Nr. 9Ö viertes Blatt M. Jahrgang
Erscheml läßlich mit Ausnahme des SonnlagS,
Die „Siebener Zamilietzblätter" werden dem
„Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, dar „Krcisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. Die „kandwirtschastlichen Zeit' fragen" erfcheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Vberheffen
Samstag. 18. April 19^
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jcheu Universiläls - Buch- und- Steindruckere:.
R. Lange, Gießen.
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Redaktion, Grpebition und Druckerei: Schul- slraße 7. Expedition und Verlag: Redaktiome^^ 112. Tel.-Adr.:AnzergerGießen.
von der Industrie Gbersteffen?,
Bon Dr. ©. L.
Bon bot Entwicklung und der jeweiligen Geschäftslage der ober- hessischen Industriebetriebe geben die Berichte der Großb .Handelskammern Gießen und Friedbcrg, sowie die Jahresberickte der Gr. Gcwerbeinipektion ein ziemlich genaues und anschauliches Bild. Eie können als wichtige Quellen für eine eingehende Darstellung der Geschichte und des Werdegangs der heimischen Industrie diene», lieber einzelne Industriezweige. - B. die Zigarrenindustrie, sind schon srüher kleinere Abhandlungen und in den verschiedenen Provinzblattcrn Artikel erschienen. Ter gröbere Teil der industriellen Unternehmungen blickt nur aut eine vcrhältnis- anäßig kurze Zeit des Bestehens zurück und der Umsang der aanzen Industrie der Provinz kann, was Zahl der Betriebe und Arbeitskräfte anlangt, noch keinen vollen Vergleich mit dcm- senigen der anderen Provinzen des Graßherzogtums sz. B. in Qs>eubach, Tarmstadl, Mainz und Worms aushalten. Es sind noch überschüssige Arbeitskräfte in der Provinz vorhanden, wofür als bester Beweis wohl der grobe Strom von meist Saisonarbeitern dient, die sich während der wärmeren Jahreszeit nach auswärts, hauptsächlich nach Westfalen und Frankiurt in dortige Fabriken nnd andere Gewerbebetriebe begeben. Ihre Zahl wird mit 5000 islcher nickst zu niedrig geschätzt sein. Aus dem Kreis Friedbcrg aUein fahren im Sommer täglich etwa 300H—1000 Personen nach dem benachbarten Franksurt aus Verdienst. Allerdiugs könnte der weitaus größte Teil derselben in der Landwirtschair der Provinz Arbeit finden: die Landwirtschott ist aber nicht in der Lage, die glcichhohcn Löhne wie die Industrie zu zahle». Dazu kommt noch das angebundenere Leben im landwirtschaftlichen eBetrieb, das die Arbeiter abschreckt. Bon auswärts suchen nur verhältnismäßig wenig Leute IN oberhcisischcn Betrieben ihr Brot, 'j. B cm Teil der Backsteinarbeiter und wegen der Nähe der preußischen Dörfer ein Teil der Belegschaft des großen Eisenwerkes in Lollar.
Am industrsereichsten ist der Kreis Gießen. Seine berühmte Tabakindustrie blickt aut eine lOOjährige Geschichte zurück und war neben der ehemaligen Kailfchcn Wollspinnerei das erste industrielle Unternehmen in Gießen, das der armen Bevölkerung jener Zeit, wo fast jede Arbeitsgelegenheit fehlte und bares Geld so rar und knavv war. Arbeit und Verdienst bot. heute finden über 3000 Perionen ihren Lebensunterhalt in der Tabakinduftrie des Kreises Gießen.
Aus einem kleinen Eisenhammer hat sich der größte Betrieb der Provinz, die ehemalige Buderusfchc Main-Wescr-Dütte, das vorhin genannte Eisenwerk in Lollar entwickelt, das last l > Tausend Arbeiter beschäftigt und in der hauvtsache Heizanlagen «Warniwasserkeisel und Radiatoren hcrstcllt. Der dortige Hochofen, svlvie dersenige in Gießen, die Margarethenhütte, sind schon seit längerer Zeit erloschen. Aus Ucinen Anfängen gingen ferner die stattlichen Fabriken von hevligenstaedt und Schasfftaedt in Gießen hervor, jene aus einer Schlosserei, diese aus einer kleinen Gürtlerei. Bon den zahlreichen Gerbereien der Stadt, an die der Lohgerbcrbach an der Lahn noch erinnert, arbeiten nur noch zwei kleinere Betriebe. , Eine größere BaumwoNcweberei in der Stadt ist vor etlichen Jahren eingegangen. Dafür hat sich aber eine ganze Reihe anderer Industriezweige mit modernen Fabrikgebäuden, großer Arbciierzahl und gcnaaltigem Umsatz ansgctan. Erwähnt seien eine chemische Fabrik, die aus Amerika bezogene Blöcke von rohem Wismutmctall aut elektrischem Wege raffiniert und dabei Kuvier, Kobalt und eine Reihe anderer wertvoller Metalle gewinnt, eine Kasicnschranksabrik, eine Lack- sabrik, eine Stemvelsabrik und zwei Kunststeiniabriken, deren cs »och se eine in Hungen und Bellershain gibt. Erst in letzter Zeit haben eine Gummiwarensabrik und eine Weicheisengleßcre, ihre Betriebe in Gießen eröffnet, wohl in erster Linie durch drin hiesiger Gegend noch versügbaren Arbeitskräfte bestimmt. Die bciden Gailfchen Tonwerke mit ihren gesuckste» und für all Arten hoch- nnd Tiefbauten bewährten Klinkersteincn beschäftigen gegen 300 Arbeiter. Erwähnenswert sind auch die in schöner Entwicklung begrissencn Tertilsabrikcn der Stadt Grünberg ünd Umgebung.
Tic reichen Bodenschätze des Kreises Gießen haben die Ber-! anlassung zur Errichtung umfangreicher Gewerbebetriebe gegeben | Im großen Fcrnie'schen Brauniteinbergwerk der Lindener Marl wird seit über 50 Jahren Braun- und Brauneisenstein gefördert. Die Quarzitsteine bei Mainzlar verarbeitet eine große Fabrik auf scuerseste, sogenannte Dinassteine, die zum Ausllciden von Brennöfen Verwendung finden, in denen Temvcraturen bis zu 2000 Grad herrschen, Eisensteingruben nnd -Wäschereien fehlen im Kreis Gießen auch nicht. Die reichhaltigen Tone werden in verschiedenen größeren Ringoscnbetriebcn zu Backsteinen gebrannt. Kalkstein, Süßwasscr-Tolomit lGarbenicichst Basalt und Lungstein in zahlreichen Brüchen und Gruben gewonnen. Das Zerkleinern der Steine geschieht aber nicht mehr wie ehedem mittels Handschlag, sondern zum größeren Teil in modernen Brecherwerken, die mit Damkikrait betrieben werden. Auch der Transport von Erzen und -teilten nrit Pferd und Wagen hat aufgehört; afr deren Stelle sind nrit Damv und Elektrizität betriebene Seil und andere Förderbahnen getreten. Zu den Bodenschätzen des Kreises Gießen gehör« vor allem auch die Braunkohle. Das Bergwerk auf dem hesicnbrückcr- hammer zwischen Lich und Laubach mit seinem einst regen Betrieb und seinem weitbrn versandten Schwarzholz ist leider eingcgangcn. In Trais a. d. Horloff aber wird Braunkohle im großen Maßstabe im Tag- und Tiefbau gewonnen und brikettiert. Das Bergwerk liegt schon in der Wettcrau und stößt an die gleichen Betriebe des Kreises Friedberg in Wölfersheim und Weckcs- heim. Der erste ist staatlich und seine Braunkohle dient seit Jahresfrist säst ganz dem Betrieb der Uebcrlandzentralc der Provinz, die neben derjenigen der Stadt Gießen einem großen Teil der oberhcssischcn Dörfer elektrische Energie, Licht und Käst liefert.
Zu den Bodenschätzen des Kreises Friedberg gehören außer dieser Kohle die Brauneisensteine am Taunus, die in den Bergwerken bei Ober-Rosbach v. d. h. gewonnen werden. Es gehören dazu vor allem aber auch die kohlensäurereichen Mineralwässer der Wettcrau. Seit Römerzeiten sind die Säuerlinge von Vilbel, vom Sclzerbrunncn bei Großkarben, von Schwalheim, Nauheim und Rosbach bekannt, wozu nach der im Kreis Büdingen gelegene Sauerbrunnen bei Griindschwalheim kommt, Tic größeren Mineralbrunnenbetriebc können heute durch ihre modernen Einrick tungcn täglich 10 bis 20 ja 30 000 Flaschen mit Selterswasser füllen, das nach England und bis in unsere Kolonien verschickt wird. Auch Kohlensäuregas, das dem Wasser und der Erde entströmt, wurde noch vor wenigen Jahren in einer Fabrik zu Bad-Nauheim gereinigt und vcrslüssigt und in diesem Jahre wird am Bilbcler Bahnhof eine neue Kohlensäurcsrbrik erstehe», die das überschüssige in reichem Maße vorhandene Kohten- säuregas des Vilbesers Sprudels, nachdem es durch eine mehrere hundert Meter lange Rohrleitung linier der Nidda durch nach der Fabrik gepumpt worden ist, zu flüssiger Kohlensäure komprimiert nnd in den bekannten Stahlslaichen versendet. Die Zuckerfabrik bei Friedberg verarbeitet allwinterlich rund eine Million aus dem fruchtbaren und tiefgründigen Boden der Wetterau gewachsene Zuckerrüben, Sie fabriziert daraus rund 150 000 Zentner Rohzucker, Tag für Tag werden daselbst 2—3 Waggon Kohlen in Dampskesseln zur Erzeugung von Dampf und Kraft verbrannt, Tic Arbciterzahl beläuft sich loährend der Kämvagne aus fast 300, Einen Weltruf genießt die Fricdberqer Lackindustrie, deren Begründer, Herr Roßbach senior, in seiner Jugend längere Jahre in der gleichen Industrie in Rußland tätig gewesen war. Die Getreidemühlen der Wettcrau haben an Zahl und Bedeutung in den lebten Jahrzehnten viel verloren. Nur drei oder vier der größeren Mühlen sind als Handelsmüh'en mit neuzeitlichen Einrichtungen geblieben. Die zwei großen Mühlen in Ilbenstadt und Großkarben mahlen auch nicht mehr. Die erstere ist in eine Pappdeckelsabrik, die Dögelmühle bei Großkarben in eine intensiv arbeitende Fabrik für moderne Bureaumöbel umgewandclt. Seit 100 und mehr Jahren liefert die Sole Nauheim das geschätzte ochsalz, wozu in neuerer Zeit noch die Gewinnung vorzüglicher Badesalze gekommen ist. Gleich begehrt wie das Nauheimer Salz : war in früheren Jahrhunderten auch dos Salz der Solen bei Wisselsheim und Solzhauscn. Diese Salzsiedereien wurden von I weither ausgesucht. Gewöhnlich brachten in alter Zeit die Käufer
I Dornen- und Rcisigwcllen mit nach der Saline und tauschten | dafür das sogenannte Schüsiclchcnialz genannt nach den trepven- ' sörinig angcordncicn Salzwüriclchcn . Heute noch hcitzt^ein alter Weg, der von Garbenieich durch das Wcttertal nach der Sole Bad- Nauheim führte und beim volcn von Salz begangen wurde, der „Sure"wcg, der von oltershcr direkt nach der Sole bezw. »ach tun „Sud'- führte. In der Stadt Bad-Nauheim hat sich auch vor wenigen Jahren eine Zahniabrik anigeta», die künstliche Zähne fabriziert. Interessant ist dabei, daß die Form der Zäbnc bet den einzelnen Dälkerrassen verschieden ist und dem Kiefer- und Ge- sichtsba» angepaßt werden muß. Nach der Schweiz z B. müssen ganz anders gefornne Zälmc geliefert werden als nach dem germanischen Norden. Das Bad Nauheim hat die Veranlassung zur Errichtung mehrerer großen Tampiwaschanstalten mit fabrikmäßigem Betrieb gegeben, die während des Sommers eine» großen Teil der weiblichen Arbeitskräfte der liegend ausnehmcn. E>-wäbnt sei auch an dieser Stelle die Fabrik photographischer Papiere von Trapp und Münch in Friedbcrg. Die Nähe der Stadl Franksurt läßt im südlichen Teil des Kreises Friedberg eine bedeutende Industrie so leicht nicht auskommen. Nur in Nicdcr-Erlenbach wild eine größere Maschinenfabrik betrieben. in der ledtgllch seincrc Näli-maichinenteile fabriziert werden. Tic Butzbachcr Schuhwaren hatten von altcrshcr einen guten Klang und aus^allcn Märkten weit und breit waren die zahlreichen Butzbachcr Schuster, die in den eigenen Werkstätten ihre Produkte mit der Hond ansertigtcn, vertreten. Dieses Handwerk bat aber auch wie allerwärts seinen goldenen Boden ocrloren. Drei Schuhfabriken mit modernen Maschinen und Motorbetrieb haben eS ersetzt. Auch die zahlreichen lleincn Gerbereien in Butzbach sind bis aus 3 Rotledergerbcrcicn verschwunden, die mit neuzeitlichen Maschinen arbeilcn. Verschwunden sind ferner die Leimsabrikcn und die Blauiärbcreicn. An Stelle der letzteren ist die bekannte Dampssärbercs und chemische Wäscherei von Braubach lind Fischer getreten. Moderne Fabriken neueren Datums sind in Butzbach eine Nudetiabrik, eine Papicrwaccnsabrik und eine große Fabrik landwirtschaftlicher Maschine». Letztere fiat der Inhaber, Herr Tröster, aus kleinen Anfängen geschossen. Die Maschinen gehen weithin in seine Länder, und der Ausschwung dieser Fabrik hat einige ehemalige Handwerker der Provinz zur Errichtung gleicher Anlagen mit gutem Erfolg angespornt. Am Bahnhof zu Butzbach liegen außerdem eine Farbenfabrik und zwei .Kalkwerke, die ihr Rohmaterial aus den Kalkstcinbrüchen benachbarter preußischer Dörfer holen. An Basalt ist der Kreis Friedbcrg arm. Quarzitsteine und Sandsteinguarzite dagegen, die srüher ohne Bedeutung waren, werden in verschiedenen größeren Steinbrüchen bei Rockcnberg und Münzenberg von hunderten slcißigen Menschenhänden gebrochen.
Wir kommen zum Kreis Büdingen, der, wie auch die noch übrigen drei Kreise Schotte», Alsfeld und Lauterbach nur verhältnismäßig wenig bedeutende industrielle Anlagen ausweist. Entbehrliche Arbeitskräfte des Kreises Büdingen suckien daher in den benachbarten Städten Gelnhausen und Hanau Verdienst. Tic Jahrhunderte alte Sandsteinindustrie in Büdingen nnd Umgebung hat ihre Blütezeit hinter sich nnd ist in ständigem Rückgang begriisen, seitdem die Kunststeine, die früher von den Messer- und sonstigen Fabriken gesuchten Büdingcr Naiurschleisstcine verdrängt haben. Eine Glasfabrik in Büdingen und eine Zuckerfabrik in Stockhcim, die viel Verkehr und Geld ins Land brachten, haben ihren Betrieb eingestellt. In Büdingen selbst sind nur eine Wollspinnerei sowie eine Geleesabrik Betriebe von größerem Umfang. An verschiedenen Orten des Kreises entwickelt sich aber in neuester Zeit die Basalt- industric in verstärktem Maße, z. B. in Obcr-Widdershcim, Ortenberg, Heghcim und Rinderbügcn. Das Rinderbügener Braunkohlenbergwerk ist eingegange» Aus der alten Salzhäuser Braunkohlengrube wird aber neuerdings wieder Braunkohle gefördert. Ter einzige Großbetrieb des Kreises Büdingen liegt in Hirzenhain, dem Stammsitz der Familie Buderus, wo durch deren Energie und Fleiß aus lleinem Hammer ein großes, stolzes Eisenwerk geschossen worden ist, daS 500 Leuten der ganzen Umgebung Beschäftigung gibt. Das Werk wird fortwährend vergrößert und hat seit wenigen Jahren auch die Fabrikation bester Emaillewaren und besonders emaillierter Badewannen mit gutem Erfolg ausgenommen. Ter Absatz geht bis in die Balkanländcr hinein. Er geriet im vorigen Jahr, als dort der Krieg tobte, sehr ins Stocken. Oberhalb der Stadt Nidda, wo die Industrie erst im Werden begriisen ist,
LrauKN'RttttVsclian.
Neue tzachzeitsmoden in England.
Die launische Wandelbarkeit der modernen Mode und ihr Streben zum Bizarren undUng.wohnlichen ist auch aut die alten Hochzeitsmoden Englands nicht ohne Einfluß geblieben. Daß die Brantkostümc sich dem sühnen und oit crzentrischcn Linien- sckwunge der Mode anpaß.ten. wurde von den Geistlichen bisher mit einem nassen u einem trockenen Auge schmstgend hingcnommcn. Seitd nr aber auch ist,Trachten der Br u i'n f- n imme un e'i ö ter die g h tilgten alten Tradi tonen abstrc fen »nd das Bild der englischen Hock'zcitsscste von Grund auf verändern — seitdem das begonnen hat, sind die Geistlichen bedenllick geworden, und ihre Sorge äußert sich nun in Hncr geharnischten Kriegserklärung gegen gewisse Extravaganzen der Mode. Ter Führer in diesem Kampfe ist der Vikar von Walthamcroß, der Reverend H. N. EalcS, und schon haben sich eine ganze Anzahl Gottcsmänncr der Bewegung angeschlossen.
Wer nicht mit eigenen Augen englische Hochzeiten gesehen hat, kennt zumindest aus Bildern die reizenden Trachten der Brautjungsern, die dem ganzen Feste ein charakteristisches Gepräge geben. Mit ihren großen Hüten gaben sic der Braut das Geleit zum Altar, und die breitrandigen Kopsbedeckungen ließen das zarte schmale Oval des typischen britischen Mädchcngcsichtcs doppelt reizvoll hervortreten. Ach, dies alles war einmal. Seit drei Jahren sind diese Hüte der Brautjungfern immer mehr in den Hintergrund gedrängt worden. Es begann mit der Mode, bei den Dochzeitsfestcn historische Kostüme und Trachten .nachzuahmen, die Brautjungsern setzten sich das Ziel, inshrcr Tracht heftimmteMeisterwerke derMalerii zu kopieren, d-rH-it iiel, und statt dessen tauchten seltsam geformte, altertümliche Kopfbedeckungen ans. Bei manch.» Hochzeitszügen kam dabei säst e.was Karnevalistisches in das Aussehen der Brautiungicrn: sic legten die Hüte ab und schmückten ihre blonden Flechten mit Blumengewinden. Aber auch diese Blütenkränze wurden kleiner und kleiner, nur zwei, drei kleine Blumen blieben schließlich übrig, und an ihnen befestigt eine säst unsichtbare kleine Tüllschleife. Tann kamen Spitzcnkappen, Kopien nach einem Bildnis des Velasgucz: und gegenwärtig tragen die meisten Brautjungfern an dem Ehrentage ihrer Freundin ein kleines Tüllhäubchen, da? in seiner Form und Ausmachung einer Tienstmädchcnhaubc ähnelt, oder jenen zierlichen, kleinen, weißen Kopfputz, den man in England in den Teeräumen so häusig bei den Kellnerinnen sieht. Daß nun endlich die Geistlichkeit Einspruch gegen die „hutloien Brautjungfern" erhebt, Hai seine guten Gründe. Immer mehr trrtt bei den jungen Damen das Bestreben zutage, den Hochzeitstag der Freundin dazu zu benutzen, durch bizarre, ungewöhnliche und Aussehen erregende Kopfbedeckungen die allgemeine Auimerksamkcit auf sich zu lenken, und der Reverend Eales bat vielleicht nickt ganz io unrecht, wenn .er behauptet, daß dadurch die Feierlichkeit der Eheschließung beeinträchtigt tverde. ,,Mir scheint, daß nur allzuviel junge Bräute und BrautjungsraueN immer mehr den ehrwürdigen Charakter der Hochzeitszereinonic vergessen und den a.ag als eine Gelegen
heit zur Entfaltung modischer Phantasien betrachten." In den HutmacherimMr und Modistinnen, die durch die Abschafiung des Brautjungfernhutes natürlich wesentliche Einnahmeguellen verloren haben, findet dieser Kamps gegen die Zutlosigkeit eifrige Verbündete, und so erscheint es nicht ausgeschlossen, daß England bald wieder den großen Hut der Brautjungfer zu.Ehren kommen sehen wird.
— Soziale Berufe. Erziehung und persönliche Fürsorge, die früher in allen Schichten des Volkes der Fanrilie und im besonderen derMutter überlassen waren, sind heute in weit größerem Maße an die Schule oder gar an Gemcindeorgane und Private übergegangcn. Je mehr aber die Kinder dem elterlichen Haushalt nnd der elterlichen Gewalt entfremdet werden, um so sckwieriger wird die Ausgabe der Erziehung, um so größer die Pflichten für die Kräfte, die an Stelle des Elternhauses treten. Hier ist Kleinarbeit zu leisten, bei der man das mütterliche und weibliche Empfinden nicht missen kann. Daher crössnen sich heute den Frauen, die mit ivarmcm Herzen .und sozialem Verständnis ausgerüstet sind, zahllose Berufe in den Gemeinden und in Vereinen. Wer dachte noch vor kurzer Zeit an den B"rus einer Jngend- vslcgerin? Wer an die Landhflegcrin, die WohnungS- oder Säuglingspflegerin, Tätigkeitsgebiete, die heute eine. große Zahl von Frauen ausnehmen nnd in steigendem Maße ausnehmcn werden. 0Pt gebildete Arbeitskräfte finden rasch Stellungen. So haben die ersten Studierenden der Leipziger Fraucnhochsckule nach Ablegung der Prüfung sofort günstige Anstellungen erhalten. An der Zentrale sür Jugendfürsorge, an dem Archiv für Er- -ichungssragen, an dem Hcilerziehungshcim Klein-Meusdors bei Leipzig und in anderen Stellungen haben sie mit einem Ansangsgehalt von 1200 bis 1500 Mark flrbeitSgebiete erhalten, die für Frauen ganz besonders gut geeignet sind.
— TieVaterschaftsklagc in Frankreich. Das Recht des unehelichen Kindes und der unehelichen Mutter war bekanntlich in Frankreich durch den Artikel 310 des eodc civile in ein Unrecht verkehrt. Tenn es verbot die Nacbsorschung nach dem unehelichen Vater und hinderte dadurch die Mutter, Rechte gegen ihn geltend zu machen. Erst das vergangene Jahr hat gesetzlich anerkannt, was im .Bewußtsein des Volkes schon lange Rechtens war und was zudem durch die stete Abnahme der Gc- burtenzissern sozialholitisch und volkswirtickastlich notwendig geworden war. Heute kann die außereheliche Vaterschaft durch Richtcrspruch festgesetzt werden, wobei freilich die Klage nur dem Kinde oder während dessen Minderjährigkeit ausschließlich der Mutter zusteht. Die Klage soll in der Regel in den ersten zwei Jahren nach der Geburt erhoben werden, kann aber in Ausnabmc- iällen sogar noch nach der Großjährigkeit nachgeholt werden. Wird in einem solchen Prozeß der Anspruch aus Vaterschaft anerkannt, so erhält das außereheliche Kind damit nicht nur den Anipruck aus Gewährung des Unterhalts, sondern ihm steht auch das Recht auf den Namen des unehelichen Vaters und das Erbrecht zu. Durch diese Bestimmungen überholt Frankreich die in Deutschlaard geltende Gesetzgebung.
Henriette H u x l e y +. Die Lebensgefährtin des großen englischen Naturforschers Thomas Huxlcv, des Mitarbeiters und Freundes Darwins, Frau Henriette Huxley, ist im Alter von 89 Jahren gestorben, wie aus London berichtet wird. Frau Hurlen war iitf uns Deutsche besonders deswegen von Bedeutung, weil sie in Deutschland ihre Schulbildung genossen halte und dank ihrer Beherrschung der deutschen Sprache imstande war, ihrem Gatten bei feinen wisienschastlichen Arbeiten dadurch zu hellen, daß sie sür ihn die Ergebnisse deutscher Forschung ins Englische übertrug. Frau Hurley, geborene Heathorn, lernte ihren gleichaltrigen späteren Gatten in der Nähe von Sydney, wohin Thomas Huxley ,ils zoologischer Assistent und Arzt aus dem Forschungsschisse „Rattlesnake" gelangte, kennen. Sie verlobte sich im Alter von 22 Jahren mit ihm. dann wurde das Brautpaar durch hie Reisen des Gatten aus Jahre getrennt, und er t acht Jahre später, als Hurley eine einträgliche Stellung gesunden hatte, konnte die Vermählung stattsinden. Die Braut war damals zwar so schwer krank, daß die Acrztc ihr höchstens noch ei» Leben von einem halben Jahre in Aussicht stellen konnten, aber Hurlch hcirrtetc sie doch, und sie hat ihn um beinahe zwei Jahrzehnte überlebt. Frau Huxley ist selbst auck schriststclleriich tätig gewesen: sic hat eine ganze Reihe von Gedichten verössentlicktt und aus den Werken ihres Gatten eine Auswahl von Aphorismen und Betrachtungen hrrausgegeben.
Eine Javanerin als Bankdircktor. Eine Frau als Leiterin einer Bank! Bei den Völkern westlicher Kultur erregt ein solcher Frauenberuf heutzutage kein großes Aussehen mehr, in Japan dagegen hätte man etwas derartiges nicht pcr- mutet. Tic Leitung eines Bankhauses in Tokio liegt, wie die „Japan Review" mitteilt, in den Händen der Frau Seno, die auf eine langjährige Tätigkeit zurückichaucn daN. Ziemlich irüh verwitwet, hatte sic seit dem Tode ihres Gatten nur den einen
Gedanken, das von ihm gegründete Bankhaus zur Blüte zu
bringen. Sic verlegte cs von ihrer Heimat, einer Provinzstadt, nach Tokio, erwarb einen Platz in der Hauptstadt und errichtete dort die Seno-Bank mit einem Kapital von ungesähr einer Million. Tie Geschäfte begünstigten ihr Unternehmen so. daß sie am Ende des ersten Jahres den Aktionären eine 6°°igc Dividende auszahlen konnte. Heute I>at die energische Fron ein
Aller von .70 Jahren err.eicht, ist aber noch immer die Seele
des Geschäftes, und hat bei allen Krcditgeschästen und anderen Karitalsanlagen das letzte Wart. Ein hübscher Zug^auS ihrem Leben zeigt, daß sic die Grundsätze einer strengen crparsamkeit auch aut ihr Privatleben ausdehnt: sie reift stets dritter Klasse und als sie einmal Aktionärin einer Eisenbahngesellschast geworden war >u.nd ihr die Direktion eine Dauerkarte erster Klasse zur Verfügung gestellt hatte, fuhr sic trotzdem fort, die gewohnte dritte Klasse zu Wlutzen. Einst machte ein Beamter ihr deshalb Vorstellungen und wollte ein Abteil erster Klasse für sie reservieren. .Sie lehnte das ab mit der Begründung, sie besäße den Fahrgästen gegenüber die Pflichten einer Gastgeberin und glaubte sich nicht berechtigt, die erste Klasse denen wegzunehmen, die dafür bezahlt jhätten.


