Ausgabe 
4.4.1914
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 80

Sechstes Blatt

|64. Jahrgang

krfchemt M | fl # ottt Sn®«(rftme b H Swmtene.

DieSiehrner .fonttieiiWötler" roeröen bem

,Slnjifl<t* viermal wöchentlich beigeleat, da« ..Kreirdla« fSr den Kreis «iefjen zweimal wöchentlich. Dierantwirtichastliche, Seil- tragen" erscheinen m»natiich zweimal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhefsen

Samstag. 4 . April 1914

Rcstationsdruck und Verlag der Brühl'fthen Univerfitäts - Buch- und Steindruekerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: 8chul- straße 7. Expedition und Verlag: e-nKöl. Redaktion:112. Tel.-Adr.:AnzeiqerGießen,

Line Zorfcherfahrt durch das unbekannte Nordoftruhland.

Am Urwald der Kama.

Bon Dr. R. Peliisier.

An den reinen klaren Wiittermorgrn lchiein fuhr ich durch die inaiestätischen Waldweiten des Boruralgcbirge- Die Lank» ichast bot Bilder non überraschender Sckwnbeit Tict eingcschnit. lene Täler zogen sich, von Gehölzen aus hinrmelholten Edeltannen gesäumt. nack) Osten. Von jeder Sähe bot sich eine yerrlicte Aussicht aus das, den ganzen Horizont umarmende Waldmeer. Frohes Leben ltcrrickstc an diescin prächtigen Frostnwrgeu. der unsere Schlittenkusen <mi dem knirschenden Sdmcc geigen liefe. Loch zu Ros; kamen uns frische junge Weiber entgegen, die, die Axt im Gürtel, gewaltige Stämme aus den fernen Lolzschlägen zum F-loßplatz an der Kama, dem größten Nebenfluß der Wolga, schleiften. Durch die Dorsstrasjc trabten zhinder aus den lang­haarigen, birschlmlsigcn Pferdchen der Wasserstelle zu, die langen Schöpsstangcn mit dem aus Birkenrinde genähten Gesäß >oie Lanzen schwingend. Magere Kühe, schwarze, ioildeberäbnliclie Schweine sonnten sich im Licht des kurzen Wintertages.

In einer Bauernstube, wo ich mir crnen Fuhrmann mietete. Um mich durch die Urwälder nach Kai fahren zu lassen, wohin keine Poststraßc führt, ertönte gailz iinerwartet von, Palat, herab die Erkundigung in zitternder Greiscnstrmmc:Was willst du ber Uns?" Ans meine Erklärung:Ich befinde mich aus Reisen lind will sehen, wie Ihr hier lebt," ward mir mit meckernde»,Lachen die Antwort:Du reisest also wie Peter der Große?" Es wurde jedoch dem Patriarchen nicht vergönnt, an der nun ausgetragencn Mahlzeit, bestehend aus Kartoffeln, gefrorenen Preißelbceren und gesäuerten Pilzen teilzunehmen. Denn mit dem arbestsnnsähigen Altervater werden hier wenig Umstände gemacht. Ich' erlebte es, wie ein Sohn seinen erbärmlich hustenden, greisen Vater mit den Worten vom Ofen hermiter trieb: .Was lebst du umsonst? ftüach, daß du in den Wald kommst und arbeitest!" Sehr im Gegensatz zu solcher Pietätlosigkeit den Eltern gegenüber steht die Zärtlichkeit. la geradezu Asscnliebe, mit der der Säugling hierzulande behandelt wird. Er steht im Zentrum des Inter­esses, er ist das Spielzeug der Brüder, des Vaters und Groß­vaters um sei» Gedeihen zittert alles. Denn di? Natur hält hier eine furchtbare Auslese. Frauen, denen ihre sechs Kinder, eins nach dem andern, im ersten Lebensjahr Ivegstarbcn, sind keine Seltenheiten.

Auf den, hoch mit Len dem Proviant für drei Tage beladenen Schlitten thronend, verließen ivir die malerische, offene Feldlandschast, um in den kaum bewohnten Urwald einzulenken, der uns nun für volle drei Tage aufnelimen sollte Schlanke Edeltannen bohrten sich wie Lanzcnspitzen in das srosthartc Blau des Himmels, aus dichten Verjüngungen schossen mächtige Kie­fern enrpor. Vom Sturm schleigedrückte Tannen schienen sich erwartungsvoll über deu Weg zu biegen, als spähten sie noch jemandem Mts: zuweilen öffnete sich ein Blick aus ungeheuere Windbruchslöcher, Ivo die Stämme von den Stürmen tose Zünd­hölzer geknickt, zu geivaltigcn Barrikaden übereinandergctürmt logen. Unter mächtigen Schneebauben gekrümmte junge Fichten zeigten die abenteuerlichsten Gestalten. W,c Büchsenschüsse knaUtrn die vom Frost gepreßten Bäume. Stirndenlong fuhren wir durch diese großartige Einsamkeit, bis wir das Eis der Kama erreichten, an deren anderem llfer sich die cinsanicn Gehöfte der Berto- zovskijc Potschinki hinziehen. Diese bildeten einst den Verban- nuugsort des berühmten russischen Schriftstellers Korolenko. Im Hintergrimd der psadlosc Urwald, vor sich die Karna, so liegen die Waldgehöite, ein Inbegrrff der Weltabgeschiedenheit.

Wahrend sm Winter nur durch reisende Holzhändler einige 'Fühlung mit der Außenwelt erhalten wird, sind im Sommer die einzigen Besucher dieser Einöde die beritlenc Hebamme und der Bär! Furchtbar haust dies Raubtier unter den im Walde Iveidendcn Viehberden des Bauern. 'Achtzig Stück Vieh sallcn nicht selten in einem Sommer dem Räuber zum Opfer, dem der nieist herkulisch gebaute Waldbewohner mit einem Vor­derlader ältester Konstruktion oder nur mit derRogatina", der lBärcnlanze, zu Leche geht. Rach behaglicher Rast bei einem dieser wohlhabenden Bauern fuhren wir am nächsten Tage, bald ank dem Eis der Kania, bald durch den Wach »ach Nordosten wcfter, immer mit denselben Waldbildern vor Augen wie bisher. ?lm späten Nachmittag aber ward plötzlich alles uni uns ver­ändert. Es war, als ob wir das Reich des Todes betreten hätten. Riugsherum 'ragten rauchgeschwärzte Baumlcichen, mächtige alte Lärchen, aus dem Schnee. Wir waren im Brandwald.

Hier hatte vor einigen Jahren ein furchtbares Feuer ge­wütet, tMä dos Dorf, dem ivir nun zustrcbten, bereits so um­zingelt hatte, daß Menschen und Vieh dem Erstickungstod nahe

9 **

waren. Nur der das Dorf umgebende, noch grüne Roggen rettete cs vor dem Untergang, irachdcm schon die Pflüge aus dem Felde ein Raub der Flammen geworden ioarcn. I-,, diesem vom toten Wold imftchlungencn Dort übernachteten wir. Dort ging es hoch her. Es war der Tag der Taufe Christi und die Fcst- stiminung schon sehr vorgeschritten. Hier hatte ich Gelegenheit, an einer Victschcrinka, zu deutsch Abend,micrboltung. teilzuneli- inen, zu der sich die smttlichcn Burschen und Mädchen des Doris versammelt Trotten. In enger rauchiger Stube drehten iick, die Solotchizcrinucn tun einen, aus einem Stuhl stehenden Bur­schen. Der Reihe nach raubte dieser icdcin Mädchen das Kopt- tuch, das sie sich nachher durch einen Kuß wieder eiulöscn mußte. Eine wohlklingende, träumerisch-monotone Melodie wurde dazu gesungen. Diese Abendunterhaltring dehnte sich bis tief in die Nacht aus und ließ mir wenig Zeit zum Schlas. Die Morgen» dchnmerung sah »ns wieder ans 'dem Weg nach den Kaisckic» Dörsern. Aus der totenstillen Waldstraße erklangeir plötzlich Ba lalaikatönc. Ein Schlitten nahte ftch. 00 » einem Mädclien ge­lenkt. Langausgestreckt darin einige stramme Burschen, singend und spielend, sichtlich noch in Frsttagsstimmnng. Nacki den Feier lagen ging cs itmi wieder in die rauchigen Erdhöhlen ihres Holz- ichlages, wo sie den Rest des langen Winters in harter Arbeit und grimmiger Kälte verbringen müssen.

Aus der letzten Strecke meiner Fahrt war cs mir bestimmt, in rascher Folge alle Leiden einer nordostrnssischeu Reise zu durch­leben. Die Kälte wuchs von Stunde zu Stunde. Unser abgehetztes Pserd auittiertc über die ergiebigen Prügel und Schimpsworte des Fiihrmanns durch böswillige Seitensprünge, die öfteres Um- kavven des Schlittens zur Folge lzatten. Eine tragikomische Si­tuation : kovsupter im Schnee von seinem Gepäck begraben lie­gend, die Füße in dem inttcralähnlichen Schlitten steckend, ge­duldig ausharren zu müssen, bis cs dem Fuhrmann gelingt, das Äesäbrt Illieder aus die Kufen zu bringen. Es gewährte mir doch zuletzt eine grausainc Genugtuung, als die Ursache meines Leidens, das störrische Pserd, beim Herabsahren der zahlreichen, steilen Schluchten in der landesüblichen Weise zu langsamem Tempo gezwmigen wurde. Um zu verhindern, daß unser schwer- bepacktcr Schlitten in ein verhängnisvolles Rutschen kam, schritt der Bauer vor dem Pferde her und zwang es durch Faustschlägc aus die bereiste Schnauze zum Schrittgehen. Es ivar Mitter- ' nacfit, als vor uns die bastionartigcn, tieserngeschncsten Dors- häiiser und Schober von K a i aus der -blassen Ocdc herauswuch- sen. Wir hatten das Zentrum eines der wcltentlegcnstcn Winkel des Ipuropäischen Rilßlairds erreicht 450 Kilometer von der Eisenbahn entfernt. Heißt es doch im allrussischen Svrichwort: Kamil Eak y Kaiirslismah",Er ist versunken, wie im Kama Moos".

Fern sind die Tage, als der Wojewodc in der ehemaligen Stadt Kai residierte, als die allrussischen Handelskarawaneir auf trau Wege von Bjeliki Ustiug zum Ural hier Station machten als gewappnete Männer aus Schneeschuhen gegen die Wogulen des Urals von hier aus zu Felde zogen. Aber auch Kriegsge­tümmel hat diese ursprünglich vcrmsaftschc Burg gesehen. Noch sind die Ueberliescrungen lebendig von den Reiterscharcn der Rogaitatarcn, die drohend aus der andern Seite der Kama er­schienen! Zur Zeit Peters d. Gr. inachte der Aufstand der Kat­schen Bevölkerung, die noch jetzt alsverzweifelt" gilt, viel von sich reden.

Ich war schon halb erstarrt, als wir vor der Kreisverwal­tung Halt niachten. Das Gefühl, mich nun bald im behaglichen Zimmer für durchreisende Beamten erwärmen zu können, beflügelte ineine Schritte zur verschlossenen Tür dieses stattlichen Äolzge- bäudes. Gewohnt in diesen -Verwaltungszentren, dank meiner Legitimation, entgegenknnmend ausgenommen zu werden, klopfte sch an. Totenstille' dann eine wütende Stimme, die mir empfahl, mich zum Teufel zu scheren! Aus der Schwelle^ dieses ungast­lichen Hauses stehend, im Hintergründe das heisere Hohnlachen mesnes Fuhrmannes, der bereits starke Zweifel in meine Per­sönlichkeit gesetzt hatte, versuchte ich diesem Cerberus ber 40 Grad Kälte eine gedrängte Uebersicht meiner Reisezwecke zu geben und im verstärkten Brüllen meine Lcgitimatwn vvni Ministerium des Innern und vom Gouverneur zur Geltung zu bringen. Um­sonst. Es blieb mir nichts übrig als umzukehren und, wie der liebe Gott im Märchen, mich voni Hause des Reichen zu der Hütte des Armen zu wenden, nämlich zu derjenigen eines Gast- sreundcs meims Fuhrmannes, eines bettelarmen Bauern. Mit unserm armen Pferde ivurdcn nach landesüblicher Weise wenig Umstände gemacht. Es wurde ausgesvannt und uueingedeckt hinten an den Schlitten gebunden. Trübselig sein Heu kauend und leise mit den Glöckckien an seinem halse klingend, stand es reifbedeckt die ganze lange Wimernocht hindurch in der grausamen Kälte.

Ter daraussolgende Morgen war einer jener prächtigen ost- russischen Wintertagc, an denen man die eisige Temperatur kaum

spün. Kerzengerade stieg der Rauch aus den Blockliäuiern. Der städtiichc Charakter Kais bat sich erhalten in den regclmätzigen Siraßcn und Gassen, welche die schluckücnartigrn Userberge durch, ziehen, dftir ein steinernes Geüäichc überragt die Holzhäuser dieser ziim Don degradierten Stadt. Cs ist dies das Krankenhaus, ein ehemaliges Arsenal aus der Zeit, da noch Truvpen hier standen. Mein Aufenthalt in Kai war sehr kurz bald tuteten mich die Postpserdc nach Nordosten in die Törscr am Rande der Urwälder, in denen ich meine Sprachstitdien fortsetzcn wollte.

flüssige Lust.

Vorgänge, welche Ivir häufig beobachkcn, erscheinen uns nicht wunderbar". Sv mag höchstens der Trovenbewohner darüber er­staunt sein, daß sich das Wasser in der Kälte eineit scftrn Panzer anziehk, und selbst der Schulknabe weiß bei uns, daß diese unentbebr lichc Fjnsftgkcrt auch in Dampssorm austrctcn kam,, schwer mag ftch der Laie aberslüssige Luft" vorstcllen, und in der Tat ist die Techlftk auch erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit imstande, sie hcrzustellcn.

An sich ist oder erscheint der Weg sehr einfach, die Lust zu verslüssigcn. Man kann sich nämlich dabei an gewisse Eriche, mmgcn anlebnen, welche man bei den Dämpfen beobachtet. Vlller dings ist die Lust zunächst keinDamps", sondern einGas". ?lber die Gase zeigen so viel Vcrwaildtsckiaft mit den ungesättigten Dämpsen, daß man gewiß die Gase als ungesättigte Dämpsc nn< svrechen darf.

Nun ist es allgemein bekannt, daß Wasserdamvi aus die cin- sachste Weise in den flüssigen Zustand zurückgesührt werden kann, wenn man ihn abküblt. Das geschieht bei der Damvsmaschine, die mit Kondensation arbeitet, mittels zugesütetein kalten Wasser, und in großzügiger Weise bewirkt die Natur diese Umwandlung jedes­mal, wenn sie uns Regen spenden will.

Es lag daher der Gedanke nahe, die Lust durch starke Abkühlung ftüsftg zu machen, und cs kam nur daraus an, einen Weg zu iindcu. wie man die jedensalls sehr starke Tcmperaturcrniedrignng bewirken könne.

Auch dazu besitzen wir ein ziemlich einfaches Mittel. Jeder Radfahrer und jeder Kenner des Automoblls weiß, daß die Piimvcii. mit denen wir den Reisen Lust zusührcn, sich bei der Arbeit stark erhitzen. Und ganz mit Recht schließen wir daraus, daß die Zil- sammcirprcssung der Lust Wärme erzeugt. Die Arbeit, ivelchc wir dabei eingesetzt haben, muß doch irgendwo verbleiben, und sie äußert sich in der Erbitzung und in der erhöhten Spannkraft der erwärmten und aus einen kleineren Raum zusammcngcprcßten Lust.

Nun stellen wir uns solgendcs vor: Wir treiben einen Kolben in einen Zolindcr, wobei mir also die eingeschlosscno Luft erhitze». Daraus kühlen wir aber die erhitzten Wandungen des letzteren mit kaltem Wasser ab, so daß die erzeugte Wärme verschwindet. Es sei also wieder nonnalc Temperatur eingetreten. Was wird nun ge­schehen, Ivenn wir den Kolben dann lterauszichcn? .Hatte eine Zu- sammcnpressmig der Lust Wärme erzeugt, so wird wie ein ein sacher logischer Schluß ergibt ein Sichausdebnen Kälte hervor rufen. Da wir nun aber die zuvor entstandene Wärme weggcschaift haben, so kann die Temperatur der Luft nicht ciusach aus den früheren Zustand zurückkehren, sondern cs muß eine llitterkühlimg cintrelcn, bei welcher die Luft viellcichlt viele Grad kalt werden kann

Nach diesem Prinzip ist denn auch der Apparat eingerichtet, mit dem Professor Linde die Lust verflüssigt hat. Hier wir» die selbe zuerst stark zusammengeprcßt - aus etwa 200 Atmosphären um dann gekühlt und wieder entspannt zu werden. Dabei er­reicht sie allerdings zunächst noch nicht jene tiefe Temperatur, die ftir ihre Verslüssigung notwendig ist. Um eine solche schließlich zu erzielen, hat Proscsfor Linde seinen genial ausgedachten Gegen stromapparat ersonnen. Er läßt die bcretts entspannte und ziem­lich kalte Luft nämlich ioieder zun, Kompressor zurückkchrcn wo sic von neuem zusammengeprcßt wird. Aus diesem Wege umlließt sie in einem Spiralrvhr andere Lust, welche in derselben Weise ob­gekühlt wird, wie sie. Letztere muß dabei natürlich eine ttefere Temperatur erreichen, als erstcre. Denn sie unterliegt demselben ?lhkühlmtgsversohren, und außerdem ist sie im Gcqcnsttomapparat noch auf Kosten der zuvor abgekühltcn Lust niedriger temperiert worden.

So geht eine bestimmte Menge Lust in stettgem Krcislans durch Kompressor, Kühler und Gegenstromavparat, wobei sic schließ­lich bei etwa 190 Grad (Celsius) Kälte flüssig ivird. Man läßt sie dann aus einem Sammelgcsäß ausslicßen, dessen Hahn natürlich zuvor geschlossen war.

Flüssige Lust sieht, wenn man sic durch Fließdapicr geslltert hat, schön himmelblau aus. Sie ist aber eia etwas gefährlicher Stoss, der den Finger schlimm verwunden würde, der etwa hincin- gesteckt würde. In diescin Zustand verdampft die Lust uatüttich sehr leicht. Immerhin kann man sie in den sogen. Dewarschcn

Eine Fraucnaus stellungin England. In Lon­don wird Mil 11. April in der großen Halle der Olympia, in der Pros. Reinhardt seine Miraele-Vorstellungen gab, eine große Kin- dcrwohlsahrtsaiisstellung erössnet. Auf ihr hat die National Union nt Women Sussragc Society eine Unterabtellung übernommen, die sichDas Königreich der Frau" nennt. Diese Ausstellung unterscheidet sich wesentlich von den sonst veranstalteten Fraucn- ausstellungcn. Tenn es handelt sich vier nicht darum, die Leistungen der Frauen aus den verschiedenen Gebieten zu zeigen, sondern es soll vielmehr ein Bild davon gegeben werden, wie sich mit einem Minimum von Ausgaben ein behagliches und wohnliches Heim schassen läßt. Neben einer Einrichtung für Eheleute ist eine sür alleinstehende, arbeitende Frauen ausgestellt. Hier ist mit csiicr einmaligen Ausgabe von 100 Blark ein Zimmer ansgestattct, das Schlas- und Wohnzimmer zugleich ist, so daß mit dieser geringen Summe der Wunsch, ein eigenes beiin zu besitzen, ersüllr werden kann. Daneben wird ein ArbeiterwobnhauS mit 5 Zimmern aus­gestellt werden. das für den billigen Preis von 2500 ?1!ark hcrge- stellt ist. Durch Ausstellung von Arbeit und Zeit sparenden Appa­raten sür die Hausarbeit soll die praktische 'Amoendung solcher Maschinen gezeigt und ihre Eiitsührung in die kleinbürgerlichen Arbeiierhaushaltungen gesörderi werden. Außer dieser wirtschaft­lichen Seite, die beweist, das, die Sttnimrechtlerinncn hausivirt- schaitlichen Fragen mit vrakrischem Silin gegenüberstchen, wird die Ausstellung noch eine Kunnabteilung enthalten und eineit großen Basar, in dem ansschließlich von Frauen hergcstelltc Waren zum Verlaus auslicgen. Schließlich soll eine Abteilung die Erfolge zeigen, die durch das Fraucnstinnnrecht berttts erzielt sind. Durch Vorträge, eüt Theater- und Varietecunternehmen, in dem Frauetr Manager. Regisseur und Veranstalter siitd, durch eine ModesckMii, in der auch die Art und Weise der Herstellung von Kleidern, nament­lich die schlecht bezahlte Heimarbeit vorgesühtt wird, soll die Aus­stellung vervollständigt werden. So wird sie cinen Eiichlick in viele Ziveige der wewlichen Berutsarbeit geben.

E s sind nochgenng d a". Zur Paradiesvogel-Frage schreibt der Kunstwart (Verlag von Georg D. W. Callwey Mün­chens in seinem eriten Avrilhcst: Der Staatssekretär des Reichs- kolonialamts erklärte '.IN Reichstag, datz er irnher den Ailschaiiungen der Bogelschuvsrcunde über das dlusstcrbcn der Paradiesvögel .stark zngcneigt" hätte, zumal als ec in London ans einer Versteigerung von Rechern, Paradiesvögeln»iw., bei der es um MUlionenwcrte ging, gewesen wäre. Aber einige Herren der Saving-Expedftion

hätten ihm gesagt: sin Innern von Ren-Gninea seien noch eine Unzahl" von Paradiesvögeln da. man brauche sich von den Natur­denkmalschützern nicht bange machen lassen. Also ivolle er das Ab» schießen vorläusig nur sür anderthalb Jahre verbieten. Das ist sehr tröstlich: dort hinten sern von der Küste im Urwald sind noch genug da. Glauben wir eS einmal! Haben unsere Frauen nun einRecht", also gettöstet sich Paradiesvogelbälge ans das Haupt zu setzen? Nicht darum handelt cs sich allein, ob nochgenug da sind". Auch die Italiener sagen, iocmi sie unsere Singvögel in Massen nicder- knallen, lächelnd : es sind ja genug da. Und doch ftnden Sie, meine Damen, diese Vögel mordenden Italiener abscheulich. Handeln Sic Ihrerseits wirllich weniger abschenlich? Zwar stellen Sie sich nicht persönlich in Nen-Oiuinca hin und töten Tausende der Tiere, von denen eineUnzahl" da ist. Aber die von ihnen bezahlten Händ­ler lassen sic Ihretwegen zu Tausenden umbringen. Stellen Sic sich vor: um Ihrer Eitelkeit willen durchstreisen zweiselhastc Gcnt- lcmen den Urwald mit Büchse und Messer und schlachten ganze Schisssladungen jener lleinen Wunderspielc der Natur ab. Kom­men Sie sich wirllich besser als die Italiener vor? Die Paradies­vögel gehen nicht den Staatssekretär allein an, sondern jede einzelne deutsche Frau. Und für diese ist die Frage noch nicht damit erledigt, daßnoch geling da" sein sollen.

Das kindliche Genre von Heuer. Ein merk­würdiger Zug liegt in unserer Zeit. Die sungen Leute ziehen es vor, sich alt zu machen, wie die jetzt imedcr in Gebrauch kom­menden weißen Perücken, bie in Paris so modern sind, be- lvciscn. Hingegen kann man sich in dem Uebersngendlichtun bei der Fasson eines Kleides nicht genug leisten. Von vierzehn aus­wärts wollen sie alle wie Babics mit achi Jahren aussehen. Es scheint wirllich, daß die Ersindwlgen mancher Modekünstler tat­sächlich schon ans Kindische ftteisen, daß man cs aber trotzdem tvagt, diese Ausgeburten der Phantasie als Mode von heute zu proklamieren, bestätigt wieder einmal das Sprichivort: Es ist im Leben nichts närrisch genug, das die Damen tt'agen, wenn man es als Mode proklamiert. Dieses kindliche Genre ist aber auch nicht erst jetzt erfunden, sondern lehnt sich wie so vieles Heuer an längst vergangene Zeiten an. In der sittenverdcrbten Zeit des Rokoko konnte man dieselbe Beobackttnng machen. Trippelnd und wippelnd kmncn die Backftsche scher sünszig und die Jünglinge an die sechzig einher. Heute lacht mair recht herzlich über sre. So -wird man einmal wahrscheinlich über imserc jetzige Pöodc lächcln.

kf. Das Zitroncngcsicht der Pariser Schönen Zitronengesicht? Was ist das? Nun. cs ist die letzte Modetvllheit der Parilerin. lieber Nacht ist in Paris die Akodc ausgekommen, daß die Frauen ihr Gcsickzt nickst nur, lose bisher, hinter einer dicken Puder- oder Schminkeschicht verbergen, sondern daß diese Schicht die Farbe einer blassen Zitrone haben muß. Warum die Wahl gerade auf diese Farbe getanen ist, erfährt man nicht. Eine Mit­arbeiterin derTarlift Mail", die regelmäßig aus Paris chre Modenberichte liefert, versichert gairz crnsthast, sic habe in Paris solche Zittoncngcsichter gesehen. Sic sägt hinzu, man trage der­gleichen nur bei gesellschasttichen Gelegenheiten und gibt weiter die reizende Einzelheit, daß man Hals und Nacken cbensalls mit Farben­schichten überzieht, so zum zittonengclben Gesicht mit Weiß und einem Rot, das der Farbe des Alvenveilchens nahe kommt. All dies erössnet reizende Aussichten: der Farbanstrich wird augenschein­lich die angrenzenden Körperteile, soweit sic sichtbar sind, über­ziehen: ioic wäre es da, wenn man sich ftir einen Anstrich in den Landessarben entschiede?

ks. Wie sich die Türkin wäscht. Niemand wird be- zweiseln, daß die Engländerinnen von Körperpilege und Reinlich­keit besonders viel verstehen, und dennoch hat sich die Engländerin Grace Ellison, die gcgenwärftg im Harem einer türkischen Freundin in Konstantinopcl zu Gast ist, beinahe den Vorivnrt der Unsauber­keit machen lassen müssen! Sie wäscht sich und badet natürlich io wie sic es aus England gewohnt ist, während die Türkin bcinr Waschen und Baden ein anderes Bcrsahren cinschlägt. Als die Engländerin zum ersten Male das Badcgemach betrat, das neben ihrem Schlafzimmer liegt, war sic erstaunt: dieses Waschzinimer Ivar ein niarmorgelleideter Raum mit Abilußrübren an den Seiten: cs war auch ein Wasch- und Badebecken und Wasser in Hülle und Fülle vorhandcil, allein kein Gesäß, in dem sie Wasser hätte nus­sangen köimcn. Die Türlin wäscht ftch nämlich nur in sließendem Wasser. Die Engländerin benutzte die Gelegenheit, als ihre schvko- ladentarbige Dienerin sich zurückzog, nnt den Abfluß des Wasch­beckens mit ihrem Taschentuche zuzuswvfcn, uni sich waschen zu können, wie sie es gewohnt war, aber als die Dienerin wiedcrkam, machte sie ein ganz entsetztes Gesicht, zog auyenblickllch dos zum Stopfen geballte Handtuch hervor und sagte, das sei ja eineganz schreckliche Art, sich zu waschen". Dabei war sic auss ltöchste er­staunt darüber, daß die Engländerin nnt blendend weiße Haut hatte, obwohl sic sich nach türkischen Begrisien zeitlebens inicbmutzigeni Wasser gewaschen halle".