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Nr. 84

Drittes Blatt

M. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme de; Sonntags.

Distzießener <amili«nblätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, dar Kreisblatt f8t den Kreis Siehen" zweimal wöchentlich. Ti-Landwirtschastlichen Seit-

skagen" erscheine» monatlich zweimal.

Geheim Anzeiger

General-Anzeiger für Cberhessen

Donnerstag, 9. April t9t4

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität; - Buch- und Eleindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Truckerei' Schul» straß« 7. Expedition und Vertag: e®5L Sebaflion: 112. Tel.-Adr.iAnzetgerGieben.

Zur Vereinfachung der hessischen Staatsverwaltung.

lieber die Beratung des Ausschusses zur Bercinsachung der Staatsverwaltung, die um Dienstag ftuttfaud und über die nur gestern bereits einen Bericht unseres Darmstüdter rb -Mitarbeiters »erössentlichten, erhalten wir heute noch folgende aussührlicherc ossiziöse Darstellung:

Zunächst wurde die Vereinfachung des staatlichen Kassenwesens besprochen. Ter von Mitgliedern der Ersten Kammer ausgehende Vorschlag, die Erhebung der Staatssteucrn und anderen staatlichen Gefällen den Ge» tneinücn zu übertragen, war inzwischen in einem Unter­ausschuß berdtcn worden. Nach diesem Vorschlag sollte die Erhebung der Slaatssteiieri, unentgeltlich geschehen, während sür Erhebung der sonstigen Gefälle den Gemeinden l Proz. vergütet iverden sollte. Gleichzeitig sollte den mcinden freigestellt werden, sich zu größeren iöcbbezirken zusammenzuschlictzen. Demgegenüber wttrde regierungs­seitig darauf Hingeiviesen, daß es fraglich sei, ob die Ge­meinden gegen eine so geringe Vergütung diese Aufgabe übernehmen können. Die Vergrößerung der Hebbezirke iverde unter allen Umständen dem gegenwärtigen Zustand gegen» über eine Verschlechterung für das Publikum bedeuten. Jedenfalls ließen sich auf diesem Wege nur dann Erspar­nisse für den Staat erzielen, wenn die Gemeinden gleich­zeitig inehr belastet würden. Tie Regierung hält die jetzige Art der Regelung für zweckmäßig und glaubt überdies nicht, daß die beiden Lämmern der Landstände einer M c h r- belastung der Gemeinden zur Entlastung des Staates zustimmen würden.

Alsdann wurden die Vorschläge von Mitgliedern der Ersten Kammer über die Vereinfachung der Steuerveranla­gung besprochen. Hier bestanden noch Meinungsverschieden­heiten darüber,

1. ob die gegenwärtige Anzahl der Finanzämter von 37 auf 23 verringert iverden könnte;

2. ob in größerem Maß akademische Beamte durch mitt­lere Beamte ersetzt iverden könnten, und

3. ob auch hier gewisse Arbeiten ohne Entschädigung ans die Gemeinden übertragen werden könnten.

Die Regierung hält den gegenwärtigen Zeitpunkt zur Verminderung der Finanzämter für den denkbar ungünstig­sten angesichts der vermehrten Ausgaben, die ihnen durch die Ausführung des Gcmeindcumlagengesetzes und die Reichs­steuergesetzgebung zug^fallen sind. Durch vermehrte.Heran­ziehung von mittleren Beamten als Hilfskräfte lassen sick- größere Ersparnisse nicht erzielen. In diesen beiden Bezie­hungen wird die Regierung indessen Ersparnisse cintreten lassen, soweit irgend möglich. Ten Gemeinden das Schreiben der Steuerzettcl oder andere Arbeiten zu übertragen, bietet technisch große Schwierigkeiten und kann Ersparnisse sür den Staat nur herbeiführen, ivenn Ausgaben von diesem auf die cktemeindcn abgeivälzt werden. Aus der Mitte des Aus­schusses wurden wettere Ausführungen zu diesen Darlegun­gen nicht gemacht.

Bei Besprechung der Vereinfachung der Bau- vcrwaltung herrschte Uebereinstimmung darüber, daß bei der Neuordnung die Trennung nach Fachrichtun­gen streng durchzuführcn sei. Es sollten hiernach ans der einen Seite unter Zusammenziehung der bisherigen staat­lichen .Hochbauämler mit den Dienststellen der Kreisban- iuspcltorcn staatliche Hochbaüümter, aus der anderen unter Einbeziehung des kulturtcchuischcn Dienstes staatliche Tics- bauämter errichtet werden. Den letzteren soll entgegen der in der Denkschrift der Regierung für einzelne Kreise vor­gesehenen Regelung die S t r a ß c n u n t c r h a l t u n g in allen Fällen überwiesen werden. Die Wichtigkeit und Be­deutung gerade dieses Dienstzweiges der Tiefbauämter wurde namentlich mit Rücksicht auf den stets wachsenden Aulomobil- vcrkchr und die bevorstehenden Automobillinicn besonders hcrvorgchoben.

Wenn so grundsätzlich eine Organisation aus dieser Grundlage gutgchcißeu wurde, soll cs der Regierung über

lassen bleiben, die Zahl der für den §>och- und Tiefbau cr- sorderlicheu Aemter und Baubeamlcn demnächst vorzu- schlagcn.

Es besteht ferner Einvernehmen darüber, daß die Stel­lung der Bauämter, soweit möglich, s e l b st ä n d i g zu ge­stalten ist, und daß auch in den Beziehungen, in denen ein Zusammenwirken zwischen Bauämtern einerseits und den Verwaltungsbehörden und Selbstverwaltuiigskürpern an dercrseits unerläßlich sei, unter Abänderung der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen, iiauientlich des Art. 35 Abs. I des Kiinststraßenbaugcsetzes. den Baubeainten eine ihrer Vorbil­dung entsprechende Stellung gcwäbrlcsstet werden soll. Tie in der Denkschrift der Regierung lctonte Notwendigkeit, auch das mittlere Baupersonal zu verstaatlichen, wurde allgemein anerkannt. Ferner wurde erörtert, daß es an einer Zentral­instanz für den Tiefbau, insbesondere für die Straßenunter- haltung, fehle, und daß ein A u s b a u d c r M i n i st e r i a l - abtcilungfürBauwesen in dieser Richtung unerläß­lich sei. Diese Abteilung sowie das sämtliche ihr zu unter­stellende Bcamlcnpersoual soll dem Ministerium des Innern zugewiescn werden.

Am Schlüsse der Verhandlung erklärte die Regierung, daß sie nunmehr aus Grund der vorstehenden Leitsätze in die sür eine Neuordnung erforderlichen näheren Feststellungen und Verhandlungen mit den beteiligten Faktoren eintrcten werde; sie hoffe alsdann in dem nächstjährigen Voranschlag bereits bestimmte Vorschläge für die Neuordnung der Bau waltung machen zu können.

Rumänien als Bundesgenosse Albaniens.

Wien, 8. April. DieNeue Freie Presse" meldet auS Bukarest; Die albanische Regierung erbat die Entsend « ng einer rumänischen M i l i t ä r m i s - si o n nach Alb an icn zwecks Reformierung des albancsischcnHcercs. Zwischen Albanien und Ru­mänien finden Verhandlungen wegen einer Interven­tion Rumäniens aus Anlaß der Epirussrage in Athen statt Die rumänische Regierung hat bereits diskrete Schritte in Athen un te ru o mnien.

Dcntscbe» Zlcid*.

Ter gefälschte Kaiserbries. TicNorddeutsche All gemeine Zeitung" schreibt: Zu dem unüberlegten Vorwurf einiger Blätter, unsere Mitteilung über den gefälschten Kaiserbries hatte acht Tage f r ü h e r erscheinen müssen, möchten wir bemerken, daß es gar nicht in der Macht der amtlichen Stellen lag, eine schnellere Aufklärung zu schassen. Zunächst war nicht bekannt, ob das Original des Brieses an die Frau Landgräfin von Hessen überhaupt noch existierte und wo cs sich befand. Erst nachdem der Brief aus dem Nachlasse des Kardinals K o p v an die Adrcssa- tin zurückgclangte, bestand die Möglichkeit, die über seinen In­halt umlaufenden Angaben als freie Erfindungen cinwandsrci sestzustellcn und zu kennzeichnen. Das geschah nach an demselben Tage, an dem der Reichskanzler eine beglaubigte Abschrift des Originals erhielt.

Verleihung des Schwarzen Adler-Ordens. Ter Kaiser hat dem Erzherzog Peter Ferdinand von Oesterreich den Schwarzen Adler-Orden verliehen.

Ansschnb der Kanzlcrreise. Dem Vernehmen nach mußte der Reichskanzler die Abreise nach Korfu ivegen der Erkrankung seiner Gemahlin zunächst verschieben.

Tie Ta nie des Erbprinzen von Braun schweig findet dem herzoglichen Obcrhosmarschallamt zufolge am st. Mai statt.

Vom Grafen P o s a d o w s k h. Im Alter von 73 Jahren ist am Mittwoch morgen die Gattin des Staatsministcrs und langjährigen Staatssekretärs des Innern, sowie Mitglied des Herrenhauses, Grasen v. P o s a d o w s k N - Wchncr gestorben.

Azirlanv.

Ter italienische M a r i ne m i n i st c r Gras M i l l o wird sich an den Osterscicrtagen nach San Rcmo begeben und dem Großadmiral v. Tirpitz einen B e s u ch machen.

Premierminister A s q u I t h ist ohne Gegenkandidaten ivicder in das Unterhaus gcivähl! worden.

>1 c b c r das Verhör des früheren Finanzmi < nisiers Eaillaux, welches nicht weniger als sün> Stunden dauerte und sich zu einer ivahren Verteidigungsrede Caiilaux- gestaltete, wird auS Paris genieldct: Caillaur schilderte ein­gehend die vomFigaro" gegen ihn unternommenen Kämvie, Er führte aus, bah Calmette, dessen Tod er und seine Frau tict beklagten, (einerlei persönlichen Groll gegen ihn haben lonntc. Unter dem Ministerium Waldeck Rousseau, dessen Mitarbeiter er gewesen sei, habe er zu Calmette, der die Politik WaldeE Rousseau'S treu unterstützt hatte, sogar in freundschaftlichen Be­ziehungen gestanden. Vor einigen Monaten, als^ derFigaro" die Angriffe gegen iim begann, habe inan ihm Schriftstücke air- gcboten, damit er eine Campagne gegen Calmette iinteriielvnl- doch habe er diese Papiere abgelkhnt, denn er kämpfe nicht tttii solchen Waise». Die Letze desFigaro" sei immer leidemchast- licher geworden. Calmette habe versucht, ihn in der Erbichaits- angclegenhcil Prieu bloßzustcllen und als sich dieser Angritl als haltlos erwies, sogar verschiedene Leute z» salsck>en Zeugen­aussagen durch Geldveriprechungen gegen ihn anstiilen wollen. Er behalte sich vor, den Ursprung dieser Gelder genau zu kenn­zeichnen. Calmette beabsichtigte auch, gewisse Schriftstücke über die äußere Politik Frankreichs zu oeröiicittlicl'cii, um ihn zu kompromittieren und nur infolge eines aül Ersuchen der be­rufensten Persönlichkeiten von Barthou unternommenen Schrit­tes hätte Ealmctte im letzten Augenblick aut die Perösscntlichung dieser Briefe verzichtet, welche die schwersten äußeren Verwick­lungen hätten verursachen können. Er persönlich habe diese Ber- össentlichungen nicht nur nicht gefürchtet, sondern geradezu her- bcigeschnt. An dem Tage, wo er wieder frei werde svrcckrn können, wa das ant amtlichen Dokumenten beruhende Werk erscheinen werde, das er über Aga dir geschrie­ben habe, würden alle Franzosen nicht bloß seinem Patriotismus, sondern auch seiner politischen Voraussicht Gercchligkeit tvtdenahren lassen. Die Tatsache, daß Calmette an die Veröffentlichung der­artiger Papiere dachte, beweise jcdemolls, dat; dieser vor nichts zurückschrccktc, um seinen politischen Gegner ntc- dcrzuwersen. Deshalb Hobe er cs auch für sehr möglickt gehalten, daß derFigaro" seine intimen Briete verötiemlichen tönnle. Seine Gattin habe übrigens von Barthou selbst gehört, daß dieser ans der Straße unter einer Gaslatcrnc eine Unterredung mit Frau Guaydon (ber geschiedenen Frau Eaiilaux't hatte, wobei ilM diese die intimen Briese vorgelesen hatte. Man habe gefragt, welchen Zweck Man mit der Veröffentlichung dieser Briete verbinden lonntc: Zweifellos, weil in diesen Briescn auch politisckte Angelegenheiten behandelt worden seien und weil man gehofft habe, ihm durch die Enthüllung seiner Liebesgeschichte zu schade». Für ihn selbst hätte dies mir nebensächliche Bedeutung gehabt, aber seine Frau konnte dies in ihren heiligsten Gefühlen, inl ihrer Würde als Gattin und Mutter einer erwachsenen Tochter verletzen. Er habe mit seiner Frau stets in innigster Harmonie gelebt. Man habe das böswillige Gerücht über seine angeb­lichen Ehezwistrgkeitcn verbreitet, aber das gehörte eben zu dev vomFigaro" unternommenen Eamvagne. Man habe sogar be­hauptet, daß er der Nebenbuhler Calmettes bei einer Dame sei. Eaillaux schilderte dann eingehend dip bereits bekannten Vor­gänge am Tage des von seiner Frau unternommenen Anschlages. Er bestätigte, daß er zu seiner Frau, als sic ihm von der Unter­redung mit deni Gerichtspräsidenten Mitteilung machte, gesagt habe: Wenn die Sache so liegt, dann werde ich Ealmctte den Schädel entzweihauen. Aul die erschreckte Frage seiner Frau, ob er dies heute luu werde, habe er geantwortet: Nicht heute, ich werde mir den Tag und die Stunde aussuchen, aber eS wird nicht lange dauern. Nun soll Eaillaux auch Barthou gegcnübergcstcllt werden.

Tie G c g c n ü b e r st e l l u u g C a i l k a u x- und B a r t h o u's zielte allein aus die Feststellung ab, ob Frau Guchdon unter einer Straßenlaterne Barthou die beiden intimen Briefe vorgcleien habe. Ohne Eaillaux iörmltch zu dementieren, gab Darthon die Versicherung, daß er bis vor kurzem nichts von dem Vorhanden­sein dieser beiden Briese gewußt habe, Wahrscheinlich habe Eail- laux, hypnotisiert durch die Furcht vor der Berössöntlichemg der intime» Brieic, geglaubt, Frau Gucydo» habe sie ihm mit- gctcilt, aber er täusche sich.

An den Staatswahlcn in Illinois nehmen zum ersten Mal die Frauen teil. In Chicago stehen 2 17000 Frauen i ir den Wahllisten neben 4 ö 5 0 0 0 Män­nern. Beide Parteien lassen cs sich viel kosten, Magen und Automobile zu stellen. Um die Frauen zu dm Wahllokalen zu bc- sördtzrn. Ber dem Wahlkampf handelt cs sich, tvcsenllich NM die Beschränkung oder dasVerbot desHandelS mit geistigcnGctränken.

Europas Herrscher im SUde der Infantin Eulalia.

Tie Jniankin Eulalia van Spanien, die im Strand Magazine ihre Lcbcnscrinncrungcn vcrösicntlicht, tvidmet den neuesten Ab­schnitt ihren persönlichen Beziehungen zu Eurovas Herrschern und gewährt dadurch die seltene Gelegenheit, die gekrönten Häupter einmal aus intimster Nähe von chrcsgleichen betrachtet zu sehen. Tie Prinzessin, die an manchen der Könige, mit denen sie in nähere Berührung trat, eine scharfe Kritik übt, bezeichnet Kaiser Wilhelm II. alsden Stolz und das Muster eines modernen Herrschers." Sie erzählt, wie begierig sic war, ihn kennen zu lerne», da sic als Braut auf ihrer Reise an die Höfe zun? ersten- nral in die Sphäre der europäischen Throne und Kranen cintrat.

Ich war niemals begieriger, einem Öerrscher zu begegnen, und keiner hat je wieder solch einen Eindruck aut mich ge­macht. Man suhlte sogleich die 2ck,wingungcn einer starken Per­sönlichkeit, einen unaushörtich längen Geist, eine machtvoll wir­kende Energie, ein lateinisches Temperament, klug und fröhlich. Er hat >cne Art von harten, graublauen Äugen, die man ge­wöhnlich durchbohrend nennt, und er benutzt sie, glaube ich, mit ziemlicher Kenntnis ihrer Wirkung, wenn er jemanden aus der Fassung zu bringen wünscht. Wer die Fältchen in seinem Gesicht kommen vom Lachen, nicht vom Finsterblickcn, und in seinem Privatleben ist er zugleich entzückend und ungezwungen liebenswürdig. Als ich zuerst im Schloß zu Berlin als Gast tvcilte, war ich crftannt über die vollkonimene Einrichtung des Haus­haltes. Man erzählte mir, daß der Kaiser persönlich affe Einzel- I,eilen der Einrichtung übcrwackNe. Als ich das nächste Mal da tvar, sand ich bei meiner Ankunft eine kleine Bibliothet meiner Lieblingsschriftsteller in den Gemächern, die sür mich bestimmt waren, sind ich entdeckte, daß der Kaiser sie ausgewählt und vor­bereitet hatte. Das reizende Zeichen seiner Aufmerksamkeit: ist sür ihn ebenso charakteristisch wie die Gründlichkeit, mit der­er es ausiührte. Er scheint ebenso gründlich in allem zu sein, was er tut. Seine Tatkraft ist wirklich ungeheuer; sein Geist scheint unermüdlich. Er vollbringt eine ttiiglaubliche Menge von Arbeit und kommt doch zu seiner Erholung noch- frisch und nicht überanstrengt." Den Schlüssel für den Charakter des Kaisers sieht die Verfasserin in seiner Religiosität, die seine ganze Welt- rnschauttNg bestimme.

Eine ganz andere, aber nicht minder sympathische Persönlich­keit ist Zar Nikolaus II., der so gar keilt matestälischcs Aus- '.retcu hat.Er besitzt mehr menschlick-e Zättlichkeit, als ich ie bei einem andern Manne sah. Er tritt in einen non Menschen -rsüllten Audicnzrauni mit derselben freundlichen Güte und Un- iewußthcit seiner selbst, wie er sich im Schoß seiner Familie

bewegt. Seine Augen haben immer den klaren Glanz einer klaren Seele. Er macht zunächst leinen großen Eindruck, weil er unfähig ist, irgendeine Rolle zu spielen, selbst die eines Herr­schers. Aber je mehr man von ihm sieht, desto mehr wächst er in unserer Anschauung. Er hat keine Neigung für Pomp und Prunk, iür Uniformen und Zurschaustellung kaiserlicher Macht. Er ist klug durch die Klugheit des Mitleids, begierig, seinem Volk zu helfen, und in seinem Denken an seine Untertanen wohl- tvollcnd in einem Grade, zu dem ich keine Parallele kenne. Ich denke, daß er cs diesen »ich! zu nerkcnneudcn Ausstrahlungen seiner Herzensgute verdankte, daß selbst während der schlimmsten RevolutionShetzen keine Angriiie aus sein Leben gemacht wur­den. Bei der drohenden Gefahr, von der die Zarensamilre in Rußland umgeben ist, sollte man crtvartcn, die kaiserliche Fa milie unter dem Truck einer ewigen Furcht lebend zu finden. Aber im Gegenteil: ich halte sic sür bic glücklichste Lerrscher- iamilic, die ich sc gesehen >>abc. Sie waren so natürlich in ihrer Liebe und in ihrem Glück zueinander, daß man sogar ocrgestcn konnte, daß man bei Hose war. Sic hatten sich augenscheinlich mit den Gefahren ihres Lebens abgcfunden, wie cs Soldaten tun, und wurden von ihm nicht mehr berührt."

Tic Fniantin erzählt auch von ihrem ersten Besuch bei der Königin Viktoria. Tie hatte sich die mächtige Beherrscherin des Weltreiches stets in aller Größe und Majestät oorgestellt: aber als sie nun in Windsor Castle sic besuchte, war ihr ganzer EindruckMitleid und Bestürzung".Sie war so klein, als sic ausstand, daß ich zuerst meinte, sic säße noch. Und sie war nicht nur altersschwach, sondern augenscheinlich krank. Ter Eindruck größter menschlicher Schwäche, den sie hervorries, wurde noch verstärkt durch ihre schwarzen Trauerkleidcr; und wie sic so auf ihren kleinen Stock gestützt dastand, hinter ihr zwei indische Diener, in diesem prachtvollen Saal, der auch einen Riesen zum Zwerg gemacht hätte, ihre zitternde Hand mir mühsam entgegcn- streckcnd' da stiegen tnrir die Tränen auf. Tas also war Herrscher- größc! Das die größte und berühmteste von uns allen!" Einen desto freundlicheren Eindruck erhielt sie von dem engen und heiter zwanglosen Familienleben des englischen Königshauses. Fhre besondere Wertschätzung drückt die Jniantitt für König Albert vzii Belgien aus, in dem sie einen der klügsten Herrscher Europas sicht, und sür König Ferdinand von Bulgarien.

Kant als Anckdotencrzähler. Der berühmte Königsberger Philosoph war einst bei seinem Freunde Mokhettty, einem Engländer, der alles, was aus seinem Batcrlande war, und auch Englands Konstirulion, iür unverbesserlich erklärte. Kant äußerte sich bei dieser Gelegenheit, daß cs wohl gut wäre, wen»

die Nation selbst und nicht der Minister die Taxe» auilegte- Ter Engländer wies diesen Einwurl blaß durch die einige Male wiederholte Erklärung von sich:Es ist ja einerlei, wer mich taxiert!" Kant schwieg, nber nach ei» oaar Minuten erzählte er nachstehendes Anekdötchen:Zu einem Landprcdigcr kommt ein Mann mit der Bitte, das Geld iür ein Schwein, welches er gestohlen hatte, dem Eigentümer einzuhändigen. Ter Pre­diger ermahnt ihn, lobt aber deniioch seine Gewissenhaftigkeit. Als aber ini folgend^» Jahre derselbe Austritt wiederholt wurde, da schalt er J>nt reuigen Sünder nicht wenig aus. Doch kam dieser im dritten Jahre mit der nämlichen Bitte wieder. Jcvt ward der Prediger höchst cnttüstct:denn," sagte er,ich weiß gar nicht, warum Ihr so gehandelt habt; ist cs nicht einerlei, ob Ihr das Schwein gleich vom Eigentümer kauftet oder es ihm jetzt bezahlt?"Verzeihen, Euer Hochehrwürdcn," war die Antwort,der Unterschied ist ziemlich groß, denn lause ich das Schwein vom Eigentümer, so macht er die Taxe: stehle ich es hin. gegen, so wird die Taxe durch mich gemacht, wenn ich cs ihtn in der Folge vergüten lasse."

Faust" undTer Bogen des O d y ss e ns" Kindervorstellungen ! Man schreibt uns aus Hall ca. S.: Sei! jeher wirst mau der Tirektion des ballischcn Sladtlheatcrs Jntcrcsscnlosigkcit gegenüber der wahren Kunst vor. Tie bevor­zuge andauernd Operetten und Schwänke: sie pflege toeder das klassische noch das moderne Schauspiel genügend. Tie Tirektion des Theaters wehrt sich nach Kräitcn gegen diese Vorwürfe und behauptet, an dem Spiclvlan trage nicht sie, sondern die Abon­nenten und die Theaterbesucher Schuld. So unrecht scheint sie damit nicht zu hoben. Sic stellt jetzt den höllischen Zeitungen den Brief eines Abonnenten zur Beifügung, in Per dieser über dasminderwertige Repertoire" Klage führt. In dem klassischen Schriftstück heißt es:Zu meinem nicht geringen Erstaunen leie ich soeben in der Zeitung, daß am Donnerstag, meinem Theater­abend, Faust l. Teil ^gegeben wird. Tics ist wirklich eine An­regung, im ^nächsten Spiclabschnitt wieder zu abounicren, wenn man drei Schülervorstellungen hintereinander hat! Am Tienstaa vergangener WocheBogen des Odnsseus", Mittwoch dieser WocheMaria Stuart", Tonncrsrag kommender Woche Faust" tt Teil. AI last Kindervorstellungen. Tas genügt. Jedenfalls dürstcu diese Zecken wohl dazu beittagen, das Repertoire noch zu ändern, da cs doch wahttich kein Genuß bst, sich stets unter den Schickern zu bewegen, und verkäuilich sind diese Billetts für derartige Vorstellungen überhaupt nicht."