Die Rächer.

Roman von Herrn ann Wagneo»

(Fortsetzung.)

Sie sah ihrn mit schimmernden Augen nach, wie einem, der jetzt ihr Herr war und vor dem es keine Rettung gab, weil er die Rettung selber war.

Auf der Straße unten wandte fidj* Reisner noch einmal Nach dem Hause um. Es war in dem protzigen Stil erbaut, der den meisten Häusern dieser Gegend eigen war. Er dachte: es ist m e i n Haus! Und er setzte seinen Weg in dem Gefühle fort, eine neue Heimat zu haben, in.der er, wenn sie seiner alten auch nur wenig glich, doch am sichersten zu jenem Hiel gelangen würde, das er erstrebte.

Er schlenderte gemächlich die Straßen entlang, die voll eleganten Lebens waren. Alles, was er sah, war ihm in einem gewissen Sinne neu, denn es war anders, als er es in Hamburg gesehen hatte. Oder lag das nur daran, daß er hier in der Fremde war, einer Fremde, die, bedünkte ihn, fast weiter lag als ferne, fremde Länder? Niemand kannte ihn hier, niemand kannte auch er. Das ist ein Zustand, dachte er, auf dem ich neu aufbauen kann. Oh, er war zufrieden!

Er begab sich in das Hotel zurück, ließ sich das Abend­brot auf seinem Zimmer servieren und hatte dann das Be­dürfnis nach einer leichten Zerstreuung. So fuhr er in den Wintergarten.

Das Leichte dieser abwechslungsreichen Kunst sagte ihm sehr KU. Es beruhigte. Auch die halsbrecherischen Akrobaten- trrcks regten nicht auf, weil sie mit jener fabelhaften Sicher­st dargeboten wurden, die er sich zum Beispiel für die tetigkeit und Festigkeit seines künftigen Lebensweges nahm, wie er auch in dem lässig-grazösen Lächeln der Tänzerinnen die Art erkannte, auf die er künftig das Weib zu genießen dachte: in einem spielerischen Nippen der nicht ins Tiefe und Aufregende gehenden Freuden, die sie boten.

Nach Mitternacht suchte er eine. Bar auf, verließ sie aber bald wieder^ da ihm die Zerstreuungen, die sie bot, schon nicht mehr genügten. Eine prickelnde Ungeduld war in ihm, die die künftigen Tage gleichsam vorwegnahm, jene, die ihn durch eine rastlose Tätigkeit in die Höhe bringen sollten. Er dürstete nach Arbeit.

Er ging die Friedrichstraße hinunter.

In ihrem heißen Gewühl verlor sich allmählich seine Ungeduld und machte einem stummen Staunen Platz. Män­ner und Frauen geisterten wie Schatten dahin, krankhast bleich und gelb von dem grellen Licht der Bogenlampen, in den gewaltsam zum Genuß aufgepeitschten Gesichtern einen starren Zug voll Abgelebtheit.

Die wogenden FederhÜte der geschminkteil Mädchen wirkten auf ihn wie eine rauschende Mahnung des Todes, so daß er bei diesem Anblick erschauerte. Und er gedachte im Gegensatz dazu der jungen Frau, die sich ihm heute voll demütigen Sichfügens dargeboten bockte, itnb des pompösen.

Hauses im Westen, das diesen geisternden Schatten einer tod­bringenden Liebe verschlossen war.

Wieder packte ihn eine süß-bange Sehnsucht, die gleiche wie an jenem Hamburger Abend, da er das junge Paar, an einen Gartenzaun gedrückt, gesehen hatte. . .

Er bog schnell in eine Nebenstraße ein, erblickte eint Droschke, stieg ein und sagte:In das Hotel Atlantic!"

*

Am nächsten Morgen stellte sich pünktlich Ehrhard Gut- -eit in dem Hotel ein, ein untersetzter, fetter Mann in dem bescheidenen Anzuge eines kleinen Bürgers.

Er ließ sich bei Reisner melden, doch wurde ihin bedeu­tet, daß er zu warten habe, bis der Herr in Nummer zwei- undzwauzig gefrühstückt habe. Nach einer halben Stunde ließ Reisner ihn in sein Zimmer bitten.

Gutzeit i.. lchte einen mitleiderweckenden Eindruck. Sor­gen rmd Enttäuschungen mochten seine Haare gebleicht haben. Seine Bewegungen waren scheu und nüchtern, und seine Stimme drückte jene Erschöpfung aus, die sich einftellt, wenn einem Menschen nichts mehr zu hoffen bleibt. Reisner sah, daß er hier kein schweres Spiel haben würde.

Gut-eit hatte die erforderlichen Bücher und Papiere mit­gebracht, aus denen hervorging, wie es um ihn stand. Reisner konferierte zwei Stunden mit ihm und überraschte ihn am Schluß mit einem wohlüberlegten fertigen Vorschlag. Gut- zeit blieb nur übrig, abzulehnen oder anzunehmen. und ob­wohl er sah, daß er sich damit völlig in die Abhängigkeit von dem arideren begab, nahm er an, da er zu müde war, noch zu kämpfen.

Noch im Laufe des Nachmittags begab man sich zu einem Notar, bei dem man neuerlich mehrere Stunden Besprechun-

t en hatte. Reisner war frisch und fröhlich und freute sich der atkraft, die jäh in ihm aufgeschossen war. Gutzeit war niedergeschlagen und schweigsam und schwang sich nur zu einem bitteren Lächeln auf, als mau ihm den Vertrag, in dem er Reisner als seinen Herrn anerkannte, zur Unterschrift vorlegte. Aber er unterschrieb.

Damit war Reisner in den unumschränkten Besitz des Gutzeitschen Geschäftes gekommen, das Sägelnerk an der Ostsee, die großen HolzbestLn.de und das Haus Gutzeirs ge­hörten ihm. Gntzeit verblieb als Fachleiter gegen ein oe- stimmtes Jahresfixum linb gegen eine mäßige Beteiligung am jährlichen Reingewinn im Geschäft. Er hatte das erste Stockwerk seines ehemaligen Haukes tm Westen, in das unK Reisner einzog, zu räumen, und es stand ihm frei, eine kleinere Wohnung im dritten Stockwerk zu beziehen.

Als alle Förmlichkeiten erledigt waren, lvar es Abend geworden, mrd Reisner, der Gntzeit gegenüber plötzlich, einen freundlicheren Dort anschlng, lud ihn ein, mit ihm KU Abend zu essen. Doch Gntzeit lehnte apathisch ab.

Reisner sah ihn an und empfand etwas wie Mitleid mit ihm.Fühlen Sie sich benachteiligt?' fragte er ihn.

Doch Gntzeit schüttelte den Kopf.Nein, ich fühle mich Alfrieden," antwortete er.