Nr. 99
Tn Eichener Anzeiger
erscheint täglich, nutzer Sonntags. — Beilagen: viermal wöchentlich SicheniiLafnilienblötter: zweimal wöche,UlAieiL- blottsürdenllreirSichen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. land- «irlschofllichr Zeilftagen Fernforech - Anschlüsse: für tue Redaktion 112, Verlag 11 . Eroedinon öl Adresse iür Depeschen: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen chr die Tagesnummer bis vormittags 8 Uhr.
Erster Blatt
M- Zchrgang
Mittwoch» 29. April *9$
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und Verlag der Briihl'fchen Univ.-Vuch- und Steindruckerei R. Lange.
Bezugspreis:
monatlichlöM., vierteljährlich Mk. 2.20: durch 'Abhole- u. Zweigstellen monatlich Sb Psg durch diePost Mk.2.— viertel- jährl. auSschl. Bestellg. ZeilenpreiS: lokal löPf„ auSivärts 20 Mennig. Chesredakleur: A. Goch. Permitwortlich für den volit. Teil: Aug. Goeh: für „Feuilleton", ,Bek- mischteS" und.Gerichts- fnal": Karl Sieurath: für „Stadt und Land":
- .... , _ , Kurt Bend»; für den
Redaktion, Expedition lind vr'-ickercl: Schulstrahe 7. Aiizeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umsaht 12 Seiten.
Die neuen Nardinäle.
Man schreibt uns aus Berlin: Papst Pius X. hat, lvic schon der Draht meldete, beschlossen, am 25. Mar ein geheimes und am 28. Mai ein öffentliches Konsistorium abzuhalten. Bei diesem Anlässe werden zwölf kirchliche Würdenträger den Kardinalshut erlangen <in unserer gestrigen Notiz >var ein Fehler unterlaufen: cs handelte sich natürlich nm die Ernennung von Kardinalen, nicht Erzbischöfen), darunter als Deutsche der Erzbischof von Köln, Tr. v. 5gart- nrann, und der Erzbischof von München-Freising, Tr. v. B c t t r n g e r, sowie der Erzbischof von Wien, Dr. P f i f f t. Tics es neue Konsistorium zur Ernennung der Kardinale sollte schon im Monat März abgchaltcn werden. Ter Termin wurde aber verschoben in erster Linie mit Rücksicht auf die Kölln-Essener Vorgänge. Es war bereits mehr als zweifelhaft, das; der Kölner Erzbischof diesmal den ihm seit lan- gcni zugcdachtcn Purpur erlangen iverdc. Za, es wurde in nattkanische» Kreisen sogar als fraglich bezeichnet, ob er ihn unter Pius X. überhaupt erhalte. Aber dann wurden die Bischöfe des „verseuchten Westens" Deutschlands von Rom 'angewiesen. das; ein Soudcrgesandier des Papstes sich in Kürze mit jedem einzelnen über die Streitfragen unterhalten werde. Und so renkte man alles wieder ein. Tie Wahl Tr. Hartinanns wurde möglich.
Auch die Kandidatur des Münchener Erzbischofs Tr. v. Bettinger stieß aus ungewöhnliche Schwierigkeiten, die aber der bettlerische Ministerpräsident v. Hertling infolge seiner vorzüglichen Verbindungen in höfischen und kirchlichen Kreisen beiseite räumte. Tic größte Schwierigkeit bestand in gewissen Rücksichten aus das- Wittelsbachcr Fürstenhaus: ein Kardinal beansprucht den Vorrang vor den Prinzen von tKeblüt, eine» Vorrang, den inan bisher der Kurie nicht zu- .gestehen wollte. Bedenklich war auch an dem „Vorleben" des Herrn v. Bettingcr, daß er seiner Zeit in der Pfalz mit der Sozialdemokratie paktierte. Endlich mußte auch an der finanzielle,! Seite der Frage, an der Deckung der mit dem Kardiiialpostcn verbundenen Rcpräsentationsckusgaben lange gearbeitet werden. Alle diese heiklen Aufgaben hat Baron v. Hertling in einer Weise erledigt, die der „akatho- llickfen" preußischen Diplomatie nicht möglich gewesen wäre. Die Rechnung wird wohl auch dafür präsentiert werde».
Neben dem Wiener Erzbischof Dr. Pfifft steht auf der Liste ft er Kardinalkandidaten auch der Erzbischof von Gran, 'Dr. C s c r n o ch , Fnrstpriinas von Ungarn. Unter den Italienern sind der Erzbischof della Chi es a von Bologna und.Msgr. Giustini von interessanter Bedeutung. Della Ehiesa wird seit Jahren vor allen Konsistorien auf die Liste gesetzt, aber erst jetzt kann er aus die Verwirklichung seines Wunsches und auch seines Rechtes allen Ernstes rechnen, ivcil das Hindernis seiner Ernennung, Kardinal Rampolla nicht inehr lebt. Tie Kamarilla Merri dcl Val, de Lai nsw. hiniertriebcn nämlich seine Beförderung, weil sie die Zugehörigkeit dieses intimsten Freundes Rampolla» zum Kar- Linalskollegium als eine Gefahr ansahen. Nun aber der große Sizilianer unter der Erde ruht, kann della Ehiesa, der getreueste von seine.» Anhängern >m Kardinalskollegi.im, iiick't mehr schaden. Unterrichtete Leute aber werfen bereits die Frage auf, ob nicht gerade della Ehiesa, dieser hochintelligente Diplomat im Prälatengewande bestimmt sein wird, eine führende Rolle im Kollegium der Kardinale, ja sogar in -.inein Konklave der Zukunft zu spielen? Ein sicherer Kandi
dat ans den Purpur ist ferner Msgr. Giustini, der Sekretär der Sakrainenkskongrcgation. Seine Vosörderunff ist geradezu eine Ehrenpflicht für den herrschenden Papst. Pius X. Hai im Oktober lf)ll diesem Prälaten höchst persönlich seine bevorstehende Erhebung zum Kardinalat mitgeteilt, worauf Giustini sich sofort eine standesgemäßere Wohnung mietete, Pferde und Wagen anschaffte, nm schließlich die betrübende Nachricht zu erhalten, daß seine Ernennung znm Kardinal aus das nächste Konfistornilm verschoben sei.
Da» Problem der Nachfolge Tr. Kopps in der Karbinal- stellnng wird also in dem kommenden Konsistorium nicht gelöst werden. Aber da nun jedenfalls zwei deutsche Kärdi- näle in Aussicht stehen, braucht man der Lösung dieser Frage nicht mehr mit so großer Spannung cntgegenzusehen. Man gebe sich doch überhaupt keiner Täuschung darüber hin, daß, solange der.starke Eigenwille Piu» X aus dem päpstliche» Stuhle sitzt, der Nachfolger Tr. Kopps eilten merkenswerten deutschen Einfluß auf die vatikanische Politik ausüben werde. Für die Verwaltung.der Kirclfc kommt ja leider nicht allzu viel daraus au, ob es./wutsche Kardinale gibt oder nicht. Die Mehrheit und die gcr>rdezu erdrückende Üebermacht besitzen doch die Italiener im Konsistorium. Tie Kirche ivird seit 1870 in ab|olir*rti Formen regiert. Einen! eigenen Willen haben die Bischöfe kaum noch, die deutschen am allerwenigsten. Maßgebend ist nur noch der Wille des Papstes und seiner intimsten Ratgeber. Tie Regierung, die sich die Borromäus-Enzyklika, den Modernisteneid, die Ausschaltung der weltlichen Gerichtsbarkeit für den Klerus und die Gcwerkschafts-Euzvlliia gefallen lassen mußte, wird mit zwei oder drei deutschen Bischöfen im Kardinalskolle- giuni zu Roin nicht viel mehr ausrichten als bisher. Trotzdem darf man sich in Deutschland auf die Ernennung der beiden deutschen Kardinäle freuen, weil sie immerhin eine Abschlagszahlung sind.
Die mexikanischen wirren.
sind zu einem gewissen Stillstand gelangt. In der Hauptstadt Mexiko ist es gar zu Kundgebungen gegen Huerta gekommen: welchen Umständen das zuzuschreiben ist, bleibt noch unklar. Earranza. und Villa scheinen sich überworsen zu haben. Dazu hat das Verniittlungsangebot der südamcri- tanischen Staaten noch eine Pause zum Atemholen geschaffen. Die g r o ß e ii 2 ch w i e r i g k e i t e n zur Lösung des mexikanischen Problems sind aber dadurch keinestvegs geschwunden. Es ivird sich bald zeigen, daß neue Unbequemlichkeiten den Herren Wilson und Bry-an das Regieren sauer machen' werden. Wir erhalten folgende Nachrichten:
Kundgebungen gegen Huerta t« der mexikanischen Hauptstadt.
V c r a c r u z, 28. April. Nach Meldungen aus der Stadt Mexiko hat sich dort seit zwei Tagen eine freundlichere Haltung gegenüber den Ausländern bemerkbar gemacht. Dies wird teils daraus zurückgeführi, daß die Anhänger der Insurgenten bcmülft sind, in der Stinimung des Publikums einen Wechsel herbcizuführen. Es wurden Flugblätter in Umlaus gesetzt, in denen das Volk ersucht wird, die Amerikaner zu schützen und in denen Huerta gtbrandmarkt wurde, weil er die Landung der Amerikaner in Veracruz verursacht habe, und in denen das Volk ausgesorderi wurde, an einem Umzuge zum Zeichen der Mißbilligung Huertas tcilzunchmcn. Der Umzug fand am Samstag statt mit der Erlaubnis Huertas. Hieraus wird geschlossen, daß H u e r t a s M a ch t s i it 11. Flüchtlinge teilen mit, daß Huerta nach der Kundgebung sich in einer fremden Gesandtschaft versteckte, da er fürchtete, ermordet zu werden.
Die Amerikaner i» Bcracruz.
Vcracruz, 28. April. Mehrere Transportschiffe mit Truppen unter General Fuuston Und hier angckommen. Sobald diese ausgcschisst sind, wird Admiral Fleicher, der bisher hier die Operationen leitete, sich wieder auf sei» Flaggschisfzurückzieheu. Ebenso werden alle Matrosen wieder an Bord der Schisse zurück- lehren.
Tic Flüchtlinge aus Mexiko.
M exi ko, 28. April. Bis jetzt haben gegen 500 Eng- lander Mexiko und Veracruz verlassen. Von den Deut sckfen benutzlen 00 Personen die vier Ausländerzüge nach Veracruz zum Verlassen der Hauptstadt. Aus Chihuahua, Parral, Torreou und Dnrango brachten sicki s a st o l l c Deutschen nach El Paso in Sicherheit.
Eiiigeschlossenc Angestellte einer New Norker Oelgescllschast.
Washington, 27. April. Das Mariuedepartcmenk ist von einer N c w ?) o r kcr O e lge sc l l s cha s t. die Ländereien im Bezirke von Tampico besitzt, um Absendung einer amerikanischen Truppe ersucht worden, um 100 ihrer Angestellten z u retten, die sich jetzt ans den Oelländereicn, 75 Meilen südwestlich von Tampico befinden. In dein Gesuche wird erklärt, daß die Leute gut be waffnet seien, daß sic aber infolge der Kämpfe zwischen den Konstituttonaliften und den Regierungstruppen nicht zu den amerikanischen Schissen gelangen können.
Neue Känipse.
In der Nähe der Stadt Mexiko ist eine 2 ch l a ch t zwischen den Insurgenten und den Regierungstruppen int Gange. Ter Ort der Kamvftai ist noch unbekannt. Ter Rcgieruugsgeucral Vclasco. der in dem Kampfe zweimal verwundet wurde, ist mit 4 00 verwundeten B u u d c s s v l d a t e n in der Stadt Mexiko em- getrosfen. General P e n o ist in der Schlacht gefallen.
Bei der Einnahme der Stadt M o n t c r c y hatten die mexikanischen Insurgenten 100 Tote und 200 Verwundete. Tic Rc- gicrungsiruppcn verloren 300 Mann.
Tic Pcriuittlung der sitdaiucrikaiiifchcit Staate».
Washington , 28. April. Der svamsckw Botschafter R>- ano teilte dem Staatssekretär Bryan mit, daß Huerta imPrinziudteVermittcluugbedingungslosan- genommenhabe.
Montevideo, 28. April. Der Präsident von Uruguav und der Minister des Aeußern haben beschlossen, die Vcrniitte- lung Argentiniens, Brasiliens und Elfiles in der mexikanischen Frage zu unterstützen.
Buenos Aires, 28. April. Tic Regierung tiat ihre Ge- uchmüguug zu einer Protestkundgebung gegen die Intervention der Vereinigten Staaten in Mexiko versagt. Der Rkinistrr deS Aeußcrn erklärte, die Mediation der südämertkanischen Republiken stelle keine BediiDungen. Der Minister stellte es in Wrcde, daß sie die Absetzung Huertas zur Grundlage habe. Bottoien und Nicaragua erklärten sich .Argentinien gegenüber bereit, sich der Vermittlung anzuschlicßeu.
Deutsches rreicv.
Ter gefälschte Kaiserbrics. Ter Äultusiuinister v. Trott zu Solz gab am gestrigen Dienstag im preußischen A b g e o r d u c t c n b a u s c über die Angelegenheit der Bcröfseni- lichuug des Kaiserbrieses iolgcndc Erklärung ab: Nachdem die Angelegenheit mit deni Briese Sr. Majestät des Kaisers und Königs au die Frau Landgräfin von Hessen lker in diesem Hause zur Sprache gekommen ist, möchte ich auch von dieser Stelle aus in aller Ocsienilichkeit bestätigen, daß di' erwähnte Mitteilung der „Nordd. Allg. Zig." in allen ihren Punkten zuircssend ist. Ich habe de» Brici Sr. Majestät au die Frau Landgräftn selbst gelesen und in dicscnl Briese ist keine Ausführung enthalten, die sich gegen die katholische Kirche, die
Die Erschließung des Nachlass Eoeihes.
Von Adolf Tc u icn b erg (Weimar).
Teilt Uncingenreihten, dem die Wissenschaft um Goethe ein fertig abgeschlossenes Maoitcl der Kulturgeschichte des l9. Jahrhunderts erscheint. maa es wie ein Märchen klingen, daß die Erschließung der Nachlafsenschaft Goethes erst heule, nämlich mit der Eröffnung eines musenmariigen Anbaus zum Weimarer GocthehauS, eine vollzogene Tatsache sei. lind doch ist dem so! Große Teile dieser Nachlasscnichaft von bedeutendstem Gelfalt und von hohem wissenschaftlichen und künstlerischen Wert lagen bisher ungenützt in Truhen oder in vollgepfropften Schränken da. keinem Menschen zugänglich. Nach den Worten des Neuorganiiätors des Goethe- lfauscs lagen bisher mein weniger als 2000 Zeichnungen von Goe- tlfes cigrucr Hand, ferner ebensoviel Zeichnungen von Meistern aller Schulen, dazu über 3000 Blatt Kupferstiche, Lithographien und Holzschnitte, nnicr ihnen die seltenste» und schönsten Arbeiten. ebenso eine bedeutende Sammlung von Bildnisblättern »nd Silhouette», sowie viele Tasel- und Galcriewerte gleichsam „brach und tot", zum größten Teil auch noch ganz unzurcickumd untergebracht und dem Verderben ansgesetzt. Etioa 4000 Medaillen und Münzen, unschätzbare italienische Plaketten, viele Tausende von Gips und Schweielabdrückcn antiker Gemmen und Münzen ioarcn eingcichlosscn. Die botanischen Sammlungen, Herbarien, Eammelkollektioncn, Hölzer »nd zugehörige Zeichnungen und Kupfer, ferner die Eonchylien iind andere zoologische Gruppen, die «nlhrovologischeii, osteologiichen, ethnographischen Sammlungen waren nur zum licinsten Teile sichtbar. Die sehr umfangreiche und überaus wichtige Mineraliensammlung stand bis auf die Schränke im Vorzimmer, in zwei abgelegenen Gartenpavillons. Tic vhusika- liicheu Jnftruinentc für die Öpttk, die Farbenlehre, die Elekfr,- zifäi, die Meteorologie waren in zwei Schränken unübcrfichttich zuiammcngedrängt. Nimmt man hierzu Goethes deutlich ausgc- iorocheneii Wunsch, seine „so komplizierte, so mannigfaltige, so bedeutsame Nachlassenschaft" möge „nicht auseinandergetrennt", sondern „durch Ankauf in eine ösfentlrchc Weimarische Kunstsammlung übcrgclfcn" und so konserviert werden, wie er sie gejam- meli habe, nämfich „mit Plan und Absicht und zu einer folgereck,tcn Bildung" der uachkommcnde» Geichlcchier —, so wird nicht nur klar, daß das große Erbe Goethes bislang toirklich ungenützt und als ime Last vergraben moderte, sondern cs erscheint bei nahe als eine Ungeheuerlichkeit und ein Frevel, daß der Schatz nicht eher schon ans Licht gehoben wurde.
Was lange verabsäumt Ivnrde, ist soeben durch die Eröffnung des Anbaus zum Goethehaus vollendet loordcn. Tic gesamte Nach- lasscnschast des eiirigsteii und verständigsten Sainmlers steht in ihrer ganzen Breite und Vielgestaltigkeit dem Beschauer und dein lieicr forschenden Besucher in eineni eigens crrichiclcn Hans offen
vor Augen, Das Aeußcre dieses Hauses, das sich baulich au das eigentliche Goethe-Wohnhaus anlchnt, ist schlicht und reck» in dem einfachen Stil Alt-Weiniars errichtet und ordnet sich^ dem Hauptgebäude unter. Das Innere aber ist eine sttahlendc Schatz- t'tmmor, deren Reichtum in rein sachlicher Hinsicht die mehr ans Persönliche gehefteten Werte des eigentlichen Goethelrauses womöglich noch überglänzen.
Im ersten der 5 Räume, die der Besucher, ii» l. Stvckivcrk den Rundgang beginnend, betritt. — das Erdgeschoß ist Hausmeister- Wohnung -- springt dieser Reichtum nicht sogleich in die Augen, Wir stehen indem schön bellichieten Stndicnsaal, der Goethes Kunstblätter, mavoenweisc geordnet und durch Kartons geschützt, vollständig cntlfäli. In die rcichgetäsclte Wand - Nußbaum mit schwarzer Einlage — sind etwa zwölf Sckfränke eingebaut, aus denen dem Beiuchcr die gewünschten Mappen, mögen sic nun Goethes eigene Zeichnungen, alte Meister, Kupferstiche, Holzschnitte oder Lithographien enthalten, gereicht werden: ein in der Mitte des Saals stehender, großer Tisch bietet mehreren Besichtl- gcrn zum Vlusbrciten der Köstbarkerten genügenden Platz, Tie Türen der Schränke sind nril Glasscheiben versehen, hinter denen die ichönstcu Blätter abwechselnd ausgestellt werden.
Ter angrenzende, nach der Straße zu gelegene Saal bringt dem Eintretendcn seine Schätze unvcrhülit entgegen. Hinter den Glasscheiben hellbrauner Schränke und Vitrinen aus ichwarz eingelegten, Birkenholz gleißen und glänzen manniosaliigstc Gegenstände von Kleinkunst: Sclienc Münzen und Medaillen, zahllose Abgüsse von Gemmen und Kameen, imlndcrbare Plaketten, auch persönliche Reliaui.m von Goethe nild da,»! die herrliche berühmte Majolilasommlnng, die hier erst in ihrer ganzen Pracht zur Geltung kommt, Zn ihrer Gesamtheit zeigen die beiden Säle einen geradezu erstaunlichen Umsang der Goeilfeschen Sammel- tätigfeit: jie werden iür ein Studium von Goethes Kunstan- schauungen eine reichlich spendende Quelle der Erkenntnis und des Gcnusics werden.
Eine Treppe Iföher tun sich die Wunder von Goethes natnr- wisscnsckaftlick er Anschaunngs- und Erkenntniswclt aui. Mehrere Svezialiachgclchric waren ausgeboicn, um das wertvolle und überreiche Material zu ordnen und zu entwickeln. Ten Phpsikiaal hat Tr. Toeprer aus München, ein junger Gelehrter, der dem Naturwissenschaftler Goethe ein langes Spezialstudium gewidmet hat, aufgebaut . Ter Hauptinhalt dieses Saals dient der Darstellung von Goethes Farbenlehre, die keineswegs auf objekliv falscher Basis beruht, vielmehr in ihrer Methodik modernsten Gepräges ist. Auf mehreren Tafeln sieht man die Leitsätze dieser Lehre in markigen Lettern abgedruckt. Eine stattliche Anzahl von Experi- mcntier-Apparaien, die teils aus Goethes Besitz, teils genau »ach Goethes 'Angaben angefertigt sind, steht rings herum anr Wandiischen und Fenstersimsen, Ein geräumiger schrankartigcr
Verschlag ist angelegt zur Vornahme von objektiven Untersuchungen: beim alles, Ivas hier frei nmhcrstehi, ist nicht nur zum Bc- trachicn und Bestaunen ans der Entfernung da, sondern darf und soll vom besuchenden Publikum, soweit cs sachkundig ist, zur Vornahme von Exverimenten nach der Art »nd Weise Goctlfes in die Hand gegeben werden, wie dies B. auch im Deickschen Museum III München geschieht. Weiter fallen auf in diesem Saal vier dekorative Gemälde von Walter Haeckcl — einem Sohn Ernst Haeckcls —, die zur Demonstrierung iarbiger Tckfatten und andrer Farbcnphänomcnc angcferiigt sind, eine große Anzahl farbiger Mineralien und andrer farbiger Naturobjekle, die die Probleme der chemischen Farbenlehre zu erläutern da sind, zwei trübe Trinkgläser ails Goethe» Gesitz, die Kopie der Darstellung eines Auges von Sömmcring, ein vaar Aquarelle der Angelika Kaufmann in bräunlichen Tönen, die zeigen sollen, wie der Blan- blinde die Welt sieht (Goethe war der erste, der einen Farbenblinden wissenschaftlich nntersuchie! »sw, nsw. Dient alles dies der Darstellung der Goethcschcn Farbenlehre so bilbei der große Glasschrank mit Goethes Exocrimenner-Geräten für die elektrischen Phänomene eine Welt sür sich. Auch die schöne große Tafel, die den gedanklichen Aufriß zu einer von Goethe gcvlanien Tonlchrc enthält, und die meteorologische Ecke des Saals, die u. a. eigene Zeichnungen und Tabellen zur Feststellung der Witicrniigs- Schwankungen und einen schönen Aooarai zur Darstellung der Hosbildung des Mondes answeist, mag man als selbständige Abteilungen des Phhsiksaals bctrachicn,
Wciterschrcitend, gelangt der Besucher in den dunkel eichenen Saal sür Botanik und Zoologie, der von Ge he im ra i Professor T r, Hansen und von Tr. Lehrs eingerichiei ist. Erstaunlich ist hier besonders die Zahl und 2lrt der botanisckicil Objekte, die den Eiittretcndcn aus schönen großen Glasschränkcni in znm Teil phantasttsch-abenicuerlichen Formen anblicken. Ta sind in einem Schrank vereinigt pathologisch cntarieie Gewächse oder Gcwächsstücke: Vcrbändcrungcn, Uebcrwollungen, Zwangs- drehungcn von Kiefern, Eschen niw. Ein andrer Schrank cnt- häli interessante morphologische Erscheinungen von Blatt- und Stammformen. Eine Sammlung von exotischen Früchten und Samen von der Palme, der Eeder, vom Affenbrotbanm nsw, zieht besonders die Aufmerksamkeit des Laien ans sich. Ferner ist da eine reichhaltige Sammlmig von einheimischen und fremden Hölzern in schöngcschnittcnen Stücken nebst patlfologisch verbildeten Stücken, Gegenstände zur Veranschaulichung der Pilz-Patho- logrc und vor allem ein bedeutendes Herbarium von fünfzehn großen Mappen, das nicht weniger als 1900 Nummern in sich vereinigt — eine ungeheure Anzahl, wenn man bedenkt, daß sich Goethes Sanrmel- und Forschungseifer ungleich größere Schwierigkeiten cntgegcnstcllcn als heutigen Tags dem spezialistisch gerichteten gelehrten Mann. Besondere Erwähnung verdient unter


