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Kr. 99

Zweites Vlatt

m. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Ti«Siebener .familienblätler" werden dem .Anzeiger' vicrinat wöchentlich bcigelegt, das Hicisblatt fSt den Kreis Sietzcn" zweimal wüchcnttich. TieLandwirtschaftlichen 3eil- sragrn" erscheinen monatlich zweimal.

ciefpe? lijeier

General-Anzeiger für Gderhefsen

Mittwoch. 2\ April *9^

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schet» Universitäls - Buch- und Steindruckerci.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schill« straße 7. Expedition und Verlag: e^e>1. Redattion:^4A112. Tel.-Adr.rAuzelgerGießen.

Die auswärtige Politik im vudgetausfchus; öe» Reichstages.

:: Berlin, 29. April.

Tie auswärtige Politik wird zusammeir mit dem Militärctat

wichtigste Stück der Verhandlungen des Reichstags in dem be­gonnenen Tagungsobschuitt bilden. Ter Budgctansschuß hat be­reits heute mit einer ausgedehnten Aussprach' über die Haupt­fragen eingesetzt. Ter Reichskanzler jehlte freilich: er will erst rm Plenum Rede und Antwort stehe». Trotzdem wurde heute den> mit seinen Räten allein anwesenden Staatssekretär des Auswär- ligcn nichts geschenkt.

Der Berichterstatter, Abg. Basscrmann, gab einen um­fassende» Neberblick über die allgemein: Lage. Als Gewinn der letzten Zeit bezeichnet: er die Festigung des Dreibunds, verkannte aber auch die drcibundgegnerischcn Untcrströmnngcn nicht. Tann erkundigte sich Herr Basscrmann nach dem Ergebnis der deutsch-englischen Verhandlungen, insonderheit bezüglich Zcntralafrikas; er besprach lveitcr eingehend nnier Verhältnis zu Rustland, zur Türkei, sowie unsere Politik im nahen Orient überhaupt Er warf dabei eine Fülle von Fragen aui, für die er Aniwort von der Regierung verlangte. Wie steht es mit dem Fall Berliners Welche Bewandtnis hat cs mit der »nsrennd- Itdicn Aeusterung Scisonows, wonach Deutschland die Absicht habe, aus handelspolftischen Interessen im Fahre 1917 internationale Verwicklungen hcrauizubeschworen? Ist die deutsck;: Regierung hiergegen vorstellig geworden? In der russische» Duma wurde die Absicht laut, besondere Einfuhrzölle nach Rustland und Finn­land für deutsches Getreide festzusetzen. Solche Vorgänge seien um so mehr beachtenswert, als ein hervorragender russischer Poli­tiker davon sprach, dast Rustland am Vorabende eines großen wrrtschostlichen Zweikampfes mit Deutschland stehe. Wie steht cs mit Rumänien? In unseren Beziehungen zur Türkei sckieine auf türkischer Seite eine Erkaltung cingetreten zin sein. Einen peinlichen Eindruck macht die Affäre mit der deutschen M i l i - Lärmission in der Türlei. Können solche Militärmissionen cincii nennenswerten Einstuß aut die Ausbildttng der türkischen Armee ausüben? Tic Belastung des deutschen Prestiges im Falle eines neuen Versagens des türkischen Heeres wäre bedauerliche Inwieweit sind die deutschen Interessen bei der Bagdadbahn gewahrt? Wer baut den Hasen von Basra aus? Welche Garan­tien sind geschassen für die Schiffbarmachung des Scdatt es Arab unterhalb Basras? Frankreich habe sich große Eisenbahnzuge- ständnisse gesichert in Snrien, Kleinasicn und Oftanatolien. Damit sei das deutsche Interessengebiet von allen Seiten durch französische und englische Uniernehmungen eingcschlosse». Bei den Potsdamer Abmachungen sei der Bahnauiststust an die russischen Bahnen in Persien gesichert worden. Wie steht cs mit diesen Bahnbaulen, und wie steht es weiter mit den Konzessionen für die Ausbeutung der Lcuchtölgnellen in Mesopotamien? Im ganzen must Ulan doch sagen, ,so schloß 'Abg. Äassermann, daß gegenüber den großen Er­folgen der anderen Mächte in der Ausbreitung ihrer Interessen­sphären aui deutscher Seite nur geringe Fortschriite auszuwcisen sind, so daß man die bcutfdjc Politik quietislisch nennen müsse.

Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes v. I a g o w ging in längeren, zum Teil vertraulichen Ausführungen auf eine .Reihe der gestellten Fragen ein. Zunächst äußerte er sich über biß 'Beziehungen unter den Trcibundmächten, die dauernd in voller Herzlichkeit und Intimität miteinander arbeiteten. In der Balkan- kriiis habe diese gemeinsanic 'Arbeit sich durchaus bewährt. Be­züglich der dcutick-en Militärmiffion in der Türkei bestätigte der Staatssekretär, sreilsch unter allerlei beschönigenden Wendungen, daß wir vor Rußland konsegucnt zurückgewichen sind. Uebcrgchcnd zur Besprechung unserer allgemeinen Beziehungen zu Rußland, be­dauerte er zunächst den bekannten Artikel derK ölni scheu Zei­tung, der keinerlei amtlichen Ursprung gehabt habe. Es sei in der Presse verbreitet worden, dast der riissischc Minister des Acußerii sich in der Dumakommission dahin geäußert habe, Deutschland hätte Rußland zur Zeit der letzten Haudelsvectragsverhandluiigeu in poli­tische Schwierigkeiten verwickelt, um einen günstigen Handelsver­trag zu erzwingen. Ter Minister habe derartige Aeußerungcn strikt in 'Abrede gestellt, und das Kommissiousprolokvll enthalte keine solchen Aeußcrungen. Des wetteren besprach der Staatssekretär den Fall 'Ko l j a k o w , sowie den Fall Berliner. In der Frage des Postpakclverkehrs nach Persien habe unser Protest in Petersburg Erfolg gehabt. Hinsichtlich der bevorstehenden Einführung von Mehl und Getecioezölleu in Rußland gebe unser Handelsvertrag keine Handhabe zum Einspruch. Bei den finnischen Zöllen ließe sich vielleicht der Sinn, wenn auch kaum der Wortlaut des Ver­fahrens geltend machen. Tic deutschen Argumente seien in Peters­burg zur Sprache gebracht worden, Rußland habe jedoch nach ihrer Prüfung erwidert, daß es sich zur Einführung der Zölle für berech­tigt halte. Ter Staatssekretär teilte weiter mit, daß die Behaup­tungen, die russischen Behörden hätten ein Verbot erlassen, wonach seitens der Regierung künstig keine Licserungen mehr nach Deutsch­land vergeben werden sollten, von der russischen Regierung bestimmt in Abrede gestellt werden. Zusainmcnsassend erklärte der Staats­sekretär, cs sei zu hoffen, daß trotz einer n i ch t z u v e r k c n n c >»- den II n t c r st r m m n n g und der vorgekommencn Auseinander­setzungen in Ocsscntlichkeit und Presse das alte Verhältnis ausrecht erhalten bleiben werde. Hinsichtlich Albaniens hasse die deutsche Regierung, daß der Fürst seine _ Ausgabe mit Erfolg durchsühren und daß Land und Volk prosperieren werden. Rach den Maßnahmen, die von der griechischen Regierung »ach Ilebergabc der Rote der Mächte cingcleitct seien, bestehe Aus­sicht, daß auch der Aufstand in E v i r u s bald abilanen tvcrde. Zur Orqanisieruna des Landes werde der albanischen Regierung eine Anleihe von 7.7 Millionen Franken garantiert werden, eben­so übernähmen die ?1r ächte die Garantie für eine 'Anleihe von 40 Millionen Franken für Montenegro. Hier wie dort würden sich die Mächte eine Kontrolle über die produkltvc Verwendung des Gel­des sichern. Dem Reichstag werde darüber nachAbschluß der Ver­handlungen Mitteilung zugchcn. Die Regelung der deutschen diplo­matischen Vertretung in 'Albanien solle derart erfolgen, daß ein Generalkonsul zugleich als diplomatischer Agent ernannt wird. Der Staatssekretär bemerkte dann nach, daß über die Cap- Kairo-Bahn kerne Verhandlungen mir England schweben, und machte pcrtraulick.c Angaben über den Stand der Verhandlungen über die asiatischen Interessen und über- die armenischen Re­formen. Ter deutsch türkische Handelsvertrag werde in diesen Tage» um citt Fahr verlängert werden. Tic Veröffentlichung der vicl- erörtrrteii Potsdamer Rede des Königs von Griechenland sei mit Zustimmung beider Souveräne erfolgt. Die Ansprache habe lcdig- !icki militärischen Charakicr gehabt und sei eine wertvolle Genug­tuung nach den vielen Angrissen aus die deiiische Armee gc- > xscn.__

Fii der sich au diese beiden Redeil anschließenden Aussprache wand:: sich ein Sozialdenrokrat gegen die optimistische 'Auffassung bezüglich des Dreibundes. Ein Fortschrittler betonte das starke Fntercisc des Reichs an einer starken Türken Tic öster­reichische Balkaiipolitik sei verschtt geivescil. Das Streben Ser­biens »ach einem Freihafen an der'Adria hätte mit Rücksicht auf den deutschen Handel unterstützt iverdcn sollen. Auf die weitere Be­merkung des sortschr. Redners, daß eine größere Geneigtheit der deutschen Regierung für den Abschluß von Schied-gcrichtsoerträgrn. zu wünschen sei. erwiderte Minißciiatt lrcktorKriege. die deulsche» gierungcn fei nd rchaus Nicht grnndiätzlichgcge.i solcheBertrge Fm Gegentei!, sic hätten in einzelnen Fällen ein schiedsgcrichtl. <treil- veriahrcn selber gewünscht. 'Aber von allgemeinen Schiedsgerichts- Verträgen sei nicht viel zu halten. Ein Ao-N sc r v a t i v e r be­merkte. mau dürfe die Lage aus dem Balkan nicht optlinistisch be- urctilen. Eii, dauernder Ruhezustand scr nicht erreicht. Fm großen lind ganzen könne man der dcutschcn Batkanvolirik ,»stimmen. Nicht berechtigt aber sei cs gewesen, wenn die deutsche Politik die Revi­sion des Bukarester Friedens verhinderte. Eine starke Türkei liege allerdings im Fntcrcsse Deutschlands. Tie Militärmission werde uns wenig Ruhm »ich viel Schwierigkeiten bringen.

Daraus wurde die Verhandlung abgebrochen.

B c r l i n , 28. April. Während der Beratung des Voranschlags des Auswärtigen in der Budgetkommission des Reichstages, die den Reichskanzler um sein Erscheinen gebeten hatte, verlas der Vor- iitzeiidc Tr. Spahn einen B r i c s des Reichskanzlers, in welchem dieser sein Erscheinen a b l e h n t c, da cs üblich sei, die auswärtige Lage nur im Plenum zu erörtern und nur, wenn es nötig sei, streng vertrauliche Auskünfte in der Kommission zu geben. ;<» dem letzteren liege jetzt kein Anlaß vor. lieber die auswärtige Lage äußere er sich im Plenum.

Au» ycsie«.

Ans dem Billschriften-AuSschuß.

rb. T ci r in st <i d t, 28. April. Ter v i c r t c Ausschuß der Zweiten Kammer hielt heute vormittag eine Sitzung ab, deren ersteui Teil auch die Herren Staatsministcr Tr. v. Ewald, Staatsrat L o r b a ch e r, Geh. Legativnsrat Dr. N e i d h x r t und Reg.-Rat Wagner beiwohnten. Es wur­den zumeist Berichte verlesen und fertiggestellt, so der des 'Abg. Korell-Ingelheim «her den Antrag Hauck, betr. die Verwendung des Urkundenstewpels und über die Vor­stellung des evang. Pfarrvereins, .betr. Vorschläge zur grö­ßeren Selbständigkeit in der Verwalt:«g des Kirchenvcr- mügenS, der Bericht des Abg. Stöpler über die Vorstel­lung des Gemein devvrstcindes zu Butzbach in Betreff des Vertrags mit dem Fiskus über den Bebauungsplmi beim Zellenstrafgefängnis, der Bericht des Abg. Hauck über den Antrag U r sta d t und Gen., betr. Ermittelung des Umfangs und des Wachstums der fideikommissarisch gebundenen Gü­ter und der Bericht des Abg. Senßfelder über die Vor- stellung der Bürgermeisterei Crumstadt, betr. die Verlegung der Apotheke von Crumstadt nach Goddelau. Diese Vor­stellung beschloß der Apsschutz für erledigt zu erklären, da die voir der Regierung erteilte Genehmigung nicht niehr rückgängig zu machen sei. dagegen tvird der Ausschuß ev. auch für die Genehmigung einer Apotheke in Crumstadt cin- tretcn. Weiter beschäftigte sich der Ausschuß noch mit der Borstellniig des Verbandes deutscher Granitwerkc in Karls­ruhe, betr. die Vernichtung der deutschen Schleiferciindu- strie durch die neuen Friedhossordnungen. Ten Bericht hier­über wird Abg. Aul er erstatten.

Einen dringlichen Antrag hat der 'Abg. B ä h r bei der Zweiten Kammer eingcrcicht, nach welchem die Re­gierung ersucht werden soll, den Ständen alsbald eine Vor­tage zu machen^ in welcher der Betrag von 80 Proz. der Vausumme als Staatsbeitrag für die Erbauung der Ne­benbahn von Hanau nach Büdingen angefor- dcrt tvird.

vereinsnachnchtsn.

n. Bogelsbergcr H ö h e » k l u b. Ter Vorstand des Vogclsbcrgcr Höhcnklubs hat nach sehr eingehender Beratung beschlösse», der Hauvlocrsammlung in Lich anstelte des verstorbenen Oberamtsrichters Rispel den Krcisrat Tr. Merck von S ch o t - t e n als ersten Vorsitzenden des Gesanttvereins vorzuschlagcn. Für den von seinem 'Amte zurückgctreteneu zweiten Vorsitzenden Krcisvctcrinürarzt Tr. T ch e > b e l - Offenbach wird Tr. Bruch- Häuser- lllrichstciu in Vorschlag gebracht. Rach eingehendem Bericht des Vorsitzenden des Bauausschusscs, Zahnarzt Jäger- Gießen, sollen imt Lause des Jahres eine Reihe höchst nötiger Reparaturen oorgcnommen werden. Tie Herrichtung des Schweizerhäuschens aui dem Hohcrodskopi als S ch ü l e r h c r - berge mußte bei voller Anerkennung des ideale» sozialen Ge­dankens zurückgcstcllt werden. Tic Leitung des diesjährigen Hoherodskopsscstes soll der Zweigvcrein Lauterbach in die Han.d nehmen.

Ter ZweigvcreinTaufstc in" des V-o gcls- bcrgcr Höhenklubs hat durch ircimülige Gaben für die Er­bauung des Er n st-Lu dw i g - Tu r m c s aus der Hcrchcn- h a > n e r H ö h c dcn Betrag von 1500 Mark ausgebracht. Da auch der Zweigverein Osfcnbach für den gleichen Zweck über 1000 Mark zur Verfügung gestellt hat und in der Kasse des Gesamt- vercins bereits rin reckt ansehnlicher Fonds für dcn Turmbau vorhanden ist, so dürfte die Vcrtoirklichung des seit Jahren geplanten Projekts damit in greifbare Nähe gerückt sein. Ter Turm soll aus Steinen erbaut werdcn und erfordert einen Kosten- auswand von rund 10 000 Mark.

Verein der Fahrbeamten Gießen. In der am Samstag im Felicnkellcr abgchaltönen Fahrbeamtenvenamm- lung wurde der Schaffner Schönhals zum zweiten Vorstand ge­wählt. Tic übrigen Mitglieder des Vorstandes wurden wie- dcrgcwählt.

ck. R e i s k i r ch e n , 25. April. Der Turnverein hielt heute seine Früh ahrs-Hauvtversammlung ab. _ Rach eingehcnzem Bericht des 1. Sprechers schritt man zur Ausnahme neuer Mit­glieder. 'Aus der ichulcntlaiseneu Jugend nmrdcn noch weitere Turnsreundc ausgenommen, io daß die Zahl der Mitglieder des Vereins aus 7t! gestiegen ist. Ein genrütlichcs Zusammensein schloß die stark besuchte Dersanimlung.

Lich, 27. April. Ter Turnverein unternahm gestern mit etwa 80 Teilnehmern einen lohnenden Turn gang über Münzenberg nach Butzbach. Mitglieder des Butzbacher Brndcr- vcrcins empfingen am Griedcler Tor die Wandcrcrichar und gcleitctcn sic durch die Stadt »ach dcni Hessischen Hos, wo im Verein mit den erschienenen Butzbachcr Turugcnossen bis zunr Abgang des 'Abendzuges noch einige gemütliche Stunden verlebt werden konnten.

8 Bad-Rauhe im, 2<i. Avril. Einen Lichtbilderoortrag über das Deutsche Turnfest in Leipzig veranstaltete heute der Turnverein 18G0 tu der Turnhalle, nachmittags für die Jugend, abends für Erwachsene. Tse klaren Bilder würben mit dankbarem Beffatl ausgenommen. - - Der Männcrturnvcr- c i n unternahm bei günstigem Wandertvetter einen Turngang, der bei zahlreicher Beteiligung von Ostheim über Jagdhaus Hu­bertus »ach Ziegenbcrg und von da über Ober-Mörlen zu­rück nach Bad-Rauheim hrte.

Gcrkchtisacil.

Zeugnisvcrweigerung.

Eine für die Geschäftswelt tr»i ch l i g c Entschei­dung hat am 17. April 1914 das Oberlandesgcricht in Tarm- stadl gegeben:

In einem Rechtsstreit sollte der Kontrolleur und Vorstands­mitglied eines VorschußvercinS als Zeuge u. a. darüber ver­nommen werden, ob und in welcher Höhe bei dem Vorschußverein Gelder aut den 'Namen des Beklagten oder dessen Kinder eingelegt seien. Ter Zeuge verweigerte das Zeugnis >»it der Erklärung, daß er hierzu von dem Aussichtsrat angewiesen sei, daß er aber auch selbst Mundsätzlickc Bedenken habe, Zeugnis abzulegeu. und aus Grund des S 383 Z. 5 Z.P.O. zur ZcuguiSvcrwcigcrung^ berecht:gt erscheine. Das Oberlandesgericht billigte diesen Slandrunkt mit der Begründung:

Ter 8 383 Z. 5 Z.P.O. berechtigt zur Zeiignisverweigerungt Personen, welchen kraft ihres Amtes, Standes oder Gewerbes Tatsachen anvcrtraut sind, deren Geheimhaltung durch die Natur derselben oder durch gesetzliche Vorschrisl geboten ist, in Betreff der Tatsachen, auf welche dir Verpflichtung zur Geheim- hallung iich bezieht. Ten Kreis dieser Personen hat das Reichs­gericht in seiner Entscheidung B. 53 S. 40 dahin begrenzt, daß sie dem Publikum gegenüber eine Vertrauensstellung cin- nchnren müssen, d. h. eine Stelle, zufolge deren einerseits das Publikum in die Lage kommt, ikmen Geheimnisse anvcrtrauen zu müssen, andererseits eine entsprechende Pflicht zur Verschwie­genheit besteht. Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, daß der Bankier und ebenso die mit Bankgeschäften sich befassen­den Kreditinstitute eine derartige Vertrauensstellung cinnchmcn. Sie sind deshalb zur Zcuqnisvcrweigerung berechtigt hinsichtlich derjenigen Tatsachen, die ihnen kraft ihres Gewerbes anvcr- traut sind. Zuni Begriffe des?lnvertraucns" gehört nun nicht, daß die Geheimhaltung ausdrücktich vereinbart ist, sondern an­vcrtraut sind alle Tatsachen, welche von dem Bankier innerhalb seines Gewerbebetriebs im Verkehr mit den auf ihre Geheimhaltung vertrauenden Personen wahrgenomme» werden. Dir heutige Ver- kehrSanschauung geht aber sicherlich dahin, daß derjenige, der mit eineni Bankier in Geschäftsverkehr steht, darauf vertraut, der Bankier werde über diesen Geschästsoerkehr Ltilltchweigen be­obachten. Hieraus ergibt sich eine allgemeine Schweigevilickt des BanIirrS. Prag auch auf Seiten des Kunden das Geheimhalte- bedürftlis hinsichtlich einzelner Tatsackzcn des Geschäftsverkehrs nicht besonders groß sein, so ist es doch nicht Sache des Bankiers, hierüber zu entscheiden. Den glcichcm Standpunkt haben auch andere Gerichte schon eingenommen, so ist insbesondere auch schon ausgcsvrc>ch:en worden, daß tov Wechselverkehr eines Kaufmanns mit einer Bank oder erncm bankäinilichrm Institut nach allgemeiner kaulncännischer Anschauung als Geichäjtsgeheimnis gilt und der Grundsatz der Gcheimhaltungsvilicht hinsichtlich der Gcschäftsvcr- bindmig einer Sparkasse mit ihren Einlegern ausgestellt. Tic Zcugnizvcrwcigerung des Kontrolleurs und Vorstandsmitglieds des Vorschußvcrcins war hiernach berechtigt. (V. 130 14s.

X Bad-Orb, 27. April. Zur Einlage de? Truvven- übungsplatzes für das 18. 'Armeekorps bei Orb mußten bekanntlich einige Gemeinden von ihrem 'Ackerland c:nd Wald­bestand mehr oder weniger Gebietsteilr abtrcten, während das Kirchdorf Lettgenbrunn und der Weiler Villbach mit ihren Gemar­kungen völlig in d:m Ucbungsvlatz aulgiugcn. Wegen der Ent­schädigung für dcn Grund und Boden kam keine Einigung zwischen dcnr Fiskus und einzelnen Landwirten der fraglichen Orte zustande, weshalb vom B zi ksaus'chuß dis Enteignungsvcrsahrcn durch- gcsük.t und die Cmtschädigcmgssestlcgungcn bestimmt wurden. Ein« Anzahl Landwirte gaben sich aber auch mit diesen Festlegungen nicht zufrieden und beschriltcn dcn Rechtsweg. Zu ihnen gehörte auch der Landwirt Jakob Stuhr aus Lettgenbrunn, denr 50 00h Mark für sein Besitztum zu wenig schienen. Während der Rach- taricrung seines Grundbesstzes meinte er zu einem Sachverstän­digen unter Anspielung aus einen Landwirt in Vitlbach, dlw für feilt Gut 30 000 Mark über den Taxwert erhalten haben sollte, wenn ich auch so gefüttert worden wäre, hätte ich den Prozeßiveg nicht beschritten." In dieser Acußeruug erblickte die Intendantur des 18. Armeekorps einen unberechtigten Vorwurf ihrer mit dem Griindcrwerb beaustraglen Beamten, stellte Ttrasoutrag wegen Beleidigung gegen dcn Landwirt und erzielte damit vor dem Schöffengericht in Bad Orb dessen Verurteilung zu 80 Mark Gcld- strase. Gegen dieses Urteil legten der Amtsanwalt u»d der Ver­urteilte Berufung rin, über die heute vor der Hanauer Straf- lammcr verhandelt wurde. Tos Gericht verwarf beide Bcrusun- gcir und beließ es bei dem schöffengcrichtlickrn Urteil. Es icdiotz sich den Feststellungen des ersten Richters mit der Begründung an, daß der Angeklagte mit seiner Acuße.rung habe sagen wollen, die Beamten der Intendantur haben Pflichtwidrigkeiten begangen, indem sie einem Atanne nichr gewährten, als sein Grundbesitz wert war.

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