von neuem das Feuer an. Ihr rotes Kopftuch rutschte in beit Nacken. Der Widerschein der Flammen lag auf ihrem Gesicht.
Plötzlich regte es sich drüben, wo Juschu Laskowicz lag Noch röter ward sie. Sie hörte einen Augenblick auf zu blasen, ihre Arme sanken schlaff herab. Ms sollte sie ge richtet werden, neigte sie das Haupt.
Sie wußte, er war erwacht; sie fühlte förmlich, daß er zu ihr hinsah. Doch sie wandte sich nicht. Und da das) Schweigen andauerte, begann sie wieder das Feuer zu schüren. Es brannte jetzt lichterloh. Sie erhob sich. Aber mit rascher, instinktiver Bewegung hob sie das herabgerutschte Kopftuch empor, bis in die Stirn hinein, als ob sie sich schäme und niemand ihr Gesicht zu sehen brauche.
Ms sei das alles selbstverständlich, nahm sie dann den Wasserkrug, goß ihn aus und kam mit dem frischgefüllteu zurück. Sie schenkte ein Glas voll und rückte beides, Krug und Glas, so dicht an sein Lager, daß er nur die Hand aus- Lustrecken brauchte. Nach sekundenlangem Zögern entfernte sie sich durch die Tür.
Als er allein war, griff der Krüppel nach dem Wasser und trank durstig. Das tat ihm wohl. Dann legte er sich zurück und dämmerte vor sich hin.
Nicht lange, so knarrte die Tür von neuem. Wieder war es Kascha Kaczmarek. Sie mußte rasch gelaufen sein, denn ihre Brust flog. Sie brachte frisches Brot, Butter, Käse, Wurst. Von jedem etwas. Um Juschu Laskowicz schien sie sich nicht zu kümmern, dtur als sie bemerkte, daß das Glas, welches sie ihm gefüllt hingestellt hatte, halb leer getrunken war, glitt ein hüler Schimmer über ihr Gesicht. Fetzt strich sie eine Schnitte des dunklen, kräftigen Landbrotes mit Butter, verteilte die Wurst darauf, schnitt das Brot in kleine Streifen und Würfel und stellte das so Zubereitete neben das frische Wasser. Ein letzter Blick traf den Ofen, mit dem Feuer hatte es keine Gefahr.
Da ging sie. Aber Juschu Laskowicz aß nicht. Dafür trank er immer öfter. Die Schmerzen kamen wieder, der husten, die Atemnot. Dann die Schwäche, der Schweiß, die
döachmittags sah Kascha wieder nach ihm. Sie brachte eine warme Suppe mit, von Wurzeln gekocht. Fleisch hatte sie nickt. Als sie sah, daß er das Brot nicht angerführtst irrten ihre Augen scheu und schmerzbewegt über den Boden. Er nahm nichts von ihr. Demütig, als müsse sie um Vergebung bitten, stellte sie die Suppe hin. Djann trat sie zurück bis zur Tür, wo sie wartete.
„Was will sie noch?" dachte der Krüppel. Sie war ihm -alb unangenehm. Ihre Blicke waren seltsam auf die kleine Mahlzeit gerichtet, die sie zurechtgemacht hatte. Fünf Minuten vergingen. An Kasckas Augen schimmerte es feucht. Sie stand unbeweglich. Plötzlich streckte Juschu die durchsichtige, blasse Hand aus. Er schob ein Stückchen Brot in den Mund. Durch den Körper des Mädchens lief ein Zittern. Ihre Lippen regten sich, als wollten sie chm danken, daß er nicht verschmähte, was sie brachte. Und erst jetzt verließ sie bte Stube.
Fast ohne sich selbst darüber klar zu werden, erwartete sie der Kranke am andern Morgen. Aber die Stunden verstrichen. Endlich erklangen Sck)ritte, sie kam nicht allein, der Arzt aus der Stadt kam mit ihr. Ms er zu Juschu ans Bett trat, verschwand sie.
Sie war sehr müde. Im ersten Morgengrauen war sie nach Stralkowo gelaufen. Der Doktor schlief noch, als sie ankam. Sie wartete. Mer wenn er nicht zufällig auch nach dem Arm des alten Barons hätte sehen wollen, wäre er schwerlich herausgefahren.
Während er jetzt drinnen sprach und untersuchte, stand sie tm Hausflur. Doch plötzlich war es ihr, als müsse sie beten. Sie warf sich auf die Knie, preßte die Hände zu- fmumen und murmelte alles durcheinander. So groß war ihre Angst. w
„ Der Arzt machte nur eine Handbewegung. Da wußte sie, daß der da drinnen sterben mußte. Sie schrie nicht auf Er hatte es hören können. Nur mit leisem Aechzen sank sie mrt der Schulter gegen die Wand.
Ms sie ruhiger geworden, dachte sie lange nach. Der Vater mußte benachrichtigt werden, der Schmied sollte wissen, daß sein Sohn starb. Es kam vor, daß hier und da heimlich noch einer zu den Aufständischen ging. Bei ihnen war Michael Laskowicz. Solch einen Boten konnte sie gerade gebrauchen. Sie fand ihn in Kuba Borodnik. „Wenn
mich der Teufel hinüberführt," anttvortete er ihr, „soll es der Schmied wissen."
Schon am übernächsten Tage war Kuba verschwunden. Nun wartete sie seit gestern auf Michael Laskowicz. Es war Zeit, daß er kam. Denn jetzt blieb ihr sogar nicht verborgen, daß Juschu sich zu Ende quälte wie ein Licht.
In ihrem Verhältnis hatte sich nichts geändert. Keiner von-beiden sprach jemals ein Wort. Ms wäre sie die von; ihm gedungene Magd, verrichtete sie stumm ihre Arbeit und ging.
So trat sie auch eines Morgens, ohne Gruß, wie immer, in den ihr nun schon vertrauten Raum. Einen kurzen, scheuen Blick warf sie auf den Kranken. Aber plötzlich, was sie noch nie getan, starrte sie in tödlichem Schreck ihn an) und preßte die Hände vor die Brust. Juschu Laskowicz hatte eine gehr schwere Nacht gehabt. Gegen Morgen; war ihm dann ganz frei und leicht geworden. Er hatte sich hochgezogen und sah vor sich hin. Die durchsichtigen, mageren Hände lagein mit gespreizten Fingern auf der Decke. Er hörte wohl seinen Atem rasseln und pfeifen, doch fühlte er keinen eigentlichen Schmerz. Aber aus alledem ward dem Mädchen plötzlich klar, daß seine.letzten Stunden gekominen seien. Sie wollte an die Arbeit gehen, Feuer anmachen. Siej mußte immer wieder scheu hinüberblicken in sein Gesicht. Er lag jetzt, an diesem sonnigen Morgen, ganz im Lichte. Da sah sie erst, wie elend,, abgezehrt, dünn und blaß er) war. Und während sie zitterte in der Anstrengung, ein aufsteigendes Schluchzen zu unterdrücken, zog sie die Schürze straff und kniete daraus nieder, um Holz und Dorf in den Ofen zu schieben.
Da hörte sie einen Laut, wie einen stillen Ruf. Es) konnte Kascha heißen. Mles Blut stockte ihr; kerzengerade stand sie auf.
Juschu Laskowicz hatte die Hand erhoben. Seine Augen sagten: „Komm' her!"
Und sie kam; fast steif trat sie an sein Bett; ihr Herz) ging im Sturme.
Er deutete auf das Große, Verdeckte: „Nimm ab!"
Sie tat es. Langsam, noch immer ganz benommen davon, daß er mit ihr gesprochen, zog sie das übergeworfen« große Tuch herab.
Da stand, von Licht und Sonne jetzt überflutet, die Madonna, die süße Gottesmutter. Ein klingender Ruf schien sich dem Kranken entringen zu wollen. Er brachte ihn nicht heraus. Aber als ob es ihn emporziehe, richtete er sich langsam immer mehr auf und starrte das Werk, sein Werk an.
Die Sonne überflutete es, die Sonne wob eine helle Aureole darum, die Sonne machte es warm und lebendig. Die Sonne verklärte es. Sie verklärte auch den Krüppel. Immer seliger ward das Lächeln seiner Augen, es erhellte das ganze Gesicht. Mle Erdenvein, alle Todesnot schien daraus zu verschwinden. Auch die holde Verwirrung und die Seligkeit des erfüllten Traumes. Es lag ein heiliger! Friede darauf, eine große Stille und Sicherheit, die höchste Ruhe des Fertigseins.
(Fortsetzung folgt.)
Line Vision.
Bon Georg Lebach.,
(Nachdruck verbohM.)
„Ja, was machen Sie denn da?"
Erstaunt sah ich irach meinem Freund, denl jungen Artillerie- Offizier, der sich rn scheinbarem Uebermut daran machte, auf eine hohe Pappel *u klettern.
„Einen Augenblick, ich will nlir nur ein bißchen die Gegend ansehen, rief dieser fröhlich zurück.
Mit einer unglaublichen Gewandtheit mck Schnelligkeit kletterte er höher und höher, bis ihn die in mehrere starke Aeste aus- laufende spitze der Pappel nicht niehr tragen wollte. Ich war ernstlich um ihn besorgt, doch ehe ich es mich recht versah, war er wieder unten.
vuucil tult vewunoernswerte tfentgteit
1? r Bmlmen," sagte ich sjcherzÄL. „SckZrde, ' daß nicht mehrere dieses sck-auspiel mit ansehen konnten, der Beifall der Menge wäre Ihnen sicher gewesen."
/- -Das bringt die Uebung so mit sich," erwiderte cr lackend, „-sehen Sie, an solch emer Pappel nmßte ich monatelang hinauf und auch wieder himmterklettern. Sie diente mir als Beobach,ings- stand. In ihrer spitz« war kunstvoll ein Schrenfernrohr cinge- xiut. Zu diesem führte nsich immer mein Weg. Eine Leiter oder onstige Hilfsmittel konnte man nicht anlegen, das wäre den schn-feu dewaffneten Angen der Franzosen nickt entgangen."


