriffe der Jmpfgegner mit langen Zahlenreihen zurück und fragt dann: Habe ich nun gelogen? Oder habe ich nicht gelogen? Das ist wirklich zum Lachen! Der Redner führt weitere statistische Berechnungen vor und fragt wiederum: Habe ich nun den Reichstag belogen? oder habe ich die Wahrheit ge­sagt? Der Redner demonstriert an einer großen Skmb&rrte den Starü) der Pockenerkrankungen in den einzelnen Ländern, bleibt aber bei der allgemeinen Unruhe rm einzelnen unver­ständlich.

Es ist empörend, wie gegen die Jmpffreunde gehetzt wird. Man hat Plakate veröffentlicht, auf denen in großen Buchstaben stand: Impfung, Erkrankung, Tod! Jede Mutter

muß also deuken, sie führt ihr Kind dem Tode zu, wenn fie es impfen läßt. Das Impfwesen steht unter strenger Kontrolle. Die Bundesregierungen unterstützen jede wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiete. Wir haben überall Fortschritte zu verzeichnen. Und da sollen wir plötzlich einen anderen Weg einschlagen? Da sollen wir eine Kommission einsetzen. die Gewiffensklausel ein- führen, eine Entschädigung festsetzen? Das ist alles undurchführ­bar. In einer Kommission von Jmpssreunden und Gegnern würde es nie zu einer Einigung kommen. Haben Sie Vertrauen zu dem Gesunbheitsrat. Wir müssen die Voltsgesund- heit mit allen Mitteln schützen, auch mit Rücksicht auf einen künfti­gen Krieg. Ich könnte die Verantwortung nicht übernehmen, an dem fetzigen Zustand etwas zu ändern.

Geh. Oberregierungsrat Zimmer erklärt, daß der Impfzwang auf Grund des Gesetzes zu recht besteht. Wenn wir die Vorführung Minderjähriger gestatten, so ist das berechtigt, weil die Pfleger in diesen Fällen nicht ihre Pflicht tun und dem Gesetz entgegcnwirken.

Abg. Goetting (Natl.):

Das Jmpsgesetz ist ein wichtiges Bollwerk gegen eine gefähr­liche Seuche. Mit der Annahme der Kommissionsanträge würden wir die erste Bresche in diesem Wall brecheu. Wenn wir die Ge- wisteusklausel einführen würden, so würden wir nicht der wisten- schaftlichen Prüfung nachgeben, sondern einer großen Agita­tion i m V o l k e. Wir müssen standhaften gegen diese Er­regung. Die deutsche medizinische Wissenschaft ist an der Arbeit. Die Untersuchungen werden immer gründlicher. Eine Kommission würde keine Rübe Herstellen. Die ruhige wissenschaftliche Forschung würde nur gestört werden. Die Sache ist noch nicht reif genug, um heute einen Entschluß zu fasten.

Abg Frhr. v. Scheele (Welfe):

Die Sache ist sehr bedeutungsvoll. Leider haben sich die Re- ^,erungs:>ertreter die Sache sehr leicht gemacht. Die Statistik läßt auch andere Schlüffe zu. Die Handhabung des Gesetzes widerspricht dem Willen der Gesetzgeber. Es sollte kein Zwangs- gesetz sein. Die zwangsweise Vorführung älterer Kinder ist un­moralisch.

Das Haus vertagt sich.

Mittwoch. 2 Uhr: Ergänzungsetat. Jmpffrage und weitere

Petitionen.

Schluß gegen 7 Uhr.

Der Jahresbericht des Sewerbeinspektors.

v.

Ter in einer Mühle ausgebrochene Nachtbrand, bei dem die in der Mühle befindlichen Gehilfen nur mit Lebensgefahr ins Freie gelangen konnten, weil der Notansgang versperrt war, gab die Ver­anlassung, die Miihlenbcsitzer des Aufsichtsbezirkes durch ein Rund­schreiben auf ihre Verpflichtung hinzuweisen für Notausgänge und deren ständige Freihaltung zu sorgen. Tie Schaffung von Notaus- gängen muhte außerdem in einer Zigarrenfabrik, einer Möbel- und Kistensabrik verlangt werden.

Bleivergiftungen wurden bei einem Arbeiter der Bleiiarben- fabrik des Auiiichtsbezirls sowie bei 4 Anstreichergehilsen sestge- stellt. Tie Zahl aller im Anstreichergewerbe beschäftigten Arbeiter beträgt rund 400., Bei dem erstgenannten Arbeiter soll Mangel an Reinhaltung und Vorsicht die Schuld der Bergistung gewesen sein. Einer der übrigen war ein leidenschaftlicher Zigarettenraucher, der auch bei der Arbeit rauchte, zwei von ihnen waren schon früher an Bleivergiftung erkrankt und allem Anschein nach sür diese Krank­heit disponiert. Außerdem erkrankten auch 4 Arbeitgeber des Anstreichergewerbes an Bleivergiftung. Die Zahl der Anstreicher­betriebe mit iremdem Personal in der Provinz Oberhessen beträgt 299, die Zahl der Arbeiter 1539. An gisttgen Bleifarben wur­den nach den im Berichtsiahre gemachten Feststellungen etwa 66 209 Kilogramm Bleiweiß und 440 Kilogramm Mennige ln diesen Betrieben verarbeitet, an ungiftigen Ersatznnttcln (Lito- von usw.) 46 000 Kilogramm. Betriebe der keramischen Industrie, in denen Arbeiter mit bleihaltigen Glasuren in Berührung kom­men. sind nur in geringer Zahl rm Ausjichtshep-e? vorhan­

den. Bleivergiftungen wurden daselbst noch nicht sestgestrllt. Zue Berminderung der tstaubgciahr, der die Arbeiter beim Transport von Quarzitmehl in einer Dinassteinfabrik ausgcsctzt waren, und worüber sich diese Iviedrrholt beklagt iunten, wurde aus unsere Veranlassung eine zweckdienliche Aenderung an dem Brecherwerk vorgenommen. Obschon die an Basaltbreck>crwerken besckiäs- tigten Arbeiter im allgemeinen keine Klagen über die Nachteile des Basaltstaubes für ihre Gesundheit vorgebracht haben, lourde an 3 Steinklopsiverken, Ivo die Arbeiter dem Staub in stärkere»! Maße ausgesetzt ivaren, angeordnet, daß die Arbeiter nur halbe Tage am Brecherwerke arbeite». Merkwürdig ist die allgemeine Ansicht der in Kalkwerken beschästigten Arbeiter, daß der Kall­staub nicht nur nicht schädlich, sondern im Gegenteil lzauptsächlich bei Lungenkranken der Gesundheit förderlich sei. Ein Arbeiter erzählte uns, er sei, ivie alle seine Brüder, lungenkrank, und er verdanke aber die Erhaltung seines Lebens lediglicki dem Aufent­halt in der kalkstosiholtigen Atmosphäre, während seine Brüder schon gestorben seien. Tie Schamottesabrik des Auisichts- bezirks, in welcher der beim Zermahlen der Krugfcherben ent­steheiche Staub die Atmungsorgane der Arbeiter so sehr angriss, daß sie ständig mit der Arbeit aussetzcn mußten und der Kranken­kasse zur Last sielen, ist eingegangen. Die Benutzung mechanisch betriebener Gesteinsbohrmoschinen hat ans die Gesundheit tun bedienenden Arbeiter bis jetzt nachteilige Wirkungen nicht aus- geübt. In der Mehrzahl der Fälle loird unter stäichigem Iu- schütten von Wasser gebohrt, so daß kein Staub sich entwükekt. In einem Bruch mußte aber von ber Zugabe des Wassers ab­gesehen werden, weil sich infolge der Bodenbeschassenheit das Wasser verlies und der Bohrer sestsuhr. Man läßt hier aus Anraten der Gelverbeinspektion die Bohrleutc nur halbe Tage an der Bohnnoschine arbeiten. An einer mit Danips betriebenen Gesteinsbohrmaschine wurden namentlich bei kalter WiUenmg die Arbeiter durch die sich kondensierenden Wasserdänrvse mehr oder weniger stark belästigt und infolge der Nebelbildmig am Sehe» gehindert. Ticsein Mißstand ist durch die Einführung eines elek­trisch betriebenen TruckltistboltrerS abgeholfen loordew, ber dem Elektrornotor und Kompressor aus einem kleinen, überall hi» leicht fahrbaren Gestell rrnmittelbar miteinander gekuppelt sind und die elektrische Energie mittels Trahtleitungen durch Kraft­übertragung von einer Thnamourajchine mrs zugeiührt loird.

Während in einer Melallgießerei, in der Zrni und Legierung geschnrolzen werden, die Abtührnng der beim Gießen entstehenden schweren Dämpfe immer noch Schwierigkeit bereitet und durrh die Verbreitung der Dämpfe selbst irr der durch Türen abgeschlos­senen Formerei sich Unangenehm bemerkbar macht, wurde m einer neu errichteten Aluminiumtiegelgießeret festgestellt, daß beim Schmelzen reinen Aluminiums Dämpfe und Dünste überhaupt nicht austraten. Wohl aber mußte durch die Anbrrngung von Abzügen Vorsorge getroffen lverden, daß die VerbrennungSstoffe des ossenen Koksseuers nicht in den ÄrbeitSranm traten. Um die Wtige Hitze der Sonnenstrahlen im Sommer wirksam abzu» halten, hat eine Firma die Fenster der Arbeitsräume mir der von den Firmen Koch und Grün- in Osscnbach in Handel ge­brachten blauen Farbe Acalorin mit sehr gutem Erfolg ange- strichen. Das Kilo kostete etwa 2 Mk. und reichte sür 5 s 2 l-Metev Fensterfläche aus. Mit dem Wegsall einer Anzahl Tiegelösen so­wie eines Martinofens, an deren Stelle ein Kupvelosenbetrieb eingerichtet wurtze, hat sich in einer großen Gießerei die Lust: wesentlich verbessert und der Aufenthalt ist sür die Arbeiter viel erträglickwr geworden.

Ans dem Kapftel über die wirtschaftlichen Zustände der ?lr-- beiter enahren wir, daß im Aussichtsbezirk Gießen nur drei Werkkonsumoereine bestehen, und zwar auf den Eisenwerken zu Lollar und Hirzenhain, sowie der Hutfabrik von R. und M. Wegener in Blitzenrod. Die Hutfabrik unterhält aus ihre Kosten einen Verkaufsladen, in dem etwa 40 Familien ihrer Fabrik­angehörigen Spezereiwaren zum Selbstkostenpreis beziehen können.

Die beiden Konsumanstalten in Lollar und Hirzenhain sind Eigentum der Eisenwerke. In Lollar beträgt der Jahresumsatz rund 150 000 Mark, in Hirzenhain 97 000 Mark. Im Herbst werden auch Kartosseln, Gemüse und Hiausbrandkohlen im Großen bezogen und zum Selbstkostenpreis an die Arbeiter vergeben. Das Eisenwerk Hirzenhain sah sich, als vor etwa 2 Jahren wegen der überaus hohen Fleischpreise die Arbeiter mit Lohn­forderungen an die Direktion herantraten, genötigt, einen Metz- gereibetrieb aus seine Kosten einzurichten. Es wurde Vieh ange» kaust, von Werksangehörigen geschlachtet und das Fleisch zimt Selbstkostenmeis abgegeben. Diese Konsumschlächterei lmt man in diesem Jahr wieder aufgehoben und den Betrieb an einen Privatmetzger verpachtet. Eine Konsumbäckerei besteht seit Jahres­frist in der Stadl Gießen. Der dortige Konsumverein, dem meistens Arbeiter angehören und der auch Ziveigstellen in Butz­bach Und Friedberg besitzt, hat diese errichtet. Dem Konsumverein sür Franksurt und Umgebung gehören verhältnismäßig vicie Ar­beiter in dem südlichen Teil des Aussichtsbezirks der Umgebung von Franksurt an und werden von diesem auch mit Brot versorgt.

2ft» Stadt und Land.

Gießen, 29. April 1914.

** Veränderungen tit der 25. Division. Zum Oberleutnant befördert der Leutnant der Reserve: Ockel d. 5. Großh. Hess. Jns.-Rgts. Nr. 168 (I Darmstadt) Ter Abschied bewilligt: den Haumleuten: Geyer d. Landw. Inf. 2. Ausgeb. (Gießen), Gras v. Büdingen d. Landw. Feldari. 2. Ausgeb. il Darmstadt , diesem m. d. Erlaub», z. Tr. d. Unis. d. Großh. Art.-Korps, 1. Großh. Hess. Feldart.-Rgts. Nr. 25; dem Ober­leutnant: Haberkorn d. Landw. Feldart. 2. Ausgeb. (I Tvrm- stadt): dem Leutnant: Küchler d. Landw. Feldart. 2. Aufgeb. (I Tarmstadt).

** Ku n stvere in. Ein bedeutungsvoller Vorgang hat sich in letzter Zeit in dem oberhessischen Künstverein vollzogen, indem dieser neben den viel besuchten Wanderausstellungen zur Erwer­bung eines eigenen Besitzstandes übergegangen ist, der selbstverständlich zu gleicher Zeit der Stadt Gießen als Kern einer städtischen Kunstsammlung dienen soll. Als Grundstein ist das srüher hier ausgestellte Bild von Otto Ilbbelohde: Hessische Landschaft, sür den nach dem Urteil von Kennern sehr mäßigen Kausvreis von 1000 Mk. in de» Besitz des Kunstvereins über­gegangen. Nachdem srüher schon vrivatim sür diese» Zioeck 350 Mark gesammelt waren, hat der Kunstverein sür 4 Jahre je 100 Mark bewilligt, von denen 300 Mk. von einem Freund der Sache vorgestreckt wurden. Ter Rest von 2.50 Mk. lourde von der Stadtverordnetenversammlung in ihrer vorletzten Sitzung, wie berichtet, unter Wahrung des entsprechenden Teils am Besitz, einstimmig bewilligt. Durch diese Vorgänge veralilaßt, hat ein hie­siger lleiner Verein eine sehr interessante Skizze des früheren Gießener Studenten Tr. Hermann Keil, den seine Kunst nach Paris geführt hat, erworben, und es ist zu honen» daß sich noch andere Gießener Bereinigungen oder Private finden werden, die den Gedanken einer städtischen Kunstsammlung tatkräftig för­dern. Ties wird zugleich der Entwicklung des Kunstwesens in der ganzen Provinz Oberhessen sörderlich sein, und es ist sehr zu wünschen, daß der oberhessiiche Kunstverein seinem Namen ent­sprechend immer mehr Mitglieder nicht nur aus Gießen, sondern auch aus den weften Kreisen der Provinz bekommt. Selbstverständ­lich wird auch eine BeteiliMng aus den benachbarten preußischen Gebietsteilen, die lebhafte Beziehungen zu Gießen haben, echofst.

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