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Sie wollte die Hand des Men ergreifen, sie drücken, küssen.
„Wenn die Kleine mal groß ist," sagte er, „so'n paar Jahr all betrat mußt du ihr bas Singen beibringen. Ich horte gestern ein paar Keine Mädchen draußen, die sangen so schön —
„Was sangen sie denn sür'n Lied?" fragte ferne Frau.
Er sah vor sich Hin. Halb für sich sagte er: „O du sröh:mW>
° ^^„Gnadenbringende Osterzeit," fügte die alte Frau Nisten hinzu und drückte unter dem Tisch die Hand der jungen Frau,
Der streit der Glocken.
Eine moderno Osterlegende von Martin Hel dt.
Eigentlich ist die Zeit der Legenden schon lange vorüber.
Wenigstens behaupten dies die matertalpttschen Menichen der Gegenwart, die sich tausendmal klüger und aufgeklärter düuken, als ihre Vorfahren. Aber die Menschen halten sich ja stets für weiser als ihre Ährten, und zu allen Zeiten waren dre Lebenden stolz darauf, daß sie die Modernen seren. Und doch ftnd sie sur dre Menschen der Zukunft veraltet und besangen m Aberglauben. Alles ist relativ — auch die Wirklichkeit tmd die Legende smd relattw Ten Leuten des Jahres 2000 wird unsere heutige Nuchternhert legendär und rotnantisch erscheinen.
Tarum behaupte man nrcht, daß dre Legerrde verstummt und gestorben sei. Sie lebt und wirb ewig leben. Man muß nur den Willen haben, an sie zu glauben — das ist das ganze Geheimnis.
^ie Legende also, dre wir heute berichten, erzählt von zwei Glocken, die im Gestühl -eines ergrautet Kirchturms hingew Lre waren alt. Sie kannten Krieg und Frieden und wreder Kr» eg. Waren aber darob, wie man sehen toird, nicht werser geworden.
Sie ärgerten sch. Und das ist bei Menschen wie Glocken, *m törichtes Beginnerr.
Sie ärgerten sich, weil ihr GlockenstuU verwarft war. Bor einiger Seit hatten ihnen jdie in den Kirchtnrmluken ein- und ausfliegenden Tauben, die für die Glocken den Telegraphen- und Neuigkeitsdienst versehen, berichtet, daß die Meuchen auf der Erde wieder -einmal einen gottlosen! Man ausgeheckt hätten. Lte brauchten das kostbare Metall für ihre todbringenden Maschinen — Kanonen genannt — und so hätten sie denn beschlossen, die Glocken von ibren lustigen Wohnorten herabzunehmen und einzuschmelzen.
Beschlagnahme aller Metalle," hatte ein sarMmdiger innger Täuberich geschnarrt, und war dann stolz davongeslogen.
Tie Glocken zuckten gleichmütig die Achseln. Lie Hattert, viel erlebt in letzter Zeit, aber daran wollten >und konnten sie nicht glauben Ttch bald mußten sie erfahren, daß der Täuberich die Wahrheit gesprochen. Leitern wurden angelegt in dem Turmgestühl, Männer Heiterten herauf, brachten profane Unruhe und Werkzeug mit und begannen mit der Arbeit. Ta sie aber den Auftrag hatten, den Turm nicht ganz feiner Sprache zt: berauben, nahmen sie nur zwei von den vier Glocken mit. .
Die beiden zurückgebliebenen ärgerten ,tch über chre Bereut- samung und waren sehr gekränkt. Außerdem fühlten sie sich künstlerisch ernsthaft geschädigt, denn ihre Melodien toaren vier- st'nnmig abgestimmt, und nun fehlten die Partnerinnen. Das war mehr als traurig, denn man näherte sich dem Osterfeste.
Eines Abends aber belauschten die beiden Glocken ein Gespräch, das der Glöckner mit seinem Gehilfen führte. Sie erführe^ daß man gewillt sei, ihnen neue Kameradinnen zu geben. Ersatzgwcken aus billigem, unreinem Metall: aber immerhin Glocken, die bestimmt waren, die bescheidene Begleitung zum stolzen Duett der echtbronzenen Sängerinnen zu vollführen ,
Und eines Abends kletterten wreder Männer rm Turmgestuhl empor und zogen an Winden eine der erwarteten Ersatzglocken ftetemf. Denn Ostern stand bevor.
Aber es war, wie man gemerkt haben wird, nur erne ernzrge Ersatzglocke. Me andere, so erfuhr man, konnte nicht rechtzeitig fertigt YDCtfbctt
Tie Arbeiter entfernten sich und ließen die beiden alten Glocken mit der neuen allein. Zuerst musterten die beiden Parteien sich schweigend. Dann fragte die eine der alten Glocken: „Wer sind Sie?"
„Eine Erfatzglocke," erwiderte der Neuankömmling tnit blechernem TvN. „ , , „ _ . r. n,r *
Diese unreine Sttmmfarbung veranlaßte dre andere echte Glocke zu der Frage: „Darf man wissen, wie es um Ihre Abstammung
bestellt ist?" _ „ .
„Eisen und verschiedene Erjatzlegterungen.
Me beiden alten Glocken »oechselten einen Blick -- oh, emerv Blick! — tmd lachten dann so verächtlich und laut, daß ihre Klöppel
wackAU^ über die schlttumien Zeilen, den Rückgang
der Sitten und die anscheinend im Argen liegende Zukunft Unb während der ttächsten Tage und Nächte verrichteten sw ihren Mmsk »närrisch und ohne Gefühl.
Dann nahte die Nacht zum Osterscmrftag.
Mmuner innd Uttzufriedenheit der alten Wacken hatten ihre» Höhepunkt erreicht. «Sie wollten sich die geschilderte Behandlung nicht widerstandslos gefallen lassen. Es kam zu einer regelrechten Verschwörung, und als Strafe für das Verhalten der Met»scheu wurde der Osterstretk beschlossen. , , nr .
Tie Ersatzglocke wollte einige Eimvendungen machen. Aber da Ke in der M'cstderzahl war. Mtrde sie ganz einfach überstimmt; Sie mußte ntitmachen, oder vielmehr ihr Ehrenwort znm wcib» schweigen geben. T-er Demo-rtstvationsstreik am Ostermorgen war eine beschlösse»»« Sache.
In durnpser Stimmung gingen die Nachtstunden vorüber.
Der Ostermorgen graute. . „
Tie Glocken hatten sich mit aller Kraft gegen dre Balken- sWtzerr gestemmt, um — trotz des Ziehens an den Stricken — reglos und stumm zu bleibett. Angestrengt starrten fte aus den oerwarstM vierten Glockenbalken, und der Anblick desselben' gab ihnen dre Kraft zum -äußersten Widerstand.
Ter erste Sonnenstrahl drang durch die Luke.
Der Glöckner und sein Gehilfe ergriffen die Stricke und zogen.
Und siehe da — trotzdem die Glocken streikten^ erhob sich ern iwmderbares Geläut. Ten alten Glocken lies ein Schauer lrber oi« bronzenen Rücken. Mit ihrem geübten, durch Jahrzehnte verjnner- ten Instinkt erkamrten sie — die Stimmen der Kameradrnuen,
Tier Glöckner und sein Gehille ließen die Stricke los. „Me Stimmen unserer Geschütze." murmelten sie: „siegrerch drotmt es bis in unsere Stadt!" ^ .
T;-r Glöckner und sein Gchill« hatten recht. Aller auch di« beiden alten Glocken hatten reckst: es waren die Stimme n^ der einstigen Kameradinnen, die sich — ihrer neuen Pflicht gehorchen» — aus dem Gewirr des fernen, fernen Kampfes löiten, um paß Feindesland herüberzutönen als Propheten des nahen, endgültigen Sieges. ^ ^ ^ _
Tie beiden alten Glocken senkten ehrfürchttg das Haupt vor diesem Wunder, sie kamen ins Schwingen, und mm erklangen auch sie, olpte es selbst recht zu wissen. _.
Uttiib niemand erfuhr etwas von dem gevlanten cotretk ott Glocken. Ostern war eingeläutet »me in jedem Jahre
Gsteryruh.
Horckl, wie hell die Osterglocken llingen Durch der Lüfte weites, lickstes Meer,
Horch, wie herrlich, wie so froh und hehr Ihre Klänge von dem Turm sich sckmmrgenl
Horch mir, wie die Lerchen jubilieren.
Wie die Finken schlagen voller Lust,
Wie die Voglern alle musizieren —
Stimm' auch Du mit ein aus voller Brust i
Sieh den Himmel, tote er leuchtend strahlet.
Sieh die Sonne, wie sie fröhlich lacht.
In des Aethers tiefer Bläue hallet Jauchzend, schwellend Harmonienpracht!
Ostermorgen, Glocken, Frühlingsstimmen!
Neues Leben grünt im Sonnenschein! .
Menschenkind, mm laß das Grübeln sem.
Laß die Sorgen, laß das trübe Sinnen l
Freude soll in Deiner Seele tagen.
Daß sie sacht begrabe alten Schmerz,
Daß die Pulse »vieder fröhlich schlagen,
Oefsne tont die Augen, weit das Herz!
Osterglocken bringen Siegeskunden lieber Feinde, die uns rings bedrohen.
Von dem Tod, der ewig überwunden Und besiegt durch Gottes heil'gen Sohn!
Drum erklingen heut so hell die Glocken Turch der Lüfte golddnrchwvb'nes Meer,
Ihre Klänge himmelan frohlocken Siegeskunden herrlich, groß und hehr!
Gweridvltne GordöNl»
Charade.
Die beiden Ersten ruh'n int Schoß der Erde,
Bis sie des Menschen Fleiß zum Licht gebracht.
Meist halten sie sich heimlich und verborgen,
Bis sie heraus dann treibt des Feuers Macht.
Das Letzte macht man ost beirn Kartenspiele,
Ter Schneider macht's: man wird dad»»rch verletzt. Das Ganze, Werk von kunstgeübte., Vändn,
Schmückt hier die Wände meines Zimmer s jetzt.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummert . .
Hast du schon Kriegsanleihe gezeichnet?
Schristleiimra» W. Weyer. Zwillingsrunddruck der Brüh l'scheu Umv.-Buch- und Stemdruckeret. R. Lange, Gtrßen.


