J änüber, wo der Oberstabsarzt sich noch verschiedene Medi- aincnte und Instrumente holen wollte.
Wie sie da beide lossuhrwerkten — das gab eitlen so Überwältigend komiAen Attblick, daß die zurückbleibenden Ossiziere trotz des Ernstes der Situation wieder in Helles Gelächter ausbrachen, und der trockene Sarkasmus des Rittmeisters Brüntiotv prägte jenes Schlagwort, das die beiden ungleichen Wettläufer von dieser Stunde an nicht mehr los wurden:
„Stettiner Sänger!"
*
Das war auf lauge Zeit hinaus das letzte Mal, daß aus Schloß St. Chamaitt laut und unbekümmert gelackt wurde. Von dieser Sluttde an zog ein frenlder Gast in die weiten Räume des Schlosses; unsichtbar und doch allgegenwärtig ln Zimmern und Sälen; begegnete einem auf Treppen und Fluren, ftanb irgendwo im Alkoven ober in einer Nische: — die Sorge war es.
Auf leiset, Sohlen schlichen die Diener, huschten die Mädchen; keine Tür siel mehr laut Schloß; kein Echo einer unbekümmerten Stimme hallte mehr wider.
Oben in den: Krankenzimmer starb die alte Marquise de St. Chamant. Nicht sichtbar; nicht im Kampf — einfach wie ein Licht, das zu verlöschen droht. Wie die leuchtenden Farben des Spätnachmittags allgemach verblassen.
Siebeunudsechzig Jahre hatte diese stille vornehme Frau Sommer und Winter kommen und gehen sehen, hatte glückselige Jahre ihrer jungen Ehe durchlebt, hatte Kummer und Herzeleid erfahren, hatte Gatten und Sohn hingeben müssen. Siebeunudsechzig Jahre eines Lebens, daö reich gewesen war oii äußeren Ehren und Würden, <ut Glück und Schmerz, an Hoffnung und Resignation.
Und nun sank über all dies Erleben und Erleiden un- merklich, lautlos ein dichter grauer Schleier.
Die alte Marquise von St. Chamant starb. Müd geworden an Geist und Körper, dämmerte sie dem ewigen Schlaf entgegen. Vielleicht nur noch Tage — dann trat sie den Weg an in jenes Land, von dessen Grenzen kein Wanderer wiederkehrt.
In dem großen, kunstvoll geschnitzten Bett ihres Schlafzimmers lag sie — still, die Augen geschlossen, den Kopf müd zur Seite geneigt, die welken durchsichtigen vornehmen Hände gefaltet, um die Lippen stets einen seltsam unerklärlichen Zug von Jnsichversunkenheit und stillem Frieden.
Selten, daß sie einmal die Augen ausschlng, irgendein Wort sagte, irgendeine Bewegung machte.
Sie war müd geworden — inüd geworden am Leben, lan Glück und Schmerz. Sie wartete auf die Stunde, die für sie die tiefe köstliche ewige Ruhe bedeuten würde.
Und hätte vielleicht nicht einmal verstanden, daß cs Menschen gab, die ihr dies Ausruhen nicht gönnten.
Sie wußte nichts davon, wie dev laitge Oberstabsarzt Doktor Hartmanu ingrimmig und verzweifelt gegen den Tod rang, der seine Knocheuhand auf diese vornehme alte stille Frau legen wollte. Sie ahnte nichts davon, daß in ihrem Schlafzimmer, in den Räumen, die sich daran anschlosseu, e,u lunges Mädchen war, ein Kind fast noch, das sie nie je gesehen und das doch dein Doktor so tapfer beistand.
Die junge Marquise hatte nicht zugebeu wollen, daßMar- guerite Varrel die Pflichten einer barmherzigen Schwester übernahm. Aber ihre junge Schutzbefohlene ließ nicht ab mit Betteln und Bitten, und so duldete sie cs schließlich. War ,m äußersten Grunde ihres Herzens sogar glücklich, ein mitfühlendes junges Menschenkind mit der Pflege der alten Dame betraut zu wissen.
. Sogar dies erreichte Margueritc Barrel, daß nicht — wie ursprünglich beabsichtigt — der Kanlmerzofe der jungen Marquise die Nachtwachen im Krankenzimmer zugewiesen wurden, soiweru daß mau ihr diese überließ.
Sie hatte so barmherzige Hände und eine so weiche leise Stimme. Sw verstand es, so lautlos in bat Zimmern uiw- ^iumnmtcn; sie begriff so leicht und oft schon durch halbe Andeutungen und Handbewegungen die Befehle und Anordnungen des Doktors'Hartmann.
So glitten die Tage dahin - einförmige, gedrückt, grau. Ost sckleppend, oft wie von Sturmftügeln getragen.
Hier oben in diesen abseits gelegenen verschwiegenen Raumen starb eine alte Frau, versuchte,: zwei junge lebens- frohe Menschen dem Sendboten des Todes d^n Weg zu sperren, ließen sje sich nur in erbitterter Gegenwehr von % Schritt UM Schritt äbringen..
Unten aber und rings draußen in der Welt ging das Leben weiter; stürmte es rastlos vorwärts; brandeten die ewig ruhelosen Wellen des Alltags.
In den wirr durchciuanderlaufenden Schützengräben drüben an der Marne und Aisne knatterten Schnellfener- salven — im Kanal attakierten deutsche U-Boote tollkühn gigantische englische Panzer — im armen Belgien, durch das die Kriegsfurie gerast, fieberte bürgerliche Arbeit am Wiederaufbau des Landes - im Kavalierhause des Schlosses ^>t. Chantant ratterten die Morseapparate, schrillten die Telephonklingeln, hastetet, Ordonnanzen und M-eldereiter aiis und ein, beugten sich sonnengebräunte scharfe Osfiziersgesich- ter Über Reliefkarten — und unten int riesigen Bankettsaal erstrahlten allabendlich die beiden riesigen Kronleuchter, waren die weiten Abmessungen des Prunkraumes erfüllt vom Klirren der Sporen, vom Klingen der Gläser und Klappern der Teller, von Leben und Geselligkeit und täglich neuen Plänen.
Nein — das Leben stand nickt still. Es ging über das Erleben des Einzelnen hinweg wie die Mähmaschine über ein reifes Feld.
Und die strahlende Herbstsonne trat ihren Lauf an und verblutete sich tief im Westen; und die Nackt zog herauf und verblaßte in, zerflatternden Fahlgrau zwischen Tan und Tag und die Minuten rundeten sich ztl Stunden und die Stunden zu Tagen.
Und an einem solchen Tage — da der lobernbe Sonnen- ball schon hinter der gezackten Silhouette der Tannenforst versunken war und nur itoch ein lichtrosiger, fast violetter, erlöschender Schein in unirdischen Farben den Horizont über- flammte, in Farben, die noch fein Maler je auf seiner Palette fand.... an einem solchen Tage starb die alte Marquise von St. Chamant. Sie hielt die Augen geschlossen und öffnete sie nicht wieder. Sie atmete leise und schwer — bis dieser Atem allgemach erlosch.
Nur drei Menschen waren es, die dieser Stunde Schicksal auf ihre Schultern nahmen: — die Schloßherrin, der Oberstabsarzt Dr. Hartmann und die junge Marguerite Barrel.
, Lange standen sie, als alles vorüber war — standen still und stumm; und hielten den Kops gesenkt; und hatten schwere Augen, in denen das Sterben dieser alten Frau ein fremdes Leben geweckt hatte.
r ^„ Jutta war die erste, die den Kopf wieder hob. Das schone Gesicht marmorbleich, die Lippen ruhig, über den Augen einen Schleier.
„ Ae rreichte dem Oberstabsarzt, danach ihrer jungen Schutzbefohlenen stumm die Hand — wandte jlch ab, vernetz stumm das Zimmer. Sic hatte in dieser Stunde kein Wort gesunden und die beiden andern hatten fein Mort von ihr erwartet.
Sic starrten ihr nach und starrten noch immer aus die Tür, als die sich schon geschlossen hatte.
Und dann waren sie beide allein; und dünn wandte sich der lange Doktor Hartmann der jungen zierlichen Marguerite Barrel zu.
Es war das erstemal in alt diesen schweren Tagen> daß er sie aufmerksam und mit Muße betrachtete. Es war das erstemal, daß er die seine Schönheit ihres Gesichts, den unberührten Liebreiz ihrer Jugend gewahrte.
Zur Linken den Tod, zur Rechten blühendes taufrisches «eben... so stand er ein paar Sekunden; so hastete ein Blick für ein paar Herzschläge an Marguerite Barrel.
Und dann streckte er ihr in seiner ehrlichen offenen deutschen Art die Hand entgegen, hielt die ihrige fest, die sich zögernd hrnemlegtej; und sagte schlicht und klar:
„Kind — ich danke Ihnen. Sie waren mir in diesen Tagen ein-tapferer Kamerad. Und wenn wir auch nichts ausrichten konnten, jedetisalls dürfen wir das Bewußtsein haben, Unsere Pflicht erfüllt zu haben. Ich stabe bisher von den Französinnen nicht viel gestalten, aber ich feste — es gibt auch Ausnahmen unter den FraUen dieses Landes Nochmals — seien Sie bedankt."
Die kleine Marguerite Varrel aber fikit oft später darüber nachgedacht und hat nie recht begaffen, was das für an sonderbarer Zwang wär, der sie trieb- — vor einem Mann, der sie bisher nie beachtete, ihr Vaterland- zu vev- raten und die Lippen zu öffnen Und Kn erwidern:
„Ich bin auch keine Französin — ich bin Elsässerin."
^Fortsetzung folgt.) ' '


