schlaffem Hals, wirft gleichsam den Körper in die Beine. Der Reiter Hält ihn in zäher Klammer zusam-men.
Ich ziehe die Mvechtg-^altete Karre ans dem Handschuh Diese Kiefern ecke -— jene Wegkeümmung. .. verdammt schweres Kurlen- lesen in Rußland! Sandrinnen sind alle Straßen, die Waldstücke elende, zerfressene Schöpse, wenig lanengemäß, verwunderlich wie das Haupthaar mancher Freunde, die man lange nicht sah. Oder aber das Kufchelngewir-r mit seinen hundert Jrrgängen lässt einen gar nicht mehr ans. Und die Trostlosigkeit dieses ödesten Toppeleinerleis : Kiefern, Sand — Sand, Kiefern, perslvrt dir ohnedies Herz und Sinn.
„Fünf Kilometer. Ein Gutshof ist cingezeichuet."
Gntshos: das ist, als Hütte man ein Gewinnlos gezogen, als sonnte man sich in einer ganz vWmbimkn Gnade. Das ist gar nicht Krieg, ist Manöver, ist beinahe Heimat, Kultur, Schönheit. Und beinahe f>at man etwas wie ein schlechtes Genüssen, in einem „Schloß" Nachtgnart-ier zrr begehen. Des Kriegs kategorische Alternative kennt auch hier nur die Ausmaße: Schloß oder Sanloch.
ym Schloß waren weitere Besohle zu gewärtigen, wohin die Mstmtion, die in langen Kolonnen rückwärts gestaffelt war, vor- zusüHren sei. Der Llpparat deutscher Offensive arbeitet im Sturmstoß mit der Genauigkeit eines Mechanismus. Die vordersle Kampf-- ivelle spült die Gleise frei. Mir hatten auf das Signal „Einfahrt" zu warten. Das Würde Weile haben, denn noch verpufften überm erstrebten Nachtquartier mit nörgelndem Geknatter schweflige Nauch- bällchen, die Lüfte psiffeit auf hohlen Zähnen, und der Umkreis stand knurrend gesträubten Fells.
„Werden uns die Schatobude angokeln," brumnrt's vom Rot- schimmel. Die Spätsonne blinzelt träg und trunken aufs blöde Oedland. Sog sie sich an rotem Menschensaft satt? Nun sinkt jie ins armselige Nadelbett der Föhren. Und auf einmal ist's kalt, Und die Welt, diese scknmßliche Welt vollends, wird zur Gruft. Biele, die der Tag erschlug, schlafen darin. Das ist wie natürlich. Das eigene Leben aber wird starr und fremd, unheimlich.
Wie die Dämmerschatten fallen — in der russischen Steppe lösen sich Tages- wie Jahreszeiten mit sprunghafter Unmittelbarkeit ab —, kommt grau ein kleiner Trupp die tote Straße heran-, gekrochen. Die Szene hat historische Gesten; hinter dem kleinen grauen Wurm schwelt der Himmel, in Sodoms Branddunst liegt das Torf, ans dein jene kommen und in das wir gehen. Plötzlich verfällt eines Waldgehöfts verdummte Mgeschiedeuheit in Größenwahn, <eckt einen dick vermuskelten Mucharm: halloh, hier ich! Und redet mit feurigen Zungen. Quatsch, kein Mensch achtel draus. Ta fährt heftig der Abendwind drein, bürstet geringfckstitzig die Struivwelköppe der paar schiefen Weiden, die wie Höketweiber am Weg mummeln, bringt den faulen Sand auf den Trab, treibt mit dein kleinen Trupp ein klatschend Fetzen spiel. „Les lambeaux de la grande arm6e 1812" glaube ich leibhaftig zu sehen. Tie russische Erde ist tot wie vor hundert Jahren. Tie da nahen aber
— auf Hunderte Meter verrät mir's der penetrante Juchten ge ruch
— sind russische Gefangene. Müde Müsser am Ziel.
Ein leichtverwundeter deutscher Unteroffizier macht Meldung. Stumpf, geduldm stehen die Leute, had<m die gehorsame Gutmütigkeit von Haustieren. Väterchen, Popentum, Knute, des Siegers Faustrecht und plündernde Freiheit — all der- verlogene und verteufelte Anreiz ihrer Tiermensch-Jnstinkte ins Nichts zerstäubt. Vor Stunden noch verhetzte Bestien: demütige Kreaturen jetzt, still, ohne Enttäuschung, erlöst. Nitschewo!
Einer von ihnen geht gefesselt. Tief liegt ihm das Kinn auf der erdbraunen Bluse. „Was ist mit dem Mann?"
„Er will ansrücken, will heim. Das dort ist sei» Heimaisort."
Ein Sprung wirft ihn in die Knie, in den Sand, vor die Hufe unserer Pferde. Ein schmales, blasses Gesicht, wasserblaue Augen, strohgelbes Haar. Der Balte. Seine Schultern zucken verzweifelt, bitten an Stelle der gebnirdenen Arme.
„Heim, heinil. biette, o biette, Stunde nur! Frau und . . . Kind vielleicht. Weis; nicht. Fort ein Jahr weit. So nah dort, ganz nah. Biette!" Und der Kopf fällt ihm wieder vornüber und sein mannstarker Körper schrumpft in der Qual der Entscheidung marionettenhaft zusamUren.
Die andern halten starr dabei, gleichgültig steht ihr Blick im Flor sinkender Steppennacht wie zwischen Scheuklappen.
„Ich habe strengen Befehl, den Transport weiterz«führen." Der Unteroffizier ist der verkörperte Imperativ seines Auftrags. „Einmal schon habe ich den durch den schließenden Dragoner zurückholen lassen. Macht er noch mal fort, muß ich schießen, in der Nacht, und überhaupt. Er ist verwarnt."
Könnte ich dem im Sand zur Erkenntnis bringen, daß der Krieg dem Gefühlszn^ alle Nähe und Ferne — Raum und Zeit — mit küblem Handschnick glattweg streicht, wie nie gewesen! Armer Tölpel, dort läge dein Dorf? Ja doch, dein Dorf liegt da. Du aber bist im Mieg. Tausend Meilen schüttelt der losen Gelenks zwischen dich und was dein Herz brennend nah wähnt.
Wie mein Brauner den Huf hebt, schnellt sich der kniende Mann, als hätte er seine ganze Willenskraft auf diese Eventualität gerichtet, auf die Beine.
„Nieckt? Darf niecht?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Tann biette, Leutnant Gruß bestellen, daß ich lebe und. . . ja ja und . . ." Urrd er findet nicht weiter.
„Ich weist schon, gib dir keine Mühe."
„ . . . von Alexe; an Wladislawa ... im Schloß so nah rort, ganz nah, biette, Leutnant."
„Marsch!" kommandiert der Krieg durch des Uvterofsuiers straffes Organ. Einen langen Blick noch wirft der Russe ans die grauv-er dunst icke kleine Erd-enscheustlichkeit dahinten, die ihm das Paradies bedeutet., Durchs Dunkel dringt mir ein Ahnen, als flackerte dieser Mick vor überwältigender Spannung . . . wicht des Abfchieds allein . . . .Hatte nicht so auch das Auge von Leuten gevlrckt, die Krastmöglichkeiten abmaßen . . . Bei Sportleistungen oder so?
Ter Trupp rückte ab. Wir reiten weiter. Wie ich mich noch inal umsehe, ist die Nacht dabei, seine zappelnde Winzigkeit auszn- tnpfen.
Wir reiten weiter. Die Geschützblitze zuckere über den Samt des Himmels, der ist wie Gottes zurückgelassener Mantel. Ist Gott nicht foa?
Springt eine Dirne in lüsternem Fackeltanz um den E ball? Flammen garlten sind ihre Spur. Ter ganze Horizont lodert nach und nach auf. Der Krieg, der alte Wüstling, schaut der Buhlerin gelassenen Wohlgefallens zu. Bravo! brummt er noch ein paarmal.
Schweigen dann. Totenstille der flammenden Nacht. Ein paar Schüsse nur, wie abtropsend, vorn in: Tann.
Ein Schuß hinter uns, kurz, gell, ein einziger.
Alexe;?!
Wir halten. Nichts mehr. Reiten rveiter . . .
Unser Schlößchen steht, nimmt uns gut auf. In einem knalk- blanen Empire-Saal verloschenen Glanzes thront die achtzigjährige Gräfin in ihrem Staat. Beim Handkuß hat sie ein Jungmädck-en- lächeln.
„Messieurs. eine Wiecjeska stirbt am Platz."
Altes andere war bei der Beschießung in den Keller geflüchtet. Sie wartete seit gestern mittag in Samt und Seide aus den Tod. Königlicher Generationen stolz hält unsichtbar eine Krone über das schneeige Haar, das voll Stilbedackst in Ringeln fällt.
„Messieurs, Polens Aristokratie grüßt sie als Befreier. Wir haben nie zu leben und zu hoffen aufgehort. Aber nun leben wir auf." Es ist, als stünde eine hundertköpüge, gepuderte, steifnackige Tradition hinter -der Nachfahrin, die, den Tod überwindend, sich des Lebens Erfüllung zu Füßen legen läßt.
Nur eine Dienerin ist um sie, eine flinke, geschmeidige Junge, mit dunkel flackernden Mandelaugen und einen: brennend roten, geschürzten Mund.
„Wladislawa, den Samowar und Zigaretten."
Ich sehe Wladislawa au. Und Wwdislarva sieht mich an. Ich itteif; nicht recht.
„Gräfin, hatten Sie nicht einen Förster oder Gärtner oder namens Alexej?"
„Mexej? Ja ja." Und die Gräfin sieht Wladislawa an.
Wladislawa hat mich nicht aus dem Blick gelassen, Nun geht ein kleiner spöttischer Ziig um die brennend roten, geschürzten Lippen, und ihre schöne Schulter zuckt gelangiveilt.
Ob sie mich fragen ivird? Ich tvarte.
Nein, sie umgeht mich wie ein feindlich Wesen mit finstern Brauen . . .
Im Frühnebel, vorm Abritt, höre ich ein heiseres Mädchenlachen im Hof. Alexejs Weib kichert in fremdem Arm.
Hat dich die Kugel im Digesicht dccknes Paradieses gestreckt? Wohl dir, Alexej-_
vermischtes.
* Wie Friedrich der Größeren: Butter- und Eiermangel ab half. In diesen Tagm, da Butter und Eier im Preise so außerordentlich ^stiegen, ja selbst für teures Geld oft nicht zu bekommen sind, lesen nur init beloichereuc Interesse, wie der alide Fritz das Butter- und Eierproblem zu losen suchte. Für die damals schnell anwachsende Bevölkerung Berlins konnte die Mark Brandenburg selbst nicht genügend Schlachtvieh, Butter und Eier liefern; Vieh wurde aus Polen, Butter aus Sachsen und Holstein bezogen. Damit das Geld mehr im Lande blieb, wurden die Schlächter vom Könige aufmerksam gemacht, es sei für sie vorteilhaft, wenn sie das MMujeh durch Aufkäufer in Poamnern an Ort und Stelle erbMVln ließen. Holländische Familien ließ der König auf Staatskosten kommen, damit sie die Milchwirtsclwft mehr und mehr einführten nud bekannt machten. Auf bem Domänenomt Eönigshorst wurde Unterricht erteilt: an den knrmärkisck'.m Provinzialminister erging die Verfügung, der Instrukteur solle den Leuten z-ckgen, ..wie die Gefäße und Maschinen zum Bntterniackw'n beschasien sein und wie solcher propre gehalten werden müssen, und wie die Butter gemacht wird, daß sie sich hübsch konserviert und daß die Butter, die zu den Speisen gebraucht ivird, sich besser Hält und nicht so leicht verdirbei wie die jetzige: das macht, weil die Butter nicht reinlich genug ausgelvascheu wird und die Gckäße und Ma'cknmm nicht recht propre gehalten werden." An diesem einen Beispiel sieht mau, wie Friedrich der Große bei seinen großartigen Bemühungen um die innere Kolonisation auch die geringsten K.c.nig


