Montag, den 29. Gilover

Die Radier.

Roman von H eran amt Wagner.

- ' Erster Teil:-

Zwei Fälle.

1. Kapitel.

Ich habe Sie nun mit allen Fällen, die unsere Ge­fangenen betreffen und die irgendwie bemerkenswert sind, bekanntgemacht," sagte der Direktor des Gefaugnifles-zu Tiefurt zu bem neuen Gefäugnisgeiftlicheri,mit allen, ms auf zwei. Bis auf die zwei interessantesten. Dre will ich Ihnen zum Schluß eingehender schildern."

Der Direktor, ein großer, starker Mann mit schwarzem Bollbart und ruhigen, gütigen Augen, setzte sich in fernem Schreibtischsessel bequem zurecht, schlug die Beine überein­ander und zündete sich gemächlich eine Zigarre an. Wahrend er den Rauch ausstieß, schien er über die zioei interessanten Fälle nachzndenken oder richtiger: über die beste Art, sie seinem neuen Mitarbeiter, der erst gestern sein Amt ange­treten hatte, verständlich zu inachn.

Sind diese beiden Fälle so verwickelt?" fragte der

^^Cr war für sein Amt eigentlich noch recht jung, kaum in den hohen Dreißigern, rundlich, rosig und blitzsauber, ein Geistlicher, der nach seinem Aenßsren mehr in einen Dame-n- salon paßte, als in ein Gefängnis.

Verwickelt?" gab der Direktor zuruck.Das nicht. Die Fälle sind prozessual klar, ganz klar. Interessant und ungewöhnlich sind nur die beiden Täter, besonders der eine, der mir geradezu Rätsel aufgibt." Hier lächelte der Direktor.Mir, der ich doch abgebrüht bin und mich nicht so leicht verblüffen lasse."

Der Pastor rieb sich die gepflegten Hand«, schnelzle mrt dem Zeigefinger ein Stäubchen, von den schwarzen wem- kleidern und fragte nahezu interessiert:Bitte, erzählen Sie."

Es handelt sich um die Fälle Reisner lind Behrens," sagte der Direktor.Beide Männer wurden wegen Tot­schlags verurteilt, Hermann Reisner wegen versuchten zu fünf' Jahren, .Herbert Behrens wegen vollendeten zu zwölf Jahren. Herbert Behrens ist ein zweinndvrerzigjahriger Manu und hat noch elf Jahre seiner Strafe zu verbüßen. Hermann Reisner wird erst zweinnddreißig Jahre alt und befiubct sich seit vier Jahren hier im Gefängnis. Mer in drei Tagen geht er in die Freiheit. Wegen muster­gültiger Führung ist ihm ein Jahr im Gnadenwege erlassen worden.^ ^ t

Ah," rief der Pastor ans, rn einem Ton, der halb Wohlwollen, halb Erstaunen ausdrückte, Erstanuen wohl darüber, wie man einen Menschen, der versucht hatte, zu täten, begnadigen konnte, und Wohlwollen aus dem Grund, Barmherzigkeit zu üben sein Berus war.

Auch ich," lächelte der Direktor nrit umnerklickem Spott,bin mit nleinen Sympathien mehr bei Herbert Behrens, obwohl dessen Verbrechen sein Ziel erreichte wah­rend das des andern immerhin nur ein Versuch blieb . . . Aber das sind persönliche Gefühle, die schweigen müssen, wo wirkliche Tatsachen sprechen. Und die Tatsachen sprechen zugunsten des Hermann Reisner, der ein mustergültiger Ge­fangener war. Er führte sich tadellos. Besonders Ihr Vor­gänger, .Herr Pastor, hatte alle Ursache, mit ihm zufrieden zu sein, denn Hermann Reisner wurde allmählich das, was mau erneu reuigen und gebesserten Sünder nennt . .

Der Direktor schwieg und sah mit lässiger Ironie bem Ranch seiner vortrefflichen Zigarre nach, während der Pastor, der die Ironie wohl merkte, aber nicht recht begriff, wohin sie hiuausivollte, unruhig wurde und mit seinen rosigen, dicken Fingern auf den nicht nlinder wohlbeleibten Schenkeln, herumtvommelte.

Also ist der Mann wohl ein Heuchler ?' fragte nach einer Weile der Pastor.

Das nicht. Mer er ist kein Charakter."

Kein Charakters

Sie staunen, daß ich den Leuten, die ich hier festhalte, Charakter zubillige?... Oh, ich gehe noch viel weiter. Ich behaupte, daß den meisten schweren Verbrechen! nicht ihr Zuwenig, sondern ihr Zuviel an Charakter zum Fallstrick geworden ist. Der, welcher töten will, muA tminerhin Mut besitzen, den Mut zur Tat, und diesen hat nur, wer ein Charakter ist . . . Ich habe meine Gefangenen lange studiert und bin dahin gekommen, sie in drei Klassen einznteilon. In solche, die ihrem Charakter treu bleiben und das zeigen; das sind die Verstockten. In solche, die ihrem Charakter zwar auch treu bleiben, dies aber verbergen; das sind die Heuchler. Und in die welligen, die gar keinen Charakter besitzen; das sind die, von denen wir zu Unrecht annehmen, daß wir sie reuig und gebessert entlassen... Zu diesen letzten möchte ich Hermann Reisner zählen, obwohl ich freilich zu­geben muß, daß ich mir über ihn noch rächt völlig klar ge­worden bin."

Der Pastor war geneigt, gegen diese Ansicht, daß nur Charakterlose reuig und gebessert das Gefängnis verließen. Einspruch zu erheben, dock/ fühlte er zu stark, daß das, womit er diesen Einspruch hätte begründen können, noch zu sehr BnchstabenweiSheit lvar, als daß er gegenüber diesem gelassenen und irr feiner Gelassenheit so selbstsicher kraft­vollen Mann einen Widerspruch gewagt hätte.

Er begnügte sich daher damit, nerböjs zui hüsteln Uird mit gemachter Ungeduld zu fragen:

Gut, wie liegt aslo der Fall Reisner?"

Der Direktor wippte mit einer nachlässigen Bewegung die Asche von fliner Zigarre, zog ein Manuskript aus der Schublade sein Schreibtisches und lehnte sich lveit in seinen Stuhl zurück.

Ich habe mir," sagte er,n>ie über alle intness arideren Fälle, so auch über die Fälle Reisner und Behrens Akten