Nr. 68
Zweiter Blatt
164. Jahrgang
Crlctjeinl tiqiid) mit Ausnahme Le- Sonnt*g3.
Die „Glehener ZamMendläNer" werden dem
.Anzeiger" vierinal wöcheniüch beigelegk. dar „KreisdloN f8r den Kreis Sietzen" zweimal wöcbenltich. Tie „landwirtichafilichen Seilsragen" erscheinen monaiiich jweimat.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger sür Gberhesjen
Samstag. 21. Marz 1914
RotationSdnick und Verlag der Brühl'schea Universuäls - Buch- und Steindruckereu R. Lange, Gießen.
Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedttwn und Verlag: 41.
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Zum Obcrbürgcrmcistcrwechscl in Gießen.
Piicöen. 21. März.
Die Worte de? Abschied?, die Herr Oberbürgermeister Mecum am Montag den Stadtverordneten und der Gießener Bevölkerung zugcrufen Hai. mahnen auch uns. noch einnial den Blick zu wenden in die letzten 12 Jahre heimatlichen Lebens und das Werden und Emporwachsen der Stadt zu vergleichen mit dem versvnlichen Wirken des Mannes, der irrt? heute verläßt, und an dessen Namen so manche Errungenschaft angenehmer und minder angenehmer Art und so manche Stunde denkwürdiger Auseinandersetzung gebunden sind. Das Stadtbild hat sich in vieler Hinsicht verändert; — verschönt kann man »ur in eingeschränkten, Sinne sagen, aber es ist ansehnlicher, bchagllcher und ivohnlither geworden, da die Hauvlvorausscyungen. Reinlichkeit und Wegsamkeit der Straßen und Plätze, und zeitgemäße Beleuchtung?» und Verkehrsanlagen nicht mehr schien. Als Herr Mecutn vor 13 Jahren seinen Einzug in Gießen hielt, da sah das „Studeptendors", wie Alex Büchner die Stätte seiner Jugenderinuerungen bezeichnet, noch unsauber und ncstariig aus. In den nächsten Jahren konnte es datnit noch nicht besser ivcrden, im Gegenteil! Wenn auch der wilde Wandel des Studcntentnms aus dem 18. Jahrhundert längst milderen Sitten gewichen war. so hätte Bruder Laukharü doch noch einen Schauplatz gesunden, wo man. äußerlich genommen, „aus gut mosellanisch" hätte Hausen können. Aber die Umgestaltung war schon im Zuge, am 19. September 1902 wurde mit dem Rohrlegen in der Moltkestraßc begonnen und bald ivaren die engen Gassen von den tiefen Gräben der Kanalisation zerrissen, während altertümliche Omnibusse den Ankömmling in aehirnerschütterndcn Fahrten ein wenig schneller als auf Schusters Rappen zum Städtlein hineinbrachten. Brach eine Regenperiodc aus, so hätte man die ledernen Beintleider der Laukhardschen Zeit wieder hervorholen mögen; wenn das schöne Wort „Schlammbeißer"' nicht schon langst gang und gäbe geivesen wäre, so hätte es um diese Zeit unbedingt erfunden iverden müssen . . .
Wir müssen uns diese Tage lebhaft in die Erinnerung zurückrufen, um unseren, scheidenden Oberbürgermeister volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Mit großem Eifer hat er die mühselige Durchführung der Känalisations-« arbeiten geleitet; seine Vorbildung als Techniker hat ihn liesähigt, das komplizierte Werk zu eine», glücklichen Ende zu führen. Der Plan unserer städtischen Kanalisatipn stammt zwar nicht von .Herrn Mecum, sondern von Regierungsbaumeister Schmick aus Frankfurt, der auch in den notwendigen Konferenzen der Stadt mit Rat und Tat zur Seite stand; wer aber könnte sieb nicht vorstellen, welches Maß von Sachkenntnis, lleberblick und Wachsamkeit erforderlich war, um die Arbeiten planmäßig zu fördern und der Stadt unnötige Mehrausgaben zu ersparen! Nach mehrjährigen Erfahrungen darf heute festgestellt werden, daß die Anlage, selbst bei großen Regenincngeii, sich tadellos bewährt hat. und wenn man bedenkt, daß andere Städte, z. B. Ossenbach, hinterher große Beträge sür, Uinbautcn ihres Kanalnetzes hahen auswcnden müssen, so wird inan gern geneigt sein, auch dem bisher gen Oberbürgermeister Anerkennung dafür auszusprechen.
Diese Hauptaufgabe, die Herr Mecum bei seinen, Amtsantritt vorsand, bewirkte es, daß in der städtischen Organisation der Schwerpunkt aus die Tiefbauarbeite» gelegt wurde. Dem Hochbauamt unter Baumeister Gcrbcl und dem Geometeramt wurde ein Tiesbauamt beigescllt. Während das Hochbauamt ein bescheidenes Dasein führte, wurden die Bebauungspläne früher von Geometer», in neuerer Zeit vom Tiefbauamt ausgestellt. Daraus haben sich manche Nachteile ergeben, die wir vor anderen Städten „voraus" haben. Anderwärts sind mit den Bebauungsplänen im Interesse eines künstlerischen Städtcb.lres^lüch- tige Architekten betraut. Herr Mecum aber, der in die Tätigkeit der städtischen Bauämter tiefer cingcisf. als cs Oberbürgermeister sonst zu tun pflegen, war Regicrungsbau- ineister, aber nicht Architekt. So ist es zu erklären, daß im Ausbau der Stadt uitd bei ihrer Erweiterung so manches Mal die Gebote des Schönheitssinnes und guten Geschmacks außer Betracht geblieben sind. Hoffen wir. daß eine neue Organisation der Stadtverwaltung dem Hochbauamt seine höhere Bebentung wieder zulegen möge! Nicht ohne Grund hat man auf unseren Hochschulen den, künstlerischen Städtebau ein weites und wichtiges Gebiet zugemcsjen. Kann man diesen Fortschritt nicht auch hier in Gießen nutzbar machen? Die Stadt Gießen, die in ihrem Zentrum wohl noch einige anheimelnde Häuser besitzt und „ns mit ihrer ältesten Bauart, so bescheiden sie auch anmutct. ans Herz gewachsen ist, ist im Lause der lctzfen Jahrzehnte ziemlich s ch „t ucklos vergrößert worden. Was dem Fremden bei ihr am meisten gefällt, das sind die freundlichen Anlagen und Gärten, die sie zieren, die lieblichen Sträucher und Bäume, die über ihre Mauern und Einfriedigungen hinausblickcn. Leider ist da mit der Zeit manches vernichtet worden, und öde Mietshäuser sind kein Ersatz dafür. Ost hat sich in den Straßen, die an die Peripherie führen, neben einem mit Geschmack errichteten Bau gleich wieder eine Anzahl nüchterner Wohnstätten nach irgend einem Schinderhannesstil gesellt, und wir haben von Fremden öfters hören müssen, daß in der Gicßener Baukunst Acrm- lichkeit und H,l,los,gkcit hervorstechend seien. Aus diesem Gebiete können Herrn Oberbürgermeister Mecum leider keine Verdienste nachgerühmt werden. Es ist z. B. unterlassen werden, die allgemeinen baugrsctzlichen Bestimmungen durch ein erweitertes Ortsbaustatut zu ergänzen; statt dessen gab es in jeder Stadtverordnetensiyvng die bekannten .Dispensgcsuche", wobei die Stadtväter ihr Sachverständnis leuchten ließen. Die Baugesuche haben kallemal einen wunderlichen Instanzenweg zu passieren: zuerst werden sie der Bürgermeisterei eingereicht, von da geht das Gesuch weiter an den besoldeten Beigeordneten, dann ans Geometeramt, dann ans Tiefbauamt, dann ans Hochbauamt (Baupolizei),
und von da wandert ess wieder zurückkan die Bürgermeisterei. Dispensgcsuche marschieren noch weiter: an d,e Haudeputation, an den hohen Rat der Stadtväter, und im Notfall auckt ans Kreisaml und ans Ministerium. Wir halten cs gerade heute, beim Bürgermcisterwechsel, sür angebracht, einmal daraus hinzuweisen. wie häusig wir Klagen über diesen uinständlichcn Geschäftsgang haben vernehmen müssen. Bureaukratische und sonstige -Einflüsse haben oft mehr bewirkt als Urteile von Sachkennern Herr Mecum hat diesen Dingen viel Zeit und Arbeit gewidmet, aber daß er es mit der polizeilichen UclWrwachung peinlich genau nahm, schlug nicht zum Heile der Formenharmonie aus. Warum gehen die Baugesuche nicht direkt an die Baupolizei- behörde? Sind diese Umwege, die natürlich zeitraubend sind und die Ballherrcn darum oft verbittern, nicht entbehrlich? Bei den bevorstehenden Aenderungci, in der Organisation der Stadtverwaltung werden diese Dinge reiflich erwogen werden müssen . . .
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Wir kehren zurück zu den Aufgaben, die Herr Mecum am Anfang seiner Aintszeit zu lösen hatte. Der Plan eines neuen Theaters hatte vorher schon festen Boden gewonnen; der Ansporn aus die Opscrwilligkeit wohlhabender Bürger, der von der regen, verdienstvollen Tätigkeit besonders der Herren Haubach und Fromme ausging, hatte die finanzielle Voraussetzung bereits scstgelegt. Herr Mecum halte Gelegenheit, bei der Prüfung des Wettbewerbs der Architekten eine eifrige Mitarbeit zu entfalten. An Fleiß und Interesse für die Sache gebrach es ihm nicht. Er unternahm mit dein engeren Ausschuß zum Studium fremder Theatereinrichtungen Reisen nach Fürth, Nürnberg. Dortmund, Bielefeld, Frankfurt a. M., aber zuletzt blieb ihm die einfache, geschlossene Slilkunst Dülfers, der sich an dem Wettbewerb beteiligt hatte, doch verschlossen, und unter seinem Einfluß entschied man sich sür die Ausführung des abgeänderten Entwurfes der Firma Fellner und Hellmer. Immerhin ist dieser Ban, der sich besonders in seinen inneren Einrichtungen bewährt hat, umrahmt von schönen gärtnerischen Anlagen, eine Zierde der Stadt, wie wir wenige besitzen.
An der Erfüllung einer Reihe bedeutsamer praktischer Bedürfnisse hat Herr Mecum erfolgreich mitgearbeitet. Das städtische Volksbad war unter Baurat Schmandt zwar bereits errichtet worden, aber es bedurfte einer Verbesserung seiner Fundamentierung, die noch ein paar Tausend Mark Kosten verursachte, unter Mecums sachverständigem Rat aber dann auch einwandfrei zustande gebracht wurde. Dem Oberbürgermeister gdbührc auch das Verdienst, daß mehr Brausebäder und billigere Wannenbäder geschaffen wurden.
Wie wir schon andeuteten, war das Gießener Pflaster wegen seiner Holprigkeit gefährlich und berüchtigt. Nachdem durch die Kanalisierung die üblen Düste, die oft die Innenstadt erfüllten, beseitigt waren, hat die völlige Ncupslasterung der alten Gassen, die freilich stark ans städtische Vermögen ging ebensalls sehr wesentlich zum allgemeinen Wohlbehagen beigetragen. Auf besonderen Fahrten nach Frankfurt, Mainz und Würzburg hatte man in die verschiedenen Arten der Trottoir- und Straßenbefestigung Einblick genommen. Andere Studienreisen des Oberbürgermeisters mit den Herren des zuständigen Ausschusses erstreckten sich nach Düren, Calk, Solingen und Osseiibach, um dort Erfahrungen zu gewinnen, wie am zweckmäßigsten die nötige Erweiterung des Gießener Schlachthauses durchzusühren sei. Die neu geschaffene Kühlanlage und die Schweineschlachthalle werden heule von Fachleuten als mustergültig gerühmt, und es ist Sorge getragen worden, daß sväter auch noch eine Großvich- Schlachthallc erbaut und sonstige notwendigen Erweiterungen vorgenommcn werden können.
Tie wachkende Einwolpierzaht bedingte den Bau von Schulen. Das Hochbauamt spielte dabei keine glänzende Rolle. Bei der Errichtung der höheren Mäsdt chenschulc wurde zunächst ein öffentlicher Wettbewerb unter den deutschen Architekten ausgeschrieben, über hundert Entwürfe liefen dabei ein, aber schließlich entschied man sich dafür, noch einen Lokalwettbcwcrb unter den Gießener Architekten zu veranstalten. Die bereits ange- denteten umständlichen Verhältnisse machten sich hier nachteilig geltend. Man kann nicht sagen, daß die Mädchenschule ein besonders schönes Gebäude sei. Noch weniger vor- -eilhast nimmt sich das Realschulgebäude aus, ein Werl des Stadtbanmclsters. Tie dabei gewählten Renaissance-Formen sind nickt glücklich gegeneinander abgestimmt, und die übermäßige Verwendung von Hausteinen hat den Ban nur verteuert.
Wasserwerk und Elektrizitätswerk haben sich aus den Bedürfnissen heraus gut entwickelt und der Stadt gute Einkünfte abgeworfen. Ter Wettbewerb sür einen Wasserturm auf der Schonen Aussicht wurde aus des Oberbürgermeisters Veranlassung noch rechtzeitig eingestellt, da in anderen Städten sich ein be seres System der Wasserversorgung bewährt hatte. Tie leidig: Frage der U eberland zentrale wollen wir hier nicht noch einmal eingehend auswerfen, sondern nur daran erinnern, daß Herr Mecum unseres Erachtens in seiner Unternehmer-Tätigkeit viel zu weit gegangen ist. Straßenbeleuchtung und elektrische Sa>n sind Errungenschaften, die das Wohnen in Gießen erheblich angenehmer gemacht haben. Zur Schaffung einer Straßenbahn hat Herr Mecum anfänglich kein rechtes Zutrauen gehabt; er fürchtete, sie werde sich nicht rentieren. T-em früheren Stadtverordneten Gabriel gebührt das Verdienst, den Gedanken immer wieder vorgedrängt zu haben. Schließlich wurde auch der Oberbürgermeister dafür tzewonnen, und von da an hat er in verdienswoller Weise mitgewirkt, so daß die Bahn in jeder Beziehung aut ausgeführt wurde. Wiederum bewährten sich die Bestchtigungen in anderen Städten. Infolge eines guten Unterbaues wurde ein sicherer, geräuschloser Betrieb erreicht. Herr Mecum hackte zuerst nur für eine Linie, die Seltersweglincke, sich ausge
sprochen, und eines Tages, nach einer Stadtverordnetcn- sitzung, stellte er „das erfreuliche Resultat" fest, daß man sich ziemlich einig darüber geivesen sei, nur die eine, Seltersweglinie, zu bauen Allein die Stadtväter leisten »ch mitunter einen Umsall; ein paar Wochen später halle Oberbürgermeister Mecum auch seinen Einspruch gegen den Bau der Linie aus der Bahnhosstraße aufgegebcn. Nun, wir brauchen diesen Schritt heule >a nicht zu bereuen; in srohem Vertrauen aus die Rentabilität darf die Verwaltung sogar sich gestatten, den Fahrpreis zu verbilligen.
In die ersten Amtsjahre des scheidenden Oberbürgermeisters Mecum siel noch die Erbauung des neuen Friedhofs aus dem Rodberg. Gchciinrat Gassky hat in Gemein- schait mit Mecum den Play ausgesucht, der die Möglichkeit gewährt, daß die Anlage wätcr erweitert werde» kann. Bei der Einweihung', des Friedhofs spielte sich der in ganz Deutschland bekannt gewordene Streit des Oberbürgermeisters mit der evangelischen Kirchenbehördc ab. dessen Entstehung und Verlaut wir heute nicht noch einmal auf- rollen möchten. Hierbei erlangte der Name Mecuni eine ge- wisse Berühmtheit. . . . Es wurde allgemein bekannt, daß der Gießener Oberbürgermeister ein streitbarer .Herr fei, dem cs flui einen Hahnentamvi mehr oder weniger nicht ankomme. Die Stadi hat daraus keine besonderen Vorteile gezogen. ...
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Als Mocenigo» der Doge von Venedig, starb, ließ er die Senatoren vor sein Bett koinmen und hielt eine Abschiedsrede an sie, in der er, wie Jakob Burckhardl berichtet, ihnen einen »eberblick über den Auil'chwung Venedigs gab, über Vermögen und Schulden der Stadt, über ihre Einnahmen, sowie über die Gliederung und sozialen Verhältnisse der Einwohner. Den Veneiianern waren solche statistischen Berechnungen noch fremd, und sie bewahren das Dokument Moce- nigos als einen kulturhistorischen sckdatz. Herr Mecum, der sich am Montag gleichfalls von der Stätte seines Wirkens verabschiedete, hat uns ebenfalls ein städtisches Soll und Haben geschildert. Aber seine Darstellung der Entwicklung unserer städtischen Finanzen hat keine niathematisch genaue Bedeutung, und der Gang der Ereignisse in den letzten dreizehn Jahren ist uns noch so gegenwärtig, daß Herrn Mecums Ziffern keineswegs wie eine Ofsenbarung wirken. Wenn auch der städtische Steuersatz in den letzten zehn Jahren aus 120"« erhalten werden konnte, so vergaß der Scheidend«, daß die Erhöhung der Staatssteuer naturgemäß die Erhöhung der Gemeindesteuer zur Folge hatte. Nicht nur das Staats steuersoll ist auf nahezu das doppelte gestiegen. Einig: indirekte Steuern und Abgaben hat Herr Mecum gleichfalls übersehen: der Preis des elektrischen Lichts und des Kochgases ist erhöht worden, und auch die ansehnlichen Kanalgebühren und Friedhossgebühren müssen hier erwähn! werden. Herr Mecum hat uns vorgestellt, daß seit 1900 das städiische Vermögen um mehrere Millionen mehr gewachsen sei als die Schulden der Sladt. Es ist uns aber noch gegenwärtig, daß im Laufe der letzten Jahre mehrfach Vermögensteile der Stadt, und zwar nicht ohne berechtigten Grund, höher taxiert worden sind.
Wir wollen unserer städtischen Finanzpolitik keinen Tadel, aber auch kein besonderes Lob aussprechen, und wenn Zahlen beweisen sollen, so muß man damit auf den Grund der Dinge gehen. In engem Zusammenhang mit der Ver Wallung der Finanzen hat Oberbürgermeister Meeun, auch die Bodenpolitik getrieben. Es ist noch in irischer Erinnerung, daß ec dabei häufig auf lebhaften Widerspruch stieß, und wir haben zu prüfen, ob die zahlreichen Anfeindun - gen, die aus dieser Quelle gegen das Siadtoberhaupt ausl- stiegen, erklärlich erscheinen. Auf diesem schwierigen kommunalen Gebiete hat Herr Mecum im direkten Verkehr mit dein Publikum einen charakteristischen Zug seines Wesens entfaltet. Daß die Städte beizeiten eigenes Gelände erwerben sollen, um es dann in Erbpacht zu geben, ist ein r i ch » t i g c r Grundsatz, und es gibt viele Beispiele, die eine solche Art städtischer Bodenpolitik als segensreich für die Allgemeinheit erweisen. Die Stadt Gießen kann leider das Erbpacht-System nicht mehr durchführen, weil das Gelände beim Ankauf schon zu teuer würde. Soweit nun Oberbürgermeister Mecum bemüht war, der Stadt rechtzeitig ausreichendes Ge lande zu späteren kommunalen Anlagen zu sichern, kann man ihm zustimmcn. Häuiig hat ihn aber der S p e k u l a t i o n s - gedanke veranlahl, Gelände zu erwerben. So kaufte er, um das genugsam erörterte Haiiptbeispiel auch hier noch einmal zu erwähnen, das Aktienbraucrei-Gelände, um für die Stadt ein Geschäft zu machen. Man macht es Herrn Mecum wohl mit Recht zum Vorwurf, daß er durcki seine svelulative Geländepolitik den natürlichen und zweckmäßigen Ausbau der Stahl, der doch nach anderen, höheren Gesichtspunkten geleitet werden muß, oitmals geschädigt hat. Er versuchte, die Bebauung in einseitiger Weise nach dem finanziellen Vorteil der Sladt in die Wege zu leiten, was zur Folge hatte, daß die Bebauung privaten Geländes verhindert wurde. So hat er z. B. bei Verhandlungen über einen Bebauungsplan auf der Liebigshöhe die bezeichnende Aeußerung getan, „d i c Stadt habe selber billiges Gclände". Es ist kein Wunder, daß ihm aus solcher Praxis Gegner erstanden. Herr Mecum hal bei der Erweiterung der Stadt nur in bescheidenem Maße die höheren Gesichtspunkte walten lassen. So ist es z. 33. doch ein schönes Bemühen, billige, kleine Eint samilienhäuser zu schassen. Die städtischen Bebauungspläne müßten dafür schon heute weite Gebiete außerhalb der Stadt erschließen. Will man Gießen den Charakter als Gartenstadt erhallen, so müßte man diese Gesichtspunkte unbedingt voranstellen. Es ist traurig, daß man dahin gekoinmen ist, jedes Plätzchen der Stadl sür Bauzwecke auszunutzen, und die Bodenpreise sind leider künstlich gesteigert worden. Wir erhoffen von der neuen A«ra gerade aus diesem Wege eins Wandlung. Die Bebauungspläne müssen künftig von kun- bigen Händen angelegi werden.
Es ist kein zu hartes llrtcil, wenn inan im Hinbkick aus die Bebauung und Erweiterung der Stadt unter Herrn


