Bassow meinte, daß er die Worte mit einer besonderen Betonung spräche. Noch ein allgemeines Schweigen, dann das Aufheben des Sarges. In der Familiengruft im Parke sollte die Beisetzung erfolgen, und langsam ordnete sich der Zug des Gefolges. Während sich die Teilnehmer noch durcheinanderschoben, trat ein hochgewachsener Herr an Bassow heran und sagte gedämpft: „Sie sind der neue Majoratsherr, wie ich höre. Mein Name ist von Breitenbach, ich bin der nächste Gutsnachbar von Garchim. Der Verstorbene war mir ein sehr lieber Freund, und ich würde mich freuen, wenn auch wir gute Nachbarschaft hieltet:. Ist es Ihnen recht, so gehen wir zusammen."
Bassow verbeugte sich zustimmend, sie pellten sich nebeneinander im Zuge auf, und als dieser nun durch beit Park dahinging, dessen Grün in der Nachmittagssonne leuchtete, begann Breiteubach halblaut zu erzählen. Er sprach zunächst von seiner letzten Begegnung mit dem Ermordeten, kam dann auf die Verhältnisse der beiden Güter, nannte und charakterisierte verschiedene Teilnehmer im Zuge. Fast unaufhörlich sprach er, während Bassow nur ab und zu eine Bemerkung, eine Frage einwarf. Es lag ihm auf den Lippen, auch nach Breitenbachs Urteil über eine mögliche Schuld der Baronin an der Ermordung zu fragen, doch hielt ihn eine unbestimrnte Scheu davor zurück.
Und nun waren sie auch schon an der Kapelle angelangt, in der die Familiengruft sich befand. Viel älter als das Schloß, wies dies ernste, graue Gebäude, um das finstere Tannen emporwuchsen, gotische Formten auf; eine spitzbogige Tür stand offen und zeigte einen matt von Kerzen umflimmerten Altar. Und indem der Zug einen großen Bogen beschrieb, sah Bassow etwas Unerwartetes^-Er hatte auf die Anordnung des Zuges nicht viel geachtet und bestimmt geglaubt, daß die Baronin sich nach oer Feier im Schlosse sogleich zuruckgezogen habe. Nun sab er sie plötzlich unmittelbar hinter dem Sarge stolz uno fest einherschreiten. „Wie schön sie geht!" war sein unwillkürliches Denken, aber gleich schalt er sich selbst im stillen, daß ihm kein anderer Gedanke kam, daß die Entrüstung über ihre mögliche Schuld nicht jedes andere Gefühl besiegte.
An der Beisetzung selbst konnten in der engen Kapelle nur wenige Personen teilnehmen, und Bassow hielt sich absichtlich zurück. Obwohl er nun Herr war an diesem Platze, kam er sich heute doch noch wie ein Fremder vor. Er sah nur, wie die schwarze Gestalt der Baronin sich schattenhaft abhob vor der Helle des Altars.
t Im Sonnenschein draußen waren die Gesichter der übrigen Teilnehmer um so deutlicher zu erkennen, und viele Augen suchten den neuen Majoratsherrn, dem ein Mord solch einen Besitz geschenkt hatte. Nach aufrichtiger Teilnahme und Ergriffenheit forschten seine Blicke vergeblich. Nur Breitenbach schien ernstlich bewegt. Er hatte ein Taschentuch hervorgezogen, das er in nervös bewegter Hand zusammenballte, doch kamen keine Tränen in seine Augen. Mit starker Selbstbeherrschung hielt er sie offenbar zurück.
Jetzt war auch das letzte geschehen; ein Blumenhügel m der Kapelle bezeichnte die Stelle, wo der Tote ruhte. In Gruppen zusammengeschlossen, gingen die schwarzen Gestalten durch den Park zurück. Im Schlosse war für die auswärtigen Teilnehmer ein Imbiß hergerichtet worden, weil erst am Abend ein Zug die Station passierte, der sie wieder fortführen konnte. Die Baronin hatte die nötigen Anordnungen getroffen, aber sie blieb auf ihren Zimmern, und an Bassow war es, zum ersten Male den Besitz zu repräsentieren, der ihm unvermutet zugefallen tvar. Das freudige Herrengefühl von vorhin stieg wieder in ihm empor, als die Dienerschaft ihm die nötigen Meldungen machte, nach seinen Befehleil fragte. In fester und stolzer Haltung setzte sich Bassow auf den Herrensitz an der Spitze der Tafel.
Der Verlauf der Mahlzeit aber weckte in ihm Unbehagen. Unter den Gästen waren verschiedene trinkfeste Herren, und bald nahm die Unterhaltung einen Ton an, den Bassow wenig passend fand in einem Trauerhause. Herr von Temmin vor allem, der eine Flasche Wein rasch hinuntergegossen hatte, fing in kurzer Zeit an, zweideutige Anek- doten zu erzählen, über deren Pointen er sein brüllendes Gelachter austimmte.
. r ^Eow willkommen, als der Diener meldete,
daß die Wagen zur Abfahrt bereit stünden, und als er dem letzten der Gäste die Hand gereicht hatte zum Abschied. Nun gmg er zunächst auf sein Zimmer, um eine bequemere Haus- kleidung anzulegen, dann aber trieb es ihn wieder in den
Park hinunter ins Freie. So vielerlei Neues bestürmte ihn von allen Seiten, daß er sich's zurechtlegen mußte im einsamen Umherstreichen.
Es war noch die lichte Dämmerung des Hochsommerabends, die nur wie- ein weicher Schleier die Gegenstände umhüllte, sie aber deutlich erkennen ließ. In dieser sanften Beleuchtung betrachtete Bassow seinen neuen Besitz und freute sich an ihm. Der Tote hatte sein Recht gehabt, nun kam der Lebendige. Kraftgefühl und Schaffenslust regten sich in ihm.
Im langsamen Dahinschreiten durch die abgelegenen, stillen Wege des Parks aber blieb er plötzlich fast erschrocken stehen. Aus einem engen Laubgang hervortretend, sah er auf einer Marmorbank eine bewegungslose, schwarze Gestalt. Sie wandte ihn: halb den Rücken zu, so daß ihr sein Kommen verborgen geblieben war. Er aber hatte die Baronin sogleich erkannt. Ueber ihrem leuchtenden Haar lag ein schwarzer Schleier, die stolze, schöneLigur saß ungebeugt, nur in tiefes Nachdenken schien sie versunken zu sein. Einen Augenblick hatte Bassow Lust, heranzutreten und sie aus ihrem Sinnen zu wecken, dann aber kam ihm plötzlich die Erinnerung an das, was er auf der Herfahrt gehört hatte. Hier dieser Platz, neben dem eine weiße Marmorsigur stand, war vielleicht derselbe, wo die Baronin im Zwiegespräch mit einem Fremden überrascht worden war, wo sie den Plan zur Ermordung ihres Gatten sollte verabredet haben. Ein tiefer Widerwillen stieg in Bassow empor, und leise ging er wieder zurück.
Eine irmere Erregung war in ihm nach diesem Augenblick, die nicht wieder weichen wollte. Ein Instinkt sagte ihm, daß diese Frau die Fähigkeit besaß, Macht über ihn zu gewinnen, doch er sträubte sich zugleich gegen dies Gefühl und kehrte das Mißtrauen gleich einer Waffe gegen sie. Ein un- erhörtes, niedriges Verbrechen sollte sie geplant ltrtb begangen haben. Durch ihre Schuld sollte der Ermordete jetzt in seiner Gruft ruhen. Es trieb ihn zu der Totenkapelle hin, um sich in ihrem Anblick anzufüllen mit Empörung, und nach einiger Zeit fand er den Ort, wo das graE Gebäude unter beit abendschwarzen Tannen düster und feierlich dastand. Ein leises Duften und Leuchten der Blumen auf der Gruft kam durch die geschlossene Gittertür 51t ihm her gleich einer Mahnung, des Toten zu gedenken, gleich einer Warnung vor unbekannten, im Verborgenen schleichenden Mächten.
Bassow hatte die Furcht noch nie gekannt. In harten Kämpfen eines arbeitsreichen Lebens war er gestählt worden gegen solches Gefühl. Aber die Mahnung verstand er, die der frühere Herr dieses Erdfleckes an den iteueit richtete, und seine Muskeln strafften sich in leidenschaftlicher Energie. Sich umwendend, hob er drohend seinen Arm und flüsterte in die dunkler niedersinkende^Dämmerung hinein: „Hüte dich vor mir, wenn du schuldig bist!"
(Fortsetzung folgt.)
Die Pest.
Von Alfred Bratk.
Mit lausend im Meere erlöschenden Flaminenstrahlen per-- sank die Sonne in den Wellen der Tardanellenbucht. Der Horizont schwebte wie ein glühender Streifen über den: wogenden! Wasser. Tie warme Luft war erfüllt von dem Dunst des Tages! und dem brandigen Geruch des Pulverrauchs!: von Morgen bis' Mend hatte der Geschützkampf ohne Unterbrechung getobt. Mm war die große Pause eingetreten, die Panse zwischen Tag und Nacht, in der die Kanonen das Sterben des Sonneuballs durch ehrfürchtiges Schweigen ehren. Ueber der türkischen Artilleriestellung und den dahinterliegenden bombensicheren Hütten zogen noch die letzten Pulverschwaden weißlich-grau zerflatternd in dem atembeklemmenden Hauch des anhebenden Tropenwindes dahin. Tie Atmosphäre zitterte noch von dem plötzlich verstummten Gebrüll der Kanonenrohre, und die fächelnd ermattende Glut tanzte! in ihr wie Wolken winziger Staubsünkchen. Ans dem hoben sandigen Wall, der — weit vorgeschoben — hügelartig die Stellung schützte, standen drei Offiziere. Sie blickten abwechselnd! durch das auf einem stählernen Stativ drehbar angebrachte Be- obachtnngsglas nach dem welligen, öden Rücken der erbarmungslos den Angriffen des" Wetters preisgegebenen Halbinsel, die Gallipoli heißt. Sandig und nnbewachsen streckte sich die ferne, gelbe Landzunge dem Meer entgegen, dessen tiefes Bl.au sich mit dunklen Schatten bedeckte, ans denen breite Schanmkämm'e weis; dahinstrichen. Ganz deutlich konnte man auf der trostlosen Handfläche zwei Zeltlager unterscheiden, auf denen die englische .urtb französische Fahne flatterten. Das waren die Truppen der Mliierten, die Dag um Tag vor der Tardanellenenge verbluteten.


