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dweiter Blatt
Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Tie „Gießen» Zamilienblöller" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigclegt, das „Krtisblatt ffiv de» Kreis Siehe»" zweimal
wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen seit- ftagen" erscheinen monatlich zweimal.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Sberheffen
Montag, 20. April
Rotationsdruck und Verlag der Brühuschen Universitäts - Buch- und Sleindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul», straße 7. Expedition und Verlag: Nedaktion:eEII2. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Der Streit um die Salutschüsse.
Kann eine komische Sach« Anlaß zu einem Krieg werden? Diese Frage ist jetzt in Mexiko zu ftelfcit. Daß die ausgedehnte Erörterung, lvic und in welcher Art die Salutschüsse abgeseuert lverdeu sollen, komisch ist, wird niemand bezweifeln. Wenn cs wirllich gelingt, die Sache zur beiderseitigen Zufriedenheit zu erledigen, so loird man in der ganzen Welt die Salutschüsse als einen guten und geeigneten Abschluß bezeichnen. Hat aber nach einer solchen Ko- mödic Präsident Wilson überhaupt noch die Möglichkeit, «mit Wafsengeioalt ciiiruschreitcn? Diese Frage ist sehr schwer, aber doch ivohl verneinend, zu beantworten. Wir erhalten folgende Meldungen:
' Washington, 17. April. Der letzte Zivischensatl in der mexikanischen Lage scheint darin bestanden zu haben, daß General Huerta Mr. L Shaugnessy mitteilte, er fürchte, daß, «renn der mexikanische Salut nicht gleichzeitig von den Amerikanern erwidert würde, er vielleicht überhaupt nicht crlvidert werden würde und daß soinit die mcxikcini- schcn Truppen in einer deinütigenden Position gelassen würden. Aach den« Kabinettsrat bczcichnetc Staatssekretär Bryan die Verhandlungen als aussichtsvoll, «venu auch nicht als abgeschlossen. ES wird erklärt, daß Kontreadmiral Ma«w dem mexikanischen Komniandcur die Wahl überlassen habe, die inexikänische Flagge entlvcder au« dein .Kanonenboote „Delphin" oder aus dem Lande zu salutieren.
Washington, 19. April. Tic Regierung ließ gestern durch ihren Geschäftsträger L'Shauqnessy Huerta die Warnung zu gehen, daß sic sich auf keine weitere Argumente cinlasscn werde. Tie Verweigerung des Saluts iverde ernste Folgen nach sich ziehen. Huerta habe die ursprüngliche Forderung des Konkrcadmirals Mayo bedingungslos anzuuehmen. Eine Frist wurde Huerta nicht gestellt. — Das Kabinett hatte gestern abend eine dreistündige Bespreilinng über die Lage.
Rach einer Meldung der „New Park Times" hatte Huerta zuerst aus die Forderung Wilsons eine .Kriegserklär n ii g entworfen, doch treten seine Ratgeber dafür ein, daß er keinen Gebrauch davon machen und die anicri- tänischc Flagge salutieren solle. Huerta soll jedoch seinen Eiitschluß, die Würde niit> Ehre Mexikos zu wahren, nicht ausgegeben haben.
Washington, 18. April. Huerta erneuerte seinen Gegenvorschlag eines gleichzeitigen Salutes Schuß um Schuß mexikanischer- und iwrdamcrikanischer- scits. Wilson erwiderte, die Vereinigten Staaten hielten a» der ursprünglichen Forderung des Kontreadmirals Mayo jest, die sosort anznnehmen sei.
Tampico, 18. April. Ter anicrikanische Transport- dampjer „Hancock" ist mit 950 Marinesoldaten ein- getrojsen.
Cleveland, 18. tzlpril. Ter Sekretär der Marine Daniels, ivelchcr hier Vorträge hielt, hat aus Washington ein Telegramm erhalten, das ihn ersucht, sich zur Rückkehr nach Washington bereit zu halten. Ter Staatssekretär erklärte, daß in dem Telegramm bemerkt werde, daß Präsident Wilson befürchte, daß es unmöglich sein iverde, den Frieden zu wahren.
Washington, 19. April. Vor dem Senatsaus- s ch n ß für interozeanische Kanäle erklärte der frühere Genc- ralstaatsanivalt Bonapqrtc, im Kriegsfälle würde die Konsequenz von den Vereinigten Staaten erfordern, den Panamakanal den feindlichen Schiffen zu öffnen. Im Kriegsfälle mit Deutschland müßten die ameritanischen Truppen ruhig zusehen, ivährend die deutschen Schiss- den Kanal durchfahren, um San' Francisco wegznnehmcn. Das Ergebnis der Aufwendung von 125 000 00!» Dollars für den Kanalbau wäre, daß. die amerikanischen. Küsten verwundbarer würden als früher. _
Oie italienisch-österreichische Besprechung.
Tie Unterredungen in Abbazia sind beendetnind haben Anlaß zu erfreulichen Kundgebungen der beteiligten Re-
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gicrungcn gegeben. Daß mau dabei mich Deutschlands gedacht und dem deutschen Reichskanzler ein freundliches Pe- grüßungstelegramm geschickt hat, wird ivohl in Frankreich aufs neue mit Unbehagen ausgenommen werden. Ter „Temps" fordert denn auch schon wieder, daß der Dreiverband nun auch zu bestimmten Einigungen gelangen müsse.
Abbazia, 18. April. Ter Gegenbesuch, den der italienische Minister des Aeußeru seinem österreichisch-ungarischen Kollegen abstattcte, hat den Staatsmännern von neuem die erwünschte Gelegenheit gegeben, einen längeren eingehenden Gcdankcnanstansch sowohl iiber die allgemeine politische Lage als auch über jene Fragen zu pflegen, welche die Beziehungen Tester reich-Ungarns zu Italien besonders bcrüliren. In den Unterredungen zwischen dem Grasen Dcrchtold und San Giuliano trat abermals jene völlige Uebercinstiinmung in ihren Ansichten zutage, welche stets die Interessen der beiden Verbündeten Mächie forderte und in der letzten Ballankrisc zu einer friedlichen Lösung der ansgcworsencn Probleme beitrug. In der Erkenntnis der befriedigenden Erfolge dieser Politik und erfilllt von deni vollkommen gegenseitigen Vertrauen sind die beiden Mini st er entschlossen, in Uebereinftimmnng mit Deutschland an ihrer gegenwärtigen Richtlinie sc st zu halten und gemeinsam darauf hinzuarbci- ten, daß sich die Sympathien, welche die öffentliche Meinung den intimen Beziehungen der beiden Regierungen cntgcgen- bringt, immer lebhafter gestalten.
Abbazia, 18. Llpril. San Giuliano und Graf B e r ch t o l d hatten heute vorxnittag eine m e h r a t s z w c i- stündige Besprechung, an der auch die Botschafter Herzog von Avarna und Merey von Kapos-Mere sowie Sektionschcf Gras Forgacht tcilnahincn. Tie Besprechung wird nachmittags fortgesetzt.
Ei» Telegramm an de» deutsche» Reichskanzler.
Tie Minister San Giuliano und Gras B e r ch - t o l d richteten vor der Abreise San Giulianos folgendes Telegramm an den Reichskanzler: „Dr. v. Beth- inann Hollweg in Korfu: In unseren Unterredungen über alle uns interessierenden Fragen haben wir abermals eine v o l l k o in m c n e tl c b c r e i n sti m m u n g der A n s i ch - ten der drei verbündeten Mächte sestgcstellt. Mit wahrer Freude senden wir Ihnen am Schlüsse unserer Zusammentunst den Ausdruck unserer ansrichtigstcn Freundschaft. San Giuliano. Gras Berchtold."
Die Antwort des Herrn v. Bethinann Hollweg.
Rom, 19. ?lpril. Reichskanzler o. B c t h m a n n H o l l - weg telegraphierte an Marchese di San Giuliano: Wollen Sie meinen besten Tank für Ihr liebenswürdiges Telegramm entgegennehmen, das Sie und Graf Berchtold soeben an mich gerichtet haben. Indem ich Sic aufs wärmste zu dem glücklichen Ergebnis beglückwünsche, das Ihre Unterredungen in Abbazia hatten, lege ich Wert darauf, mich dem Gefühl der B e f r i c d l g u u g a n z u - schließen, das Sie darüber empfinden. Es ist mir ein großes Vergi^jigen, Ihnen bei dieser Gelegenheit den Ausdruck meiner aufrichtigsten Freundschaft zu erneuern.
Die Einigung der nationa-w eralen Partei.
Frankfurt, 19. April. In der heute hier abgehal- tcnen Sitzung des Ge sa mtv or sta n o es des Reichs- verbandcs der Vereine der nationallibcra- len Jugend war man einig in dem lebhaften Bedauern darüber, daß der Zentralvorstand schon nach kurzen zwei Jahren wiederum gegen den ReichSverband sich wendet, obwohl der Reichsverband erst, im Jahre 1912 der Einigkeit in der Partei große, damals allseitig anerkannte Opfer gebracht hat. Die unmittelbar »ach geschlossenem Frieden entgegen dessen Sinn erfolgte Gründung des Altnationat- iiberalcn Rcichsverbandes könne unmöglich als ein Grund zum Vorgehen gegen die im Reichsverbande vereinigten iunglibcraten Vereine angesehen iverden, zumal er sich genau an den Geist der Beschlüsse des Parteikages von
1912 und das Programm der Partei gehalten habe. Das Ziel der junglibcralen Bewegung, inimcr von neuem die Hera »wachsen de Jugen d zur politischen Mitarbeit hcranznziehcn, kann ohne den Reichsverband nicht erreicht werden. Der Reichsverband ist für die Fortexistenz und jegliche Mitarbeit auch der einzelnen Vereine völlig unentbehrlich und damit auch für die Gesaintparlei, die gerade in letzter Zeit noch die durch nickst» zu ersetzende Tätigkeit der Jugendvereine von leitender Stelle anerkannt hat. Wenn jetzt schon ivteder an deni dem Reichsverbande vor zwei Jahre gewährten Rechtsbestand so vvn Grund aus gerüttelt werde, so liege die Befürchtung nahe, daß das nächste Mal auch die Landesverbände und die Vereine zerstört werden sollen, eine Befürchtung, die durch verschiedene Acußcrungcn von altnationalliberaler Seite sehr erheblich genährt wird. Demnach hielt der Gesanilvorstand es für seine Pflicht, gerade auch gegen die nationallibcralc Partei, nicht in Verhandlungen über die Auflösung des Reichsverbande» cinzutretcn. Er ivar der Uebcrzeugung, daß sich bei ruhiger Beurteilung auch die Gesaintparlei diesem Gedankcngange nicht verschließen könne und erkennen werde, daß der Beschluß des Z e n t r a l v v r st a n d c s ani 29. März zur Herbeiführung eines gedeihlichen Friedens in der Partei ungeeignet sei. Im übrigen ermächtigt der Gesamtvorstand gemäß seiner stets beobachteten Parteitreue seinen geschästsfiihrenden Ausschuß, sobald die Leitung der Gcsamtpartei einen derartigen Wunsch kundgibt, mit dieser Besprechungen zu führen, die unbeschadet der Erhaltung des Rcichsverbandes in allen seinen wesentlichen Funt- tionen ans die S ch a s s n n g eines dauerhaften Friedens in der Partei abzielcn.
Ei» Beschlich des »atiouarliberale» Wahlkreises Tarmstadt — Erosj>Gcrcm.
rb. T a r in st a d t, 19. April. Tic Nationallibcrale Partei des Reichstagswahlkreiscs r r» ft a b t — Grostyl c r a » hielt heule nachmittag im Saale des „Rummelbräu" eine Versammlung der Vertrauensmänner ab, die au» säst alle» Ortschaften des Reichstagswahlkreiscs besucht war. Ter Vorsitzende, Abg. Tr. Osann, gab zunächst eine allgemeine ltcbcrsicht über die Lage der Partei im Reiche und in Hessen, die mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde. Auch die Stellung der Partei zu den übrigen Parteien in Hessen teiinzcicbnc! der Redner eingebend u. be- to ue dabei besonders die Notwendig! il, f cts unbekümmert um re.bts und links die richrige Mittellinie einzuhalten, ein Grundsatz, mit dem ja die Partei auch bei den jüngsten Stadtvcrordnetcnwahlen «so crsreulichc Erfolge erzielte. Referendar D i n g e l d c y begründete dann im Anschluß daran unter Hinweis ans die jüngsten Beschlüsse des ZentralvorstandcS der Partei iolgende Ent sch liest u II g: Wir begrüße» mit dem aeichöstsführcndcu Ausschuß der »alionallibtraleu Partei der Provinz .Hannover mit Genugtuung de» Beschluß des Zcntrolvorstandcs, Verhandlungen zur Auflösung des Rcichsverbandes der nationalliberalen Jugend, sowie des altnationolliberalcn Rcichsverbandes einzuteiten. Wir hoffen zuversichtlich, daß es den Bemühungen des Geschästsführenden Ausschusses der Gesamtpartci gelingen wird, das von den Partei- lrcunden iin Lande einmütig ersehnte Ziel durch freundschaftliche Vereinbarung mit den betreuenden Verbänden zu erreichen und damit der Partei die so dringend notwendige einheitliche Organisation wreocrzugeücn. Bon dem gcschästsf. Ausschuß der natl. Partei Hessens und im Reiche erwarten wir, daß sie ,n Konsequenz des Beschlusses des Zentralvorstandes ebenso freundschaftliche Verhandlungen cinleitcn, um die Auflösung der „Freien Vereinigung! Hessischer NalionaUiberalcr" herbeizusührcn. Wir wünschen die baldige Eikiberusung des Lairdesausschusses der hessischen Landes- parlei zur Beschlußfassung über diese Resolution, die dem Landes- angschust als Antrag zu unterbreiten ist." — Diese Entschließung wurde nach eingehender Aussprache bei zwei Stimmenthaltungen von allen.anderen Vertrauensmännern angcnoimncn. Ink weiteren Verlaut der verrraulichcn Beratungen nahm die Versammlung, in der auch die Wahl des 15 glicdrlgcn Kreisaus- schusses und der Verirrter zum Landesausschuß erfolgte, noch einstimmig folgende Entschließung an: „Tie Versammlung der Ver- traucnsmänner der Nationalliberalen des Reichstagswahlkreiscs Tarmstadt-Groß-Gerau nimmt Kenntnis davon, daß der Geschästs- sührcr der „Freien Vereinigung Hessischer Nationalliberalcr" in einer össenllichrn Versannnlung in Wald-Michclbach am Anfrage des Führers der fortschrittlichen Organisation in diesem Wahlkreis unrichtige Ausführungen Über die Stellung des Vorjetzendcn der hesiischen Landcspartei gemacht hat. Wir legen schärfste Vcrwah-
Der Zusammenbruch der „Drücke".
Vor einiger Zeit gingen Meldungen durch die Preise, daß das internationale Institut zur Organisation der geistigen Arbeit, „Tie Brücke", deren erste Ausgabe in der Turchsührung der sogenannten „Wcltsormatc" bestehen sollte, mit sinanzicllcn Schwierigkeiten zu kämpfen habe. Diese Nachrichten wurden damais als unzutresscnd dementiert. Das klcritale „Neue Münchener Tagblatt" bringt nun heute ansiührlichc Mitteilungen über die Lage des Instituts, die dem vollständigen Z u s a m m e n b r u ch gleichtominc. Wie das Blatt wissen will, hätte „Tic Brücke" ihr gesamtes Personal entlassen und den Generalsekretär Buchrcr abgescot. Ter erste Vorsitzende, Pros. Wilhelm Ostwald, dessen Namen dem Unternehmen erst nach außen bin Bedeutung und Kredit in der Lciscntlichkett gab, sei von seinem Amte zurückgelrctcn. Die „Brücke" sei nicht cinma! mehr in der Lage, die Forderungen ihrer Lieferanten zu bcsriedigcn. Das Unternehmen erkenne jetzt die von dem seitherigen Geschästs- iührcr Buehrer eingegangencn Verbindlichkeiten nicht mehr an. Aus dem Klagcwegc sei sür die Gläubiger bei dem Fehlen jeglicher Geldmittel nichts zu erreichen. Geheimrat Ostwald, der ans dem ihm zugesallencn Nobelpreis die Summe von 100 000 Mark für die Zwecke der „Brücke" gestiftet hatte, habe diese Stiftung nachträglich rückgängig gemacht «die Satzungen berechtigen nämlich die Stiiter, ihre Stiftungen zurückzuzichen, falls nicht bis zum Neujahr 1914 die Gesgmtsttttnngen die Summe von einer Million erreicht hätten). Für den vlötzlichcn Zusammenbruch des Instituts werde der Generalsekretär Buehrer verantwortlich gemacht, der weit über seine Befugnisse und über den eigentlichen Rahmen des Institutes gcwirt- schaitet habe. Buebrcr behauptet dagegen, Ostwald habe jede seiner Maßnahmen anodrücklich gebilligt. Eines Tages jedoch sei derselbe Ostwald, der bis dahin die Einrichtungen der „Brücke" als eine Münchener Sehenswürdigkeit zu preisen pflegte, in den Räumen des Instituts erschienen und habe überraschenderweise dessen gesamte Einrichtungen für „dummes, verrücktes Zeug" erklärt.
Wie die „Frkf. Ztg." hierzu erfährt, sollen die Angaben des Neuen Münchener Tagblatts" im Allgemeinen den Tatsachen entsprechen. Am 28. Avril findet die Generalversammlung der „Brücke" statt, bei der voraussichtlich die Auslösung des Unternehmens besprochen werden wird. Das zum Teil recht wertvolle Archiv soll, wie verlcmtct, von Ostwald käuilich erworben werden. Jcdensalls kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß in diesem Falle an eine Sache, die seinerzeit mit Aufwand von viel großen Worten «
ins Leben gerufen wurde, ein gehäustes Maß von Energie nutzlos verschwendet worden ist.
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— Strindbergs T a ni a s k u s. Aus B c r l i u wird uns geschrieben: Im ehemaligen Dcbbeltheater spielt man ein Märchen- ivicl Strindbergs, im Tcuischen Theater bat Max Reinhardt hintereinander drei der düsteren fanatischen „Kammerspielc" des großen Schweden inszeniert, finstere Dokumente grenzenloser menschlicher Verbitterung: nun gab auch das Lcssingtheater seine Tlriild- berg-Ehrung und spielte — in einer schlechthin meisterhaften Ausführung — den ersten Teil der Trilogie „Nach Damaskus". Und es ging, im Gegensatz zu der dumvsen niedcrdrückendcn Wirkung der „Kammerspielc", zum erstenmal ein Aufatmen durch die Menge, ein Aufatmen reiner Ergriffenheit. Fast alle Schöpfungen Strindbergs verschmelzen autobiographisckie Elemente zu cincrKiinst- form. Aber während er nun allzu oft seine zum .Haß gewordene unglückliche Liebe in den Vordergrund schiebt und verurteilt, tveil er nicht mehr lieben will, gibt er in „Nach Damaskus" nicht nur eine Sette seines Wesens, sondern sein ganzes Selbst und sein heißes, inbrünstiges Streben nach erlösender Länferustg. Ter Titel des Werkes verrät schon den Inhalt mit seiner Wendung zum Religiösen. In Form einer mächtigen Pyraniide türmt sich der Bau dieser autobiograohischen Dichtung empor, ein einziges mächtiges unwiderstehlichcs Wachsen und Steigen des Hasses und des Haders mit den überirdischen Mächten — bis dann — am Givielvunkt der Verhärtung, der Haß an seinem eigenen liebermaße schmllzt und sich zum Glauben läutert. Bis an die Grenze des Vertolgungs- wahns loht das finstere Mißtrauen gegen die Welt und das Schicksal empor und der kleinste Fehlschlag wirkt aus den Verbitterten wie die planmäßige Tücke eines mächtigen Feindes, wird zum Anlaß, UNI drohend und lästernd die Faust gen Himmel emvorzurecken und die göttlichen Mächte zu schmähen. Aber bis zur Neige leert Strindbcrg — im Stücke „Der Unbekannte" genannt — den bitteren Kelch seiner Ungläubigkeit . Erst mit dem Erschöpfen seiner Kräfte beginnt die Einkehr, noch mißtrauisch und voll des Trotzes, dann langsam erweichend, bis schließlich der hadernde Saulus, von der Hand einer mitleidendcn, milliebenden Frau geführt, zu einem Paulus wird, der sich selbst überwindet und den Glauben findet. Das alles ist mit Strmdbcrgschcr Unbarmherzigkeit qcgen sich selbst erschütternd geschildert: jedes Wort auf diesem Leidenswege vom Welrhaß zum Selbstzweijel trägt den heißen Atem eines leidenden verkrampften und doch großen .Herzens. Dies ist das Werk, das, in all seinen Maßlosigkeiten, auch die Skeptiker erschüttert: in
einem ergrissenen Schweigen folgt die Zuhörerschaft dieser Beichte eines unglücklichen Gottsuchers. Das höchste Lob gebührt der Darstellung, in der K a y ß l e r alo der Unbekannte und mit ergreifender wortarmer Schlichtheit und Tiefe des Empfindens Lina Lossen im Vordergrund standen; unter der Regie Barnnwskys, der hier eine Musterausführung gab und zum Schlüsse mit vollem Recht gerufen wurde.
— De r wieder he «.'gestellte MarktplatzvonHil- dcs heim. Aus dem Hannoverschen wird uns geschrieben: Hil- desheim, das „norddeutsche Nürnberg", ist vor allem bekannt durch seinen Marktplatz, der noch, wie sonst nur in wenigen deutschen Städten, seinen mittelalterlichen Charakter treu bewahrt hat. Im vergangenen Jahre drohte ihm Gesahr durch eine Feuers- bruust: es brannte ein wertvoller Fachwerkbau am Marktplatz, ein altes Patrizicrhaus, das Ludewigschc Haus, aber es gelang, das Feuer von den unteren Stockwerken sernzuhalten. So wurde nur dao mächtige Dach und der obere Stock zerstört. Das Haus ist nun erfreulicherweise ganz im alten Stile wicderhergestcllt worden: dunkelgestrichenes Holzwerk in den oberen Geschossen und rotes Ziegeldach mit cutsprechcuden Dachfenstern. Das Hans schaut n*n in seiner erneuerten Gestalt wieder würdig zu der gegenüberliegenden Häuserreihe, in der besonders das Templcrhaus und das Wcdc- kindhaus berühmt geworden sind. Erstcres ist in seiner Ttein- acchitektur mehr dem nnmderbar prächtigen Hildesheimer Rathausc verwandt, das naturgemäß den ganzen Marklplatz beherrscht. Tas Wedekindhaus zeigt dagegen, wie die anderen Bürgerhäuser, .holz- archileklur, die ja in dein, dem Rathansc gegenüberliegenden, berühmten Knochcuhaucramtshause ljctzigcn Kunstgewerbehausc) den hervorragendsten Ausdruck ifesunden hat. So ist denn der ein- hcitlichc Charakter mbgcschen von einigen unbedeutenden Häuser» des Marktplatzes ivteder hergestcllt. wozu ja auch der vor dem Rathausc stehende altertümliche Marktbrunncn das «einige beiträgt Freilich ist das Dach des wieder aufgebauten Lude- wigsäien Hauses iwch zu neu, das Rot der Ziegel noch zu frisch und sauber, so daß es sich von den altersfarbencn Dächern der Umgebung nockf allzu lebhaft abhcbt. Mer die Zeit wird dem neuen Dache schon eine andere, stumpfe Färbung geben, so daß die Harmonie auch nach dieser Richtung hin bald wieder voll er- llingeu wiro. :>cder Freund alrertümlicher stadtlchön' »tt wir» die Wi,d,Verstellung des Hildesheimer Rathausplatzes mtt Ge- ouatuung begrüßen, zumal gerade in Hildcsbeim a» and-rcu Stellen nach dieser Richtung hin manchecle, 'Fehler bcaanaen worden sind.


