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Nr. 94

Zweites Blatt

M. Jahrgang

Erscheint täglich mit AuLnahme der Sonntag?.

TieLietzencr Zamilienblätter" werden dem .Anzeiger' «lermal wöchentlich beigelegt, dar Krtitblatt fit de, Kult Siehe»" zweimal

wöchentlich. Diekanb«irtsch«stlichen Zeit­srage»" ericheinen monatlich zweimal.

Gietzener Aiyeiger

General-Anzeiger für Cberheßen

Donnerstag, 23 . April t9^4

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scl-err Universitäts - Buch- und SteiubrucfercL R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schuk- straße 7. Expedition und Verlag: Redaktion: e#ll 2. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.

Der König von England in Paris.

Paris. 22 . April. Der Präsident der Republik und Frau Po in care sind heute vormittag nack > Uhr vor 6er englischen Botschaft »opgefohren, >vo das Königs- paar von England in dein Wagen Platz nahm, um sich unter Sympathiekundgebungen der Menge zur Truppen­schau nach Bineenues zu begeben.

Paris, 22 . April. Ter König von England empfing lkeuic morgen den russische» Botschafter Jswvlskn. Die Majestäten begaben sich um ll Uhr nach der russischen Botschaft, wo sie verschiedene Abordnungen enrpsingrn. die Adressen überreichten. Das Königs paar nahm an einem Frühstück tn kleinem Kreise teil.

V i n c e n n e s, 22. Slpril. Nach dem Vorbeimarsch der Truppen vor dem König und dem Präsiden- »cn nahmen dre Zöglinge der Ecolc Polytechniane und ein Bataillon von St. Cyr vvr der Präsidcntcntribüne Aus­stellung. Poincare schmückte ihre Fahnen mit dem Kreuz der Ehrenlegion, um, wie er sagte, die nalionnkc Dankbar­keit auszudrurken gegenüber diesen Anstalten, die dem Lande so viele gute Diener gegeben hätten und gegenüber diesen beiden Pflanzstätten, die den, ganzen Heere ein Beispiel von Patriotismus und militärischer Pflichtersüllung gewesen seien. Pcnncare küßte daraus die Fahnen.

Nach der Rückkehr von der Truppenschau in VincenncS sand sür den englischen König und die Königin, die von dem Präsidenten und Frau Poincare begleitet würben, ein Enip- fang im Rathaus statt. Ter Präsident des Gcmeiude- rotes und der Präfekt des Seine-Departements hielten Be­grüßungsreden, die der König dankend cnvidcrte. Darauf besichtigten die Majestäten die Säle des Rathauses, wo sie von den zum Empsaugc Erschienenen herzlich begrüßt wur­den. Namens der Stadt Paris wurden ihnen Geschenke überreicht, und zwar ein goldener Becher für den König und ein Spiegel sür die Königin. Nachdem die Majestäten sich tn das goldene Buch eingetragen lyrtten, verließen sic in Begleitung PoincareS und seiner (öemahlin das Rathaus.

Paris, 22. Llpeil. Im Laufe der Soiree, die sich an das Prunkmal im Elysee ansckriloß, teilte König ttzeorg dem Präsidenten Poincarö mit, daß er aus Anlaß seines Pariser Besuches der französischen Regierung sechs Dronzcrclicfs des sranzösischcn Bildhauers Desjardins zum Geschenk machen werde, welckn? einst den Sockel des Reiterstandbildes Ludwigs XIV. in Paris geschmückt hatten und später Eigentum der englischen- niasfamilie geworden und im Schloß zu Windsor aus­gestellt loordcn waren. Präsident Poincare und Minister­präsident Doumerguc dankten dem König herzlich sür diese Aufmerksamkeit.

Eine halbamtliche englische Erklärung.

Der Spezialkorrcspoudent des Reuter-Bureaus, der den König aus seiner Pariser Reise begleitet, ist z u fol­gender Erklär u n g ermächtigt:

Was die bevorstehenden Besprechungen während des Besuches des Staatssekretärs Gren und die mutmaßlichen Ergebnisse der Zusammenkunft des britischen und des französischen Ministers des Auswärtigen anbetrisit, so kommt ein neues, iormellcs schriftliche» englisch-französisches Abkommen, welches von einigen Stellen ver­mutet wurde, nicht in Frage. Die Beziehungen Englnnds und Frankreichs sind gut und seit begründet und aus der Grundlage des gegenseitigen herzlichen Einvernehmens stark befestigt. Zweifel­los werden die Angelegenheiten von beiderseitigem Interesse, wie die Neuen .Hebriden betprochcn werden. Tie Annahme ist jedoch grundlos, daß Grey oder Donmrrgue rinc Liste von An­gelegenheiten sür einen formellen Meinungsaustausch geplant ha­ben. Wenn eine Grundlage des Einverständnisses besteht, wie hei England und Frankreich, so iverdcn Fragen wie die genannte besser zwischen den technischen Experten erledigt werden. Fn den englisch-französischen Beziehungen ist tatsächlich keine for­mellere Art n»d Weise notwendig, ebensowenig wiecinAbgehctlvondcmbcstchendcnEinverständ-

,«is. Obwohl als Ergebnis des Pariser Besuches eine Erweiterung der brstcbendcn Beziehungen nicht zu erivnrien, so darf doch aus eine klarere Definition des bestehenden Ein per st ä n d n i s s c s gcrarlznet werden.

Deutsche» Reich.

Ter Kaiser besuchte am Mittwoch die Ausgrabungen in Monrepos und Garitza, ebenso die Kaiserin, der König der Hellenen und tue anwesenden deutschen Diplomaten Die Kaiserin besuchte vormittags den PanzerkreuzerGö­den". Zur Mittagstafel beim Königspaar der Hellenen im Stadtschloß waren der Reichskanzler und Frhr. v. Wangen- hcim geladen. Der König verlieh dem Reichskanzler das Großkreuz des Erlöserordcns.

Tie Taufe des Erbprinzen von Braun- schweig. Tie Taufpaten des Erbprinzen sind folgende: Das Kaiscrpaar, das Herzogspaar von Cumberland, der Kaiser von Oesterreich und der Kaiser von Rußland, die Könige von England und Bayern, der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, Prinz Map von Baden, die Prinzen Adalbert und Osbar von Preußen, Prinz Waldemar von Dänemark und das bayerische erste schwere Reiterregiment in München. Das .Kaiserpaar trisst am 0. Mai gegen 10 Uhr vormittags ein. Es findet großer Empfang 'statt. Entgegen anderslautenden Meldungen steht fest, daß der Herzog Ernst August von Cumberland bei den Tausfeierlich- kcilen nicht anwesend sein wird.

Ausland.

Die intimen Briefe des französischen Fi­nanzmini st ers Caillaux. Aus Paris wird unterm 22. April berichtet: Der Untersuchungsrichter Boucard rich­tete an Frau Caillaux im Lause ihres gestrigen Ver­hörs die Frage, ivarum sie die Verössentlichung der intimen Briefe so sehr gesürchtet habe. Frau Caillaux antwortete: Weil diese Briese von meinem Galten zu einer Zeit ge­schrieben worden waren, als ich bereits geschieden war, er aber noch nicht. Es widerstrebte mir, diese Briese der Oessem lichkeit preisgegeben zu sehen. Mein Rus konnte darunter leiden. Aus die Frage, warum sie diese Briese ihrem Gatten zurückerstattet habe, erwiderte Frau Caillaux, ihr Gälte habe sic gebeten, diese Briefe, damit sie nicht verloren gingen, postlagernd nach Le Mans zu schicken. So sei es gekommen, daß Frau Gueydau, die damalige Frau ihres Gatten, die Briese aus einem Fache des Schreibtisches ihres Gatten habe nehmen können. Angesichts des gegenwärtigen Skandals ver­lange sic, daß diese Briese den Prozeßakten einverlcibt wür­den, und sie beschioörc den Richter, sie zu beschaffen. Der Untersuchungsrichter bemerkte hieraus, daß er Frau Gueydan wiederholt ersucht habe, ihm die Photographien dieser Briefe zu übergeben, daß sie dies jedoch hartnäckig verweigert habe. Frau Caillaux bat den Richter nochmals dringend, alles aufzubieten, damit die Gerichtsbehörde in den Besitz dieser Briese gelange. Diese Schriftstücke hätten keineswegs jenen unanständigen Charakter, den man ihnen beilege. Sie habe auch von Calmette nur das Versprechen erlangen wollen, diese Briefe nicht zu veröffentlichen. Sic habe Calmette keineswegs töten, sondern ihm im Falle seiner Weigerung nur Skandal machen wollen.

Don der französischen Fremdenlegion. Aus Ain Sesra wird gemeldet, daß ein Korporal und 1s F r e m d e ul c g i o n ä r c in der Nacht zunl Mittwoch aus der Kaserne entwichen und westwärts mit Waffen und Gepäck geflohen sind, nachdem sie vorher die Telegraphen- drähtc des Forts Hassa durchschnitten hatten. Eine Ab­teilung Kavallerie ist zur Verfolgung aufgcbrochen.

Der König von Schweden verließ am Mittwoch nachmittag das Sosiaheim und ftlhr mit der Königin nach dem Schloß Drottningholm. Dem König ist die Fahrt gut bekommen. Er begab sich vorsichtshalber sofort ins Bett. Professor Berg begleitete den König nach Drottningholm.

Der Aufstand in E p i r u s. plus Dur az zo wird gemeldet: Die am Dienstag voni Ministerrät beschlossene Ausstellung der M i l i z erstreckt sich über das ganze Land und soll schleunigst durchgcsührt werden. Eine Abordnung aus den von den Grieche» besetzte» Gebieten hat militärischen Schutz gegen die griechischen Gewalttätigkeiten erbeten.

19. Kirchlich-jozialer Kongreß.

h. Wicsbad en, 22. April.

Unter außerordentlich starker Beteiligung aus allen Testen des evangelischen Deutschland ltndet hier gegenwärtig, der IN. Kirchlich-soziale Kongreß statt. Er wurde durch einen Festgottes- dicnst in der Lutherkrrchc »ich eine Bcgrüßungsseicr eingetcitet. Heute vormütag veriammcltc inan sich zu der 1. Hauptver­sammlung im Kasino. Nach einer vom Generalsiipcrintendeiiten Ohln (Wiesbaden' abgchatlcncn Andacht erössncle der Präsident des Kongresses, Gcbetmrat O. l)r. S e c b e r g lBerlini die Tagung durch eine Ansprache, in der er einen Ueberbtick über die sozial - politische Bewegung der Gegenwart bot. Ein Ststlsiand nach dem Redner nicht cingctreten. Nur in den Fragen des Arbcits- wtlligenschutzes und des Koalilionsrcchis sei ein schnelleres Tempo wünschenswert. Leider gehe aber der soziale Sinn zurück, cs bilden sich immer mehr Klassen in der Gesellschaft, dazu kommt das Fehlen des Zusammengehörigkeitsgefühls. Statt iich zu sozialisie­ren, vcrwirtschaftlichc die Gesellschaft immer mehr. Helsen könne allein der Glaube an die Macht der Religion.,

Nach der Bürobstdung und zahlreichen Begrüsuingen erstattete Direktor Dr. Lcpsius lPotsdam einen Dorttag über Bil­dung und Ehrt st cn tu m. Der Prozeß, den die Bildung des 18. Jahrhunderts durch englische Freidenker, französische Enzyklo­pädisten und deutsche Autklärcr gegen das Christentum angestrengt habe, sei lieute noch nicht beendet und lasse die Höhepunkte Der- Nimst, Geschichte und Sittlichkeit erkennen. Vernunft, Begriff, Idee, Nawr- und Sittcngcsctz sind Ausdrücke desAllgemeinen", die Kategorie des Christlichen ist derEinzelne". Der Gelehrte.ist der Priester des Allgemeinen. Der Glaube erkennt das Allgemeine als ein Einzelnes. Jesus schilderte in der Bergpredigt als Sitt­lichkeit der Gottessöhne das auf den Kops gestellte Bergeltungs^ recht. Ter Gruichsap, dem Bösen nicht zu widerstreben, treibt Jesus in den Tod. Unbestreitbar ist. daß die chrisstiche Sittlich- Icit nicht die ganze Sittlichkeit der Christenheit ist. Um den Streit zwiickien dem Christentum nnd der Bildung zu Ende zu bringen, muß eine t>on beiden Parteien ihre Tenkmethoden än­dern. Erst wenn das griechische Denken sich vomAllgemeinen" zuurEinzelnen" bekehrt hat, wozu die Künste Kelsen können, lvird es heißen:nnd hinter uns um wefcuslosen Scheine liegt, was ims alle bändigt dos 'Allgemeine". Dem Dorttag folgte eine­ausgedehnte Aussprache.

Tie Nachniittagssitzung brachte zunächst einen bemerkenswerten. Dortrag van Pfarrer Lic Mumm überDie Austritts- b e w e g » n g". Die Kircheiiaustrittsbewegung habe bisher nur die Großstädte ergriffen: obwohl ihre agitatorische Kraft in der sozial­demokratischen Bewcgling liegt, ist sie nicht Standksoewcgnng. Der Bestand der Kirckp: ist bisher weder zisscrninäßig noch nnan»iell gefährdet. Die Zahl der Austritte aus der Landeskirche bettng in Preußen tt>00 : 2228, 1908 : 23 204. Die Ziffern für Berlin lauten 1908: 14 180, 1909 : 6893, 1913: 13 731, insgesamt für 19081913: 48 912. Ta cs sich um Austritte aus jeder christ­lichen Kirche hondelt, Hot man das Recht, von einem neuen Heiden­tum als sozialer Erscheinung zu sprechen. Die Scheidenden sind zu bedauern, jedes Mittel des Kiichenzwangs ist zu verurteilen, Zur Bekäinvsimg der Austrittsbewegiing muß die Kirche überseh­bare Gemeinden und Scelsorgcbczirke schassen, unsoziale Ersckej- nvngen bei kirchlichen Handlungen besciiigcn, z. B.: die verschie­denen Klassen der kirchlichen Handlungen, dirLiebesgaben" in den Großstädten, vermietete Kirchensißc, einseitige soziale Durch­setzung der kirchlichen Körperschaften bis hinauf zur Gcneralsynode. Einen zweiten Portrag hielt Pfarrer Deidt .Wiesbaden' über Großstädtische Vergnügungen und Sittlichkeit". Am Abend fand in den Wartburgsälen eine überfüllte Volksversammlung statt, IN der RcichStagSabgeordncter Schiele überTie gemein- iamcn Interessen des Mittelstandes nnd der Arbeiterschaft" sprach. Der Redner empfahl als prakliiches Mittel zuin-Schntzc der gcmein- sanien Interessen dieser Bevölkernngsschichten die innere Koloni­sation, die Lösuna der Wohnungsfrage, Bewahrung der Staats­autorität, der sittlichen Selbstbeherrschung und des Glaubens.

Der veulscke an der Riviera.

Nie iverde ich es vergessen: ich war jung, sehr jung sogar, und zur Belohnung sür ein in Ehren bestanvenes 'Abitur war mir -ine Reise in den sonnigen Süden bewilligt worden. Tie erste Reisc in den Süden! In das Land, wo die Zitronen blühen ! Ich war, wie gesagt, jung, und während der Zug an einem eis­kalten Märztagc durch das verschneite Süddeutschland, die noch verschneitere Schweiz dahingliti, stand ich mit glühenden Wangen ,n, Fenster nnd blickte den erwarteten Herrlichkeiten entgegen. Gaschenen war erreicht: der Gotthardtunncl verschlang uns: und nun wähnte ich den großen Moment gekommen: auf der andern Seite des Tunnels, da lag cs, in seinem Duft, in seinem Glanz, seiner Wärme und seiner Schönheit: das Land der Sonne: Italia, o Italia, tu cui fece la sott Dono infelice di bellezza.

Jn, und was erblickte niein begeistertes 'Auge? Eine solide nor­dische Schncclandschast, verschneite Hügel, verschneite Felder: und am einem Baume hockte eine schwarze Krähe, die ebensogut in Stallupöncn oder Stolpcnbcrg hätte Vorkommen könne», »nd sah aiich mit einer geradezu teuflischen Bosheit an. In Mailand ...reichte meine Verzweiflung den Äöhepnnki: und hätte ich mir uicht von einem dort ansäissgeu Bekannten, der mich ans der Pahii erwartete und sich über mein dünnes Sommerröckchcn halb 'tot lachen wollte, einen tüchtigen Pelz ausleihcn können, so wäre c- wohl um mich geschehen gewesen. Ich floh, auss bitterste enttäuscht, weiter südwärts »ach Genua, an die Riviera. Denn ich schwelgte damals tn Poesie und berauschte mich an Ernst Ziels Gesängen von der Riviera:

Dort an den tkiivieren währen die Sommer lang.

Hier, an des Lichtes Bronnen sonnen sich Hügel und Hang." Aber ach: der Hügel dachte gar nicht daran, sich z sonnen. Ein Ärühlingsfturm. wie ich ihn an der heimischen Ostsee nickt rcso ttitcr erlebt batte, fegte die ganze Küste entlang, ein klatschender Regen prasselt- nieder, und mit hochgezogenen Kavuzcn oder derben Wollschals ausgerüstet, eilten die Eingeborenen fluchend ins Cafe, dem hauptsächlichen Zufluchtsorte deS Südländers vor den Un­bilden der Witterung .

Mar ein Milder Trost warnr bcschteden: cs fehlte nur Nicht an deutschen Lcidcnsgcuoycn. Dieser Herr im Strohhut, mtt der blanqefrorenen Na'c, mit einen, Sommervaletot, der an Leich­tigkeit und Winzigkeit dem meinsgru nichts nachgab: diese Dame, deren Helle Frühiahrstoilette von den gelben Lchmsprißern an­genehm geiprenkcli wurde, diese holde Jungfrau, die sich dem italienischen Nationalgcsühl zur Hut»ig>mg mit einem Florentiner jjate cmsgeziert halte: sic waren Deutsche, und der Herr Rcch-

nungsrat war sogar kultiviert genug, um fleißig aus Goethes Italienischer Reiic" zu »iticreii UN» mit verzückten Augen IN das graue, brüllende, tobende Weltmeer htnauszustarren Frei­lich: diese ekstatische Stimmung hielt der Wucht der gegenüber nicht allzu lange stand, und bereits am nächsten Tage saß der Ncchnungsrat init einem crtzolungsbcdürsligcn .Hauvt- manne, der gleichfalls >m März italienische Veilchen zu pflücken und aus strohnmslochtcner Flasche auf marmorner Terrasse Chi­anti nnd Orvieto von glutäugigen Töchter» des Südens kredenzt zu bekommen gedachte, in, Cafe, beide eingepackt in voisichtigcr- weisc mitgenommenen Plaids und Mit Skat und Grog die Zeit tot- fchlageud. Sogar eine Weinstube fand sich endlich: und mit schivc- rem, dickem Chianti, den der Deutsche natürlich stets ungemischt trinkt, was auch den Stärksten auf die Dauer umbringt, und Grog, der zu unsinnigen Preisen aus schlechtem Cognac hergestelkt wird, wird dieser südlich^ März von den Herren gesttstct, während die Damen sich ihn mit Schnupfen und Influenza vertreiben. Gott lob gibt cS aut Orte eine Apotheke, nnd daß die Schachtel Aspirin don fünf Lire kostet, dark den Fremden nicht weiter wunder­nehmen. Sehr schätzbar sür die Damen, die sich dock, Ivohl nicht den ganzen Tag mu den nus der deutschen Lribbibliathek cdenn auch eine solche hat ein ivviier Kenner der Verhältnisse am Platze er­richtet entliehenen Bänden, der Band pro Taa 1 Lira, bcschäs- tigen können, ist die Nähe des deutschen Arztes, der sich als ein be- sondcrs liebenswürdiger junger Mann erweist. Man sttickt, man stickt, man malt, man spielt Klavier, die Herren dreschen ihren Skat, und der Wirt reibt sich die Hände. Er steht lächelnd, sctt Und kuaelrund da und erklärt mit wichtiger Miene, brs zum l. März sei das Wetter einfach wundervoll gewesen, herrlicher Sonnenschein und köstliche Wärme. Und Anfang Apnt das könne er ver­sichern, werde es nrieder ebenso schön, ja noch schöner werden. Nur tzicduld, nur ein bißchen Geduld!

In diesem Falle hat der Wirt nun in der Tot ansnahms- Iveisc einmal Nicht qelogen. denn in der ersten Hälfte des April begimik wirklich das ichünc Wetter an der Riviera. Aber der Deutsche? Wo ist er dann? Ach, der ist langst wieder dvlwim in Krimmitschau oder Groß-Berlin, denn sein Frühgahrsnrlaub ist ahgrlausen, Ter Engländer und Amerikaner ist rm allgemeinen klüger er verbringt den verhältnismäßig erträglichen Win­ter an der Riviera und reist pronrpt am 1. März, sobald die Früh- lingsstürmc einscnen, nach Hause: oder vielleicht nach Sizilien, wo cs bereits im März warm wird. Der Deutsche aber hält mit eiserner Zähigkeit an dein alten Glaickenssatze seit, daß es im Winter in Italien warm sei: während es natüttich im Winter in Rom oder Florenz genau so kalt rlt wie in Berliar, und der ganze Unterschied zwischen Deutschland Md Italien Mgesähr darin be­

steht, daß der Frühling im vielbesungenen Lande der Orangen durchschnittlich drei bis vier Wochen srülaer cinzieht als in Berlin oder Dresden' Für Sizilien Milte März bis April: tür die Ri­viera der April: kür das übrige Italien der Mai: das ist and bleibt der unverrückbare ltzrundsatz der Kenner. Aber es scheint ja, wir Deutschen wolle» int allgemeinen unsere Erfahrungen selber sam- mcln und UNS im A!ärz tn Sestri oder Ficsole blaue Nasen und eine tüchtige Bronchilis holen. Dorläusig spielt der frierende Deutsche im Sommerröckckien nnd verregneten Strohhut und die schwärzliche Jungfrau aus Berlin W mit lehmbcspntzlem Frühjahrsgcwande noch eine komische Rolle in der Stafsage der Riviera-Landschaft in, März, und cs enlbelytt nicht eines seinen Humors, lvcnu mit dem Eintritte des schönen Wetters »ach dem Abziehen der Fremden regelmäßig die Italiener einziehcn, um sich au der Schönheit ihres Landes zu erfreuen, Herbert Stcgcmann,

Der neue Galsworthy. Ans London, 21. Avril, wird uns geschrrcben: Dem tüchtigen Miß Horniman-Enscnible des Gaicty Theatrc in Manchester, das bereits .Uihlreiche zeit­genössische Dramatiker gespielt hat, gcbülnt das Verdienst, John Galsworthys neuestes DramaThe Mob" lTer Pöbel"! in vier Akten in London am Coronet Theatrc äus der Taufe gehoben zu haben. Ter Dichter zeigt uns darin nicht allein den Pöbel, sondern demonstriert uns, nne zur Zeit eines Krieges lgcmeint ist damit unverkennbar der Burcnlrtcg' dieMob"-Gcsühle, worunter Galsworthy den nationolc» Chauvinismus verste', die ganze Bevölkerung csiassen und sie sür jede gegnerische Ansicht, die IN dem Ktteg nur einen bliiligen Schrecken erblickt, taub m blind machen. Das Stück wurde mit Milton Rosmcr als Steve,., Irene Rocke als seine Frau Katherine und Herbert T-mas als General Sir John Julian vortresflich gespielt. Das zahlreiche Publikum, das vor wenigen Jahren ein derartiges Werk noch aus­gezischt hätte, bereitete Gatswotth», der wieder mit höchster lünst- lerischer Unpatteilichkeit in idem Werk an der Arbeit war, be­geisterte Kllndgcbirngcn, so daß Her .Autor sich in einer kurzen Aussprache bedankte.

Eine Wagner-Sammlung tn Parma. In Bo­logna ist der Arzt Dr. Bassi, ein begeisterter Wagner-Verehrer, kürzlich gestorben, der eine große Zabl von Erinnerungen an den Boyreutber Meister zu einer interessanten Saminlung vereinigt ha. Nach seinem Tode setzte sich ltzuglielmo Zucll, mit den Erben in Verbindung, und es gelang ihm, die Sammlung lur die Musik- bibliothek des Konservatoriums in Parma zu erwerben, wo I>e in nächster Zeit ausgestellt wird.