Am toten See.
Nomon öoit NobertKohlraus ch.
(Nac^rruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Der Staatsanwalt begann sogleich die Erfüllung seiner amtlichen Pflicht, indem er sagte: „Gnädigste Baronin wer- den verzeihen, wenn ich nur mit kurzen Worten meine Teilnahme ari dem traurigen und bisher unaufgeklärten Vorfall ausspreche, der mich hierher geführt hat. Möglichste Eile ist immer geboten, wenn sich's unr Ergreifung eines Verbrechers handelt. Ich darf daher wohl bitten, mich sogleich in den Raum zu führen, wo die Sache sich abgespielt hat."
„Gewiß." Ohne Zögern ging die Baro'nin voran über den Korridor und öffnete mit einem Schlüssel, den sie bei sich führte, die Tür zu dem ehemaligen Arbeitszimmer des Toten.
Mit raschem, geübtem Blick überflog der Staatsanwalt nach allen Richtungen hin den Raum, um an der starren Gestalt auf dem Diwan haften zu bleiben. „Hat man den Toten in dieser Stellung aufgefunden?"
„Nein, er lag in dem Sessel vor seinem Schreibtisch. Weil ich Hilfe zunächst noch für möglich hielt, ließ ich ihn dorthin tragen, um dem Körper eine bequemere Lage zu geben."
Mißbilligend und ungeduldig bewegte der Staatsanwalt seinen hintenübergebogenen Kopf hin und her, wobei er, jedoch laut genug, um auch von der Baronin verstanden zu werden, vor sich hinmnrmelte: „Daß in solchen Fällen auch immer wieder dieselben Dummheiten gemacht werden!" Er fügte sodann lauter hinzu: „Nun, jedenfalls lverden Sie und oie anderen Zeugen mit Genauigkeit an geben können, in welcher Lage man den Körper gefunden hat."
„Gewiß." Mi (..einem Ausdruck von kaltem Stolze blickte die Baronin auf das Gesicht hinab, das auch zu ihr beim Sprechen emporschauen mußte.
Herr von Sieglitz besichtigte nun sehr sorgfältig in Gemeinschaft mit dem Arzte die Spuren des Verbrechens am Halse des Toten, die verzerrten Züge des Gesichts, aus dessen stummen Lippen auch jetzt noch'ein vergeblicher Hilferuf zu schweben schien, den Anzug des Ermordeten, dessen Taschen fast völlig ausgeleert waren. Er ließ, während Referendar Widutind sich dije nötigen Bemerkungen für Aufnahme des Protokolls notierte, alle fehlenden Gegenstände, solveit sie bekannt waren, vorläufig aufzählen und sagte dann: „Herr Kreisphysikus, ich Mächte Sie nun bitten, die Sektion so rasch als möglich vorzunehmen."
„Die Sektion?" Es war die Baronin, die mit einem Tone des Abscheus oder des Erschreckens die Frage tat.
Erstaunt sah der Staatsanwalt sie an. „Allerdings. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?"
,/Jch — es ist mir zuwider. Und er, — ich weiß, daß
er den Wunsch hatte, nach seinem Tode nicht seziert zu werden."
„Ich bedauere, unter diesen Umständen ans den Wunsch des Verstorbenen keine Rücksicht nehmen zu können. Ich handle nach strengster Vorschrift. Ist ein Raum in der Nähe, in dem die Sektion vorgenommen werden kann?"
Mit ans die Unterlippe gebissenen Zähnen stand ihm die Baronin schweigend gegenüber. Sie schien entschlossen, ihm keine Antwort zu geben. An ihrer Stelle nahm der Arzt in beschwichtigenden! Tone das Wort: „Ich möchte für diese leider unvermeidliche Vornahme das nebenan gelegene Schlafzimmer des Barons Vorschlägen. Ich kenne den Raum als geeignet. Und Sie, liebe Baronin, darf ich wohl bitten, ein paar Männer von Ihrem Dienstpersonal zur Hilfeleistung zu bestimmen."
Es war, als wenn ihre hart gewordenen Züge anf- tauten unter seinen freundlichen Worten. Sie bewegte den Kopf nach ihm und sagte: „Wenn Sie es für nötig halten und wünschen, gewiß." Damit ging sie selbst nach der Tür und rief durch den Ton der elektrischen Glocke den Diener herbei, der kurz darauf in Begleitung des Kutschers wieder hereinkam. Sie schoben den Diwan, der aus Rollen lief, durch die weitgeöffnete Tür in das Nebenzimmer. Ein dumpfes Geräusch, ein Wiederschließen der Türen, und verschwunden war das Opfer des Todes aus dem Zimmer, das es mit seinem Schrecken erfüllt hatte. Zu dem Kreis- physikus, der dem Diener folgte, sagte der Staatsanwalt noch: „Mit bem Herrn Referendar komme ich nachher bin- über, um das Ergebnis der Sektion zu hören und das Protokoll darüber aufzunehmen. Vorläufig haben wir hier noch zu tun." Und er fügte, sich au den Referendar Wü>u- kind wendend, hinzu: „Setzen Sie sich dorthin, Herr Kollege, um zunächst hier zu protokollieren. Nein, nicht an den Schreibtisch: er muß unberührt bleiben. Aber am Fenster steht noch ein Tisch. Das Tintenfaß können Sie dort hin- übernehnren. „Auch Sie bitte ich, sich zu setzen, Frau Baronin."
„Ich stehe lieber."
Ein kurzer, halb erstaunter, halb mißtrauischer Blick des Staatsanwalts war die Antwort aus ihre Worte. Dann schob er stumm einen Sessel für sich zurecht, in dem er sich niederließ.
„Ich schreite nun zu der eigentlichen Zengenverneh.- mung. Sie, Frau Baronin, werde ich zunächst unbeeidigt vernehmen, doch muß ich Sie darauf Hinweisen, daß Ihre nachträgliche Beeidigung jederzeit beschlossen werden kann."
Sie beugte den Kopf nur ein wenig znm Zeichen des Verständnisses, und nun begann die vorgeschriebene Feststellung der Personalien. Auf die Fraae nach ihrem Mädchennamen antwortete die Baronin, daß er Holstedt ge- lautet habe.
„von Holstedt?"
„Nein, — bürgerlich. Karoliue Mathilde Holstedt."
Die Fragen nach Eltern und Geburtsort folgten i—*


