Die vrsnjebiifte.
Bon Julius Knopf.
(Nachdruck verboten.)
Es war in den ersten Augusttagen des zweiten Kriegsjahrcs, als die Berliner scharenweise in die städtischen Santtnelstellen für Kupfer-, Nickel- und Messinggeräte strömten^,um gewaltige Mengen davon abzulicfern. Auch für den Rentier Steinke war es ein Akt der Selbstverständlichkeit, sich an dieser metallenen Mobilmachung -u beteiligen und seinem Patriotismus dadurch Ausdruck zu gebem daß er das entbehrliche Gerät, das aus diesen Metallen, acfcrttgt war. auf dem Altar des Vaterlandes opferte. Er konnte cs sich schon leisten, alles unentgeltlich herzugeben.
„Minna," sagte er zu seiner Stütze, die schon viele Jahre, seit dem Tode seiner Frau, den Haushalt betreute, „Minna", wiederholte er, „wir »vollen auf beu Boden gehen und raussuchen, was wir fürs Vaterland an kupfernen und messingenen Sachen und an Nickelzeug entbehren können. Aber erst wollen wir mal in der Küche nachsehen."
Minna sträubte sich zwar anfänglich, von ihrem Küchengerät auch nur das geringste fortnehmen zu lassen, aber Herr Steinke war diesmal ausnahmsweise energisch. Und wenn er sich auf seine Energie besann, was allerdings höchst selten vorkam, dann war mit ihm nichts auzufangen. Das wußte Minna aus Erfahrung.
Das erste, was Herr Steinke mit Beschlag belegte, war ein Sanwlvar, der in der Küche ein müßiges Dasein führte, da er seit Frau Steinkes Tode nicht mehr gebraucht wurde. Minna wehrte sich gegen die Konfiskation. Wie die Löwin ihre Jungen, so verteidigte sie diesen Besitzstand ihres Reiches. Sie behauptete, daß Frau Steinke niemals den Samowar hergegeben hätte, und wenn er das tüte, so wäre es doch eine direkte Rücksichtslosigkeit gegen die selige Frau — sozusagen eine große Mißachtung. Aber es half ihr nichts. Herr Steinke hatte sich mit der Verewigten sowieso nicht gut gestanden und so verfehlte dieser Einwurf die beabsichtigte Wirkung. Er knurrte: „Samowar ist russisch, und alles, was russisch ist, muß daran glauben," und bemächtigte sich des schätzbaren Kessels. Nun vollzog sich das Weitere ohne Umstände, da die kluge Minna die Nutzlosigkeit jedes ferneren Widerstandes erkannte. In wortloser Ergebenheit fügte sie sich.
In der Küche uub auf dein Boden raffte Herr Steinke zusammen, lvas ihm entbehrlich und für den patriotischen Zweck geeignet erschien. Nach Verlauf einer Stunde betrachtete er wohlgefällig den gefüllten Waschkorb, der das Ergebnis seiner Sammlung barg. Sie bestand aus dem Samowar, fünf unbrauchbaren Ofentüren, einer uralten Petroleumlampe mit Kupferfuß. der allerdings nur eine dünne Oberschicht von Kirpfcr aufwies, denn es war nur sogenanntes cuivre poli, vier durchlöcherten Kasserollen, einer alten Pfanne, einen: Messmgmörser, und einem großen Kessel, dessen Boden nur noch zur Hälfte vorhanden war.
Alle diese Gegenstände hatten für ihn keinen Gebrauchswert mehr, aber immerhin, wenn sämtliche Berliner so viel ablieferten »rne er, so dürfte Deutschland mit der Reichshmiptstadt zufrieden sein.
Von seiner treuen, aber geknickten Minna gefolgt, durchwanderte Herr Steinke noch einmal die Zimmer seiner geräumigen Wohnung, um. weitere Neberflüssigkeiten, die aus den gewünschten Metallen hergestellt waren, zu entdecken.
„Haha!" ries er plötzlich triumphierend.
Minna erschauerte, ihr schwante Entsetzliches. Das „Haha!" hatte getönt wie liegreiches Trompetcngcschmetter.
Herr Steinke stand vor der Bronzebüste seiner seligen Frau Klara.
Die selige Klara hatte einmal, als sie einen großen Gewinn in der preußischen Klassen-Lotterie gemacht hatte, von einem ihrer vielen Neffen, der behauptete und sich sogar einbildete, Bildhauer »u sein, eine Bronzebüste von sich anfertigen lassen. In Lebensgröße. Sie prangte im Salon auf einer massiven Säule aus Ebenholz. Seine Frau war keine schöne Frau gewesen, niemand hätte es behaupten können. Aber eine derartige Häßlichkeit, wie sie diese Büste zur Schau trug, hatte sie denn doch nicht besessen. Die Büste zeigte seine Klara mit hervorspringenden Backenknochen und Wulstlippen, als ob sie den: Negerlaiche Liberia entstammt wäre. Und sie war doch eine waschechte Berlinerin ge- wesen, deren Wiege am Wedding gestanden hatte.
Dieses abscheuliche Kunstwerk aus talentloser Nesfenhand war Herrn Steinke stets ein Dorn im Auge gewesen, aber seine Klara hatte genreint, das teure Geld sei nun einmal äusgegeben und zudem sei die Büste ans Bronze, und somit ein Kunstgegenstand. Und Kunstgegenstände gehören in den Salon.
Was Klara wollte, das geschah stets, denn sie besaß eine stark ausgeprägte Herrschsucht, die dem Bewundernswerten manche bittere Stunde bereitete. So blieb denn ihr bronzenes Konterfei eine Unzicrde der guten Stube, auch nach ihrem Tode, denn Herr Steinke war zu lässig gewesen, um es zu entfernen.
Aber jetzt — jetzt war die günstige Gelegenheit gekommen, sich dieses herrlichen Kunstwerks von seiner seligen Klara Gnaden zu entledigen und gleichzeitig eine patriotische Tat zu vollbringen.
Er wandte sich an die Haushälterin: „Minna," er sagte es in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, „Minna, die Büste packen wir zu deni anderen Krempel. Herunter mit ihr!"
Minna schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „.Herr Steinke, Sie machen doch man bloß Spaß?" fragte sie, hvchrot vor Erregung.
„Nee, in diesem Falle nid)! Die Büste wird dem Vaterland jejeben. Gott sei Dank, daß ich das Scheusal los bin!"
Ta brach die treue Minna in Tränen aus: „Herr Steinke, Sie wolle:: die schöne Büste mang's alte Eisen nehmen?"
„Mang de Bronze," verbesserte er.
Sie hörte nicht darauf. „Die selige Frau ins alte Eisen! Herr Steinke, wenn se das hört — die arme Frau dreht sich ja noch in: Grabe herum. Wo sie doch so ville auf das schöne Stück jehallen lwt, was de janze jute Stube schmückt." Und feierlichen Tones beschwor sie ihn: „Herr Steinke, so wahr ich hier stehe, das werden Sie nick) tun!"
Aber Herr Steinke tat es dockj.
Herr Steinke war nun einmal so.
Und er ließ ben Waschkorb von seinen: Hauswart auf dessen Kinderwagen zur Saimnclstelle der Markthalle fahren. Er selbst begleitete ihn. Denn ihm lvar geradezu festlich zu Mute und er wollte die Uebcrgabe der Spende persönlich besorgen. Lange mußte er warten, bis die Reihe an ihn kam.
„Ick) jebe alles jratis und franko," sagte er stolz.
„Das ist schön von Ihnen," lobte der Beamte und nahm einen Gegenstand nach dem anderen entgegen. Als er die Büste sah, stutzte er.
„Was, diese kostbare Bronzebüste wollen Sie auch hergeben?" fragte er erstaunt. „Kunstgegenstände brauchen nicht abgeliesert zu werde::."
„Schad' nischt, ick) liefere se dock) ab," schmunzelte Herr Steinke. „Das is nämlich nu'ine selige Olle und aus die können Sie 'ne wunderschöne Kanonenkugel machen."
Wohlwollend belehrte ihn der Beamte, daß aus Bronze keine Kanonenkugeln gemacht, sondern Kanonenrohre gegossen würden.
Herr Steinke zeigte sich etwas enttäuscht. „Schade, schade! Und ich hatte mich schon so darauf gefreut, wie meine selige Klara als Kanonenkugel mang die Franzosen fährt, daß es man so kracht, gleichwie sie zu ihren Lebzeiten mit mir gekracht hat."
Vermischte».
* Das Gebet- und Gesangbuch des Kaisers. Kaiser Wilhelm führt zurzeit ein evangelisches Gesang- und Gebet- buch mit sich, das ans der Hinterlassenschaft seines Vaters, des Kaisers Friedrich, stannnt, lind das dieser als Kronprinz auf allen seinen Feldzügen bei sich hatte. Den: Büchlein in Klcinoktavsormat sind illehrere Schreibpapierblätter vorgebllnden mit eigenhändigen Anfzeichnmigei: des Kaisers Friedrich. Dieser bemerkte dort: Bei mir gehabt lvähreild des Feldzuges in Schleswig-Holstein und Jütland Februar, März, April, Mai 1864 Friedrich Wilheln, Kronprinz. — Z. heiligen Abendmahl in: Hauptquartier Schloß Graven- stein im Herzogtum Schleslvig, 25. März 1864. Großer Dankgottesdienst nnd) den: Siege u. der Erstürmung der Düpp. Schanzen am 1.8. April 1864 in Schanze 4 in Mitten versammelter Division an: 24. April 1864. — Bei iniv gehabt während des Feldzugs gegen Oesterreich in Böhmen nnd Mähren, Juni, Juli 1866. Friedrich Wilheln:, Kronprinz, Oberbefehlshaber der 2. Armee. — Während des FeldzngS gegen Frallkreich voll: August 1870 bis zum März 1871 bei mfr geführt, namentlich bei bcn Gottesdiensten in der Schloßkirche zu Versailles. Friedrich Wilheln,, Kronprinz des deutschen Reiches unb von Preußen. Oberbefehlshaber der 3. Armee. Wicderyerstellung vo>: Kaiser ln:d Reich an: 16. Januar 1871 t»n Schlosse zu Versailles." Es ist erklärlich, das; Kaiser Wilhelm dies crinnerungsreiche Gesangbuch ivähltc zur Erbauung in so bewegter Zeit.
* Tie Post i m Dreißigjährigen Kriege. ,Jm Dreißigjährigen Kriege giilg's — Ter Post oft miserabel* heißt es in eitler gereiluten Postchronik. In der Tat war in jener schrecklichen Zeit die Beförderung von Postsachen das unsicherste Ti,lg der Welt. „Tie Briefschaften," sagt Köllig in seiner Geschichte der deutschen Post, .bewirkten zum größten Teile Leute, die sich dnrch- schlagei, mußten, lind reitende Feld- und Heerbooten." Tie Mah- nung, das Anvertraute unter keinen Umständen in: Stich -zu lassen, war natürlich sehr ai:gezeigt, und mm: versäumte damals nicht, sie auch >:och auf der Sendling selbst in recht anschaulicher Weise a;i» zubringen: Ans die Außenseite des Briefes uralte inan nämlich Galgen und Sranpbesen und drohte auch »loch deutlichen Wortes nlit „Leib- und Lebensstrafe" für ben Fall, daß der Auftrag nicht gut besorgt würde. Mit der folgenden enldringlichen Ermahnung versah nran z. B. Berichte, die an: 7. Mai 1638 von: Generalmajor Tauben an die Kolnmrssäre in der Mark Braildenblrrg abgesandt wurden: „Inliegend untertänigster Bericht, daran sehr hoch nnd viel gelegen, soll alsobaldter oi Verordenter Post von hier auf Potsdam nach Berlin gebracht, in die Churkürstliche Branden- burgische geheimbte Eanzley daselbst überantlvortet ulld hiervon jedes Ortes so Tags so Nachts bei Leib nnd Lebel:Sstrasf nich» verabsälnnt werden/ Daneben mit der Feder hingezeichm. wäre», Galgen nnd Staupbcsen. Uebrigens schrieb man, um zur Eile anzuspornen, auf wichtige Briese auch gern sechs eito und?in citissime.


