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kleinen Mädchen, der vierjährigen Gertrud, verkehrte, ließ! darauf schließen, daß er auch Kindern sehr zugetan war, was man von ,möblierten Herren' im allgemeinen nicht behaupten konnte. r _
Heute kam er ungewöhnlich spät. Frau Glöckner setzte ihm das Mittagessen vor, das hatte nachgewärmt werden müssen. Er verzehrte es, zog dann die Brieftasche und sagte: „Liebe Fran, ich muß für einige Wochen verreisen."
Frau Glöckner erschrak. Wollte sich auch dieser wieder davonmachen, kaum daß er ein wenig warm geworden war? Und sie dachte daran, wie schwer es war, einen ordentlichen rmd pünktli ^-zahlenden Mieter zu bekommen.
Behrens legte ihr zweihundert Mark auf den Tisch. „Als Vorschuß aus die Miete für die nächsten zwei Monate," sagte er, „und damit Sie eine Sicherheit haben, daß ich auch wiederkomme."
„Aber — ." wandte Frau Glöckner mit vor heißem
Schreck glühendem Gesicht ein.
„Bitte, behalten Sie nur," versetzte er rasch, „und helfen Sie mir packen."
Es war freilich, nicht viel, was einzupacken war, es hatte alles in der braunen Segeltuchtaskhe von mittlerer Größe Platz, die ihr Besitzer bei einiger Anstrengung ganz gut selber tragen konnte.
Mit dieser Tasche begab sich Behrens wieder zur Hochbahn zurück, die ihre nach, der» Hauptbahnhof brachte. Dort löste er ein Billett dritter Klasse zu dem Personenzug nach Berlin. Jeder, der es sah, wie er bescheiden in einer Ecke des Wagens saß, konnte ihn für einen Großvater halten, der zu seinen Enkeln auf Besuch fuhr.
- 20. Kapitel.
Behrens bezog ein Zimmer in der Nähe der König- grätzer Straße, in einer schmalen Seitengasse, die nur wenig Licht bekam und die deshalb düster, müde, stumm' und verbraucht aussah-.
Etwas Unerklärliches zog ihn gerade zu. solchen Gassen hin, deren Leben gestorben schien oder in der Agonie lag, zu Gassen, deren Bewohner kamst zu sehen waren, dis hin und her huschten wie Schatten und die für einander kein Wort, kaum einen Blick hatten.
Sie glichen einer großen Gruft, irr die man sich freiwillig legte, um in Ruhe Nachdenken zu können, wenn man alt war. Denn wenn auch die Fäden des Lebens auf tausendfache Art verwirrt schienen, so wurde es einer ruhigen Hand am Ende doch nicht schwer, sie zu. entwirren. Man mußte nur das eine Prinzip erfaßt haben, nach dein alles gewirkt war, um den Weg durch die Jrrgänge der Ber- gangenheit zu finden.
Er hatte an einer der schmutzigen Türe:: ein Plakat gesehen: „Möbliertes Zimmer zu vermieten, III. Stock, bei Piesecke". Er stieg die abgetretene Treppe hinauf, und es öffnete ihm eine weißhaarige Uran, eine Iran mit eingefallenen Wangen und stumpfen Augen, die eine Weile die Segeltuchtascho musterte, die er selber trug, und die dann einer: grausam abschätzeuden Blick auch, ans seine Person warf, nur ihn schließlich entlassen und das Zimmer zu zeigen.
„Cs hat einen separaten Eingang ::nd ist ungemert," sagte sie, „aber die Miete ist in: voraus zu bezahlen."
. „Wieviel'?" fragte er .
„Zrvanzig Mark."
Behrens enLschloß s ich sofort, das Zimmer zu nehmen, vor' allein wegen der Fran, deren abschreckende Häßlichkeit Und bösartige Unzugänglichkeit ihn reizten.
Er versuchte es, sie nach ihren Verhältnissen auszu- fragen, doch sie autivo riete nur rvidernüllig und einsilbig, mit einer Stimme, deren Feindseligkeit keine Grenzen hatte. Sie war ohne 'Mann, und aus dem Wenigen, das sie sagte, schien hervorzugehen, daß ihr ihr Mann, ein Arbeiter, da- vougelaufen war und mit einer anderen lebte. Auch Kinder hatte sie, indes verschwieg sie, wo und wie sie lebten.
In diesen: Zimnrer richtete sich Behrens, so gut es ging, ein. Und es ging vor trefflich so daß er sich nach einigen Dagen wahrhaft glücklich fühlte.
’ Alles, was in den: Zimmer war, roch nach Moder, und dieser Moder strömte einen suggestiven Zauber aus, dem sich, Behrens mit Liebe hingab.
Welche Abscheulichkeiten mochte jenes Sofa schon erlebt haben? Sein Plüsch war abgenützt 'und glänzte an vielen
Stollen schon schwarz und speckig. Schadhafte Stellen warm, darin, aus denen Wßhaar hungrig heraus weinte.
Visionen: einer erbarmungswürdigen Häßlichkeit und erschütternden VertiertheiL stiegen vor Behrens auf.
Auch ein. brauner 'Schrank war da, der knarrte urid stöhnte, tvenn man ihn. öffnete. Waren! das nicht Töne eines Mißnmts, der sich verachtungsvoll von den Menschen abkehrte? Cr ftrarrte auch des Nachts, und es war dam:, als ob die Geister des bösen Gewisseres in ihm rumortem.
Eine dürftige Decke war iiber den Tisch gebreitet, das Bell war schmal und sein Holz faulte, und unter den Stühlen war keiner, dessen Beine nicht gewackelt hätte::. Das ganze Zimmer war rin Bild verkommenen, erlösnngs- bedürftigen Lebens.
Es gab- zwei Fenster, die beide auf die Gasse hinaus- giugep, ans die dunkle, müde, stumme, verbrauchte Gasse. Die Scheiben waren blind, man hatte den. Eindruck, daß sie jahrelang nicht mehr geputzt worden waren.
Die verblichenen Tapeten ivaren an. vielen Stellen zersetzt, die Mauern sahen nackt heraus, und der Teppich war eigentlich nur ein Hader. Doch eine ewige Ruhe war in dem Zimmer, deren sich Behrens nur nur! so intensiver bewußt wurde, wenn er nebenan in der Küche die schlürfenden Schritte der feindseligen Frau Piesecke hörte.
Er verbrachte viele Stunden an: Fenste r. Die Scher der: schauten ihn traurig an, batest ihn gleichsam um Verzeihung, daß sie sich, ans Schurerz übw das Elend alles Daseins blind geweint hatten. Sie verstanden wohl die zitternde Erwartung, mit der er auf die Gasse, hinunterspähte, gleichsam fordernd, daß ein Wunder sich unten ereigne, welches doch den schönen Sinn, den edlen Kern, die tieft; Bedeutung des nnKulänzlicher: Daseins dartue, — aber, sie selbst erwart-eten das Wunder nicht mehr, dem: sie waren alt geworde:: bei ihrem Warten.
Ost während der Tägies durchstreifte Behrens sie Straßen. Er kreuzte den Potsdamer Platz, besser: brodelnder Wirrwarr ihn umstricken und zu Boden werfen wollte. Er ging die Leipziger Straße hinauf und sah das tadellos und sauber funktionierende Getriebe der Warenhäuser.
Er ließ sich trauuwerloreu durch das (bedränge der Menschen gleiten, der Männer, die ein Ziel lallte::, der Frauen, die ein Ziel suchten, betrachtete den Reichllmr, oer seine Unfruchtbarkeit hinter äußerem Glanz verbarg, die Armut, die sehnsüchtig oder neidisch ober verbissen nach einem glitzernden Strahl dieses Glanzes haschte, horte das ungeduldige Läuten vieler Elektrischen, die sich, staute::, oas Getrlle der Autohupen, die Wiche der LAllscher, sah Mädchen, deren Tugend schon wurmstichig geworden war. kaum daß sie ihre ersten Knospen getrieben hatte, Jünglinge, denen niemand mehr etivas weis machen konnte, alte Herren und Matronen, derer: schmerzliche Erkenntnis die eiserne Maske der Gleichgültigkeit aufgesetzt hatte. . .
Oh, es waren wohl viele Menschen hier, doch redeten alle diese Menschen au einander vorbei?
Behrens unternahm oft Gänge, vor: dene:: er befriedigt heimkehrte. Er war einer, der sammelte und das Gewonnene emsig, ivie eine Biene, in sei:: Haus trug, um es dort noch einmal eingehend zu prüfen und zu ordnen.
Er erfuhr vielerlei und ::otierte es. Einer wies ihn zu einem Zweiten, der Zweite zu zwei andere::, und aus den ersten vier wurde bald ein Dutzend. Jeder konnte ihm etwas sagen, und jeden lWrte er an. ; ,
Eines Morgens ging er' in ein Haus und pochte an eine Tür, auf der ein Schild angebracht ivar, das nur den Namen enthielt: W. Mamchenner.
Das war recht wenig, und doch wußte jeder, oer mit den geschäftlichen Verhältnissen der Stadt einigermaßen vertraut war, was dieser lapidare Name bedeutete. Er bedeutete Reichtum und Macht. Denn seinen: Träger war es innerhalb eines Jahrzehntes gelungen, sich von: simplen Kommissionär zu einem der reichsten und geriebensten Wucherer emporzuschw rügen.
Indes, wer in einem Wucherer noch den alten Mam: der noch älteren Zeiten erwartet, den Shylock mit habgierigen: und leidenschaftonrchtoühltem Gesicht, den: würde in W. Mannheimer eine angenehme Enttäuschung bereitet worden sein.
Behrens fand in diesem Menschen einen, konzilianten Weltmann, der liebenswürdig lächeln und noch! liebenswürdiger plaudern konnte, eine::; Mann geidäimppvr GestM und angenehmer Worte.


