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Der Ktehener Anzeiger
erscheint täglich, außer Eonnlags. — Beilagen: viermal wöebenilich »ietzenerZamittenblättcr: zweimal wöchenll.rireir! Matt (ürixn «reirKießen (Tienslag »ndFreiiaa): zweimal mono». land- »irlschastlich« Zeilsrage» Feriisprech - Anschlüße: für die Redaktion 112 , Verlag ». Expedilio» 51 Adresse kür Teveschrn: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen kür die Tagesnuinmer bis vormittags !) Uhr.
Erster Blatt l64- Jahrgang
GiehenerA
Zreitag, J6. Januar |9H
NMger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Kotationsörmf und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei 8. Lange.
Dez»gS -rei»:
i!,oi>a!lich7LPi„v>eneI- jährlich Akk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen nionallich 65 Pf.: durch diePosl Mk.2.— viertel» jährl. ansfchl. Bcslellg. ZcilenvreiS: lokal1LPs„ ansiväns 20 Pkenniq. (5 hcfrcdaklcnr: A Goetz. Veranlivorllich für de» volil. Teil: Aug. Goetz: für .Feuilleton", .Ber- inifchlcs" und.GerichtS- saal": Karl Neurath: für .Stadl und Land":
Nedaltion. Erpedition und Druckerei: Schulftrahe 7. A»z-,gen!-ü:' H? Beck!
Die heutige Nummer umfahl 10 Seiten.
Geheimral Dr. Hamm über Zabern.
In der „Deutschen Juristenzeitunq" nimmt der Lber- landesgerrchtsprändent a.D. Wirkt. Geh. Nat Tr. tz am m vom surijtilchen Ttondvunkt aus zu den Vorgängen in 3(i= ^?ort. Cr weicht in seinen Darlegungen von denen . llorS^ ^.lntchütz, der im gleichen Blatte scharf gegen das Mrutar Stellung genommen hatte, erheblich ab. lieber das selbsttätige Eingreifen des Militärs sagt er:
„Tie Frage, ob das Militär, ohne von den Polizeibehörden regurrrert zu lern, zu rne,en Sttnrtten gesetzlich, befugt war, dün'te ^^öugllch der ^luffordernng an die Menge, die Straßen zu räumen und der gervaltfamen Durchsetzung der Räumung zu besahen sein, .tver auch das nur infoweit, als cs sich um ein Einschreiten der militärischen Wachen und der zu deren Unterstützung komman- oicrten Personen handelt. Organisationsgemäß sind die militä- rncben Wachen und Poften vor allem auch zur Stillung von Du mutten, Zerstreuung von Llusläusen, Verhinderung eines die öffeiik Irchc Sicherheit störenden Unfugs berufen und verpslichtcl. Es liegt auf der Haud, hast, Iveun dergleichen vor ihren Augen ohne Zugcgenfein der Polizei gefchieht, meist ein sofortiges Einschreiten erforderlich „t und nicht erst eine Requisition der Polizei abgc- warter werden kann.
Eine v o r 1 ä u s i g c Fcstnahnic steht dem Militär — ma)t bloß den militärischen Wachen — wie „jedermann^ aus Grund des h 127 Abi. 1 StrPO. gegenüber Personen, die bei e.lusubung einer strafharni Handlung ans frischer Tat betrossen oder verfolgt werden, zun: Zweite der Strafverfolgung zu, wenn src der Flucht verdächtig sind oder ihre Persönlichkeit Nicht sosort testgestelll werden konnte, Hiernach Ivar das Militär befugt, in .labern diejenigen Personen, die aus den Straßen Beschimoinngen .ruSsisetzen oder Unfug verübten, vorläusig bis zur Feststellung ihrer Persönlichkeit sestzilnehinen. Dagegen durste das Militär Personen, gegen die nichts vorlag, als daß sie der Aufforderung^ des Militärs zum Berlasseii der Straße» nicht Folge lcsstete», nur mit Gewalt sortlrcibcn, nicht aber f e st n e h -- uten. Das Nichtbcsolgen einer solchen Auisorderuiig ist nur dann eine aus 8 110 StrGB. als Auslauf strafbare Handlung, wenn /»» zuständiger Beamter oder zuständiger Bcschlshaber der de waffncten Macht die aus össcntlichen Slraßen oder Plätzen versammelte Mcnschcnnienge dreimal dazu ansgesordert hat. Und zuständig ist der Befehlshaber der bewaffneten Machr, nutzer wenn der Bclageriingszustand erklärt ist, nur auf Rcauisikivn d«r Polizeibehörde."
In dem Festhalten der festgcnommenen Personen siehl Exzellenz Hamm dann eine schwere lieber schrei lung der gesetzlichen Befugnisse:
. „Weiterhin aber hat dann m. E. der oberste Militärbeichls- haber .seine Befugnisse dadurch überschritten, datz er die vorläusig scstgcnoinmenen Personen bis zum anderen Tage fest hielt. Dies gilt vor allem bezüglich der Personen, die vom Militär zu Unrecht und nur deshalb sestgenoniincn worden ivarcn, iveil sic der Aussovderunq zur Räumung des Platzes nicht Folge leisteten. Ebenso aber auch bezüglich der Personen, ivelche beim Ausruieiz von Beleidigungen gegen Miliiärpersoncn auf frischer Tat betroffen oder verfolgt und zur Feststellung ihrer Persönlichkeit mit Recht festgcnommen worden waren. Geinätz h 128 StrPO. sind solche Personen von denjenigen, die sic vorläusig sestgcnommen habest, unverzüglich, sofern sic nicht wieder in Freiheit gesetzt Iverden, dem Amtsrichter des Bczirts oorzuiühren, in welchem die Fcsttiabme erfolgt ist. Diese gesetzlich? Vorschrift ist durch vorerwähnte Kgl. Order vom 29. Januar 1881 den militärischen Wachen besonders! eingeschärst worden. Im 8 12 dieser Sgl. Ordre heißt cs:
„Wie fcstgenommenen 'Personen werden nach dem nächste» Wachtgckäiidc gebracht iiNd dem Gouverneur bezw. den, Kom- miandaittcn oder dem dessen Funklion vcrscbenden Offizier gemeldet, der, insosern die Fcstgenommenen vom Militär lind, weiter über sie disponiert. Sind die sestgenommenen Personen
vom Zivil so iverden sic, sobald als möglich an die Polizeibehörde abgeliescrl."
Diese hat sie dann gemäß 8 128 StrPO. dem Amtsrichter vorzusühren. Wäre das geschehen, io wären srlbstredend ickon von der Polizei! ehördc alle Personen, die nur aui die infititärische Aui- svrderung die Straße nicht geräumt halten, und von den Personen, die Beleidigungen gegen Militärs ausgestotzen hatie», die jenigcn, deren Persönlichkeit von der Polizeibehörde icstgestellt Iverden tonitte, noch an deni Abeich in Freiheit gesetzt worden. Der Mißgriff, datz der Militärbeschlshabcr die Personen bis zum anderen Morgen ini Scllcr der Saiernc fcsthielt, war vbiekiiv jedensallS eine schwere Ueberschreitting seiner geietzlichen Bciug- nisse. Datz diese gesetzwidrige» Uebcrgrifsc nickst nur i» der Be- völlerung ron Zabern und Elsaß-Lothringen, iondern atich inlvarm palriotischcn alidcuischen Kreise» schwere Mihstimmung heroor- riesen, ivar ebenso Ilar, wie datz der in diesen! Augenblick zu- sammeniletcn'dc Reichstag sofort die Rcichsrcgicrung darüber intcr- peNleitc.
Aus Straßburg wird gemeldet, daß der zu ständige Gerichtsherr in dem gegen den Leutuanl v. F v r st n e r anhängigen Strafverfahren auf die Einlegung des Rechtsmittels der Revision gegen das sreisprechende Urteil des Oberkriegsgerichts verzichtet habe. Wie die Nordd. Allg. Ztg. weiter hört, wird auch in dem Verfahren gegen den Oberste n v. Reute r der Gerichtsherr auf die Einlegung der Berusung »gegen das sreisprechende Urteil Verzichts». Nachdem indessen bei den jüngsten Ereignissen in Zabern sich Zweifel daran ergaben, ob die Vo rs ch r ist vo n 1899 die Befugnisse der Zivil- und Militärbehörden richtig ab grenze, ist von S. M. dem Kaiser und König eine Nach Prüfung der T i c n sr o o r s ch r i s t a n g c o r d n c t worden.
Au» Qeften,
A u s d em F i nanzausschuß. rb. Darm st a d r, 15. Jan. Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer trat heute vormittag zu seiner ersten Sitzung im neuen Jahre zusammen. Es wurden zunächst einige Berichte über verschiedene schon früher fertig gestellte Beratungsgegenstände verlesen und genehmigt. Dann wurde die Verteilung der Referate über die einzelnen Hauptkapitel, des neuen Staatsvoranschlags für 1914 vorgenommcn. Ans- schußberichterstatlcr sind im wesentlichen die gleichen geblieben, wie im Vorjahre. Ter Ansschußvorsitzendc Abg. Dr. O s n n n, hat besonders, die Finaiizkavitcl, direkte Stenern, Verhältnis zum Reich, 'Ausgleichs- und Tilgungsfonds etc. übernommen, Abg. Molt Han Kap. Weinbaudomäne, Siaatseisenhahnenetc., Abg. Dr. Weber die landwirtschaftlichen Kapitel, ferner Polizei, Gendarmerie, Kreis- und Provinzialdirektion, Abg. .Henrich einen großen Teil der Kapitel des Ministeriums des Innern, Abg. Best die Kapitel: Landstände, Staatsministerium, Landcsmuseum, hosbiblio- thek etc. Abg. Brauer: Landesuniversität, Domänen des Großh. Hauses, Staatsdomänen, und Abg. Ulrich: Bad- Nauheim, ärztlicher Dienst, Heilanstalten u. s.f. Die Beratung des Staatsvoranschlags im Finanzausschuß soll am Dienstag, den 20. Januar beginnen. Da im neuen Budget wesentliche Veränderungen gegen das Vorjahr nicht vorhanden sind, so hofft man die diesmaligen Etatsberatungcn in: kurzer Zeit erledigen zu können. Infolge verschiedener Neu- ansorüerungen für die Landesirrenanstalt zu Alzep und das Landeszuchthaus Marienschloß und in Verbindnna damit für die Zellenstrasanstalt in Butzbach sollen diese Institute vom Finanzausschuß einer Inaugenscheinnahme an Ort und Stelle unterzogen werden.
Deutschs» Reich.
Tie Festsetzung der Matrikularbeiträgc für 191 4 Die Matrikularbciträge für 1914 sind setzt nach den Beschlüssen des Bundesrats neu festgesetzt worden. Mit drei Ausnahmen sind die neuen Matritularbciträge geringer bemesjen als die für 11)13. Im einzelnen betragen die Ma trilnlarbeiträge für Preußen 153923 296 Mark, Bapern 23 988 350 Mark, Sachsen 18411 637 Mark, Württemberg 8904 434 Mi., Baden 8 211454 Mk., Hessen 4 913 146 Mark, Mecklenburg-Schwerin 2452 488 Mk., Sachsen Weimar 1600 573 MI., Mccklcnburg-Strelitz 407 913 Mk., Oldenburg 1851 137 Ml , Braunschweig 1894 438 Mk., Sachsen-Meiningen 1066 337 Mk., Sachsen-?lltcnburg 828258 Mk., Sach- scn-Eoburg und Gotha 985569 Mk., ?Anl)ali 1268971 Mk., Schivarzburg Sondersbausen 344 584 Mk., Schwarzburg-Rn - dvlstadt 385917 Mk., Waldeck 236 477 Mk., Reuß ältere Li nie 278869 Mk., Reuß jüngere Linie 585 385 Mk., Schaum- burg-Lippe 178 783 Mk., Lippe 578428 .Mk., Lübeck 446837 Mark, Bremen 1 147 858 Mk., .Hamburg 3 888436 Mk., El saß-Lothringen 7 178 648 Mk. Gesamtsuinme der Matriku larbeiträge beläuft sich aus 245958224 gegen 255 419 318 Mark im Jahre 1913. Die Differenz beträgt mithin 9 461094 Mark weniger.
Baden und die R c i ch s a n g e l c g c n h e i i c n. In der Sitzung der Zweiten Kammer des Badischen Landtags am Donnerstag äußerte sich der Finanzministcr Dr. R h c i n b o l d bezüglich der neuen Reichssteuern, daß auch er aus dem Standpunkt stehe, daß der Reichshaushaltsetat mit der richtigen Berechnung dos Wehrbcilragcs stehe und falle. Bezüglich der Matrikularbciträge will er kein Gewohnheitsrecht gelten lassen, trotzdem seit dem Jahre 1909 der Beitrag 80 Pfennige pro Kops beträgt. Ein Fiasko des Wehrbeitra- ges könnte dieses Gewohnheitsrecht leicht ins Wanken bringen. Auch er werde mit allen Mitteln gegen eine weitere Inanspruchnahme der direkten Steuern d u r ch d a s R e i ch kämpfen. Der Minister des Innern Frei Herr von B o d m a n n lvies die Angriffe eines sortschritt- lichen Redners aus die R e > ch s l a g s w a h l e i n i e 1 1 u n g als einer vorsintflutlichen Einrichtung zurück. Eine neue Wahlkreiscintcilung wäre Sache der Reichsleitung nicht der badischen Regierung. Betreffs der Teuerungssragc führt der Minister aus, daß nach seiner Ansicht die Zoll und Handelsvolitik des Reiches nicht Schuld trage an dieser Teuerung, die aucki in anderen Ländern bestehe. Er könne erklären, daß die Regierung an der bisherigen Zoll- und Handelspolitik sesthalten werde. Aus die Angelegenheit Zobern cinzugehen, wies der Minister zurück, da sie nicht der Kritik des badischen Landes und der badischen Politik unterliege. Zu den Rüstungen erklärte er endlich, daß die Sicherheit eines Landes in seiner Stärke liege und daß man nfit den Rüstungsausgaben nunmehr zu einem Abschluß gekommen zu sein hofft.
Ter Herzog von B r a u n s ch w e i g lvird am Frei tag in Berlin als Gast des Kaiserpaarcs feierlich empfangen werden.
T i e S ch i f s b a r in a ch u n g des Neckars. Tic Gc- meindckollcgien von Stuttgart haben einstimmig einen Antrag angenommen, die Regierung um die beschleunigte Durchsiihrung der Schisfbarmachung des Neckars bis in die Mitte des Landes zu bitten.
Das Zuchtpolizeigericht von Lnnevillc hat den dcntschen Staatsangehörigen H e rr m oint, welcher bei deni Bahnbau Luneville-Badonviller als Werksührer an-
3ur heutigen zcstspiel-Aufsührung.
Es wird uns geschrieben:
Vor hundert Jahren war es, just um diese Zeit, im Januar und Februar 1814, als s-ch in Gießen der innere Anschluß an die deutsche Sache vollzog. Am letzten Tage des alten Jahres noch war der Grotzherzogliche Erlaß betreffs der Gründung eines sreiwilligcn Jägerkorps cingetrofsen. Er führte im Lause des Januar sogleich eine stattliche Zahl von Studenten und Bürgcr- söhnen dem Korps zu, das sogleich unter 'Anleitung vost Beruss- ossizicren seine militärischen llebniigen hinter dem Bansaschcn Garten begann. Welch ungeivohntcs und vielsagendes Erlebnis sür die damalige Gicßener Bevölkerung! Sichtbar brachte diese Neuerscheinung eines sreiwilligen Jägerkorps sür die deutsche Sache den großen Umschwung der Zeit zum Ausdruck. Was man bisher nur vom Hörensagen kannte, die begeisterte Erhebung sür eine nationale Neugründung aus dem Boden des alten zeir. trümmerten „heiligen römischen Reichs deutscher Nation", Körnerlieder, Jahns Turnere-. Steinschc Versassungsideale, Scharnhorsts allgcm. Wehrpslichi. das alles ergötz sich nun mit einem Schlage wie nach einem »ewattigen Tammbruch in das so lange Zeit vom übrigen Deutschland abgeschiedene Rhcinbundgebiet.
Gewiß haticn diese leimenden Ideen hie und da auch vorher schon in einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten des Rheinbundsgebiets Wurzel gefaßt. So war cs hier in Gießen der Professor Wclücr und sein Kreis von Schülern und Studenten gcv wescn der schon in,mer sür die deutsche Sache gegen die Rhein), bundidcen und das Ravoleonischc Protektorat eingetrelen war. Aber vor 4813 hielt sich doch naturgemäß das Gros der B>6 vvlkerunq vorsichtig zurück, selbst wo innerlich etwa schon Vkill ind nis für den neuen deulfchen Gedanken vorhanden war. Die Be. amtenschast Gericht wie Bcrwaitung, mußte sclbstvcrltändlich wie der Großhcrzog selbst im Sinne des Protektorats arbeiten und so war mancher Hof- und Reg>er„ngsrat auch innerlich mit chm verwachse» Von hier aus übertrug sich die Gefügigkeit gegen das Napoleonische Regiment auch aus wettere Kreise, und das NM so leichter als das Genie des Korsen und seine beiipielloien Erfolge ferner die Höhe der benachbarten sranzüsischeil Kultur einer solchen Hingabe auch inannigsache ideale Gründe darbot. Von hier aus ist namcntlick, das Entgegenkommen m Professoren kreisen bcqrcislich die in Cromes Verteidigung der Navoleoni- schen Ansprüche givsciien. Bedenkt man ferner, daß Gießen von französischen Durchmänchen Mid Elnanariicr-ungcn dank der Bemühungen des Ehrendoktors" Bernadotte .ziemlich vcrichont blieb und die Lasten des Krieges weniger spürte als andere Orte, so versteht man. daß der'deutsche,t Propaganda vier zunächst k-:>» einheitlich fruchtbarer Bode» zur «eriügung „and. Tic „dumboldtmner" »anntc man deshalb Welcker und seine «lnlMiger, nicht ohne
einigen Spott über das bäuilein weltsreinder Idealisten damit zu verbinden. Ter Name erklärt sich aus den engen in Italien geknüpste» Frcundschastsbcziehungcn WelckerS zu Wilhelm von Humboldt, der sür Preußens deutschen Berus selbst gegen Oesterreichs Ansprüche ivarb. Damit aber war WelckerS Stellung und die der „Humboldiianer" in Gießen nur erschwert, denn wenn man schließlich an eine Rückkehr zum gemeinsamen deutschen Vaterland dachte, dann lag den Rheinbündlcrii Oesterreich als das alte Kaiscrland immer noch näher als gerade Pecußcn. Das cr- Närt es, daß Welcker und die Seinen cS nicht eben leicht hatten, mit ihren ganz neuen Ideen durchzudringen. Was ihnen half, war nur eine ideale Macht: das Gymnasium hatte nämlich, wie das überall damals geschah, seinen Lehrvlan nach den 6!r„ud- säften resormiert, wie sie Wilhelm v. Humboldt in Preußen durch- sührte. Ta hatte deutsche Sprache und deutsche Geschichte einen breiteren Raum gewonnen und selbst das Griechische diente mehr als Idealbild sür eine künstige deutsche Kultur, wie al» Selbstzweck. Das gab Welcker. dem Professor des Griechischen an der Universität und gleichzeitig am Gymnasium, dock, eine gewisse Resonanz in den geistig regsamen Kreisen, hierzu kamen Rcsorm- sirömiingen im Studententtim, wo sich das Bewußtsein, nicht länger an den Roheiten des hergebrachten Ocdenswcscns sman denke an Fichtes Kämpse in Jena!) sesthalten zu können, nrchr und mehr entwickelten.
Tics war die Welt, in die nun im Oktober die Sicges- nachrichl von Leipzig cingeschlagcn und im ^November der Blücher- sche Einmarsch ersolgt war. So war der große politische Umschwung zwar ziemlich plötzlich und gewaltsam, aber doch immerhin unter der Oberfläche schon vorbereitet. Die Lasten der preußischen und russischen Einhuartterung wuchscil zwar schier ins Unerträgliche, und »och mehr die mit dem Lazarettwesen verbundenen Gesahrcn - - aber es waren doch iundamcntale Triebe der Volksgcmeinschast, die, aus langem Halbschlas geweckt, jetzt die Kraft stärkten, auch all diese schweren Opser sür die deutsche Sache aus sich zu nehmen. In den unteren Schichten des Volkes hatte man sür Napoleons Kriege sowieso schwer genug an der Blutstcucr des Kriegsdienstes getragen. Und da war kein Ende abzusehen gewesen, während der Sturz Napoleons endlich das ?lushören der ewigen Kämpfe vcrsvrach.
Das war also die Gicßener Stimmung im Januar und Februar 1814. Die Nachricht von Blüchers Rheinübcrgang und dem Verrücken auch des Gicßener Leibrcgiments aus sranzösischem Boden hob die guten Hoffnungen der Patrioten. Und als die srciwilliaen Jäger Gießens im Februar ausrücktcn, nahm fast die gesamte Einwohnerschaft mit besten Wünschen daran teil. Ter Llnichluß an die deutsche Sache war endgültig erreicht und selbst die Zaudernden und Zweifelnden sür sic gewonnen.
Ties der Moment, dem das heutige Festspiel gilt. Er verdicnt's wohl in der Tat, daß wir uns seiner erinnern. Möge von der Bühne herab recht eindringlich jene ernste und schwere, aber auch große Zeit aus uns wirken, um den Tank »el, .zu Bewußtsein zu bringe», den wir ihr schulden. Man darf es ivohl als eine Ehren- pslicht der Gießener Bürgcrschait bezeichnen, dieses neu lcberidig gemachte Stück ihrer eigensten Geschichie ans sich wirken zi, lassen.
Der älteste deutsche Natursorscher.
Zum 80. Geburtstage A u g u st W e i s m a n n s, 17. Januar.
Ter Nestor der deutschen Nattirsorschung, der Freiburger Gelehrte August Weismann, der Schüpser der Theorie von der „Ger- minalselcttion", die den Begriff der 'Auslese aus das Keimvlasma anlvendet, ist durch einen unglücklichen Zuiall aus die Bahn des thcorciisckicn Forschers gedrängt worden, als der er lieben dem last gleichaltrigen Höckel der bedeutcichsti Darwinist der Gegenwart geworden ist. Ehemals Leibarzt des Erzherzogs Stephan, habilitierte sich Wcismann in Frciburg, um ganz der Zoologie zu leben: seine schwachen Auge, die unter dem Mikroskopieren litten, crlaubien ihm jedoch niän, bei seinen biologischen Untersuchungen zu bleiben, .und so wandte c>r sich dem Studium theorctischgr Fragen zu.
Die Ergebnisse seiner Untersuchiingen, die Wcismann namentlich in seinen tauch als Buch erschienenen) Vorlciuiigcu über Deszendenztheorie zuerst mitgeicilt Hai, zogen bald nicht nur Hörer aus den naturivissensckiattlichcn Fächern an. sondern Ttu- dcnien und Studentinnen aller Fakultäten, selbst Mönche in Kutten gehörten bald zu Weismanns Hörern. Einem ehemaligen Schüler Wcismanns verdanken wir die solgendcn Angaben über den Freiburger Gelehrten: bei den Borlesungcn WeiSmanns. deren Vortrag überaus klar und slicßcnd, wenn auch die Sprache nicht blendend ist, kann I»a» den Alten in Muße beirachien, denn er sitzt meistens unbeweglich auf seinem Stuhl, die Knie übereinander geschlagen und die Hände gefaltet: die kurzsichtigen Augen, die hinter der scharfen Brille versteckt sind, sind ost geschlossen: zwischen ihnen bcmcrtt man an der Stirnivurzel drei senkrechte Falten. Schneeweißes Haupt- und Borthaar umrahmen einen der präckp- tigsten Gclehrtcnköpsc Deutschlands. Uich wenn Sc. Exzellenz sich erhebt, um den vorne Sitzenden ei» Präparat auszuhändigen, hat man seine Freude an der hohen stattlichen Gestalt des rüstigen Alten. Nur wenn Weismann mit dem Stock eine Abbildung zeigen will und sich dabei, was allerdings selten vorkoinmt, irrt, könnte ein scharser Beobachter aus sein 'Augenleiden ausmerksam iverden, denn den grünen Augenschirm zieh! er nur iin Seminar aus der Tasche, sobald abends Licht angcsteckt wird." Die Stellung Weis- manns zu dem Lehrgebäude Darwins läßt sich vielleicht am kiir- zcstcn so kennzeichnen, daß er an die 'Allmacht der Naturzüchtnng


