Am totrn Sre

Vornan von NobertKohl rausch.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Auf der Station, wo die zahlreich gewordene Schar von schwarzen Gestalten den Zug verließ, wartete eine Reihe von Wagen, die sie nach Garchim hinnberführten. Unmittel­bar vor Beginn der Trauerfeier trafen sie dort ein. Der Tote war in dem großen Gartensaal aufgeüahrt worden, in dem die Baronin die Herren vom Gericht empfangen hatte. Kronleuchter und Spiegel waren schwarz umhangen; der Flügel, der sonst hier stand, war entfernt worden, Grün und Blüten aus den Treibhäusern umgaben den Sarg, auf dem die Kränze hoch aufgehäuft lagen. Ein schwüler und scharfer Duft von welkenden Blumen und sterbendem Lorbeer füllte den Raum.

Die Angekommenen betraten den Saal in dem gleichen Augenblick wie der Geistliche, der sofort auf die Baronin zuschritt. Sie hatte bisher stumm und regungslos unter anderen Damchr gesessen und ohne Tränen, aber mit ernstem, bleichem Gesicht auf den Blumenhügel hiuaeblickt, unter dem der Tote lag. Jetzt erhob sie sich und reichte dem Geistlichen die Hand. Er sprach ein paar Tröstungsworte zu ihr, doch zeigte sich aus ihrem Gesichte keinerlei Regung, die von Verständnis oder Eindruck seiner Worte gezeigt Hütte. Und mit gleich steinernem Ausdruck sah sie nun auf die Schar der Neuangekommenen, die nacheinander zu ihr heran­traten, ihr die Hand reichten und halb nur verständliche, kühle Worte der konventionellen Teilnahme murmelten.

Unter den letzten trat Bassow zu ihr heran; er hatte mit sich gekämpft, !vas er tun sollte. Der von Jonassou in seinem Herzen geweckte Verdacht lastete schwer daraus, und als er nun diese Frau vor sich erblickte, die wenn jener Verdacht irgendwie begründet war hier in ihrer Trauerkleidung eine unwürdige Komödie vor dem Sarge des Mannes aufführte, dessen Tod sie gewünscht oder veranlaßt haben sollte, da kam ein Gefühl beißer Empörung über ihn. Aber indem er sie anschaute und sah, mit welcher ernsten Würde sie dastand, indem er das blasse, schöne Gesicht unter der goldroten Haarkrone betrachtete, das unbewegt einem großen Schicksal ins Auge zu blicken schien, da regten Zweifel sich in ihm, die für sie sprachen. Zur Komödie hätten Tränen und Jammer gehört, hier aber war nur der Ausdruck einer maßvollen, ruhigen Trauer, wie sie auch die entfremdete Gattin dem Toten schuldete.

Bassow fühlte sich angezogen und fortgestoßen im gleichen Armenblick, und er zauderte in diesem Widerstreit mit seiner Begrüßung so lange, daß er kaum noch Zeit für sie fand. Der Geistliche war schon an den Sarg heran- getreten, ba ftcutb auch er vor der Witwe und sah mit einem scharfen Prüfenden Blick tief in die fragend ans ihn gerich­

teten Augen. Bei seinem Nahen ivar eine leise Bewegung in das erstarrte Gesicht gekommen, ein Forschen in den unbekannten Zügen war dort erwacht. Me die wechselnden, widerstreitenden Gefühle der letzten Minuten wogten jetzt noch einmal in Bassow durcheinander: vergeblich suchte sein Mund nach einem der herkömmlichen Worte der Teilnahme, und er vermochte nichts zu tun, als mit einer tiefen, form* lichen Verbeugung den Namen zu nennen, den er trug; Kurt von Passow".

Sie sind"

Sie brach ab; stumm sahen sie einander in die Augen. Sie hatte mit unwillkürlicher Bewegung die Hand ein wenig zur Begrüßung erhoben, er aber konnte sich nicht über­winden, sie zu ergreifen, and nun senkte sie sich langsam wieder hinab auf das Trauerkleid, wo sie ruhen blieb. Mit erneuter Verbeugung trat er zurück, aber sein Blick ver­mochte sich nicht losznreißen von der schönen, marmor- weißen Hand auf dem schwarzen Gewand, und es gab ihm gleichzeitig einen leisen Stich ins Herz, daß er sie nicht hatte fassen dürfen.

Die Trauerseier begann. Der Geistliche beklagte den Toten, der so plötzlich und unvorbe" itet vom Licht hatte scheiden müssen, verfluchte den Ver^echer und rief das Gericht Gottes auf ihn herab. Von seinen Worten aber hörte Bassow nur einen geringen Teil. Ein Gefühl dev Unruhe, des Aergers über sich selbst, den er sich nicht zu er­klären wußte, war in ihm erwacht. Er empfand ein Un­behagen, daß er als zukünftiger Herr dieses Hauses am Sarge des Ermordeten stand, und konnte sich's doch zugleich nicht versagen, den schönen Raum, den weißen, vergoldeten Stuck an Decken und Wänden mit einem zwiespältigen Gefühl von Eindringling und rechtmäßigem Herrn zu betrachten. Aber dies Herrengefühl besiegte zuletzt seinen Aerger und sein Mißbehagen, indem es sich zugleich von der flüchtigen Be­sitzesfreude reinigte. Den Herrn des Hauses erwarteten Pflichten, die zu erfüllen waren, die eine, nächste Pflicht vor allem, den Mann zu rächen, der dort ermordet im Sarge lag, den Verbrecher zur Verantwortung zu ziehen, der den Wehrlosen erwürgt hatte. Bassow achtete sich höher auf, der ernste Ansdruck seines Gesichts verstärkte sich. Nein, vor ihm sollte niemand Gnade finden, und wenn diese Frau seine Augen suchten sie abermals, ein kalter, harter Blick flog zu ihr hinüber. Sie aber sah und erwiderte den Blick. Auch sie hatte die Augen erhoben von dem Blumenhügel auf dem Sarge und mit einem Ausdruck von gespanntem Interesse ans Bassow geschaut. Auch wandte sie den Blick nicht ab, als er sie nun mit den Augen suchte, doch war es, als wenn deren mißtrauischer Glanz einen Widerschein in den ihrigen erweckte. Auch in ihnen verschwand jener warme Schein; mit kühler, feindlicher Schärfe kreuzten sich ihre Blicke über dem Sarge des Toten.

Dann begann der Abschluß der Trauerfeier im stillen Gebet, das alle Köpfe sich beugen hieß.Und vergib uns unsre Schuld", kam es von den Lippen des Geistlichen,