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Der jlMHH Offizier drückte ihm bewegt und stumm die

Kand.

Vielleicht, begann der Viscount wieder,war es das Best» so. Aber für mich ist es allemal fürchterlich. Sie werden denken: Was gilt da- Leben eines Menschen in einer Zeit, da Millionen und Abennillionen unter den gräßlichsten Qualen ihren Geist aufgeben müssen? Ich habe ja auch drüben im Artois manch Schreckliches gesehen, jo Schreckliches, daß ich es bis an Mein Lebensende nicht mehr vergessen werde . . . aber das war das Entsetzlichste! . . . Wissen Sie, seit vier Tagen Zuschauer, nur Zuschauer hu sein, Zuschauer dieses wahnwitzigen Kampfes zwischen den ALächten des Lebens und des Todes, nicht helfen können und dabei wissen, daß die letzte der drei Schwestern, die schon die Schere ansetzt, um den Lebens faden zu durch- schneiden mein Gott, Sie ahnen nicht, was wir gelitten haben. Glauben Sie mir, an Gehirnbautenzündung zu sterben, das ist der allerqnalvollste Tod. Wir find Pum Schluß an ihren! Bett niedergesunken, haben dre Hände rngen und den Allmächtigen im Himmel ängefleht: r Gott im Himmel, der du das Leben verleihst, nimm in Gnaden das letzte Lebensfünkchen und erlöse sie von ihrem Leiden! . . . Ja, wir haben wirklich um ihren Tod den Himmel angefleht."

Er bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Der Hauptmann empfand fast etwas wie Reue, daß er das Hans gerade an diesem Tage betreten. Er reichte dem Obersten die Hand.

Verzeihen Sie . . . aber wenn ich geahnt hätte, in welcher Verfassung ich Sie antreffen würde, ich hätte selbst­verständlich ein andermal vorgesprochen."

Der Viscount hatte sich gefaßt.

Bitte, Kamerad, bleiben Sie getrost! Sie komnten vermutlich dienstlich. Es freut mich. Sie bei mir zu sehen, und es ist sicher meinen Nerven ganz, zuträglich, wenn wir jetzt vom Dienst reden . . . nur vom Dienst! Das gibt der zerrütteten Seele am ehesten ihr Gleichmaß wieder."

Die Wahrheit zu sagen, Mylord, ich machte einen Spaziergang durch den Hydepark und faßte dabei erst den Entschluß, von Ihrer freundlichen Erlaubnis Gebrauch zu machen."

Sie unternahmen bei diesen! Jnfluenzawetter einen Spaziergang durch den Park? Den Hydepark müssen Sie sich im Hochsommer betrachten, wenn alles grünt und blüht, wenn die Kindermädchen mit ihren Kleinen ihn be­völkern und sich halb London dort ern Stelldichein gibt! Aber... was kann Ihnen heute der Park bieten? Besten­falls eine Lungenentzündung! Sie müssen unbedingt eine Tasse starken 2^es mit Kognak zu sich nehmen."

Aber, Herr Oberst, ich bitte . . . Keine unnötigen Sorgen! Ich bin doch Soldat und Habe eine sehr robuste Natur."

Kapt'n, Sie kennen die Tücken unseres Londoner Klimas nicht!"

Er klingelte und gab die nötigen Anweisungen. Dann setzte er das Gespräch fort:Eine Frage, meine

Schwägerin, Fräulein von Roggenhusen, ist seit Kriegsbeginn bei uns zu Gaste. Sie ist nicht etwa Deutsche, sondern Baltin, spricht aber als Muttersprache Deutsch und kann sich auf Englisch sehr schlecht verständlich machen. Haben Sie etwa deutsche Sprachkenntnisfe?"

Ich spreche Deutsch wie meine Muttersprache", beeilte sich Longsord zu versichern.

Dann entschuldigen Sie mich einen Augenblick. jJch glaube, etwas Zerstreuung wird auch ihr gut tun."

Er verschwand und währenddessen rückte der alte Grau­kopf, der Longsord gemeldet hatte, mit jenen leisen, aus­geglichenen Bewegungen, die die Diener vornehmer Häuser auszerchnen, den Teetisch mit den bunten Tassen aus chine­sischem Porzellan an.den Kamin.

Eine Portiere ward zur Seite geschoben und Marianne von Roggenhusen trat herein; der Viscount folgte ihr auf dem Fuße.

Der Hanptmann stand aus Und redete sie in fließendem Deutsch an.

Gnädiges Fräulein verzeihen, wenn ich gerade heute meine Aufwartung mache. Es ist nur die Liebenswürdigkeit Ihres Herrn Schwagers, die mich hier festgehalten. Ich hatte gewiß nicht länger gestört, nachdem ich von dem entsetzlichen Unglück erfahren, das sich nun heute erfüllt und aus geschöpft Hai."

Marianne sah ihn voll an. Es tat ihr Wohl, wieder einmal Leute ihrer Muttersprache zu hören. Dre Herren der Londoner Gesellschaft verwöhnten sie sonst nicht über­mäßig. Leise sagte sie:Ich danke Ihnen!"

Mit einer Handbewegung lud sie die Herren ein, wieder Platz zu nehmen. Der Diener hatte auch für sie einen ge­schnitzten schottischen Strohsessel herbeigebracht, und sie goß den Tee eiir.

Longsord verglich sie unwillkürlich nrit Lady Edith. Zweifellos war Edith schöner, sie blendete vom ersten Augen­blick an. Marianne von Roggenhusen besaß ein bleiches, feines Gesichtchen; sie hatte eine kleine Nase, deren Flügel, wenn sie sprach, in lebhafter Bewegung bebten; ihr Mund war schmal, die Lippen fast etwas zu dünn; die Llugen! zeugten vorn vielen Wachen und Weinen der letzten Tage. . . . Ihre ganze Gestalt hatte etwas unsagbar Rührendes.

Longsord nahm den Fäden das unterbrochenen Gesprächs wieder auf.

Sie wissen vielleicht, gnädiges Fräulein, daß ich bei Lord Southriffe zu Gaste bin."

Ja. Lady Edith hat mir von Ihnen ermhlt."

So werden Sie es kaum seltsam finden, daß ich soeben! insgeheim zwischen Ihnen und Lady Edith Vergleiche an­stellte, sozusagen, um den Unterschied zwischen der eng­lischen und der deutschen Frau zu erforschen."

Und der Vergleich ist, wie vorauszusehen, zu ungunsten der Deutschen ausgefallen?"

Gnädigste scheinen mich fiir einen Deutschenfresser zU halten. Ich bin nichts weniger als das. Aber der Vergleich ist weder zu Ihren nr»h tzn Lady Ediths Gunsten ausge­fallen; ich habe ihn ausgegeben."

Und warum, wenn wir fragen dürfen?" mischte sich in leidlichen! Deutsch der Viscount ins Gespräch.

Ganz einfach, weil ich weder glaube, daß Lady Edith der Typus der englischen Frau ist, noch ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich lungeschickt ansdrücken sollte< den Betveis für erbrach!t ansehe, da<ß das gnädige Fräulein gerade als dw Vertreterin Deutschlands anzusprechen ist.7

Sie ziehen.sich ans der Schlinge, Herr Hanptmann. Seien Sie bitte ehrlich; ich nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie mir eine bittere Wahrheit sagen."

Ja, gnädiges Fräulein, ich habe eigentlich keine Ueber- zeugung in diesen Dingen, n!ehr eine Ahnung, die unter der Schlvelle des Bewußtseins ruht. Der Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Frau läßt sich vielleicht in die zwei Sätze bringen: die englische Frau scheint nrir mehr Verstaub und weniger Herz, dce deutsche mehr Seele und' weniger Verstand zu besitzen. Ich weiß nickt, ob das unbedingt Geltung hat, weiß auch nicht, wo hier oer Vorzug zu suchen wäre."

Der Viscount nickt beifällig. Dann meinte er:

Sie sprechen erstaunlich gut Deutsch. Hatten Sie drüben in Amerika soviel Gelegenheit, init Deutschen zusammen- znkommen?" (

Longsord neigte sich vor.

Ich hatte sogar sehr viel Gelegenheit, in meinen! Leben Deutsch zu sprechen. . .Uebrigens spreche ich fast ebenso geläufig Französisch und sogar ein wenig Italienisch unb Spanisch."

*In der Tat, Sie sind ja eine Sellenheit unter unfern Offizieren. Sie wären ja der geborene Diplomat bei Ihren Sprachenkenntnisse. . . Nein, ich bin durch und durch Mili-

Der Hanptmann lächelte.

Mylord überschätzen das. Schließlich hat heute jeder bessere Oberkellner in einem größeren Gasthof auch Sprachenkanntnisse. . . Nein, sch bin durch und durch Mili­tär und heute bin ich glücklich, daß ich Hanptmann im Großen Generalstab des Königs bin, dessen Orden ich seit zwei Tagen trage."

Sie haben einen Orden erhalten?" fragte Marianne.

Uuverd ienterweise, ganz nnverdientertoeise, gnädi­ges Fräulein. Seine Exzellenz hat mir das Georgs kreuz

S r besondere, vor dem Feinde bewiesene Tapferkeit zuftellen ssen. Vermutlich hält man es für nachahmenswerte Tapfer­keit, sich aus einem deutschen Feldlazarett bei Nacht unb Nebel über die Grenze zu stehlen."

Nun, machen Sie Ihre Tat nicht Meiner! . . . UnÄ Sie sind jetzt hier im Generalstab beschäftigt?"

Sie haben sich, gewiß sehr gefreut, Herr Hanptmann?^ fragt« Marianne.