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ihnen, das erkannte sein Ohr gleich beim ersten Ton. Wie vertraut war ihm dieser weiche, volle Klang, seit er ihrem Gesang verborgen so oft gelauscht hatte, lind da war sie selbst! Sie ging neben der Braut, einer überschlanken Dame mit weißblondem Haar und schönen, lockenden Augen, aber sie sprach nicht mit ihr, sondern mit Breitenbach. Ein Lachen war auf ihrem Gesicht, ein besonderer, heller Schimmer in ihren Blicken.
Bassow trat an die Stufen der Freitreppe, die vom Eingang herabführte und begrüßte stumm die Kommenden.
„Ah, da sind Sie ja, Baron!" rief Breitenbach. „Wir haben doch nicht warten lassen-? Ich würde mir das nie verzeihen. Und nun müssen Sie meine Braut kennen lernen."
Er stellte Bassow der Amerikanerin vor, so daß er gezwungen war, ein paar höfliche Worte an sie zu richten. Aber es geschah mechanisch, mit halbem Bewußtsein; er hätte hinterher selbst nicht sagen können, was er gesprochen hatte. Während es geschah, suchten seine Augen die Baronin, die mit Breitenbach einige Schritte zur Seite getreten war und halblaut mit ihm sprach. Offenbar war sie erregt, ihr Gesicht war gerötet, und sie ließ ihre Blicke auf Breitenbachs Zügen ruhen. Aber nichts von Schmerz oder Enttäuschung war ihr anzumerken. „Welch eine Komödiantin!" mußte Bassow denken, doch sein Herz fügte wider seinen Willen hinzu: „Wie schön sie ist!"
Nun mahnte Breitenbach zum Aufbruch, der Wagen rollte davon. „Aus Wiedersehen!" ries die Baronin, mit besonderer Betonung, wie es Bassow vorkam. Einen Augenblick blieb sie noch sieben und schaute «aus den davonrollenden Wagen. Dann traf ihn selbst ein halber, flüchtiger Blick, doch da er nicht sprach, wandte sie sich mit ganz leichter Kvpf- neigung ab und stieg langsam die Stufen hinauf.
Bassow hob unwillkürlich den Arm, als wenn er sie halten müsse. „Baronin!" rief er mit unsicherer Stimme.
Sie kehrte sich um, von oben auf ihn herunterblickeud. „Haben Sie mir etwas zu sagen?"
Er kämpfte mit sich, er schaute zu ihr empor und versuchte, auf ihrem Gesicht zu lesen. Doch schien ihm dort nichts anderes zu wohnen, als ablelstrende Kälte. Halb geschlossen blickten ihre Augen herab.
Sein Stolz bäumte srck auf. Nein, diese Frau war das Gefühl nicht wert, unter dem er litt. Mit jähem Wechsel der Empfindung sah er in ihr auf einmal wieder nur die Schuldige, die mit wohlstudierter Kunst ihre Umgebung täuschte. So gern sein Herz an sie geglaubt hätte, sein Verstand widersprach. Er fühlte aufs neue das Rächeramt, das auf ihm lag, das er, übernomlnen hatte zugleich mit dem Boden, auf dem er stand.
Hoch sich ausrichtend, sah er ihr fest in die Augen. „Nein, Baronin, ich habe Ihnen nichts zu sagen."
Sie lächelte ein wenig, bewegte die Schultern kaum bemerkbar, wandte sich um und ging in das Haus.
Aber während er sich nun auch zur Seite wandte, sahen seine Augen etwas Anderes, Ueberraschendes. Auf jeder Seite der großen Eingangstür befand sich ein schmales, hol-es Fenster, um den Flur zu erhellen. Und an dem Fenster, links von der Tür, erblickte Bassow ein Gesicht, an das er nicht mehr gedackst hatte, das er aber sogleich erkannte. Das der fremden Krankenpflegerin war es, dickst an die Scheibe gepreßt, so daß die kleine Nase plattgedrückt erschien: mit seinen blassen Augen schaute das Gesicht offenbar in Spannung aus den Hos hinaus. Vielleicht hatte die Fremde ck-on die Abfahrt des Wagens beobachtet, jedenfalls war re wohl Zeugin der kleinen Szene zwischen ihm und der Baronin gewesen. Und als diese nun den Flur betrat, verschwand auch das Gesicht am Fenster. Durch die ofsen gebliebene Tür konnte Bassow beobachten, wie die beiden, schwarzeil I rauen gestalten einander begegneten. Zuerst schien die Baronin überlegend und mißtrauisch zu zaudern, dann aber, als die andere die Papierrolle in der Hand erhob unb etwas Unveruebmbares dazu sagte, machte sie eine lebhafte, offenbar zum Folgen einladende Bewegung und ging eilig voran, ans die Treppe zu, die nach oben führte.
8. Kapitel.
Die Begegnung mit Breitenbach hatte Bassow die Pflicht ins Gedächtnis gerufen, seine Antrittsbesuche auf den benachbarten Gütern und in der Hauptstadt des Kreises endlich auszuführen. Er machte sich nun daran und war viel unterwegs. Obwohl mit Widerwillen, fuhr er auch nach Lünzm hinüber, traf aber zu seiner stillen Genugtuung
den Besitzer nicht zu Hause. Merlei gelegentlich aufae- fangene Aeußerungen seines eigenen Personals, das die Langeweite des Landlebens durch reichlichen Klatsch verkürzte, hatten ihn schon erfahren lassen, daß der nun verlobte Nachbar für maßlos verliebt in seine Braut galt. Sie wohnte seit einem halbeii Jahre in Berlin, und Breitenbach war bei ihr, sobald es ihm seine Zeit nur irgend erlaubte. Dorthin war er auch an dem Tage von Bassows Besuch gefahren, der diese Verliebtheit im Hinblick auf die Baronin mit Genugtuung vernahm.
Die Erntearbeiten waren gegenwärtig im vollen Gange, und auch die Wagenpferde für die Ausfahrten mußten mit heran. Des Barons Reitpferde nnx machten davon eine Ausnahme. Um die noch unerledigten Besuche in der Kreisstadt auf deu Gütern war er nun überall geivesen — schließlich auch abzumachen, hatte sich Bassow aber doch für einen be- stinlmten Tag ein Gespann reservieren lassen. Als er zur angesetzten Stunde ans den Hof kam, fand er auch einen Wagen bereit, aber es war ein leichter Einspänner, den er für seine Besuche nicht benützte. Der Kutscher debattierte gerade voll Eifer und scheinbar in Aufregung mit einem gleichfalls in Livree gesteckten Stallknecht, und als Bassow nach ihm rief, kam er in sichtlicher Verlegenheit heran.
„Sürjahn, was ist mit meinen! Wagen?" fragte Bassow.
„Ach, Herr Baron, mit dem Wagen wäre wohl alles in Ordnung. Mer eben, wie Hans die Braunen einspannen will, sieht er, daß der eine lahmt."
„Das ist ja unangenehm!"
„Ja, er hat in den letzten Tagen tüchtig herangemußt. Wenn er ein bißchen Ruhe hat, wird es wohl wieder werden. Ich bin gleich gegangen und habe ihn mir angesehen und —"
„Es ist schon gut. Für heute können wir nichts daran ändern. Mer ich will jedenfalls fahren, und es ist mir recht, daß Sie mir diesen Wagen hergerichtet haben."
Der Kutscher lachte ein breites Lachen der Verlegenheit. „Ja, Herr Baron, ich muß um Entschuldigung bilden, aber so eigentlich habe ich das nicht getan. Diesen Wagen hat nämlich die Frau Baronin für sich bestellt — sie will auch nach der Stadt."
„Frau Paroniu? Das ist etwas anders. Dann bleibe ich zu Hanse."
„Mer fahren Sie doch mit mir."
Es war eine ganz andere Stimme als die des alten Sürjahn, die so unerwartet erklang. Eine Stirnme, lveich und leuchtend wie goldiger Samt, — Bassow hatte das häufig schon zu sich selbst gesagt, wenn er ihrem Klange verborgen lauschte. Die Stinime der Baronin, die geräuschlos aus dem Hause getreten war.
Ueberrascht und verwirrt wandte Bassow sich um; das Blut schoß ihm ins Gesicht, und er wußte nur zu stam- nieln: „Sie hier, Baronin?" Ein Lächeln ging über ihre Züge und nahm ihnen den ernsten, zurückhaltenden Ausdruck, der zu anderu Zeiten darauf lag. Ueberhaupt kam es Bassow vor, als wenn etwas Heiteres, Gehobenes in ihr wäre.
„Das ist eine sehr natürliche Sache, wie mir scheint," sagte sie, und ein leises Lachen war auch in ihrer Stinime. „Der Wagen steht für mich bereit, und ich komme, hineinzusteigen."
„Ich aber —"
„Sie warten hier, möchten fahren und haben keinen Wagen. Da versteht sich's von selbst: ich lade Sie ein, den meinigen zu benutzen. Sie wollen doch auch zur Stadt?" 0
„Ich hatte die Absicht, aber —"
„Lehnen Sie meine Aufforderung ab?" Sie blickte ihm gerade ins Gesicht, und in ihren Augen, die sich dunkler särbten, las er die zweite Mage: „Mißtraust du mir noch immer? Wohnt in dir immer noch dieser abscheuliche Verdacht gegen mich?"
(Fortsetzung folgt.)
von der ttriegsstratze.
Bon Kurt Mayer-Leiden.
,>Wieviel Kilometer noch?" Der Major sitzt iw Sattel wie vor vierzig Kilometern heute früh. Reitschulsitz: losgelassen und eisernfest zugleich. Sein mächtiger Rotschimm.'l ist müde, trabt mit


