kchast mitgegangen. Auch jetzt, wie sie sich faul in der Sonne räkelten und ihre kurzen Tonpfeifen rauchten, sprachen sie wieder davon.

Einer, der Spieß-Engelbert, wies mit dem Daumen auf das Träyergerüst eines Kraus neben dem Steinbruch.

Echt wie ein Galgen. Gerad' wie auf der Zeche, wo sie den neueil Schacht abteufen. Wie ich da vorbeikam mit Steiger Stahlschmidt, nach meiner Mehr, Hab' ich für ihn gesagt:Da kommt der neue Galgen für uns. Mer Ihr seid der erste, der ran kommt!" Und da Hab' ich gelacht, und wenn ich hätt' sterben sollen."

Auch die andern lachteil noch einmal, in Erinnerung an die Geschichte. Dann nickte einer:

Ja, Steiger Stahlschmidt, dat wer scholl einer; da kannst du dich up verlassen. Da kanl mal einer drüben Vom Westerwald und sucht' Arbeit auf der Grube. Da hat ihn der Steiger gefragt, ob er dumm und stark sei. Ja, hat der gesagt. Da hat der Stahlschmidt gelacht. Na, dann man her, da können wir Sie gebrauchen!"

Wieder ein schallendes Gelächter, bis der erste seinen Pfeifenam Boden ausklopfte.

Ja, Mäh einen können sie gebrauchen auf der Zeche. Dem patzt jedes Joch. Und dat is der Unterschied: dem Vieh niacht man das Joch nach dein Horn. Mer dem Menschen das Horn nach denl Joch."

Aber sie blieben nicht allzu lange beim Ernst ihrer Philosophie. Ihr glücklicher Humor stellte sich bald wieder ein. Sie sprachen voll den alten Kameraden auf der Zeche.

Man gut, dat der Harr-F'riedel nit mit uns gegangen is. Für den wer dat en schlecht Geschäft> hier oben in der Hitz. Mit feine zweihunner Pund Lebendgelvicht."

Ja, dat lvar ein drollig Stück Fleisch, der Friedel. Mer wir kunnt beit hier schon gebrauchen trotz seine zwei Zentner. Der könnt' abscheulich bohren."

Stimmt! Der bohrt dir ein echt Loch. Mer der tonnt' auch abscheulich trinken."

Und lügen kunnt' he! Junge, Junge i dat einem dat Hemd vom Puckel runger fällt!"

Bon neuem überließen sie sich ihrer Heiterkeit, doch mitten in ihr Lachen hinein gellte ein langgezogener Pfiff. Da kam Leben in das stille, sormengedörrte Felseuverlies. Hinter allen Blöcken, aus allen Winkeln kroch es hervor. Verdrossen machte sich ein jeder wieder an seine Arbeit. Bald scharrte, prasselte, polterte und scholterte es wieder Unter Hunderten von Hacken und Schaufeln. Und darüber kreischte der harte Diskant der Bohrer vorn an der Felsen­wand. Alle hielt sie wieder die harte Fron der Arbeit ganz rn ihrem Bann, der Kampf mit deni Berge. Gierig fraß sich ihm der Stahl in den steinernen Leib, das Werkzeug der feindlichen Menschenhand, die der Natur den Krieg erklärt seit Ewigkeit.

Aber sahen sie, die vermessenen Zwerge, noch immer nichts? Ging es nicht wie ein Zucken und Beben durch beu verstümmelten Koloß über ihren Häuptern? Unbarmherzig, kalt und grausam ist auch die Natur in diesem Vernich­tungskampfe - Opfer um Opfer! Hebt sich kein ahnender Blick zu dem rachgierig zitternden Felsen?

_ Doch die drunten, die dem Berg den nlörderischen Stahl auf den Leib setzten, hatten nur Augen auf ihr Werk. Ei, der packt gut zu recht so! Nun aber fielen, von hinten her, zwei Sckiatten über die sonnbeglutete Bergwand. Einer von den Fünfen von der Bohrmannschaft blickte über die Mutter. Der Amerikaner war es, der Direktor von Ehristlanvgluck droben, mit seinem neuen Berqverwalter, dem roten Hannschmidt. Was die beiden da hinten mit- sammen sprachen, konnte man hier nicht verstehen beim Rattern dev Bohrers. Aber sie deuteten mehrfach auf den Felsen vor ihnen Griffen auch einzelne Gesteinsstücke aus dem Schutt am Boden auf. Vielleicht, daß sie ein abbau- wurdlges Vorkommen hier im Berg vermuteten. Macht' wohl auch so sein, denn der rotbärtige Hannschmidt klopfte mit seinem Hammerstock eifrig an einem Brocken und reichte ihn dann dem Direktor, der ihn aufmerksam prüfte Die Leute hielten jedoch eine Weile mit dem Bohren ein und wischten sich mit dem Hemdärmel die schweiß­triefende Stirn. Ihre Blicke inusterten den Amerikaner. Mit forschender Neugier. Bertschs scharf gewordenes Gesicht verlor auch bei diesem Prüfen nicht seinen kalten Ernst . "Der gönnt sich doch nimmer keine Ruh." Einer von den Fünf sagte es, ein älterer, verheirateier Mann.Immer ist der auf der Jagd nach was Neuem."

Ja, glücklich sieht der nit aus und zufrieden," stimnite der Spieß-Engelbert zu, ein noch junger, frischer Bursche. Ich möcht' in dem seiner Haut nit stecken."

Hast recht," nickte der erste.Wenn ich nach Feierabend heim komm', zu nieinem Weib und meinen Kindern, dann weiß ich doch, waruni ich leb'."

Und ich auch!" Ein glückliches Lächeln glitt über des Engelberts helles Gesicht.Meine Anne-Marie ist nun auch die längste Zeit drunten im Mligen Haus gewesen. Keine vier Wochen mehr, und wir machen .Hochzeit zip, sammen."

Halt was ist das?"

Schrill drang der Ausruf den beiden und ihren Kame­raden ans Ohr. Sie fuhren herum. Da stand Direktor Bertsch, die Hand aufgereckt zu der Bergwand ihnen zu Häupten.

Weit aufgerissen war sein Blick. Als sähe er etwas Entsetzliches herannahen. Und nun stutzten auch sie selber. Da -- war es nicht, als käme mit einem Mal Bewegung in die Massen gerade über ihnen?

Zurück!" Durchs Mark schnitt ihnen alten Bertschs gellender Warnschrei, und seine Rechte packte Hannschmidt, der einen Schritt vor ihm stand. Doch zu spät schon! geschah das Grauenhafte.

^ Ein Beben und Schwanken in dem steinernen Kotost. Kehrten denn die Urzeiten der Erde wieder, wo ihrem! kreißenden Feuerschoß himmelan sich türmende Gebirge! entstiegen und andere hinabsanken in den gähnenven Höllenschluud? Ging es nicht wie ein dämonisches Zittern nnd Zucken durch den Leib des Bergriesen ? Die nicht länger zu zähmende Erwartnngsaier der Bestie, die sich das Opfer- verfallen sieht. Und plötzlich ein Spalten, Sichlösen, lang­sames Ueberneigen über das Menschengezwerge warf sich der Berg, aufbrüllend im Donnergekrach seines zermalmen­den, zersplitternden Sturzes. Alles begrabend, was von Leben da unten an seinem Fuß sich regte, aufirampfte in tödlichem Entsetzen zum rettenden Sprung. Umsonst -- schon !var es verschlungen. Auch der irre Angstschrei, der sich noch im Abschiednehmen einer jungen Brust ent­rang: Anne-Marie!

Und dann ward es still.

Wie gelähmt standen die andern, die weiter hinten gearbeitet hatten, außerhalb des Bereichs des Bergsturzes. Erdfahl, mit schlotternden Gliedern, und stierten stierten.

Ein wirres Chaos sahen sie, und darüber eine riesige, gelbgraue Staubwolke, wirbelnd und wogend, undurchdring­lich. Wie ein dichter Schleier, den eine mitleidige Hand vor das letzte gezogen hatte vor das Grauenhafteste: Tenn dort, unter dem Trümmerfeld mit seinen zentnerschweren Blöcken, hatten ja Menschen gestanden! Menschen vollblü^- henden Lebens, gesund und stark eben noch, und nun

Keiner wagte es auszudenken. Aber jedes Auge starrte nach der barmherzigen Wolke drüben. Wehe, wenn sie sich verzog!

Vom Schicksal hart umhergestoßene Gesellen waren es meist, die dort standen. Und waren selber hart ge­worden, gegen sich wie andere. Mer das da?

Ihrer Kameradschaft wurden sie sich belvnßt. Der Kameradschaft der Arbeit, die ein Kamps für sie war, auf Leben lind Tod. Dort das Ttümmergewirr, das Leichen- feld predigte es ihnen. Brüder waren ihnen die gewesen- die nun da unter der Steindecke lagen mit zerschmetterter Brust. Brüder, die Not und Sorgen ihres armseligen Lebens getreulich geteilt hatten. Und all diese Not stand plötzlich vor ihnen. Ein Schreckensbild mit steinern starren Zügen ohne einen Funken von Erbarmen. War's nicht genug, daß fte mühselig und beladen waren? Mußten sie auch das letzte noch hergeben, das ihnen geblieben war ihre heilen Glieder, den Odem in ihrer Brust? War das Gerechtig­keit? ' a

(Fortsetzung folgt.)

Das vatifttüchlein.

Skizze von M i nna von H erd e.

Drei übermütige Mädel standen hinter dem Sperrbaum mitten auf deni Fahrweg und winkten lachend und gute Fahrt wünscknnd mrchziehenden Soldaten zu. Und die braune Lieselotte, das sonst ehr behütete Töchterlein eines geheimen Oberbaurats, geriet vor Begemernng so außer sich, daß sie ilyc feines Batisttüchlein, mit dem sie wie mit emer Fahne geschwenkt hatte, plötzlich dein wild-