Ausgabe 
13.2.1914
 
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Nr. 3Z ' öwettes

Eftchcinl täglich mit Ausnahnie des Sonntags.

Tie«ich euer Z-miliendläNer" werden dein .Anzeiger" viermal wöchentlich bcigelcgt, das «rekdlatt filr den Urei! Sietzen" zweinial wöchentlich. DieLandwirtichattlichen Seit­srogen" erscheinen inonatlich jwennal.

Blatt J64. Jahrgang

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhejsen

Zreitag, \d. Zebruar M4

Rotationsdruck nnd Verlag der Briihl'jche» Univcrfttäts - Buch- nnd Steindrnckcrel.

N. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition tind Druckerei: Schul« strab: 7. Expedition »nd Verlag: S-Ebl. Redaktion: 112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen-

politische Lngcsscl'aii.

Ferichow.

Das Ergebnis der Hauptwahl ilt Jcrichow bedeutet, so schreibt die ,,Rakl. Korresp.", sür die Fortschrittliche Volks- Partei eitle schwere Enttüuschung. Sic war bei de» letzten allgemeinen Wahlen um rund 1600 Stimmen hinter dem Konservativen geblieben nnd damil aus der Stichwahl aus- gcsallcn. Jetzt hasste sic mit der Kandidatur des Fleischer- Meisters Kabelt aus Magdeburg die Konservativen zu über­holen, um dann mit deren Hilfe in der Stichwahl über den Sozialdemokraten zu siegen. Es ist anders gekommen. Ter freisinnige Kandidat blieb diesmal mit 6893 Stimmen noch um rund 1600 Stimmen unter der 1912 erreichten Zahl, wogegen der Konservative mit 11999 Stinimcn eine Zu nähme von rund 1900 Stimmen zn verzeichnen hat. Tie Stichwahlaussichten sind unter diesen Umständen sür die Kon­servativen besser geworden, und cs ist anzunehmcn, daß die Rechte hier einen der in den setzten Ersatzwahlen erlittenen Verluste wieder Weltmacht.

lieber die Ursachen dieses Ausgangs läßt sich von der Aerne und ohne Kenntnis der Einzclergcbnissc wenig sagen, -schnell fertig ist auch hier wieder dasBcrl. Tageblatt". Es redet kurzerhand von einernationallibcralcn Rechtsschwen­kung". Unseres Erachtens ist aber damit der Rückgang der fortschrittlichen Stimmen nicht erklärt. Es mag sein, daß Da und dort nationalliberal gesinnte Wähler abgeschwenkt sind. Tas ist aber sicherlich nicht in solchem Umfang gesche­hen, daß darin die Ursache der Niederlage gesehen iverden Könnte. Richtiger dürfte cs sein, den Umschwung auf die ver­änderte Lage in der Politik zurückzuführcn. Tic Wahlen 1912 standen noch unter dem Zeichen der Reichsfinanzrcform von 1909, was den Liberalen manche Stimme zusührtc. Jetzt ist der Aerger von damals verraucht. Inzwischen ist aber die Zeit der Entscheidung über die Zukunst der Wirtschastsvolitik näher gerückt, und daß da in einem fast durchweg ländli­chen Kreis eine Partei, die grundsätzlich für den Abbau der Zölle cintritt, Schwierigkeiten hat, liegt aus der Hand. Diese Schwierigkeiten werden auch nicht dadurch überwunden, daß der Kandidat in dieser oder jener Frage einige Zugs- ständnissc nach der Schubzollseite niacht, erst recht nicht, wenn die Agrarier gerade die Zollfragc in den Vordergrund schie­ben und dazu ihren ganzen Agitationsapparat aufbicten, wie das hier der Fall gewesen ist. Mag noch hinzukommen, daß -die Konservativen, die einen kleineren Besitzer aus dem Wahl­kreise selbst ausgestellt hatten, damit besonders glücklich gefah­ren sind.

Ter Erzbischof von München-Freising und der Grwcrkschaftsstreil.

Aus der 7. Tiüzesankonfercnz der katholischen Jugcnd- vcrcine der Erzdiözese München nnd Frcising hat E r z b i - sch o s D r. v. B etti n g e r am Mittwoch zum GewcrkschaftS- streit und zwar zu Gunsten der christlichcn Gc - >v c r k s ch a s t c n in entschiedener Weise Stellung genommen. Der Erzbischof knüpfte an einen Artikel der TriererPetrus­blättcr" an, die einen heftigen Angriff aus das Münchner katholische Jugendsekretariat gerichtet hatten, weil es die Ju­gendlichen znm rechtzeitigen Eintritt in die christlichen Ge­werkschaften aufgcsordert hatte. DiePetrusblättcr" hatten geschrieben:

Das ilt stark. Also in das geduldete Ucbel der sogenannten christ­lichen Gewerkschaften werden die jungen Leute tnneingeführl. Schon der Jugend wird skrupellos zugemutet, praktisch sich oufzulehnen gegen den Heiligen Pater. Damit wird die Lehre des katholischen Katechismus über das Hirtenamt des Papstes, über die alles über­ragende Autorität des Papstes der katholischen Jugend als hin­fällig bezeichnet. Und da haben solche Kreise noch den Mut, von katholischer Jugendpflege zu reden! Katholische Jugendpflege gibt cs nur auf dem Boden katholischer Grundsätze, und zu diesen Grund­sätzen gehört, daß Katholiken dem Papste Gehorsam erweisen nnd nicht das empfehlen dürfen, loas der Heilige Pater nur bedingungs­weise als Ucbel duldet. Was sagen die Herren Katecheten dazu, wenn man die Jugend zum praktischen Ungehorsam gegen die Ober­leitung der Kirche auifordert, während man sie in Kirche und Schule zum Gehorsam gegen das Oberhaupt der ganzen Kirche aiileitet und aneit'crt?

Gegen diese Auslassungen wandte sich nun Erzbischof v. B e t t r n g c r mit folgenden Worten:

Es wird wohl unser katholisches Jugcndsckretariat sehr über­rascht gewesen 1 eilt, als ihm dieser Spiegel vorgebalteir wurde. Ich weiß nicht, wie die nähere Umgebung derPetrusblättcr" hinsicht­lich der gewerkschattltchcn Verhältnisse beschaffen ist, und ich mische niick daruin iricht in die Frage ein, was dort hinsichtlich der gewerk­schaftlichen Angelegenheiten im Interesse der Jugend als notwendig itnd zweckdienlich zu erachten ist. Ich denke aber, in München nnd Umgebung ist es an uns, zu urteilen nach unserem katholischen Gewissen. Wir lassen uns in der Liebe zum Heiligen Pater von nie nranden übertrcssc». Aber gerade deshalb weifen wir cs zurück, unsere christlichen Getverkschastsangelegenheiten in einem Lichte zu zeigen, als ob der Heilrgc Pater etwas Schlechtes gcdnldec hätte. Der Heilige Pater hat getan, wie er selbst es ausgesprochen hat, was ihm die deutschen Bischöfe empfohlen haben und ans den Grün- den, die ihm die deutschen Bischöfe vorqctragen haben. Darauf stützt stch die Duldung des Heiligen Paters. Deshalb bitte ich unser katholisches JugendtekretaruN München, energisch dabcn zu wirken, daß unsere Jugend von den freien G c w c r k s ch a i t c n serngcbalten wird und daß alle, bei welchen ein A n s ch l » ß an eine Gewerkschaft in Frage kommt, den christlichen Ge­werkschaften bcitrcten. Wenn das Verbot des Heiligen Paters, sich gegenseitig zu verketzern, von scncr Scste nicht beachtet wird wir wollen alle jene, welch»: dze Gewerkschasisftagc im Sinne der Petrusblättcr" behandeln, völlig nnbetästigi lassen.

Nach dem Bericht der Zentrumsvrcsse begleitete die Ver­sammlung diese Ausführungen des Erzbischofs mit stürmi­schem langanhaltcnden Beifall.

Deutscher Verlust an Polen.

Vor dem Bezirksausschuß in Oppeln wurde vor ein paar Tagen ein Umsatzsteucrprozeß verhandelt, dessen tatsächlicher Sachverhalt von hervorragendem volitischen Interesse ist. Es handelt sich dabei um den Verkauf der Waldherr­schaft P o no sch a u-S o ro w ski im Kreise Lublinitz. Diese Herrschaft gehörte dem früheren deutschen Botschafter Fürsten Ra da lin auf Jarotschin und wurde unter Aus­hebung ihrer Fideikommißeigenschafl mit ungeheuerer Ueber- zahlung des Wertes an die geschiedene Gräfin Ella von Schlieffeu. geb. von Sprenger, durch Vertrag vom 20. Dez. 1910 vcrkikust. Alsbald nach dem Verkauf brachten mehrere .Zeitungen/ die Nachricht, daß die Gräfin Schlieften nur als l Zwischcnständlcriii vorgeschoben sei, und daß es sich in Wirk­

lichkeit um eineu Verkauf an einen Polen handele, Tic Grä­fin Schlieften stellte diese Nachrichten in Berliner Zcftungen mit den Worten in Abrede:Ich habe nie daran gedacht, die Güter zu verkaufen, denke nicht daran und werde nicht daran denken. Der angebliche Pole ist mir und meinem General­direktor vollkommen unbekannt."

Jetzt ist die Angelegenheit klargcsteilt und der Wider­spruch als unrichtig erwiese». Käufer der Herrschaft ist der bekannte Großgrundbesitzer von Chlapawski zTurcw, Kreis Kosten in Posen), dessen nationalpolnische Gesinnung in der Provinz Posen allgemein bekannt ist. Ter Uebergang in polnische Hand bedeutet sür das Deutschtum einen schwe­ren Verlust. Es handelt sich um eine Herrschaft von 13 300 Morgen, wovon 10 200 Morgen Wald, 300 Morgen Ricscl- wiescn, 300 Morgen Teiche und etwa 2000 Morgen Acker sind. Ferner gehören dazu zwei Wassermühlen und eine große Ringofenziegelei,

Aus ficfifit.

Aus dem Bittschi iftcn-Ausschuß,

rb, D a r m st a d t, 12, Febr. Ter vierte Ausschuß dcrZ weiten Kam m c r beschäftigte sich heute in itzegcn - wart der Herren Minister v. Horn bergt und Ministerial­rat Dr, Kratz eingehend mit dem Antrag Tr.Winkler, betr. die Obstmärkte in Alsheim, Ter Antragsteller nahm ebenfalls an der Beratung teil nnd begründete seine in dem Antrag geltend gemachten Wünsche. Nach- aussühr- licher Anssprache l-am man dahin überein, daß der Antrag­steller mit einem Vertreter des Kreisamtes Wor« nnd Herrn Ministerialrat Tr. Kratz in den nächsten Taffen sich zusammen nach Alsheim begeben nnd dort mit dem Obst- vcrwertungsverein in direkte Verhandlungen eintrele» sol­len. Die Regierung hofft auf diesem Wege am schnellsten zu einer Verständigung zu gelangen. In Betreff des An­trags II r st a d t über die Fibeikom mißgüter beschloß der Ausschuß, das Material zunächst an die Zentralstelle sür die Landesstatistik des Großherzogtums Hessen zur näheren Begutachtung abzugcben. Bezüglich der Vorstellung des Hausbesitzervereins, betr. die Lan d csb ran d v e r s i ch e- run gsa n statt, machte die Regierung die Mitteilung, daß dem Landtag dcninächst ein neuer Gesetzentwurf zur Regelung dieser Materie vorgclcgt werden würde. In Be­treff der Vorstellung der Hausbesitzcrvereine wegen Aushebung der Wertzuwachs st euer beschloß der Aus­schuß, zunächst eine zuwartende Stellunb einzcinehmen, weil das diesbezügliche Reichsgesetz noch in Kraft ist. Tie nächste Sitzung des Ausschusses sindet am Donnerstag nächster Woche statt.

Die Geschäftslage im Reichstag.

Aus Berlin, l2. Febr. wird gemeldet: Ter Acltesten- rat des Reichstags beriet vor dem Beginn des Plenums über die Geschäftslage. Nach der vorliegenden Zusammen­stellung stehen vom 12. Februar bis 3. April 1914, nach Ab­zug der in Aussicht genommenen sitzungsfreien Tage (23. und 24. Februar, 14. bis 16. März und 23. März), für die Plenarberatungcu zur Verfügung 39 Tage. Hiervon sind vorzusehen für die zweite Lesung des Haushaltsplanes 33 Tage, für die dritte Lesung drei Tage, für Unvorher­gesehenes drei Tage. Tie Beratung des .Haushaltsplanes des Reichsamts des Innern, die im Jahre 19t 1 14, 1912 16, 47 nnd 1913 17, l Tage durchschnittlich beanspruchte, hat in diesem Jahre mit Einschluß des gestrigen Tages bercils 17 Tage erfordert. Ter Aeltcstciirat hat sich nun dahin ge- einigt, möglichst nur noch einen Tag aus die Beratung des Reichsamts des Innern zu verwenden. Alsdann stehen für die übrigen Einzeletats zur Verfügung: Reichstag 1 ... Tag. Reichskanzler und Auswärtiges Amt 3, Militär und Reichs- milikärgcricht 7 > Marine 3, Justizverwaltung 3, Reichs- sche.tzamt und allgemeiner PenstonSfonds 1>/., Reichsschuld, Zölle usw., soivic allgemeine Finanzierung IV», Rcichs- wlonialamt und Schutzgebictsctat 4V», Rcichseiscnbahnamk 1, Reichseisenbahnen 2, Post und Reichsdruckerei 41', Tage Unt diese Verteilung möglichst durchzusühren, sollen die Sitzungen ausgedehnt tverdcn, und zwar soll das Plenum bis 7 Uhr abends tagen und dann vom Präsidenten befragt werden, ob es gewillt fei, die Sitzung noch auszndchncn

Aus den Reichslagsausichiissen.

: Berlin, 12. Febr.

Ter Budgetausschuß letzte die Beratung des Marine Vor­anschlags fort und erörterte die Denkschrift über die Bieder- beseitigung der kauimännischcn Buchführung in den Weritbelricben

Im Ausschuß sür die Sonntagsruhe warnte ein Ra­ki onaUiberalcr vor der Klassifizierung. Wem, man nur sur grö ßcrc Städte die volle Sonntagsruhe einführe, so bestehe die Ge­fahr, daß die Handlungsgehilfen aus den kteiuercn Städten ab­wandern. Ein anderer Naiionalliberalcr hebt hervor, daß die volle Sonntagsruhe zwar das Ideal sei, daß aber auch viele Stimmcti gegen jede Iveitere Einschränkung der Sonmagsarbcil lauc geworden seien. Das englische Gesetz sei sür Deutschland unbrauchbar, da es sich nur am die sogenanuieu Bankfeiertage cfttrecke. Ein Sozialdemokrat sorderte die Regierung au>, sich vom Zentrum frei zu machen: gegen die vcrdcrblcchc Klassifizic rung sollte sie sich energisch wehren. Zn wünschen wäre die Bolle,ung weiteren Materials über die englische Gesetzgebung Ein Regierungsvcrtreter sagte die Pcschassung dieses Materials ;u Ei» Konservativer sab in dem Gesctzeniwurr einen Fortschritt Im Kleingewerbe sei vollständige Ruhe nicht möglich, vor allem nicht iür solche Kleingcwerbler, die ohne fremde Hille arbeiten. Als untere Grenze iür Städte rni! voller Sonntagsruhe sollte nian 80 000 Einwohner scftlcgen. Ein Zcnrrumsredncr spricht sich gegen zu starte PeieinlKiilichung aus. Nach weiterer Er­örterung eriolgte Vertagung.

Der Ausschuß sür die Kcbührenordn ung für Zeu­gen und Sachverständige setzte heute die allgemeine Aus- iviache fort. Sie bezog sich in der Hauptsache au, den Antrag der Naftonallibcralcn, die bestehende Tarifierung der Sachoer- ständigengebührcn aufzugeüen und in Ermangelung einer beson deren Vereinbarung die Fcstietzung eines angemessenen Honorars dem freien Ermessen des Richters zu überlassen.

Gerichtes««».

Die Eifersuchtstragödie im Bade.

Ll Berlin, 1l. Febr. Unter großem 'Andrang des Publikums begann beute vor dem Schwurgericht des Landgerichts I die Verhandlung gegen den 33 Jahre eckten Bademeister Rudolj 'Auer aus Schntredejeld, der be­schuldigt ist, am 4 . Scvtcmbev v, Js., abends, die verwitwete Badc-

besitzcrln Gertraud Reinsch, geb. Parchnui, erschösse» zu haben, mit der er, obgleich er verbeiratet tvar, ei» Liebesverhältnis unterhielt. Ter Angeklagte, der früher Bierknlichcr geiocse» war, hat seine Frau vor 10 Jahren geheiratet »nd aus deren 'Anregung iich als Bade­meister ausbilden lassen. Er trat INI Jahre 1910 als Bademeister intAugusta-Bad" ein, das Eigentum der Frau Reinsch tvar, deren Man» kurz vor seinem Eintritt verstorben war,

Tie Beziehungen zwischen dem Angeklagten und Frau Reinsch wnrdcn, obwohl die Frau des Auer in der gleichen Anstalt beschäs- tigl tvar, bald sehr innige, so daß Auer dritten Personen gegen­über sich wiederholt dahin äußerte, er könne ohne diese Frau nicht mehr leben. Die Frau Reinsch nützte diese Beziehungen nun dazu aus, utn teils iür sich, teils für ihre Schwester, deren Mann Buch­macher mar und sür Rennwetten große Geldbeträge benötigte, Bar­geld. das sie auch verschiedentlich erhielt, herauszuichlagc». 'Auer wurde, je länger das Verhältnis dauerte, desto eifersüchtiger, weil er der vielleicht nicht ganz ungerechlsertiglen Ansicht war, die Frau würde sich IN absehbarer Zeit toiedcr verheiraten, coeinc Eifersucht ging sogar soweit, daß er sich lyit Selbstmordgedanken trug und nach seiner Angabe deshalb stets einen geladenen Revolver mit sich hernmtrug. Eines Tages verlangte nach seiner Angabe die Frau wieder Geld von ihm und als er fick, weigerte, solches herzugebc», soll die Frau geäußert haben:Wenn du mir das Geld nicht gehst, schasse i-ch mir einen andern an!" Das trug nicht dazu bei, seine Eisersucht zu facicitigott, die m-.) gesteigert wurde, als er eines Tages die llnierhaliung der Frau Reinsch mit einem Badegast cin- hörte, In seiner 'Ausregung sorderte er die Frau Reinsch aut, mit ihm abzurechncn und ihm sein Guthaben zurückzuzahlen. Kurz vor­der hatte er all die Frau, mit der er doch täglich zusammentraß eine» Liebesbrief geschrieben, in dem cs ». a. heißt:Liebes Trud- chen! lim Tein Lcbcnsglnck nicht zu zerstöre», will ich mich selbst binrichten. Tic Liebcssesseln werde ich jetzt sprengen, auch ivenn sie noch so lest wären, 0l.nl wird alles offenbare». 'Nun lebe wohl, einst werden wir uns Wiedersehen. Tein im Tode unglücklickter Rudols." Im Anschluß an seine Gcldsorderung kam cs zwischen dem Angeklagten und der Frau Reinsch .zu einem hestigcn Wort­wechsel. weil die Frau Reinsch erklärte, sie habe letzt keine Zeit zn einer Abrechnung, da sic ein Kino besuchen wolle. 'Aus die Be­merkung des Angeklagten, daß er mitgehen wolle, erwiderte die Frau ihm, das gehe nickst an, sie sei von dem erwähnten Bade­gast cingeladen worden. Als daraufhin der Angeklagte neuerdings kategorisch sein Geld verlangte, antwortete ihm Frau Reinsch, sie habe cS nun satt, sic werde ihrem Pater telephonieren, und gimi zum Telkvbonapvarat. Während sic den Hörer abtiahm, trat der Angeklagte zu ihr heran und sagte: ,FZctz! passiert cin^llngtück!" Im gleiche» Augenblick gab er einen «chuß gegen die Tchläie der Frau ab, die sofort tot zusammcnbrach. Auer lies soiort nach den Tat weg und besuchte verschiedene Wirtschaften, wobei er mehr­mals telephonisch anfragte, wie esseinem lieben. Trudchcn" gehe. Der Bruder dcr Geiöteien, den er cbenjalls angcruscit hatte, ver­ständigte dann die Polizei.

Tie Verhandlung wurde linier Ausschluß dcr Oesscntlichkcit durchgcsührl. Tie einzige Zeugin war die Ehesra» des Angeklag­ten, die bekundete, daß Auer schon länaerc Zeit vor der Tat un ­gewöhnlich ausgercg, war und über Kopsschnierzen geklagt lube. Ter ärztliche Sachverständige äußerte sich dahin, daß bei Begehung der Tai die freie Willensbeftimmung des Angeklagten zwar stark herab- gemindert, aber nicht ausgeschlossen gewesen sei. Dos Urteil lan - tcte wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausgang, unter Zubilli­gung mildernder Umstände aus zwei Jahre Gefängnis, wovon fünf Monate dcr Untersuchungshaft in ?lbrechnung komnicn. /

Ter Massenmörder Wagner.

Univcrsitätsprofessor Dr. Gauvv, der im Falle des Lehrers Wagner oas erste Gutachten über die Geisteskrankheit Wagners er- statiet halte, wendet sich imSchwarztvälder Boten" gegen die Pxesscangriffc gegen die Psychiater und teilt dabei über die Geistes­krankheit Wagners folgendes mit: Wagner ist seit dem Jahre 1901 geisteskrank, er leidet seitdem an einer chronischen Geisteskrankheit, die niemals, auch nicht zur Zeit der Mordlatcu,akut gewordrn" ist Von dieser Geisteskrankheit hatte vor den Mordtaten niemand, weder seine Frau noch seine Freunde, auch nur die geringste 'Ahnung. Dos Wenige, was von seinen Schriften schon vor den Mordtaten bekannt geworden war, enthält nichts, was auf seine tsteisteskrank- hcit hätte schließen lassen können. Die Schristen mit »ussälligcick Inhalt sandle er erst nach der Tötung seiner Familie unniiitelhar vor der Brandlegung in Mühlhausen a» einige Personen. Als sie in deren Hände kamen, waren sämtliche Gewalttaic» Wagners schon ansgcsuhri, cs lag also völlig außer dem Bereich jeder Möglichkeit, Wagner vor dcr Vollbringung seiner Taten unschädlich zn mache». Würde» mir Wagners Schriften vor eiucm halbe» Jahre vorqclegi worden sei», so hätte ich dc.' Behörde umgehend mitgeleili, daß hier zwciiellos von einem geisteskranken Manne schwere OicwalttateN zn bcsürchien seien. (Tann wäre Wagner auch zweifellos und zwar mit vollem Recht in einer Anstalt interniert worden.: Niemand war aber jemals aus den Gedanken gekommen, Wagner dem Psp- chiaker vorzusührcn. Wagner wird, weil unheilbar krank, die Irren­anstalt nicht wieder verlassen. Außerdem darf wohl zur Beruhigung unteres Volkes daraus hingewiesen werden, daß dcr Kranke infolge des Verlustes seines linken Armes, und der völligen Lähmung von drei Fingern seiner rechten Hand ein fast wehrloser Mann ge­worden ist. Professor Gauvv wird nach demSchwäbischen Merkur» eilt ausführliches Guiachte» in Bälde veröjscnllichen. Die bisherige» Beobachtungen dcr Anstaltsärzte, die Wagner behandeln, decken.sich volllonimcn mit der Aunassung der Tübinger Ktinik.

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