480 —
Vermischtes.
' Französ i fch e Schul en in der Feuerlinie. In
-enenfranzösischen Ortschaften dicht hinter derFront, deren Bevölkerung
dis jetzt noch nicht zu flüchten brauchte, geht der Schulunt erricht fort, wenngleich ihn natürlich der Krieg vielfach verändert hat. So ist z. B., wie die „Revue des Deux Mondes berlchtet, in Böthune die Knaben- und Dtädchenschule in einem Schulgebäude zusammengefaßt worden. Die Lehrer und Lehrerinnen dieser gefährlichen Gegend — Bethune ist bereits von über 3000 Granaten getroffen worden — versehen ihren Dienst freiwillig und habe,» sich verpflichtet, auch bei heftiger Beschießung am Platze zu sein, während die Kinder in diesem Falle fehlen dürfen, wenn sie wollen. In Bsthune, ebenso wie in Arras, Soissons, Pont-L-Mouffon ist den Kindern ganz genau eingeschärft worden, was sie tm Falle dringender Gefahr zu tun haben. Jedes Kind hat auf dem Platz vor sich seine elektrische Lampe zu liegen und weiß, daß e8 sich der einem bestinnnten Glockenzeichen sofort in den Keller zu begeben hat. Dann werden, wenn nötig, Gasinasken verteilt, deren Gebrauch den Kindern durch regelmäßige Uebungen vertraut ist und in, Keller, dicht aneinander gedrängt, warten die Schüler, lns d,e Lust draußen wieder „weniger dick- geworden ist. Wenn irgend angängig, wird der Unterricht auch unter der Erde fortgesetzt. Suchen in den meisten bedrohten französischen Städten die Schulkinder nur gelegentlich die Keller auf, so sind die Schulen in Reims vollkommen „Kellerfchulen* geworden. Nachdem iin Oktober 4914 der Schulanfang durch die Kriegsereignisse unmöglich geworden war, ka,n einem erfindungsreichen Kopfe im Dezember der Gedanke, die Champagnerkellereien als Schulgebäude einzurichten. Raum genug war ja da, denn diese Kellereien, die sich zivei bis zehli Meter tief in die Kreide eingraben, ziehen sich in einer Breite von 5 bis 10 m mehrere km unter der Erde hin und erreichen eine durchschnittliche Höhe von 3* m. Die Feuchtigkeit soll nicht allzu groß sein und für Erneuerung der Lust sorgen die Oeffnungen, die in gewissen Abständen die Kellerdecke unterbrechen. Freilich, die freundliche Sonnenhelle ist durch das elektrische Licht nicht zu ersetzen, doch haben die Franzosen grüne Pflanzen mit in tue Keller- klaffen genommen und an den Wänden die Bilder ihrer Heerführer aufgehängt. Die erste Schule wurde in dem bekannten Weinhause von Pommery eingerichtet. Bald folgten die anderen Weinhäuser nach, und so entstanden die Joffre-Schule, die Dubail-Schule, die Albert-Schule und andere. Durch Kisten und Weinfässer, die bis zur Deckenhöhe aufgestapelt werden, sind die einzelnen Klaffen derselben Schule von einander getrennt. Besonders eigenartig ist die Dubail-Schule, deren Riesenraum durch eine breite Zeltbahn in zwei Teile geteilt worden ist. Aus der einen Seite sind Reservetruppen untergebracht, während auf der anderen Seite vier Schulklaffen Platz gefunden haben, in denen auch ganz kleine Kinder — bis zu zwei Jahren herunter - beaufsichtigt werden. Diese Kellerschule liegt am weitesten nach vorn — ist sie doch nur 1800 Meter voin ersten französischen Schützengraben entfernt. Der halb erstickte Kanonendonner, der die dumpfe Begleitung der Unterrichtsstunden bildet, ist Groß und Klein zur Gewohnheit geworden.
* I o f f r e als Briefmarke. Die Schriftleitung eines schwedischen Blattes hat unlängst eine neue französische Feldpostkarte einsehen können und teilt nun mit, daß die Franzosen ihren Generalissimus Joffre jetzt an Stelle einer Briefmarke auf „ihren Feldpostkarten verwenden: in der rechten oberen Ecke prangt tatsächlich eine Abbildung Joffres! Freilich ist es nicht Joffre allein, der dieser Ehre teilhaftig geworden ist, sondern er mutz sich in sie mit dem Schöpfer der Marsellaise teilen, der in einer anderen Ecke abgebildet ist. Darunter steht der Kehrreim aus der Marsellaise „Am armes, citoyens“. _
Vüchettisch.
— „Hessenkunst 1917*. Soeben bringt der Verlag von N. G. El wert in Marburg den Kalender „Hessenkunst 1917* (1,60 Mk.). Allen Kunstfreunden ist dieser Kalender, der nunmehr im 11. Jahrgang erscheint, schon längst ein lieber, alter Bekannter. Waren es in den seitherigen Jahrgängen Otto Ubbelohdes Zeichnungen, die dem Kalender vornehmlich sein künstlerisches Gepräge gaben, fo hat diesmal ebenfalls einer unserer besten jüngeren Graphiker, Hermann Kätelhön, den künstlerischen Bildschmuck übernommen. Müssen wir schon über die vielseitige Begabung des Künstlers, über dessen Schaffen Dr. Gronau, der Direktor der Kasseler Gemäldegalerie, näheres mitteilt, staunen, so steigert sich unsere Bewunderung noch inehr beim Betrachten der Bilder Hermann KätelhönS; seien es die feinen Radierungen von Laud- schaften, oder die hervorragenden Portrait-Zeichnungen, oder die Monatsbilder, die in Federzeichnungen dem Kalender beigegcbcu sind. Mit Uebersendung dieses Kalenders wird unseren Feldgrauen sicher eine außerordentlich große Freude bereitet; zeigt erjdiesen doch aufs deutlichste, daß unter ihrem Schutz Wissenschaft und Kunst in Deutschland sich ruhig weiter entwickelt haben. Der Umstand, daß der Kalender von den: Kriegslärm, der jetzt alle Welt durchtobt, fast nichts verrät, wird sowohl in der Heimat, wie draußen im Felde besonders angenehm und wohltuend berühren. Auch an unsere Gefangenen wird er anstandslos gesandt werden können. Neben den Zeichnungen KätelhönS finden wir eine Anzahl wert
voller Arbeiten erster Fachleute mit zahlreichen Abbildungen. So einen Aufsatz über „Oberhessische Möbel" von Back, dem Direktor des Großh. Landesmuseums in Darmstadt, ü-ber „Alte Brunnen auf dem Land" von Geh. Baurat Walbe in Darmstadt. Ferner sind noch die Herren Professor Rauch, Archivdirektor Küch, Dr. H o l t m e y e r, Dr. N e u b e r und Dr. Klingelschmitt mit Beiträgen vertreten. Alles in allem dürfte auch diesmal der „Heffenkunst-Kalender* wegen seines künstlerischen Wertes und feiner vornehmen Ausstattung an allererster Stelle unter ähnlichen Unternehmungen in Deutschland stehen.
— Aus der niederrheinischen Franzosenzeit. Als neuer 1 Mark-Band der Wiking-Bücher erschien im Verlag der Wiking-Bücher, Leipzig, ein Roman von Walther Schulte vom Brühl „Die Ohnehosen*. Mit der Lebendigkeit und Farbenfrische, die dem Verfasser in seinen historischen Romanen besonders eigen, führt uns der Dichter in die in der Erzählungsliteratur noch wenig behandelte, aber sehr interessante Zeit des Einfalls der französischen Revolutionsarmee, der „Zauseulottes", der „Ohnehosen* in die niederrheinischen Lande und zeigt, wie die „Fretheitshelden* damals hausten.
— „Der Völkerkrieg*. (Herausgegeben von C. H. Baer, Verlag von Julius Hoffmann, Stuttgart.) Unter den Kriegszeitschristen hat sich „Der Völkerkrieg* nun ohne Zweifel zu einem bedeutenden Ansehen durchgerungen. Er will nicht der Neugierde dienen, die sich jeweils an die letzten Ereignisse auf den Kriegsschauplätzen heftet, sonder»i behandelt in zusammenhängender, wohl- geordneter Weise Abschnitte des Weltkrieges, die abgeschloffen sind und über welche eine hinreichende Vollständigkeit der Quellen vorhanden ist, um eine erste geschichtliche Darstellung zu versuchen Wer die Probe darauf anstellen »vill, wie dem „Völkerkrieg" diese Aufgabe gelingt, dein empfehlen wir da? Lesen der gegenwärtig erscheinenden Hefte (die neuesten sind 93 und 94; Preis je 30 Pfg.), in denen die große französisch-englische Herbstoffensive von 19lb und die deutschen Gegenangriffe behandelt sind. Den Höhepunkt der letzten Hefte bildet rvohl die packende Schilderung der Herbstschlacht in der Cha»npagne.
- Hess es Volksbücherei. Nr. 1097—1104. Preis jeder
Nummer 20 Pfennige. Leipzig, Heffe & Becker Verlag. — In Heffes Volksbücherei, dieser allbekannten wohl'eilen Sanunümg, sind wieder inehrere Bändchen erschienen, die als fesselnder Lesestoff willkommen sein werde», und die sich auch vorzüglich als Liebesgaben eig»»en. Nr. 1097 („Meine Bildergalerie") enthält anmutige Novellen des vor kurzem verstorbenen Wiener Erzählers Balduin Groller, Nr. 1098 („Der große Unbekannte*) spannende Kriminalgeschichten des vielgelesenen HanS Hyan. I»» Nr. 1099 berichtet Dr. Hermann Ullinann über die Erlebnisse, die er in Polen und Frankreich als freiwilliger Krankenpfleger gehabt hat. Nr. 1100 bringt die berührnten „Hochlandslieder" und Nr. 1101 die nicht minder berühmten „Neuen Hochlandslieder* des DichterS Karl Stieler. Eine prächtige Gabe für die Schuljugend sind die kleinen Erzählungen „Gold und Eisen" (Nr. 1102) aus der Feder Paul Krauses, eines Lehrers; wertvolle Kriegsbilder des bekannten Novellisten Kurt Küchler („Allerhand Kriegsvolk") füllen die Nr. 1103. Eine Reihe von köstlichen Skizzen aus dem Deutschland des Friedens legt Leonore Nießen-Deiters vor (Nr. 1104: „Mein schöne« Deutschland"), die sich vornehmlich als Humoristin einen Namen gemacht hat._
Schach-Aufgabe.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in vorig« Nummert Seide — Seidel.
Schriftleltung: Ir. R. Zenz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


